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Das Fotoblog von Thomas Kartsolis und Ralf Zimmermann

Doppelklick  10 Kommentare

Paul Kranzlers neues Fotobuch »Brut«

Einer unserer Lieblingsfotografen widmet sich seinen verwandten Menschen und Orten. So schön kann ein Familienalbum sein.

Von Ralf Zimmermann

Paul, magst du etwas über dein neues Buch Brut erzählen?

“In diesem Buch sind Bilder von Orten und Menschen, die ich schon lange kenne, egal ob blutsverwandt oder anverwandt. Und Orte und Menschen, welche jene, die ich kenne, kennen, und Menschen, die ich nicht kenne, an Orten, die mir seit langer Zeit bekannt sind.

Man wird so wie man ist in seiner Umgebung. Verwandte sind Bestandteil der genetischen Umgebung, und Unverwandte, die zu Verwandten werden, sind überhaupt die nächste Umgebung. Die Menschen, Räume und Landschaften der persönlichen Umgebung sind ja auch das meistfotografierte Motiv der Welt.

Ist man lang in einer Umgebung, dann heißt diese „zu Hause“ oder „Beziehung“ oder  „Familie“ oder „Heimat“ oder „Friedhof“ oder „Gefängnis“ usw.. Vielleicht ist die persönliche Umgebung  vierdimensional – der dreidimensionale Raum und die vierte Dimension, die diesem Lebensraum anhaftende Emotion.

Die ersten Bilder dieses erweiterten Familien-Portraits zeigen jene seit meiner frühen Kindheit nahezu unveränderten Wohnräume meiner Großeltern. Mein Gefühl für sie ist noch immer in diesen Räumen. Bei den Feiern zu runden Geburtstagen etc. lerne ich Menschen kennen, die offensichtlich mit mir verwandt sind, Fremde. Dann gibt es noch Freunde – meine Unverwandten, die Verwandten, die ich selbst gefunden habe. Die Aufnahmen entstanden im Zeitraum von 2004 bis 2009.

Einige Bilder entstanden beim Fest zum 90. Geburtstag meines Großvaters, neben ihm an der Festtafel sitzen zu seiner Linken Tante Christi, seine Schwester, und zu seiner Rechten seine Halbschwester Tante Traudi. Sein Vater war ein uneheliches Kind einer Magd in Gutau im Mühlkreis, mein Urgroßvater wuchs dort auf und hatte dann sogar Erfolg als Unternehmer in der Stadt. Bis heute besteht Kontakt zu diesem Bauernhof, von der Magd – also der Mutter  meines Urgroßvaters – weiß niemand mehr etwas.

Gutau, da sind jetzt Kevin und Philip, das sind die jungen Buben. Hannes ist der Vater von Kevin, er hat dort seine Auto- und Motorradwerkstatt, Hans und Rosemarie machen die Landwirtschaft mit den Kühen und dem Stall, Hans ist der Halbcousin meines Großvaters, obwohl er viel jünger ist. Und die alte Mutter Maria ist auch noch dort, die ist eine besonders nette Frau, auf der Aufnahme mit dem blauen Kittel im Stall, Licht der Neon-Röhren von oben, da sieht sie selbst aus wie die Madonna auf einem ihrer Heiligenbilder, die in der Stube hängen.

In Niederösterreich hat mir Onkel Edmund einige seiner Erlebnisse aus dem Kampf gegen die Partisanen in Jugoslawien erzählt, er hat auch eine Walther P38 im Kasten liegen, das war die Offizierspistole der Wehrmacht, ein modernes Gerät damals. Er hat die Waffe nach dem Krieg konfisziert als Gendarmeriepostenkommandant – oder nein, jemand hat sie ihm geschenkt. Die Pistole funktioniert heute noch, einmal hat Edmund einen ganzen Stapel Hemden durchlöchert, als er die Waffe aus dem Schrank nahm und zur Kontrolle einmal abgedrückt hat.

Im Wohnzimmer projiziert mein Vater gerne Dias, die er in den Siebzigern in den USA machte, er sagt, dass die Stadt Traun das Los Angeles von Österreich ist, und da hat er nicht unrecht.

