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Küchenzeilen

Ein Witzigmann lernt kochen

Küchenzeilen  4 Kommentare

ALLEIN IN GASTEIN

Unheimliche Begegnung im Geisterhotel / Rückkehr in die Wiege der Familie / Mehrtürer am Car-Freitag / Fuck-off-Party mit den Endjugendlichen / „Du schaffst es noch, den Namen Witzigmann endgültig zu ruinieren" / Das Huhn hätte gerne noch schärfer sein können / Küchensausen am Ostermontag /  Bad Gastein ist ein schlafender Riese / Tante Steffi braucht kein Rezept / Bad Gastein = Good Gastein

Von Max Witzigmann

Dienstag, 26.03.2011, 23 Uhr 45, Bad Gastein. Ich schleiche durch das verlassene Hotel Straubinger. Der Strahl meiner Taschenlampe bringt Licht ins Dunkel. Der Boden ist übersät mit Unrat: kaputte Telefone, Matratzen, umgeschmissene Regale, verwaiste Schuhe, leere Flaschen, einsame Rollstühle, benutztes Toilettenpapier, überquillende Aschenbecher, zerschlagene Fensterscheiben, eingestürzte Decken, Ausscheidungen und Haare von Katzen auf Betten, die vor mehr als einem Jahrzehnt das letzte Mal überzogen worden sind.

Ein Bild aus besseren Tagen: das Hotel Straubinger (links) in Bad Gastein.

Das Straubinger war einst das größte Hotel am Platz. Heute ist es eine vor sich hin gammelnde Ruine, zum Verfall freigegeben. Doch das Gebäude neben dem berühmten Gasteiner Wasserfall hat eine erstaunliche Widerstandskraft. Es will nicht sterben. In diesen Mauern steckt noch Leben. Kalte Schauer durchjagen meinen Körper. In meinem Kopf läuft spannungsgeladene Horrormusik. Wahrscheinlich stoße ich hier gleich auf eine mumifizierte Leiche. Dann würde sich der Musikteppich entladen in einen Schrei aus kreischenden Streichinstrumenten und menschlichem Entsetzen. Am liebsten möchte ich umdrehen und diesen unheimlichen Ort wieder durch das offen stehende Fenster verlassen, durch das ich zuvor eingestiegen bin. Aber ich muss weiter. Ich habe eine Mission. Es gilt, die Küche zu finden, in der mein Vater von 1957 bis 1960 seine Lehre absolvierte.

Lehrbub im Straubinger: Eckart Witzigmann (rechts außen)

Unsicheren Schrittes irre ich durch das Labyrinth der Bettenburg neben dem rauschenden Wasserfall. Ich komme in einen Raum mit eingebauten Aktenschränken. Überall liegen Ordner und Rechnungen. Abgesehen von der Unordnung sieht es so aus, als ob gestern noch in diesem braun getäfelten Büro jemand gearbeitet hätte. Über Nacht, so erzählt man sich, sei der letzte Besitzer Ende der 1990er Jahre verschwunden. Ich leuchte in Ecken, öffne Schränke. Da springt es mich an – das Grauen in Form einer entstellten menschlichen Fratze, die absurd großen Zähne zum Angriff gebleckt. Schreien will ich, aber mein Hals ist wie zugeschnürt. Ich zwinge mich, erneut in die Ecke zu sehen und erkenne: Dieter Hallervorden.

Apokalypse des Gags: Dieter Hallervorden.

RÜCKBLENDE. Montag, 18.03.2011, Salzburger Autobahn. “Wenn die Öko-Eltern sich zum Brunchen treffen / und die Arschlochkinder durch die Cafés kläffen / wenn der Service hinkt / und nach Baby-Kotze stinkt / ja dann sind wir wieder in Berlin.” Meine Frau, unsere Kinder und ich singen lauthals unser neues Lieblingslied: “Berlin” von Christiane Rösinger.

“Berlin” von Christiane Rösinger in Begleitung von Andreas Spechtl; aus dem Album “Songs of L. And Hate”

Wir sind auf dem Weg nach Bad Gastein, der ursprünglichen Heimat meiner Eltern, die es in den 1970ern über Umwege nach München verschlagen hat. Alle meine Großeltern lebten in dem kleinen österreichischen Kurort im Nationalpark Hohe Tauern. Zusammen mit meiner Schwester Véronique habe ich hier meine halbe Kindheit verbracht. Ich liebe das Gasteiner Tal für seine natürliche Schönheit. Deshalb kehre ich auch heute, so oft es geht, in die Wiege meiner Familie zurück.

