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Küchenzeilen

Ein Witzigmann lernt kochen

Küchenzeilen  16 Kommentare

PLATT AM SEE

Erinnerungen an einen Sommer, der keiner war: Max Witzigmann kocht am Plattensee in einem Strandlokal namens „Casanova“, das 120 verschiedene Gerichte auf der Karte hat, und wird von einer ungarischen Wirtin mit Pálinka unter den Tisch getrunken. WARNHINWEIS AN ALLE KATZENLIEBHABER: Dieser Artikel enthält ein Bild, das Sie schockieren könnte!

Von Max Witzigmann

Freitag, 22.07.2011, 15 Uhr: Strandbad Vonyarcvashegy, Restaurant Casanova. Mein ungarischer Freund Tibor flüstert Geschäftsführer József etwas ins Ohr. “Oh!” sagt der Obercasanova und mustert mich kritisch, während ich Blumenkohlröschen paniere. Dann sagt er noch etwas, aber das verstehe ich nicht. Mein Ungarisch ist noch schlechter als mein Klingonisch.
“Er meint, wenn du drei Sterne hast, dann kannst du ihm vielleicht zeigen, wie man einen Grillteller dekoriert”, übersetzt Tibor. Ach, du liebes bisschen! Was um alles in der Welt hat er dem Strandrestaurantbesitzer denn jetzt erzählt? Und dann auch noch Teller dekorieren – das hasse ich! Klar, weil ich es nicht kann. Freunde, ich bin Küchenpraktikant, kein asiatischer Küchenmeister, der aus einem Radieschen das Taj Mahal maßstabsgetreu nachschnitzt. Aber gut – da muss ich jetzt durch.
Vor mir auf der Anrichte stehen zwei tönerne Platten mit gegrilltem Fleisch und einem Berg Pommes. Oben am Rand ist noch Platz für Gemüse von der Größe einer Briefmarke. Darauf soll/darf/muss ich jetzt ein vegetarisches Dekofeuerwerk abfackeln. Ich schnappe mir Salat, Tomaten, Gurke, Zwiebeln und versuche, irgendwas daraus zu schnippeln mit einem Küchenmesser, das so scharf ist wie Adriana Lima nach einer Crackpfeife und zehn Maß Bier – also schon noch irgendwie scharf, aber nicht mehr so richtig. Zum Schluss hobel ich ein paar Karottenspäne mit der Parmesanreibe darüber – et voilà: fertig ist der wohl übelst verzierte Grillteller aller Zeiten. Wenn mein Vater jetzt hier wäre – er würde mich auf der Stelle enterben. Der junge Küchenchef, der vom Geschäftsführer angewiesen wurde, mir genau zuzusehen, betrachtet das Ergebnis und sagt: “aha.”

Tellerdeko? Nicht die Stärke von Jahrhundertkochsohn Max Witzigmann. (Foto: Tibor Bozi)

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Donnerstag, 21.07.2011, früher Nachmittag, Busbahnhof Györ. “Nimm nur leichte Sachen mit. In Ungarn hat es 40 Grad”, hatte mir mein Freund Tibor Bozi, den ich für ein paar Tage von München an den Plattensee begleite, noch vor wenigen Tagen in einer E-Mail geschrieben. Wie gut, dass ich mich dran gehalten habe, denn jetzt stehen wir in kurzen Hosen in Györ und es regnet. “Gibt’s ja nicht. Haben die hier auch Julember, oder was?”, sagt Tibor.
Julember – diese Wortneuschöpfung aus Juli und November, die er in Facebookhausen aufgeschnappt hat, bringt die Wetterverhältnisse dieses Sommers auf den Punkt. Als Bewohner der Weltstadt mit Ü können wir zwei nicht behaupten, bis jetzt von der Sonne angemessen verwöhnt worden zu sein. Hoffentlich ist dieser Regentag nur eine singuläre Randerscheinung während unseres Kurztrips. Es würde mir leid tun für die Ungarn, sollten deren Jahreszeiten fortan gleichsam lauten: Frühling, Scheiße, Herbst und Winter.

