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Kaisers Klassik-Kunde

Kaisers Klassik-Kunde  17 Kommentare

Folge 85: Verrat an Beethoven

Seit Wochen ärgert sich Joachim Kaiser über die "Fidelio"-Inszenierung von Calixto Bieito an der Bayerischen Staatsoper. Nun hat er endlich Gelegenheit, seinem Ärger Luft zu machen.

Von Joachim Kaiser

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Der große Mann des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung geht online: Joachim Kaiser öffnet sein Klavierzimmer und beantwortet in seiner Video-Kolumne Fragen der Leser des SZ-Magazins zu klassischer Musik.

Haben Sie eine Frage? Schicken Sie eine Mail an kaiser@sz-magazin.de.

Kommentare

  • Simon T.

    Ich wundere mich über die Selbstsicherheit, mit der Sie ungewohnte Deutungen als “sinnlos” und “langweilig” verachten und dabei gleichzeitig fast schon fanatisch auf dem eigenen Standpunkt bestehen. Ein so gebildeter Mensch wie Sie muss doch irgendwann in seinem Leben auch einmal neugierig gewesen sein…

  • Tom G

    Eine derartige Denunziation dieses großartigen Werkes ist nicht hinnehmbar. Prof. Kaisers Ärger darüber ist absolut nachvollziehbar. Die Gegenwart tendiert zu unsinnigen Modernisierungen, um sich beim jüngeren Publikum anzubiedern – Ähnlich habe ich es beim Faust erlebt. Ein Werk sollte exakt so aufgeführt werden, wie es der Komponist gewollt hat.

  • Gerd Franke

    Regisseure wie Bieito scheinen zu übersehen, dass man eine Oper nicht so einfach wie ein Schauspiel gegen den Strich bürsten kann. Änderungen der musikalischen Substanz, die ja gerade, wenn sie gut ist, ungeheuer viel an Ausdruck transportiert, sind praktisch nicht möglich, Änderungen am Text wegen seiner Gebundenheit an die Musik ebenfalls nur in unbedeutendem Umfang.
    Wenn also eine Oper, die in gewaltigem Jubel endet, so pessimistisch-misanthropisch-sauertöpfisch „interpretiert“ wird wie der Münchner “Fidelio”, dann ist das purer Widersinn und Willkür und die Kritik daran nicht rein subjektive Geschmackssache. „Ungewohnte“ Deutungen, wie Simon T. das nennt – ja bitte, her damit; das hält die Opernszene jung und lebendig! Aber es muss immer noch Deutung des Werks sein, das sich der Interpret ausgesucht hat. Der Regisseur muss sich schon den intellektuellen Herausforderungen stellen, die ein Operntext einschließlich des Notentextes mit sich bringt. Das ist die Realität, mit der er sich auseinanderzusetzen hat, wenn er sich nicht den Vorwurf der Inkompetenz zuziehen will. Der nachschaffende Künstler sollte nie vergessen, dass er dem Werk zu dienen hat; denn er ist immer noch sehr viel kleiner als dessen Schöpfer.

  • Andreas M.

    Dankeschön für diese wohl begründete Kritik, die genau dort ansetzt, wo viele Theaterschaffende arge Defizite beweisen: In der durchdringenden und verstehenden Auseinandersetzung der angetragenen bzw. ausgewählten Werke. Das fordert gerade nicht, in Konvention zu erstarren, das fordert aber sehr wohl, das dramatische und ideelle Potenzial zu entfalten, das in Werken steckt.
    Aber wo Einfalt regiert, kann leider nur eindimensional Gedachtes entstehen – notwendigerweise aufgepeppt durch das vordergründig Provozierende, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
    Schade, dass auch viele Leitungsteams diesen Ansprüchen nicht gewachsen sind und meist nur den Regisseuren Stücke antragen, von denen sie selbst nicht überfordert werden: Eine Bieto-Inszenierung zu verstehen, dass gelingt halt auch Intendanten und Dramaturgen, die zu einem vertieften Verständnis eines Werkes, und da spreche ich aus durchaus leidvoller Erfahrung, oft nicht mehr in der Lage sind.

  • Mariolo

    Marzelline hofft auf Jaquino? Ist ja ganz was neues….