Bad Gastein 2011 (Bildnachweis: Kai Wagner)

Dienstag bis Donnerstag, 19. – 21.03.2011, Bad Gastein. Zusammen mit Freunden verbringen wir die erste Woche der Osterferien bei unserem Freund Olaf Krohne. Der gebürtige Hamburger betreibt in der zweiten Saison das Hotel Regina. Tagsüber lassen wir im hoch gelegenen Sportgastein bei strahlendem Sonnenschein die Skisaison ausklingen, nachmittags entspannen wir unsere Muskeln im berühmten Gasteiner Thermalwasser im neu gestalteten Felsenbad, abends genießen wir die Mischung aus urbanem Lifestyle und Alpenromantik im Hotel.

Schneebar vom Hotel Regina in Sportgastein neben der Aluminiumkugel von Architekturlegende Gerhard Garstenauer.

Freitag, 22.03.2011, Bad Gastein. Morgens setze ich mich ins Auto und kaufe an der Tankstelle Zigaretten. Der Rückweg zum Hotel führt einen steilen Berg hinunter. Ich bin in Gedanken und gebe einen Moment nicht Acht. Schon ist das Malheur passiert. Weil ich zu nah an der Seite fahre, schlitze ich den rechten Hinterreifen am kantigen Bordstein auf. Bilanz: ein großes Loch im Pneu. Dass er platt ist, versteht sich von selbst.

Auf den Philippinen lassen sich Gläubige im Gedenken an Jesus am Karfreitag ans Kreuz nageln. Ich schrotte für zwei Packerl Zigaretten ein Auto. Was für ein Opfer. Vielleicht sollte ich diesen Tag in Car-Freitag umtaufen und mich zum Mehrtürer ernennen.

Wieder im Hotel, verrät mir jemand, es gebe einen Zigarettenautomaten keine zwei Minuten zu Fuß entfernt. Es wird Zeit, mit dem Rauchen aufzuhören. Wenn du die Zigarette nicht mehr in der Hand hast, sondern umgekehrt, sollte das Ende des Glimmstengels erreicht sein.

Warnhinweis: Rauchen hinterlässt hässliche Löcher in ihren Autoreifen.

Samstag, 23.04.2011, Hotel Regina, vormittags. Unsere Freunde und meine Familie reisen ab – ohne mich. Ich habe mich spontan entschieden, noch ein paar Tage dran zu hängen, um  Sonntag und Montag in der Hotelküche einen weiteren Teil meines Küchenpraktikums zu absolvieren.

Sonntag, 23.04.2011, Haegblom’s, 2 Uhr. Zusammen mit der Mannschaft vom Hotel (fast alle leben in Berlin) stehe ich im Haegblom’s. Das skandinavische Personal hat zur “Fuck-off-Party” geladen, um das Ende der Saison zu feiern. Danach wird die Bar wie alle anderen Nachtlokale in Bad Gastein ihren verdienten Frühlingsschlaf abhalten.

Das Ziel einer “Fuck-off-Party” ist, dass sämtliche Vorräte an Spirituosen leer gesoffen werden. Die Barkeeper scheinen diesen Auftrag sehr ernst zu nehmen und trinken mehr als die Gäste. Als das Bier aus ist, steigen wir um auf Magenbitter. Die Alternative wäre Bailey’s, aber das ist mir eine Spur zu hart.

Das Publikum im Haegblom’s ist im Durchschnitt Anfang 20. Die Endjugendlichen tragen knöchellange T-Shirts und tanzen zu unsäglichen Chart-Hits, die ein sichtlich angeschossener Schwede mit nacktem Oberkörper und Dreadlocks auflegt. Egal. Wir zappeln auf den von umgestoßenen Mixgetränken verklebten Tischen. Ein Kerl mit Pippi Langstrumpf-Perücke, der sich bis auf seine Boxershorts entkleidet hat, räkelt sich abwechselnd mit einer Horde weiblicher Feierbiester in Fußballtrikots an den Strip-Stangen. Die Stimmung ist großartig. So großartig, dass sie für manchen schon wieder fürn A**** ist.