 Sommerfrust-Song der Raith Schwestern.

Rücksturz in die 90er Jahre. Erinnerungen an die Ausläufer meiner Jugend. Die Architektur hier in Ungarn sieht noch genauso aus wie damals, als ich mit dem mir verhassten Leistungskurs Wirtschaft und Recht zum Abiturabschluss nach Budapest gefahren bin und den Tieren im Zoo beim Verhungern zugesehen habe. Es war die Zeit, in der ich als verpickelter Jüngling mit dem Kapital von Karl Marx unter dem Arm herum gelaufen bin, um die unerreichbaren Schönheiten meiner Schule zu beeindrucken. Es war die Zeit, in der mein Vater sein zertrümmertes Lebenswerkporzellan aufgelesen hat. Es war die Zeit, in der wir dänisches Bier aus 1-Liter-Dosen getrunken haben. Es war die Zeit, in der ich statt Geburtstag Todestag gefeiert habe. Es war die Zeit, in der wir Ska gehört und Waffenrad fahrend mit unseren Dr. Martens die Seitenspiegel der parkenden Autos weggekickt haben. Es war die Zeit, in der unsere Welt unterteilt gewesen ist in Popper, Rapper, Skins, Teds, Waver, Mods, Punks und Skangster. Es war die Zeit, in der ich Kandidat in einer Schülergameshow namens Supergrips gewesen bin, moderiert vom “Gottschalk des Ostens”: Ingo Dubinski – und hinter den Kulissen hat Tibor ausgeholfen. Ihn und den Produzenten habe ich damals von meinem sagenhaften Gewinn in Höhe von 125 Mark auf ein Eis in eine Schwabinger Eisdiele eingeladen. Seitdem sind wir Freunde.
Zusammen mit ein paar Ungaro-Punks und einer Glatze im Lonsdale-Pulli steigen wir in einen Bus deutschen Fabrikats aus den 90ern. Plattensee, wir kommen.

Ungarischer Partnerlook: der Bus zur Tüte.

Spätnachmittag. Vonyarcvashegy, Plattensee. Tibor und ich steigen aus dem Bus aus. An der Haltestelle hat jemand den “roten Teppich” für uns ausgerollt.

Platt am See: Am Balaton heißt der Zebrastreifen Catwalk.

Ein paar Minuten von der Bushaltestelle entfernt, in einer ruhigen Ferienhaussiedlung steht die in den 60er Jahren erbaute Sommerresidenz von Tibors Familie. Die eine Hälfte bewohnt sein Cousin Belà mit seiner Frau, die andere seine Mutter, die uns mit ihrem selbstgekochten Szegediner Gulasch einen sensationellen Empfang bereitet. Besser hätte es meine geliebte Großtante Steffi auch nicht machen können. Obwohl ich kein Ungarisch spreche und Tibors Mama kein Deutsch, verstehen wir uns auch so. Nicht Englisch, sondern Kochen ist die Weltsprache Nummer eins.

19 Uhr. Strandbad Vonyarcvashegy. “Hast du Jacke?”, fragt mich József (um die 50), der Geschäftsführer des Restaurants Casanova.

“Kochjacke hab ich”, sage ich.
“Hose?”
“Hab ich.”
“Messer?”
“Hab ich.”
“Mütze?”
“Äh, Kochmütze?”
“Ja?”
“Hab ich nicht.”
“Kriegst du. Kommst du morgen um elf Uhr.” Mit seinen grauen Haaren und dem massigen Körper hat er etwas von einer Kartäuserkatze. Die eisblauen Augen, mit denen er mich durchdringt, verraten mir aber, dass ich es hier mit keinem Kuschelkater zu tun habe. Ginge auch gar nicht anders. An Spitzentagen tummeln sich hier im Strandbad um die 14.000 Leute und knapp 1.000 davon fallen ins Casanova ein. Da kann man als Chef sein Personal nicht mit Samtpfoten behandeln, sonst kommt man wie vorhin die Katze an der Bushaltestelle unter die Räder.

