Anzeige

Küchenzeilen

Ein Witzigmann lernt kochen

Küchenzeilen  8 Kommentare

RADIOLI

Die Radiomaske quetscht Pickel aus / die Palatschinke brennt an / peinliche Momente im Leben des Max W. / Papa ist ein wandelndes Lexikon des nutzlosen Wissens / Kochen im Radio? Warum nicht? / von Backpfeifen mit Vanillesauce und Haltsmaultaschensuppe / Dosenravioli – das Lieblingsgericht des jungen Witzigmann / Ralf Summer will keine Radioli / Ingwerpulver im Palatschinkenteig / Kochen macht Spaß.

Von Max Witzigmann

Freitag, 18.11.2011, 20 Uhr 45, Funkhaus Bayerischer Rundfunk, München. Zwei Stunden Zündfunk – in Insiderkreisen auch Institut für Radiotaktik genannt – neigen sich dem Ende zu. Zwei Stunden, in denen ich live im Radio meine bescheidenen Kochkünste zum Besten geben durfte.

Der krönende Abschluss der ersten Radiokochshow in der Geschichte von Bayern 2 soll die Lieblingsnachspeise meiner Kinder sein: Palatschinken. An sich ein Dessert, das ich im Schlaf beherrsche. Blöd nur: Weil ich der eigens für diese Sendung engagierten Maskenbildnerin einen Moment zu lang dabei zusehe, wie sie Moderatorin Caro Matzko einen Pickel auf der Nase ausdrückt überschminkt, brennt mir der goldgelbe Teigdiskus auf der Unterseite an.

Anzeige

Radiomaxe in der Radiomaske: Karin Steinhäusers vergeblicher Versuch, Max Witzigmanns Freibiergesicht rundfunktauglich zu schminken. (Bildnachweis: Caro Matzko)

Rauch erfüllt das Rundfunkstudio. Wir beten, dass der Rauchmelder nicht angeht. Wieder einmal bin ich der Befürchtung meines Vaters einen Schritt näher gekommen: Du schaffst es, den Namen Witzigmann endgültig zu ruinieren.

Sexy kochen geht anders: Küchenpraktikant Witzigmann am Krisenherd. (Bildnachweis: Caro Matzko)

Freitag, 18.11.2011, 15 Uhr 11, München, Glockenbachviertel. Bepackt mit Einkäufen für mein heutiges Kochabenteuer beim Zündfunk bewege ich mich radelnd vom Supermarkt Richtung Zuhause. Dabei erlebe ich ein neues Kapitel in der Kategorie „Peinliche Momente im Leben des Max W.“: Einem Rollstuhlfahrer fällt vor meinen Augen eine Packung Vanillekipferl auf den Boden und ich frage: „Geht’s?“ You say it best, when you say nothing at all.

18 Uhr. Bevor ich mich auf den Weg ins Funkhaus mache, muss ich noch meinem Sohn Alois (9) bei seinem ersten Referat helfen. Thema: Fasan. Ich frage mich, welcher Jeansbügler im Kultusministerium auf die Schnapsidee gekommen ist, dass ein Drittklässler selbstständig Inhalte recherieren und so filtern kann, dass ein vernünftiger Vortrag dabei heraus kommt. Ein Ding der Unmöglichkeit. In Wahrheit gestalten doch die Eltern so ein Referat. Ob das eine Hilfe ist, wage ich zu bezweifeln. Als wandelndes Lexikon des nutzlosen Wissens erzähle ich meinem Sohn, dass die alten Römer gerne eine Fasanenfeder benutzt haben, um ihre bulimischen Mägen zu entleeren, und mit Vorliebe das Hirn dieser hühnerartigen Vögel in Form von Haschee verspeist haben. „Wie gern wär ich ein männlicher Fasan“, sage ich zu Loisi.