Fuck-off-Message vorm Haegblom’s

Sonntag, 24.04.2011, Hotel Regina, 12 Uhr. Ich sitze mit Paul auf der Terrasse und sinniere darüber, ob es für einen 37-jährigen standesgemäß ist, sich wie ein 20-jähriger aufzuführen. Er kann mir keine Antwort darauf geben. Paul ist der Hund von Hotelbesitzer Olaf.

Dalmatiner Paul mit integrierter Satellitenschüssel

Mein Telefon klingelt. Am Apparat: mein Vater. “Wo bist’n?”

“In Gastein”, antworte ich.

“Schön. Gehst Ski fahren?”

“Ne, ich werde heute und morgen im Hotel Regina mitkochen.”

“Du schaffst es noch, den Namen Witzigmann endgültig zu ruinieren.”

Sonntag, 24.04.2011, Hotel Regina, 15 Uhr. Mit meiner Kochjacke und dem Messer in der Hand komme ich in die Küche, wo Chefkoch Joshi schon auf mich wartet. Der Berliner trägt eine schwarze Kochjacke ohne Stickereien, dafür mit grünen und blauen Knöpfen. Ich komme mir plötzlich lächerlich vor mit meiner reinweißen Kluft und beschließe, wie mein Freund Sven aus München nur in T-Shirt und Schürze zu kochen. Bevor es losgeht, fragt Joshi: “Hörst du irgendeine Lieblingsmusik beim Kochen?” Ich überlege und schließe mein Smartphone an die Anlage an. Zum Sound vom LCD Soundsystem machen wir uns an die Arbeit.

  “Tribulations” by LCD-Soundsystem: my favourite cooking sound

Als erstes backen wir Brote aus Hefeteig, die jeden Abend frisch als Gruß aus der Küche zu Salat und Suppe gereicht werden. Danach darf ich die Hühnerkeulen würzen, die heute als Fleischgang auf der Karte stehen. Joshi zeigt mir, wie es geht. Er zieht die Haut zurück und legt einen Zweig Thymian auf das Fleisch, das er anschließend mit Cayenne, Pfeffer aus der Mühle und Salz aromatisiert. Haut drüber und beide Seiten erneut salzen und pfeffern. Ich mache es ihm nach, präpariere circa 24 Keulen. Nachdem wir diese ins Rohr geschoben haben, mache ich den Teig für die Topfenknödel, die zusammen mit Zwetschgenröster später als Nachspeise auf der Karte stehen werden. Wir machen einen Testknödel. Passt.

Zum Koch ausgebildet wurde Joshi noch in der ehemaligen DDR. Dort lernte er hauptsächlich, Gemüse klein zu schnippeln und zu Suppe zu verarbeiten. Weitere Stationen folgten, bis er schließlich im Top-Restaurant Bühler Höhe landete. Das merkt man seiner Küche deutlich an. Mit seiner Kochpartnerin Katja schafft er es täglich im Regina, aus wenigen Zutaten ein spannendes Vier-Gänge-Menü zu zaubern. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass manche Hausgäste zwei Wochen bleiben. Denen muss man schließlich Abwechslung bieten.

Joshi ist keiner von diesen selbstverliebten Brüllaffen am Herd. Er ist ein ruhiger Chef, der seinen Beruf ernst nimmt und Ahnungslose wie mich gerne in die Kunst des Kochens einweist. Dem Humor ist er trotzdem nicht abgeneigt. Wenn er jedoch einen Spruch reißt, bringt er ihn knochentrocken. Als er mir zum Beispiel zeigt, wie man Nudel kocht, gibt er jede Menge Salz ins Wasser. “Wenn die Nudeln mal gekocht sind, nehmen sie kein Salz mehr auf. Deswegen musst du das Wasser ordentlich salzen.”, erklärt er mir und schiebt hinterher: “Aber das Tote Meer soll es natürlich nicht sein.”

Sonntag, 24.04.2011, Hotel Regina, 19 Uhr. Die ersten Gäste finden sich ein, der Abendservice beginnt. Joshi gibt mir eine Hühnerkeule: “Probier mal und sag mir, ob das zu scharf gewürzt ist.” Ich ahne nichts Gutes und beiße hinein. Am Anfang schmeckt es ganz passabel, aber wenig später brennt es in meiner Kehle wie Feuer. Mit dem Cayenne habe ich es offensichtlich etwas zu gut gemeint.