Organisiert hat das Küchenpraktikum im Casanova liebenswerter Weise Tibors Cousin. Was ich nicht wusste: Er hat gleich noch ein zweites für mich klar gemacht. Ebenfalls für morgen, und zwar um 17 Uhr im Strandlokal von Márta Benke, besser gesagt Benke Márta. Wie in Österreich und Bayern auf dem Land wird auch in Ungarn stets der Nachname zuerst genannt. Eine hochoffizielle Tradition, die sich sogar bis in die Fernsehnachrichten hineinzieht. Sprich: Der ungarische Peter Klöppel stellt sich zu Beginn der Sendung nicht mit “Peter Klöppel” vor, sondern mit “Klöppel Peter”. Allein dieser Unterschied zeigt: Die Ungarn sind zwar ein kleines Volk, legen aber großen Wert auf ihre Eigenständigkeit. Eine Form von Nationalstolz gepaart mit damals kommunistischer Regimetreue, die meinem Freund Tibor in den 70er Jahren wie ein Korsett die Luft abgeschnürt hat. Schließlich hat er es nicht mehr ausgehalten und floh mit 17 Jahren im Kofferraum eines VW Scirocco nach Deutschland, wo er sich als Taxifahrer durchschlug.

Heute ist er ein etablierter Rockfotograf, der mit seiner Kamera in den letzten 30 Jahren so ziemlich jede Größe im internationalen Musikgeschäft abgeschossen hat. Seit einigen Jahren kommt er wieder regelmäßig nach Ungarn, um seine Mutter am Plattensee und Freunde in Budapest zu besuchen. Die ungarische Hauptstadt entwickelt sich – unabhängig vom Schatten der rechtskonservativen, teilweise Unternehmer feindlichen Politik von Ministerpräsident Orbán Viktor und seiner Partei Fidesz – mehr und mehr zur Drehscheibe Osteuropas. Tibor mag seinen Geburtsort, aber – um es mit Tocotronic zu sagen – hier leben? Nein, danke!

     Liebeserklärung à la Tocotronic: Aber hier leben? Nein, danke!

23 Uhr. Wir stehen auf der Straße mit Belàs erwachsener Tochter Nicole, die mit ihrer Familie und Freunden aus Braunschweig am Plattensee Urlaub macht. Wir kommen von einem Weinfest im Nachbarort und genehmigen uns noch ein Gute-Nacht-Bier aus der Dose der Münchner Weltmarke “HB”, spontan kredenzt von Ferienhausnachbar Rolf. Dabei lerne ich: In Niedersachsen nennt man dieses Abschiedsritual “Zaunbier”. Von Tibor lerne ich gleichzeitig, dass die Abkürzung “HB” nicht für Hofbräuhaus steht, sondern für “Hitler’s Best”.
Der feine Herr Bozi ist zweifelsohne der Mann mit dem härtesten Humor, den ich kenne. Davon abgesehen ist er neben seiner entwaffnenden Ehrlichkeit in München besonders wegen seines nicht abreißen wollenden Redeflusses gefürchtet. “Bist du verrückt?”, hat mich ein gemeinsamer Freund gefragt. “Mit dem fährst du an den Plattensee?!” Doch ich lasse Milde walten. Unbestätigten Angaben zufolge ist Tibor einmal als Kind in einer Vogelfutterfabrik in einen Bottich “Sprechperlen” gefallen.