  • Fragender

    Einfache Frage eines laienhaften Musikfreundes: Hätte der Komponist diese so anders gedeutete Handlung nicht auch anders in Musik umgesetzt?
    Zusätzlich erlebe ich Widersprüchliches: Opern werden aus guten Gründen in Originalsprache gesungen. Findet man eine Komponistenhandschrift mit nur unbedeutenden Änderungen gegenüber den bekannten Ausgaben, wird das ungeheuer ernst genommen. Man diskutiert über Originalinstrumente, über Vibrato und darüber, wie schnell oder langsam eine Komposition zu spielen ist. Immer die Frage: Wie hat der Komponist es gewollt? – In Bezug auf die Opernhandlung aber nimmt man sich alle Freiheiten einer extrem subjektiven Deutung (wobei man eigentlich von “Deutung” gar nicht mehr sprechen kann). Vor allem wundert es mich, dass diese Inszenierungen von mir als einem durchschnittlichen (wenn auch akademisch gebildeten) Hörer/Seher nur noch auf Grund ausführlicher Einführungen in die Absichten des Regisseurs zu verstehen sind. Sollte die Regie mir nicht das Werk erschließen?

  • Lotti Q.

    Mir hat die Aufführung sehr gut gefallen (ich ging hin ohne Vorurteile, aber auch ohne hohe Erwartungen). Ich bin unangenehm berührt von der unglaublichen Arroganz und dem Chauvinismus, der hier verbreitet wird. Ich hoffe, dass sich Künstler wie Bieito und Gatti von den Buhs in München anspornen lassen, und habe die Aufführung allen meinen Freunden empfohlen.

  • Erwin G

    Prof. Kaiser tirfft mit seiner Kritik den Punkt.
    Es nicht nachvollziehbar, dass Leute wie Bieito für teures Steuergeld an der Staatsoper ihre billige Sichtweise der Dinge präsentieren dürfen. Es hat nichts mit Werk zu tun und dient offenbar nur dazu, den vermeintlichen Künster zu nähren.

  • Ludwig B.

    Nach dem Video kann ich nicht nachempfinden, wieso der Joker so furchtbar unpassend sein soll. Wenn der Minister schon irrational handelt, kann seine Aufgabe im Stück auch ein Batman-Joker übernehmen. Mag sein, dass Geschichten immer gleich bleiben, die Spieler und die Charakteren ändern sich. Wenn die Zuschauer und Zuhörer die Geschichten auch zukünftig verstehen sollen, müssen sich auch die Rollen und die Rollendetails ändern dürfen.

    So irrational, wie ein Joker eine Geschichte beeinflussen kann, so kann das auch ein General. Schauen wir die Tage nach Tunesien, dann sehen wir, dass die Menschen sich einig sein müssen und sich erheben müssen, wenn sie gegen einzelne schicksalschaffende Willkürherrscher angehen wollen, denn ein Batman ist meist nicht in Sicht.

    Leider bin ich mit dem Original nicht intim genug, um beurteilen zu können, ob dem Stück wenigstens ein Quäntchen rechtsstaatlicher Aufklärung inne wohnt, um ihm ein festes Überdauern und Verharren in demokratischer Kultur wünschen zu können, oder ob es, wie so viele andere Stücke der so genannten Ernsten Musik, eine Auftragsarbeit, ein abschreckendes Beispiel erduldender Verhältnisergebenheit, ein letztlich gänzlich banales und obrigkeitsergebenes Bühnenstückchen ist, dem’s nur darauf ankommt, mit Liebe, Sex, Zwangsherrschaft, Unglück und Tod die Puppen im engen Hosenstadel der kleinbürgerlichen Imagination tanzen zu lassen.

    Aus der Ferne würde ich sagen, der Joker war eine ganz wundervolle und entzückende Idee. Die Regisseure sollten dazu übergehen, wenn sich kein Joker in das Bühnengeschehen solcher Geschichten einbauen lässt, oder wenn sie fürchten müssen, dass das werte Publikum es nicht goutiert, einen König-Darsteller – vielleicht der Festlichkeit wegen mit Narrenkappe statt Krone – in die erste Reihe ins Publikum zu setzen. Der inszenierend okkupierte Sitzplatz würde leider vom Kontingent der Freiplätze der Honoratioren abgezogen – auch das noch!

  • Maroon

    Ich habe leider nur Ausschnitte gesehen. Den heilsbringenden Minister als Fratze zu zeigen, erscheint auf den ersten Blick aber sehr treffend (an denke nur an “unsere” Minister und ihre unwürdigen Inszenierungen) und schafft eine wünschenswerte Fallhöhe, gerade im Moment der höchsten Erlösung durch genau den Einen, den deus ex opera, ohne den das etwas schwächliche Textbuch schließlich einen blutigen Shakespeare-Schluß hätte erzählen müssen. Was hat da genau nicht funktioniert?

  • Matthew

    Vielen Dank für die treffende Einschätzung J. Kaisers. Wann treten Regisseure mit ihren selbstverliebten Konzepten endlich in den Hintergrund und verschaffen dem Werk seine ihm zustehende Geltung?