“Extrem spicy”, krächze ich und laufe rot an. Einerseits wegen der Schärfe, andererseits weil ich an den Spruch meines Vaters von heute Mittag denken muss: “Du schaffst es noch endgültig, den Namen Witzigmann zu ruinieren.”

“Ich find’s super lecker”, sagt Jenny von der Reception. Ich atme erleichtert auf.

“Na gut”, sagt Joshi. “Wir schreiben einfach die Karte um und nennen das Ganze extreme spicy chicken.”

Im weiteren Verlauf des Abends kommen keine Beschwerden. Die Gäste bestellen fast ausnahmslos das Höllenhuhn und lassen uns vom Service ausrichten, es hätte gerne noch schärfer sein können. Glück gehabt.

Sonntag, 24.04.2011, Hotel Regina, 22 Uhr. Wir haben alle Bons abgearbeitet und machen die Küche sauber. Dabei kommen mir meine Erfahrungen als Abwehrspüler in St. Moritz zugute. Weil morgen allgemeiner Abreisetag ist und außer dem Personal niemand mehr zum Essen da sein wird, macht mir Joshi ein überraschendes Angebot: “Wenn du willst, kannst du morgen Abend alleine kochen.”

“Herausforderung angenommen”, sage ich halblaut nach kurzem Zögern.

“Also dann”, verabschiedet sich Joshi und geht noch eine Runde durchs nächtliche Gastein joggen.

Montag, 25.04.2011, Hotel Regina, 8 Uhr. Ich habe schlecht geschlafen. Beim Frühstück kriege ich kaum einen Bissen runter. Mein Magen ist nervös. Ich habe Küchensausen. War vielleicht doch keine so gute Idee, sich heute alleine in die Küche zu stellen.

Ich wälze die Kochbücher meines Vaters, die ich als Anschauungsmaterial mitgenommen habe für die Kolumne, die wir jede Woche für eine österreichische Zeitung schreiben. Beim Durchblättern merke ich: alles zu ambitioniert. Außerdem ist heute Feiertag. Da werde ich die Hälfte der Zutaten eh nicht bekommen. Ich muss mit den Sachen auskommen, die noch in der Küche sind. “Fuck-off-party” im Hotel Regina sozusagen. Improvisation ist mal wieder angesagt.

Ich beschließe, Palatschinken mit Zwetschgenröster als Nachspeise zu machen. Dazu Schokoladensauce von den Osterhasen, die dieses Wochenende liegen geblieben sind. Als Salat werde ich ein schönes Rest of vom übrigen Obst und Gemüse machen. Suppe? Muss nicht sein, hat Joshi gestern gesagt. Fehlt nur noch ein Hauptgang. (…) Tante Steffi!, schießt es mir durch den Kopf.

Wenn mich in puncto Kochen neben meinem Vater jemand geprägt hat, dann meine Großtante mütterlicherseits. Immer wenn sie uns in München besucht hat, hat sie für uns die herrlichsten Schmankerl österreichischer Hausmannskost zubereitet. Eines meiner Lieblingsgerichte: Kärntner Nudeln, Brandteigtaschen, gefüllt mit einer Mischung aus Topfen und gepressten Kartoffeln. Praktischerweise lebt Tante Steffi hier in Bad Gastein. Einziger Haken: Sie ist mittlerweile 89 und kocht schon lange nicht mehr. Zu anstrengend.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich rufe Steffi im Seniorenheim an und frage sie, ob sie Lust hat, mit mir heute Kärntner Nudeln zu kochen.

“Ja, wie viel brauchst’n da?”, fragt sie. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen.

“Nicht viele”, sage ich, “Ungefähr zehn Stück.” Lüge. Wir sind heute Abend 14 Personen. Wenn jeder zwei gefüllte Teigtaschen bekommen soll, brauchen wir 28 Stück.

“Zehn Stück? Na, die haben wir ja schnell gemacht.”

“Wunderbar.”

“Ich kann mich nur nicht mehr an das Rezept erinnern.”

“Kein Problem. Besorg ich uns.”

“Na, schön. Dann hol mich um drei Uhr ab.”

Montag, 25.04.2011, Hotel Regina, 12 Uhr. Um mir selbst den Druck zu nehmen, beginne ich jetzt schon mit den Vorbereitungen. Ich stehe allein in der Küche und schneide Obst und Gemüse für den Salat heute Abend. Parallel koche ich Kartoffeln für die Kärntner Nudeln.