Onkel Bert in Niederösterreich, der Halbbruder meiner Großmutter mütterlicherseits, der ist ein Supertyp, 80 Jahre geworden ist er vor kurzem und hat wirklich einen guten  Schmäh. Einige der Verwandten, die ich auf den Feiern runder Geburtstage fotografiert habe, kenne ich gar nicht, vielleicht sind sie auch gar nicht verwandt und waren einfach nur so da. Da fällt mir ein, ich muss endlich mal meine Goldmünzen holen, die noch im Tresor bei meinem Großvater liegen.

Karl, der Sohn von Onkel Bert, bei dem ich neulich war, baut schon wieder aus, weil es da jetzt eine Landesförderung gibt. Er hat das ganze Haus komplett umgebaut, ich hab zuerst gar nicht mehr hingefunden und bin drei mal daran vorbeigefahren, einen alten Sportwagen hat er sich auch gekauft, so einen sollte jeder einmal haben. Gleich in der Gegend, einige Kilometer Richtung Waidhofen an der Ybbs ist noch das Sägewerk, das heute Onkel Toni und sein Sohn führen, es gibt auch noch ein altes Foto, wie die Säge früher ausgesehen hat. Hier kommen sämtliche Verwandten mütterlicherseits her. Meine Großmutter und ihr Bruder Edmund kommen von hier, die anderen vier sind deren Halbgeschwister.

Bevor die Eltern meines Vaters nach Traun gezogen sind, hatten sie einen großen Hof im Kefergut gepachtet, von dem sind allerdings nicht die geringsten Spuren zu finden, denn die Stadt ist gewachsen und es ist schwer vorstellbar, dass dort einmal Felder und Höfe waren. Aber diese heutige Wohngegend trägt noch den Namen des Hofes, nämlich Kefergut.

Meine Trauner Großmutter ist im 90. Lebensjahr gestorben, mein Wartberger Großvater im 80., bevor ich begann, diese Aufnahmen zu machen. Die Trauner Großmutter hatte viele Geschwister, die meisten davon habe ich nie kennengelernt, drei sind im Krieg gefallen, ziemlich am Beginn des Krieges. Einer wurde in einem Gasthaus in Deutschland erschlagen. Mit den meisten anderen war meine Großmutter zutiefst zerstritten, so dass es keinerlei Kontakt mehr gab.

In Salzburg wohnt meine Schwester mit ihrem Mann Christian, die beiden haben ein Baby bekommen und es Felix genannt. In Salzburg ist auch Valentin zuhause, der Bub vom Cousin meiner Mutter, von dem ich der Taufpate bin, der ist jetzt auch schon sicher dreizehn Jahre alt.”

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Kommentare

  • ich

    ach du jeh. da habe ich aber schon serh viel besseres gesehen.
    wundert mich, dass fotoarbeiten mit so geringer qualität veröffentlcht werden.

  • f.s.

    “Die Menschen, Räume und Landschaften der persönlichen Umgebung sind ja auch das meistfotografierte Motiv der Welt.”
    So ist es. Wieso dann also noch ein Buch dieser Art? Kann keine neuen Aspekte entdecken, als die, welche ich schon in hunderten anderen solcher (meist Diplom-) Arbeiten gesehen habe.

  • p.m.

    Kompliment, die Bilder verraten viel. Man muß nur in der Lage sein das zu erkennen.

  • Onkel Kurti

    wunderbar!

  • erzi

    Man muss schon genau hinsehen…selten so ehrliche Bilder gesehen!!!

  • malta

    Für mich sind das einfach simple Schnappschüsse von sicherlich persönlicher Qualität aber ansonsten? Ich sehe keine gestalterische Linie und kein Konzept, weder visueller noch inhaltlicher Art. Es gibt viele gute junge Fotografen die man vorstellen kann. Dafür empfehle ich zum Beispiel http://www.ignant.de/

  • lara star

    Ich find die Bilder klasse!

  • tja

    paul kranzler ist jetzt aber wirklich kein junger fotograf den man noch vorstellen muss. mich berühren seine arbeiten sehr. sie sind ehrlich durch und durch. und das konzept ist es auch.

  • Svetlana Russkaja

    Es ist nicht leicht, seine Familie auf der Elinwand zu verewigen, wobei die Bilder noch eine Geschichte erzählen müssen.

    An einem Morgen genieße ich die Fotoserie und dekne dabei: “Eigentlich könnte ich es versuchen meine Familie über ihr Wesen in Fotos sprechen zu lassen. ”

    Packend, tatsächlich packend sind die Fotos.

  • Hocl

    also solche Fotos kann ich auch …