Urlauber am Strandbad von Vonyarcvashegy, vorm Restaurant Casanova. (Foto: Tibor Bozi)

Freitag, 22.07.11, 11 Uhr. Strandbad Vonyarcvashegy. Trotz Magenschmerzen erscheine ich pünktlich mit einem Lächeln im Casanova. Verwundert stelle ich fest: Kein einziger von der zwanzigköpfigen Küchencrew (größtenteils Studenten) trägt eine Kochmütze. Weil Geschäftsführer József sein Kopfbedeckungsgebot von gestern offensichtlich vergessen hat, werde ich ihn sicher nicht daran erinnern. Wäre ja noch schöner, wenn ich der einzige Kochschlumpf hier drinnen wäre. Sauberkeit scheint jedoch ein neuralgischer Punkt im Casanova zu sein, da er mir als erstes zeigt, wie man sich fachgerecht die Hände wäscht. Als nächstes präsentiert mir der Restaurantbesitzer stolz die österreichische Produktpalette, mit der seine Mannschaft arbeitet. Wie so viele Gastronomen kauft József den Großteil seiner Lebensmittel in der benachbarten Alpenrepublik, weil sie dort schlichtweg billiger sind. Beim Geld scheint die Vaterlandsliebe in Ungarn ein Loch zu haben. Gulaschpatriotismus.

Mein erster Job: Einen aufgetauten Kotelettstrang Schweinefleisch parieren und in Filets à 70 Gramm schneiden. Ich packe mein japanisches Küchenmesser aus, das ich in München extra noch habe schleifen lassen, und will mich an die Arbeit machen. Stopp! Der Jungkoch neben mir fuchtelt mit den Armen. Ich kann kein Ungarisch, er kein Deutsch, aber ich begreife, dass es um mein Schneidewerkzeug geht. Ich lege es beiseite. Stattdessen gibt er mir sein Filetiermesser. Es ist so stumpf, dass nicht nur überflüssige Haut und Sehnen entfernt werden, sondern auch einiges an Warenwert.
Anschließend werden die Filets durch eine Art Eiserne Jungfrau geschickt. Dabei wird das Fleisch perforiert und gleichzeitig vorgeplättet. Jetzt werden die Schnitzel noch mit dem Fleischklopfer bearbeitet, damit sie auch schön groß aussehen. Ein Teil der Filets verarbeite ich zu Wiener Schnitzel, aus der anderen Hälfte mache ich Senffleisch, eine ungarische Spezialität. Dabei wird jeder Fleischlappen mit Senf eingecremt und danach übereinander gestapelt eine Woche lang in Öl eingelegt. Wie meine Hände so über das geschundene Fleisch gleiten, muss ich unweigerlich an die platte Katze von der Bushaltestelle denken. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, dass ich einen aufregenden Körper massiere. Aber es wird nicht besser. Ungarische Senfpornos sind nicht meine Sache.

Wie in den meisten Küchen herrscht auch im Casanova Männerüberschuss. Und wie in den meisten Küchen sind auch die Jungs hier oversexed and underfucked. Ständig werden anzügliche Witze gerissen. Die verstehe sogar ich – trotz der fremden Sprache. Józsefs älterer Bruder Zoltàn (Mitte 50) präsentiert eine 30 Zentimeter lange Bratwurst und meint: “Ist gut für Frau”. Die Damen Köchinnen tragen diese Scherze mit Fassung.

Frühling, Scheiße, Herbst und Winter: der Julember von seiner schönsten Seite. (Foto: Tibor Bozi)