13 Uhr. Salat ist fertig. Also mache ich mich an den Teig für die Palatschinken. Mehl, Eier, Milch, ein Schuß Mineralwasser, Abrieb von Zitrone und Orange und eine Prise Salz. Zum Schluß noch eine Prise Zimt. Das hab ich mir von einem Waffelrezept abgeschaut, das ich neulich mit den Kindern gemacht habe. Wenn später alle Palatschinken gleichzeitig serviert werden, muss ich sie jetzt schon in der Pfanne backen und nachher im Ofen erneut aufwärmen. Zur Sicherheit mache ich gleich ein paar mehr.

14 Uhr 30. Zu Fuß begebe ich mich auf den Weg ins Seniorenheim, in dem Tante Steffi wohnt. Ich gehe durch den einst mondänen Weltkurort. 1822 verliebte sich Erzherzog Johann in Gastein. Später erwischte es Kaiser Franz Joseph I und Kaiser Wilhelm I. Die prunkvollen Bauten rund um den Ortskern am Wasserfall sind das Ergebnis dieser kaiserlichen Aufschwungseuphorie.

Im Laufe des letzten Jahrhunderts besuchten viele gekrönte Häupter, Staatsmänner und Künstler Bad Gastein: u.a. der Zar von Rußland, Bismarck, Chrustschow, der Schah von Persien, Leopold von Belgien, Carol von Rumänien, Toscanini, Franz Schubert, Thomas Mann, Grillparzer.

Nach den beiden Weltkriegen vollzog der Kurort eine Wandlung zum Mekka für Skifahrer. Höhepunkt: die Alpinen Ski-Weltmeisterschaften der Damen und Herren im Jahre 1958.

     Bericht anlässlich der Alpinen Ski-WM 1958 in Bad Gastein

Aufgrund verabsäumter Investitionen seitens der Gemeinde und der Hoteliers, die sommers ihr Geld an der Côte d’Azur verpulverten, verlor Bad Gastein zusehends an Glanz und ab den 1970er Jahren endgültig den Anschluss an die Spitze der internationalen Kur- und Wintersportorte. Seitdem gilt die 4.500-Seelen-Gemeinde als “schlafender Riese”.

In den 1980ern war mein Vater maßgeblich an einem Wiederbelebungsversuch des Komapatienten beteiligt. Liza Minelli sang an Sylvester im Grand Hotel Europe, während er kochte. Das war die hoffnungsvolle Zeit, in der Bad Gastein den Beinamen “Monte Carlo der Alpen” trug. Doch die Pläne des Hoteliers waren zu ehrgeizig. Ihm ging nach wenigen Jahren die Luft aus.

Heute hätte Bad Gastein aufgrund seines morbiden Charmes das Attribut “Venedig der Alpen” verdient. Ein Großteil der einst prachtvollen Belle Époque-Bauten ist in desolatem Zustand. Ein Schatten seiner selbst. Um die letzte Jahrtausendwende kaufte ein Wiener Immobilienmogul die fünf Filetstücke am Wasserfall – darunter das Hotel Straubinger. Die Hoffnung war groß. Doch der vermeintliche Retter erfüllte die Erwartungen der Gemeinde nicht. Seitdem er sie gekauft hat, lässt er sie leer stehen. Überall regnet es rein, der Putz bröckelt von den Fassaden. Überall sind die Scheiben eingeschlagen. Die Verzweiflung der Bevölkerung ist groß. Das nicht nachvollziehbare Verhalten des Wiener Baulöwen bietet Nährstoff für Gerüchte. Warum macht einer so was? Viele sprechen von Rache.

Im zweiten Weltkrieg machte Bad Gastein keine gute Figur, ergab sich an die braune Seite der Macht. Jüdische Mitbürger wurden zwangsenteignet und vertrieben. Der reichlich betagte Wiener Immobilienmensch hat ebenfalls jüdische Wurzeln. Manch Gasteiner zählt eins und eins zusammen und denkt sich: Jetzt zahlt er uns das Fehlverhalten unserer Vorfahren heim. Wenn dem so wäre, müsste der Geschäftsmann noch viele andere Städte und Gemeinden in Österreich und Deutschland aufkaufen.