„Warum denn?“

„Die haben im Gegensatz zu uns Männern fünf bis acht Frauen gleichzeitig.“

„Boah, stell dir mal vor, Papa“, sagt meine Tochter Leni (7), „die Mama, die kann doch manchmal ganz schön nerven. Das hättest du dann acht Mal.“

Wo sie recht hat…

19 Uhr 15. Seit einer Viertelstunde läuft der Zündfunk, moderiert von Caro Matzko und Ralf Summer. Zu Gast: Jahrhundertkochsohn Max Witzigmann. Caro hatte – inspiriert durch einen Dreh mit Alfons Schuhbeck für ihr TV-Magazin X:eniuis auf arte – die großartige Idee, eine Kochshow im Radio zu veranstalten. Warum nicht? Was im Fernsehen funktioniert, müsste auch im Rundfunk funktionieren. Weshalb ihre Wahl aber ausgerechnet auf mich gefallen ist, kann ich nicht sagen. Egal. Ich bin ihrer Einladung gerne gefolgt, weil ich a) ein großer Zündfunkfan bin und b) traditionsgemäß eine alte Radioschlampe. Von 1993 bis 1998 war dieses Medium die perfekte Spielwiese für mich. Das Highlight meines Rundfunkschaffens: Klub Ma:d, eine Comedy Show, die ich zusammen mit meinem alten Schulfreund Murmel Clausen produziert und moderiert habe. Die Sendung dauerte zwei Stunden. Währenddessen leerten wir standesgemäß mit unseren Freunden mindestens einen Kasten Bier. Die zweite Stunde war meistens besser. Unser Motto: gepflegter Schwachsinn. Dank dieser Einstellung gingen aus dieser Ära das legendäre Duo Erkan & Stefan hervor und die einzige Münchner Boygroup namens Joseph Beuyz.

Worst boy group ever: die Joseph Beuyz (Murmel Clausen, Florian Simbeck, John Friedmann, Christopher Romberg und Max Witzigmann) mit ihrem Vomit-Wonder “Etiam Ancillae”.

19 Uhr 23. Lange habe ich überlegt, was ich heute kochen soll. Zwei Gerichte sollen es sein. Eine ernst gemeinte Umfrage unter meinen Facebook-Freunden ergab: „Ohrmuscheln, Strammer Max, Backpfeifen mit Vanillesauce, Haltsmaultaschensuppe, Caro-ttengemüse mit Matzkohl – alles in einem Topf schön summern lassen, dann durch den Fleischralf drehen und auf kalten Platten servieren.“ Daraufhin schlug Caro Matzko vor: „Wie wär’s mit Occupies?“

Occupies: Kuchen für die Protestbewegung an der New Yorker Wallstreet. Getreu dem Motto: Ohne Mampf kein Kampf. (Bildnachweis: Caro Matzko)

Meine Antwort: „Passend zur Vorweihnachtszeit könnte ich auch ein paar Arbeitsplätzchen backen.“ Wir einigen uns auf das Lieblingsgericht meiner Kindheit. Wie man sich vorstellen kann, wurde bei uns zu Hause immer exquisit gekocht. Meine Eltern hatten ja wahnsinnig viel Zeit, da sie so gut wie nie in ihrem Drei-Sterne-Lokal arbeiten mussten. Deshalb hat unsere Mutter meine Schwester und mich des öfteren mit raffinierten Schmankerln verwöhnt – zum Beispiel mit Ravioli aus der Dose.

“Um Gottes Willen, was sollen denn die Leute von uns denken!” O-Ton von Max’ Mutter Monika Witzigmann, als sie erfährt, dass ihr Sohn Dosenravioli kochen wird. Darauf Max: “Sei froh, dass ich den Hörern nicht erzähle, dass ich als Pausenbrot in den Kindergarten immer eine Tüte Chips mitbekommen habe.” (Bildnachweis: Karin Steinhäuser)

Wie es sich für die Familie Witzigmann gehört hat meine Mama diesen Konservenklassiker entsprechend verfeinert, indem sie die Ravioli mit bestem Gruyère-Käse im Ofen überbacken hat. Für unsere Radiokochshow heute setze ich sogar noch einen drauf und pimpe das Dosenfutter Schuhbeck-like mit Ingwerpulver auf.

Starkoch & Witzigmann-Schüler Alfons Schuhbeck macht McDonald’s zum Sir. Der eigentliche Skandal: Die erbärmliche schauspielerische Leistung aller Beteiligten. Der Authentischste in diesem Spot ist unumstritten der Cola-Becher.