14 Uhr. Normalerweise brummt der Laden um diese Uhrzeit. Aber ein massiver Wolkenbruch verregnet den Casanovas von Vonyarcvashegy das Geschäft. Was tun? Die beiden Brüder zeigen mir den ganzen Stolz ihres Unternehmens: ein sogenanntes SelfCooking Center, ein Kombi-Dampfgargerät aus Landsberg am Lech. Damit lässt sich backen, braten, grillen, dämpfen, dünsten, blanchieren und pochieren – alles fettfrei. Nie mehr Würste in der Pfanne braten, nie mehr Kartoffeln im Wasser kochen. Zwei Millionen ungarische Forint (knapp 7.000 Euro) kostet dieser Küchencomputer. Eine Stunde lang stehen wir vor dem elektronischen Zauberkasten. Die Brüder drücken wie wild an den Knöpfen des Dampfgarers herum, als wäre es ein Glücksspielautomat und schieben zu Demonstrationszwecken ein Gericht nach dem anderen hinein. Das Ergebnis muss natürlich aufgegessen werden: Wurst, Fisch, Grillfleisch, Schnitzel, Huhn. Trotz Magenschmerzen schlucke ich tapfer, um meine Gastgeber nicht zu enttäuschen.
Die Anschaffung eines solchen Kombi-Dampfgarers, wie er mittlerweile in der Groß- und Systemgastronomie Standard ist, machen in einem Betrieb wie dem Casanova sicherlich Sinn. Auf der Karte stehen 120 verschiedene Gerichte. An guten Tagen verlassen hier gerne mal 700 À-la-carte-Gerichte plus ein paar hundert Klassiker (Döner, Pizza, Waffeln) die Küche.

Die Qual der Wahl: Speisekarte des Casanova. (Foto: Tibor Bozi)

Angesichts solcher Mengen stellt ein derartiges Gerät eine Erleichterung dar. Nur: Was hat das mit Kochen zu tun? Hat das überhaupt noch etwas mit Kochen zu tun? Kann ein Backhendl aus dem Küchen-Computer tatsächlich eine Alternative zu einem “selbst gemachten” aus der Pfanne sein? Geht durch diese Art zu kochen nicht auch ein Stück Heimat verloren? Besteht die Zukunft des Kochens darin, dass ungelernte Kräfte nur noch aufs Knöpfchen drücken müssen? Ich bin heilfroh, als mir eine Köchin ein Nationalgericht präsentiert, auf das sie mit Gewürzen die ungarischen Nationalfarben gesiebt hat.

Jó étvágyat! Ungarischer Burrito.

Zum Schluss darf ich mich selbst noch an einem echten Ungaro-Klassiker versuchen, dem Lángos (Langosch ausgesprochen). Das ist salopp gesagt sowas wie die Pizza der Magyaren. Aus Hefeteig wird ein möglichst kreisrunder Fladen geformt und in heißem Fett frittiert. Klassisch wird der Lángos pikant belegt. Besonders deutsche Touristen essen die knusprige Spezialität gleichwohl mit Marmelade oder Nuss-Nougat-Creme bestrichen.

16 Uhr. Das Wetter ist wieder besser geworden. Dafür plagen mich höllische Bauchschmerzen. Angesichts des zweiten Teils meines Küchenpraktikums bei Márta erinnere ich mich an die Universalheilmethode meines Münchner Freundes Ulf Dörge: Schnaps. József und Zoltàn führen mich begeistert nach draußen an die Bar. Doch bevor ich etwas Hochprozentiges bekomme, muss ich noch einen Blick in ein kleines Weinfass werfen, das am Tresen aufgebaut ist. József zieht einen Weinkorken aus einem Loch, in das ich – warum auch immer – bitte hineinsehen solle. Kaum spähe ich hinein, spritzt ein Wasserstrahl aus dem Loch und schießt mir ins Auge. Die Jungs und die umstehenden Gäste lachen sich schlapp. Zur Versöhnung bietet mir Zoltàn einen Kaugummi an. Ich will einen Streifen aus der Packung ziehen, da ereilt mich ein elektrischer Schlag. Noch mehr Gelächter. Aber jetzt, jetzt Spaß beiseite. Echt mal. Zoltàn stellt mir eine Thermoskanne und eine Kaffeetasse hin. Ich öffne die Kanne und will mir einschenken, da poppt ein riesen Plastikphallus aus der Kanne. Die erwachsenen Männer sind am Ende und halten sich vor Lachen die Bäuche.