Tatsache ist: Das Zentrum ist in den letzten Jahren zu einer Geisterstadt verkommen. Wie ein schwarzes Loch dehnt sich der Verfall aus, raubt dem Ort seine magische Energie und überzieht Geschäfte und Häuser mit dem unsichtbaren Schleier der Verwesung.

Gute Besserung, Bad Gastein.

Doch so schlecht ist es um den Ort auch wieder nicht bestellt. Seit vielen Jahren gibt es eine Handvoll engagierter Menschen, die Bad Gastein rund um das kaputte Zentrum Leben einhauchen. Zum Beispiel Evelyn und Ike Ikrath, Betreiber des Haus Hirt und des Hotels Miramonte, Olaf Krohne vom Hotel Regina oder auch die Familie Blumschein vom Hoteldorf Grüner Baum. Zusammen mit vielen anderen Helfern setzen sie kulturelle Impulse und locken vor allem Großstädter nach Bad Gastein, die hier Ruhe und Inspiration finden können.

15 Uhr. Ich hole Tante Steffi im neu gebauten Seniorenstift ab, das einen Steinwurf von der Siedlung entfernt liegt, in der mein Vater aufgewachsen ist. Diese Gegend war früher das “Glasscherbenviertel”. In einem Altenheim meinen Lebensabend zu verbringen, gehört nicht zu meinen Traumvorstellungen. Tante Steffi macht jedoch einen fröhlichen Eindruck und  als ich an der Wand eine humorvolle Foto-Kollage entdecke, sind sämtliche Zweifel zerstreut.

Humor im Seniorenheim

15 Uhr 30. Wieder in der Küche des Hotel Regina. Von wegen sie weiß nicht mehr, wie das Rezept geht! Kaum hat sich Tante Steffi eine Schürze umgebunden, fallen ihr die Arbeitsschritte für die Kärntner Nudeln wieder ganz von alleine ein. Grammangaben braucht sie nicht. Sie macht das alles aus dem Bauch heraus, als ob sie nie mit dem Kochen aufgehört hätte. Ich möchte ihr bei der Zubereitung des kraftraubenden des Brandteiges helfen. Doch sie lässt mich nicht an die Schüssel. Staunend schaue ich ihr über die Schulter.

Kochende Seele: Tante Steffi.

Für die Füllung braucht man Minze. Haben wir aber nicht da. Ich improvisiere und gebe getrocknete Mini-Minze vom Frühstückstee hinein.

Während wir aus der Topfen-Kartoffel-Masse kleine Kugeln formen, erzählt Steffi von ihrer Mama, die früher in Gastein einen kleinen Obstladen hatte, in dem Zara Leander und Marika Rökk einkauften, und wie sie selbst als kleines Mädchen riesige, mit Obst gefüllte, Papiertüten in die feinen Hotels brachte. Ähnlich wie mein Vater. Der lieferte mit dem Tretroller die maßgeschneiderten Anzüge und Kleider seines Vaters aus, der seines Zeichens Schneidermeister war.

16 Uhr 45. “So”, sagt Tante Steffi. “Jetzt muss ich wieder düsen.”

“Wie? Wir haben doch gerade mal eine einzige Kärtner Nudel fertig.”, entgegne ich leicht schockiert.

“Tut mir leid, aber wir haben um Fünf im Heim eine Feier.” Sie klopft mir auf die Schulter. “Das schaffst du schon.”

19 Uhr. Pünktlich mit dem Eintreffen der ersten Gäste werde ich mit meiner letzten Kärntner Nudel fertig. Es sind genau 28 Stück geworden. Was für eine Arbeit! Jetzt kann ich verstehen, warum Steffi sich diese Tortur nicht mehr antun möchte.

Meine ersten Kärntner Nudeln

20 Uhr. Die Kärntner Nudeln sind ein voller Erfolg. Der Rest ist ein Klacks, zumal Joshi und Katja doch noch mitgeholfen haben. Stunden später falle ich selig ins Bett.

Mittwoch, 27.03.2011, 00 Uhr 15, Hotel Straubinger. Endlich habe ich den Küchentrakt gefunden. Voller Erwartung betrete ich die Großküche, in der mein Vater seine gastronomische Laufbahn begonnen hat. Mir bietet sich ein trauriges Bild: Zersplittertes Glas auf den Anrichten, kaputte Herdsysteme, Kotspuren und zerfledderde Kochbücher auf dem Fußboden. Mit dem leeren Gefühl, zum ersten Mal eine Leiche gesehen zu haben, mache ich mich aus dem Staub.