  • Gerd Franke

    “Was hat da genau nicht funktioniert?”, wird hier mit Blick auf den Minister-Joker gefragt. Na ja, in den früheren Batman-Comics ist der Joker nun einmal ein Massenmörder, in den späteren ein “mordlustiger Irrer, der aus Launen heraus tötet” (Wikipedia). Bei Beethoven hat der Minister zu sagen: “Es sucht der Bruder seine Brüder, Und kann er helfen, hilft er gern.” Da ist kein Atom Unglaubwürdigkeit oder Doppelbödigkeit in dieser Figur – das wird ja auch durch die Musik unterstrichen. Bieito scheint nicht nur der Ansicht zu sein, dass es solche Menschen in der Realität nicht gibt – dieser Pessimismus sei ihm unbenommen – er scheint eine solche Figur auch als menschliches Ideal abzulehnen – und das nenne ich misanthropisch und sauertöpfisch – kleingeistig eben.

  • Maroon

    @Gerd Franke
    “Da ist kein Atom Unglaubwürdigkeit oder Doppelbödigkeit in dieser Figur – das wird ja auch durch die Musik unterstrichen.”

    Da stimme ich Ihnen gerne zu. So ist es augenscheinlich aufgeschrieben.

    “Bieito scheint nicht nur der Ansicht zu sein, dass es solche Menschen in der Realität nicht gibt -”

    Er könnte ja meinen, daß es “solche Minister” (eben Menschen mit “eigenen”, volatilen Auffassungen von Liebe, Respekt und Freundschaft) in der Realität nicht gibt. Ein Kunstgriff, der so fern dann wieder nicht liegt. Es ist nicht ohne Reiz, die auf den Punkt geführte Eindeutigkeit der Anlage des Finales (große Menschlichkeit und Erlösung) mit den häßlichen “Tatsachen” (Kerner und Guttenberg) zu konfrontieren.

    Insofern erscheint mir die Frage noch offen, warum es zumindest in diesem Sinne nicht funktioniert hat (sofern Sie nicht grundsätzlich der Auffassung sind, dies dürfe prinzipiell so nicht aufgefasst werden, weil es das Werk an sich konterkariere).

  • Gerd Franke

    @ Maroon
    Die Konfrontation mit den hässlichen Tatsachen ist in Text und Musik zur Genüge vorhanden – was soll man da noch hinzuerfinden. Jedes Mehr gerät da in die Nähe der Holzhammermethode, der manche Regisseure tatsächlich mehr zu vertrauen scheinen als dem Theaterverstand ihres Publikums. Selbstverständlich könnte man ein Theaterstück “Fidelio” erfinden, in dem das Gefängnis eine fidele Wohngemeinschaft ist, Pizzarro ein Drogenhändler und der Minister ein fieser Knochen, der die flotte Idylle zerstört. Aber in Beethovens Oper funktioniert so etwas nicht, weil da eben noch die Musik ist, die erheblich mehr leistet als die Metallgeräusche aus dem Stahl-Plexiglas-Labyrinth unvollkommen zu übertönen. Sie deutet unmittelbarer als jedes Wort das Geschehen und müsste radikal verändert werden, wenn man Geschehen und Charaktere umstülpt. Aber es war eben leider allzu deutlich zu erkennen, dass Bieito sich auf Musik, Musiker und Sänger nicht allzu intensiv einlassen wollte oder konnte. Da kann es einfach nicht “funktionieren”

  • Joku

    Nicht alles scheint gelungen in dieser doch wunderbaren Produktion, die sicher ganz im Sinne der Autoren wäre. Eine vielschichtige Deutung, die mein Herz und Kopf angeregt hat. Wie schön sich über Derartiges zu streiten. Ein Zeichen einer wunderbar lebendigen Stadt mit ganz unterschiedlichen Kulturpgrammen und Blog-Foren: http://www.klassik-muenchen.de

  • Bernhard Zech

    Fidelo war und ist meine Lieblingsoper. Die jetzige Inszenierung der Bayerischen Staatsoper reicht mir in der Internetversion von Opern TV. Ich lasse auch mir, meine positiven Eindrücke auch von modernen Inszenierungen dieser Art nicht kaputt machen. Ich habe auch schon moderne Inszenierungen gesehen, die gelungen waren. Diese Interpretation gehört nun wirklich nicht dazu. Der Einschätzung von Joachim Kaiser stimme ich in jeder Hinsicht zu.

  • Gespannt « Mein Stauraum

    [...] auch Joachim Kaiser ärgert sich seit Wochen. In seiner Video-Kolumne im SZ-Magazin hat er endlich Gelegenheit, seinem Ärger Luft zu machen. Posted by stauraum Filed in [...]