Spritziger Humor: Jószef (links) & Zoltàn (rechts außen), die apokalyptischen Reiter des ungarischen Gags. (Foto: Tibor Bozi)

17 Uhr. Der Regen hat wieder eingesetzt. Ich wate durchs nasse Gras hinüber zu Martás wesentlich kleinerem Lokal, in dem ein einziger Gast sitzt: Tibor. “Ja, da hast du heute leider ein bisschen Pech gehabt”, sagt sie. “Die Leute sind alle schon weg. Aber einen Lángos machst du wenigstens.” Martá spricht nahezu perfekt Deutsch mit österreichischem Akzent, da sie seit vielen Jahren in der Wintersaison in der Alpenrepublik im Gastrogewerbe arbeitet.
Fünf ungarische Studentinnen stehen um mich herum und sehen mir dabei zu, wie ich versuche, aus dem Hefeteigklumpen einen runden Fladen zu formen. Stille. “Warum sind denn alle so still?” frage ich.
“Die Damen haben Angst vor dir”, sagt Martá. Im Anschluss demütigt mich eine von ihren Angestellten, indem sie mir zeigt, wie man einen wirklich perfekten Lángos formt. Zu guter Letzt durchlöchert sie den teigigen Diskus mit einer blitzartigen Handbewegung, die einen Shaolin-Mönch vor Neid erblassen lassen würde, und lässt ihn, sich um die eigene Achse drehend, ins heiße Schmalz segeln. Das Schmalz ist Martás kleines Geheimnis. “Ist zwar teurer als Öl, dafür schmeckt der Lángos aber auch besser”, sagt sie. Und tatsächlich: Der Geschmack ist sagenhaft.

Lángosmonster bei der Arbeit: Tibor Bozi. Links: Wirtin Márta Benke.

Samstag, 23.07.11, 9 Uhr. Draußen pfeift der Wind. Regen trommelt gegen die Scheiben. Es ist eiskalt. Jetzt hat der Julember auch Ungarn erobert. Leicht verschlafen schlurfe ich in die Küche von Tibors Mama, die mich ein bisschen distanziert von der Seite ansieht. “Na, wieder nüchtern?” fragt mich Tibor, der sich gerade ein Wurstbrot genehmigt. “Alles gut. Wieso?” frage ich.

“Na ja, du warst ganz schön betrunken gestern.”
“Ach, komm.”
“Meine Mutter hat schon Angst gehabt, dass du ihr die Bude vollkotzt.”
“Was war denn los?”
“Das weißt du nicht mehr? Die gute Martá hat dich gestern so krass mit Pálinka abgefüllt, dass du im Bad beim Klogehen das Waschbecken rausgerissen hast.”
“Du verarscht mich.” Zum Beweis zeigt mir Tibor ein Foto von vergangener Nacht.

Fett wie ein Radierer: Der 54-prozentige Pálinka-Schnaps von Wirtin Márta hat bisher noch jedem die Hosen ausgezogen.

Andere sind nicht so glimpflich davon gekommen wie ich. An der Bushaltestelle, an der die Katze überfahren worden ist, hat es gestern Nacht einen Motorradfahrer erwischt. Er starb noch am Unfallort.

Nachklapp 1

Mittwoch, 27.07.11, Wien. Wegen eines Buchprojektes mache ich auf dem Rückweg Halt in der österreichischen Hauptstadt und statte meinem Verlag einen Besuch ab. Im Flur des traditionsreichen Unternehmens sind eine Menge Fotos honoriger Herren aufgehängt, die wohl einmal für den Verlag geschrieben haben müssen. Dabei sticht mir ein Bild ins Auge, das beweist: Es gibt Menschen, die mit einem wesentlich härteren Namen durchs Leben laufen müssen als ich.

Krasser Typ: krasser Vorname.

Nachklapp 2

Samstag, 29.07.11, Freilassing. Rückfahrt nach München. Weil der Zug ungewöhnlich lange hält, denke ich mir, steigst noch mal aus und rauchst eine Zigarette.

Immer auf der Kippe: kulinarischer Grenzgänger Max Witzigmann.