19 Uhr 50. Der leicht defekte Kombiofen, von Caro Matzko liebevoll “Krisenherd” genannt, hat zum Glück nicht seinen Geist aufgegeben und die Radioli perfekt gebacken. „Willst du auch was?“ frage ich Co-Moderator Ralf Summer.

„Nein, danke.“

Konzentriert sich stets aufs Wesentliche: Zündfunkmoderator Ralf Summer.

Auch gut. Bleibt mehr für Caro, die Maskenbildnerin und mich übrig. Schon nach dem ersten Bissen sitze ich in der Küche unserer Schwabinger Mietswohnung am Esstisch, über den eine Plastiktischdecke mit aufgedruckten grünen Bäumen geworfen ist. Caro schmecken die “Radioli” (geniales Wordspiel von Ralf Summer) so gut, dass sie den Käse vom Pfannenheber ableckt.

Unersättlich: Zündfunkmoderatorin Caro Matzko kriegt den Pfannenheber auch quer rein.

Ja, dieses Glutamat kann schon was.

Fluch oder Segen? Fondor – im Küchenjargon auch „Power“ oder „Mariahilf“ genannt.

20 Uhr 20. Als nächstes mache ich mich ans Dessert: Palatschinken mit Nutella, die Lieblingsnachspeise meiner Kinder, die die Sendung zu Hause vorm Radio mitverfolgen.

Während Max Witzigmann das Zündfunkstudio versaut, tanzen seine Kinder Loisi und Leni mit der Nachbarstochter zu ihrem Lieblingslied: Let there be Rock von Tocotronic.

Palatschinken – eines der wenigen Gerichte, das ich stets ohne Rezept zubereite: Mehl, Milch, Eier, eine Prise Salz und einen Spritzer Mineralwasser – das war’s schon. Um den Teig Jahrhundertkochsohn-mäßiger zu gestalten, gebe ich noch Zesten von der Orange und Zitrone dazu sowie – Achtung, jetzt kommt’s – ein bissl Ingwerpulver. Der Alfons wäre jetzt ganz stolz auf mich, glaub ich.

21 Uhr 05. Die Sendung ist vorbei. Bis auf eine angebrannte Palatschinke hat alles wunderbar funktioniert. Ich bin gelöst, weil ich seit langem einmal wieder das gelebt habe, was Kochen eigentlich sein sollte: Spaß.

Stay hungry!

Kommentare

  • ca-rosen-matz-kohl

    Die Radiomaske hat keinen Pickel ausgedrückt. Sie hat ihn nur überschminkt. Das wollte ich doch mal richtigstellen!

  • alex wasowski

    lieber jeden tag dosen radioli von max WITZIGmann als einmal batzlaugenschuhbeckburger im mcD essen müssen, wobei das schon fast “method-acting” ist, was alfons & ulli da leisten….mahlzei,t und wie immer sehr amüsant!!!

  • backpfeife

    Schminken Radio? Wer klärt mich auf?

  • Karl Honegger

    Wie immer gerne gelesen, mit einem Lächeln.

  • Gerhard Schmöller

    Servus Max,
    lese ihn sehr gerne, Deinen Blog.
    Zum Thema angebrannt: http://www.nuvo-group.com/

  • Murmel Clausen

    Ist das nicht eher ein Beitrag zum Thema “hirnverbrannt”, Herr Schmöller?

    Und danke, Max, für das schöne Video. Dass das auch schon wieder 15 Jahre her ist, mag man kaum glauben, es sei denn, man sieht uns aufgequollenen Bierschinken heute durch die Straßen hinken. Vale, frater!

  • Edith

    Heissa, ist das ein schöner Spaß!
    Ein wunderbares Video !!!
    Ich glaube, ich wünsche mir zu Weihnachten eine Neuauflage der boygroup.
    Und ab nächstem Jahr eine Wiederaufnahme des Klub Ma:d, zum Beispiel einmal im Monat vor oder nach dem Zündfunk. Geht das?
    Jungs: Honos habet onus!
    Servus! Max!

  • Fabian

    Das sieht doch gut aus.
    Na wenn im fernsehen klappt warum dann nicht auch Kochsendungen in anderen Medien?