Mittwoch, 27.03.2011, 17 Uhr, Friedhof Böckstein. Mit einem Blumenstrauß in der Hand stehe ich vor dem Grab meiner Großeltern väterlicherseits, die hier im Nachbarort von Bad Gastein schon seit über 30 Jahren liegen. Ich mochte sie sehr.

Mittwoch, 27.03.2011, 17 Uhr 30, Bad Gastein. Mit dem Taxi fahre ich an der Stelle vorbei, wo mein Opa Alois nachts auf stockfinsterer Straße überfahren wurde. Wie so viele seiner Generation diente er unter dem Nazi-Regime als Soldat. Er überlebte den Russlandfeldzug in Murmansk. “Sie haben mich nicht bekommen”, soll er gesagt haben, “weil ich so klein bin.” Jahrzehnte später hat ihn dann doch einer bekommen – mit dem Auto.

Mittwoch, 27.03.2011, 19 Uhr, Bad Gastein. Ich wandere durch die bergigen Gassen des Ortes. Gerne würde ich jetzt mit meinen Großeltern reden. Ich spüre deutlich: Hier liegen viele Antworten auf Fragen, die mich umtreiben. Gastein ist ein guter Platz, seine Geschichte lang noch nicht zu Ende. Ich drücke den Einheimischen die Daumen, ihr sperriges Erbe in den Griff zu kriegen. Ganz so simpel wie der Claim einer Bierwerbung an einer renovierten Häuserwand, der mir jetzt ins Auge sticht, wird es nicht sein. Aber es ist schaffbar.

Bier rein, Sorgen raus: Wenn alles im Leben so simpel wäre.

Donnerstag, 28.03.2011, 12 Uhr 10, Bad Gastein. Ich sitze in der fast menschenleeren Bahnhofskneipe und warte auf den Zug nach München. Neben mir am Tresen sitzen zwei Gasteiner. Der eine trägt eine Joggingjacke mit dem Aufdruck SC BAD HOFGASTEIN. Seinem Körperumfang nach zu schließen, liegen seine aktiven Jahre etliche Jahre zurück. Der andere ist verhältnismäßig schlank. Sie trinken Bier und Kräuterschnaps. “Wo arbeitst’n du?”, will der Sportliche wissen.

“Drüben im Felsenbad.”, gibt sein Nachbar zur Antwort.

“Als Bademeister?”

“Na, i bin Koch.”

“Aha. Und was hast da für Arbeitszeiten?”

“I arbeit schon seit zehn Minuten.”, sagt der Schlanke und gibt dem Ober ein Zeichen. “No an Jägermeister bitte.”

Diesen Ort muss man einfach lieben. Schaut mal rein – nach Bad Gastein.

Stay hungry!

Comin’ up: VIENNA COOKING Endlich mal richtig abspargeln / Henkersmahlzeit im Zug nach Wien / Lätzchen heißt auf Österreichisch “Barterl” / “I’m not fuckin’ Robbie Williams!” / Jahrhundertkochsohn trifft Jahrtausendkomikerkind / Warum gibt es keine Kummernummer für Küchenpraktikanten? / Wie man es schafft, mit 104 Jahren schwanger zu werden / Wer feiern kann, kann auch arbeiten / Austria-Wien-Fans haben in der Küche nichts verloren / Der Beuscheldoktor hat eine Blase / von Schwarzarbeitern und Küchenmafiosis / Vorsicht vor fliegenden Salatköpfen in französischen Küchen / Mancher Gourmettempel ist der reinste Glutamatpalast

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Kommentare

  • sanity sucks

    Bin-Laden hat seine eigene fuck-off-party wohl nicht ueberlebt.
    Dumm gelaufen.

  • Max Witzigmann

    … keine witze über ladenschluss.

  • christine

    sehr interessant und spannend, gibts mehr von dem ???

  • Helmut Wagner

    Ich war am 1.5.2012 in Gastein -
    ja so ist es – im Mai noch trister, weil kein Schibetrieb mehr. So gut wie alle Lokale zu – ins Bahnhoflokal bin ich nur auf ein kleines Bier. Das Restaurant im Felsenbad erinnerte mich an die Slowakei in den 70ern. Immerhin, es gab passables Essen.
    Ich frage mich wie in Gastein ein Casino ausgelastet sein kann
    Imposant der Wasserfall.