Kaum habe ich mir den Glimmstengel angesteckt, gehen die Türen zu. Ich drücke auf das Sensorfeld. Vergeblich. Das Stahlross fährt ohne mich los. An Bord: mein Koffer mit dem sauteuren japanischen Küchenmesser, meiner Kochjacke, meinem Pass, meinen Kreditkarten und meinem Haustürschlüssel. Der Regen peitscht mir ins Gesicht. Julember, mein treuer Gefährte, lass dich umarmen.

Stay Hungary!

Comin’ up! FRANKFURT I(S)ST SUBBÄ Witzigmann kocht Buchstabensuppe / Kennen Sie noch die Silversonic Capital? / die Frankfurter Buchmesse – das Oktoberfest der Buchstabenjunkies / Tafelspitz für 168 Euro und 79 Cent / Junge Frankfurter Küche, Satire und Schnaps / bescheuerte Namen, königlicher Genuss  / Kochkasperl trifft Küchsepp, Teil 2 / Familientreffen auf der Buchmesse / Ich hab heute schon gekotzt. / Goodbye Rock’n’Roll!

Kommentare

  • Basti

    Klasse Blog.Ich hab dafür etwas Werbung gemacht,auch hier im Dorf(Vonyarc) etwas bekannt gemacht.

  • Basti

    Ich darf vielleicht auch die Adresse von Vonyarcvashegy hier veröffentlichen,dann kann man sich noch etwas besser vorstellen,wo dies alles passiert ist.
    Die Seite ist noch ganz neu,deshalb erst nur in Ungarisch.
    Das Strandbad von Vonyarcvashegy ist echt gut.Regen gab es leider Ende Juli,aber ab August gab es gut 2 Monate keinen Regen mehr.
    http://vonyarcvashegy.hu/de
    Nochmals besten Dank für den Blog” Platt am See”Ich find den klasse….

  • Max Witzigmann

    da bin ich aber froh, dass ihr am plattensee nicht völlig abgesoffen seid, basti. auf die homepage von vonyarcvashegy kommst du übrigens automatisch, wenn du im text auf das blau markierte wort “vonyarcvashegy” klickst. plattenseelige grüße_max

  • Peter Bosch

    Wieder mal geniale Zeilen darüber was das Leben eines Wanderkochs so bietet. Max hat so einen Magnet in sich der diese ganzen Erlebnisse anzieht und das Talent, das in der Schreibe so umzusetzen, dass du – mal angefangen zu lesen – nicht aufhören kannst bis zur letzten Zeile. Genial auch die Pics und Vids dazu. Danke!

  • IVO

    Wenn das die neuen deutschen (Unterhaltungs-)Schriftsteller sind, dann ist das Ende der Cultur nah. Ein Meisterskochssohn sollte doch bei seinen Leisten, oder besser seinem Vater bleiben und sich nicht im Schreiben versuchen, obschon, es ist nur ein “Blog”, also das, was in meiner Jugend ein Comic-Heftchen war, ohne Tiefgang, Ausdruck, Lebensgefühl, ein bodenloses Geschwafel mithin, in dem Worte aus der Fäcaliensprache das I-Tüpfelchen darstellen … . Herr MAX: lassen Sie die FInger von der Feder, lautet mein Rat, übrigens aus einer Gegend, in der es viele ungarische Dörfer gibt, ungarischer als die Ungarischen in Ungarn, in einem Vielvölkerland, in dem auf die deutsche Sprache in den deutschen Schulen mehr Wert gelegt wird, als bei Euch!

  • Deauvilee

    Hammer-Text, feinste Erlebnisse feinst erzählt.
    Besonders schön: wie die gemiiiiiiehtlich dahinmäandernde Erzählung mit Nachklapp 1 nochmal richtig Fahrt aufnimmt, denn Teufelskerl Witzigmann hat nicht nur Herrn Adolf Fick erfunden, sondern auch gleich einen Wikipedia-Eintrag über diese Phantasmagorie angelegt, mit gülden schimmernden Worten:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Fick
    Bei einer kleinen, improvisierten Lesung (ok, wir waren nicht mehr allzu nüchtern…) geschah es, dass sich einer der Teilnehmer m Lachflash an seiner Zunge verschluckte – wir wurden glatt neidisch auf die im Text erwähnte Katze.

