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Simon Menner und die “Bilder aus den geheimen Archiven der Staatssicherheit”

Was sah der "Big Brother" der DDR? Unser Gastblogger Jörg M. Colberg präsentiert die neue Arbeit des Fotografen Simon Menner: eine Zusammenstellung von Fotos aus den Stasi-Archiven.

Von Jörg M Colberg

Woher wissen wir, was ein Foto bedeutet? Diese scheinbar einfach Frage fu?hrt zu mehr und mehr Widerspru?chen, je länger wir uns mit ihr beschäftigen. Möglicherweise bedeuten Fotos per se einfach gar nichts. Aber vor der Deutung schrecken wir dann doch zuru?ck: Zu radikal scheint diese These. Wenigstens die Absicht, mit der ein Foto produziert wurde, muss uns doch etwas u?ber seine Bedeutung sagen. Aber dann stellt sich direkt die nächste Frage: Woher wissen wir denn, was die Absicht war, wenn wir nur das Foto sehen?

Fragen dieser Art lassen sich am besten in den extremsten Fällen diskutieren. Als Beispiel bieten sich hier die Bilder aus den geheimen Archiven der DDR-Staatssicherheit, die Simon Menner zusammengestellt hat. Ausgehend von der Frage “Was eigentlich bekommt der Orwellsche Große Bruder zu sehen, wenn er uns beobachtet?” hat der Ku?nstler Reproduktionen anfertigen lassen, deren Banalität und oft Absurdität letztendlich die Frage nach der Bedeutung eines Fotos beinahe unmöglich macht.

So wird ein einfaches Polaroid-Foto einer Kaffeemaschine im Stasi-Universum dann schnell zu etwas ungleich Schwerwiegenderem. Menner: “Als westdeutsches Produkt kann es gesehen werden, als Beleg fu?r Kontakte zu westlichen Agenten oder schlicht als Geschenk von Verwandten. Der Unterschied kann Jahre im Gefängnis bedeuten.”
Menners Interesse an Überwachungsfotos und der Zusammenhang zwischen Bedeutung und Willku?r, der im staatlichen Rahmen dann schnell extreme Konsequenzen haben kann, machen diese Bilder zu weit mehr als nur Archivfotos. Und wir sollten uns daru?ber im Klaren sein, dass auch der demokratische Westen vor Missbrauch nicht gefeit ist – man denke nur an Guantanamo. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich auch an einige der Arbeiten des amerikanischen Ku?nstlers Trevor Paglen, dessen Sammlung von Abzeichen geheimer Militäreinheiten ebenfalls banal, absurd und oft fast kindlich wirkt.

Aber erwarten wir von unseren Geheimdiensten und geheimen Militäreinheiten gerade das nicht, dass sie banal, absurd, und kindlich sind? So wenig wir u?ber die Bedeutung von Fotos sagen können und so sehr uns gerade die Stasi- Fotos die oft dahinter stehende Willku?r vor Augen fu?hren – Menners Auswahl sollte uns zeigen, warum es wichtig ist, dass wir uns mit diesem Fragenkomplex beschäftigen.

Jörg M. Colbergs empfehlenswertes Blog für zeitgenössische Fotografie heißt Conscientious.

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