    Witzigmann for Adolf-Fick-Medaille! Subito!

  • Max Witzigmann

    @ivo: you made my day, ivo! als “schriftsteller” hat mich bisher noch nie jemand bezeichnet. köszönöm sépen, ihr frisch gebackener comedypreis-träger 2011 für “hapes zauberhafte weihnachten”, zu sehen heute abend um 21:15h auf rtl.

  • Max Witzigmann

    @deauvilee: ich wünschte, lieber deauville, ich hätte prof. dr. adolf fick erfunden. bei dieser personalie handelt es sich aber um keine “ficktion”, sondern um die nackte wahrheit. wie so oft scheibt die realität die besten witze. cheers_max

  • Basti

    In einem Forum hat auch einer geschrieben,dass sei keine Werbung für den Balaton.Werbung hin oder her.Ich finde den Blog witzig geschrieben udn wie das Leben oft wirklich ist.
    Da reissen Mánner schon mal Frauenwitze…..Ich finde “Platt am See” ist aus dem Leben.Natürlich,auch liebenswert und wie das Leben einfach ist.
    Auch die Schilderung,wie es in einem Strandbüfe -Lokal zugeht.Das ist nun mal kein 5 Sterne Lokal,das ist halt für den Hunger tagsüber.
    Hier in den Orten gibt es vielfach sehr gute Restaurants und abends gehen die Leute dort essen.
    Allein wenn ich an die phantastische 1/2 Bratente mit Rotkraut und Kartoffel im St. Georg Weinkeller in Hegymagas denke…Finom! Einfach klasse…
    Es gibt sehr viele solcher herrlicher Orte am Westbalaton..
    Der Blog spiegelt für mich das Leben am Strand wieder,sicher hátte Max das ausschmücken können mit Wörtern,die gut und gepflegt klingen.Aber wáre das die Realitát gewesen?

  • Michael

    Kleine Korrektur: das SelfCookingCenter kommt nicht aus der Schweiz, sondern aus Landsberg am Lech

  • Karolus

    Klasse Max Witzigmann, mach weiter so. Deine Erlebnisse am Balaton in Deiner Sprache erzählt. Das ist Leben wie es ist und Sprache wie sie verstanden wird. Leichte und amüsante Lektüre in einer stressigen Zeit bei viel zu gehaltvollen Speisen. Vielen Dank

  • Max Witzigmann

    @michael: das ist natürlich richtig, michael. schon korrigiert. danke_max

  • Frank2

    Vielen Dank lieber Jahrhundertkochsohn. Zum Glück für die holde Leserschaft bist du anscheinend in ein Fass Schreibperlen gefallen. Durfte wieder viel lernen…

  • schorsch

    katze heißt auf ungarisch macska, gesprochen matschka(tz) ;-)

  • Uli Seiler

    Superartikelabersolangdassichihnfastnichtaufeinmallesenkonnte

  • Nick

    Hey Max, Deine “Schriftstellerei” ist echt klasse und ein Riesenvergnügen.
    Philosophengeschreibsel gibts bei Sloterdijk.
    @ IVO Kritik wenn einem was nicht gefällt ist ja ok, aber was soll der Hinweis, man kommt aus einem Land in dem es ungarische Dörfer gibt, die ungarischer sind als die ungarischen in Ungarn und in dem auf die deutsche Sprache in deutschen Schulen mehr wert gelegt wird als bei Euch (??) – Ungarische Dörfer gibt es nur in Ungarn, so viel Deutsch muss sein.

    Schönen Gruß nach Absurdistan und den Nachfahren von Adolf dem Echten – und haaalllooo der Krieg ist aus und der eiserne Vorhang gefallen….