Anzeige

SZ-Diskothek

Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  Keine Kommentare

K.I.Z. im Interview: “Wir wollen Politiker anpöbeln”

Analsex, Verdauungsprobleme, Onanie, das männliche Geschlechtsteil – auf ihrem Album Sexismus gegen Rechts lassen die Berliner Rapper K.I.Z keines dieser Themen aus. Wie kommt es dann, dass ihre neue CD trotzdem alles andere als primitiv geworden ist? Und was haben Schäuble, Haider und Ackermann auf dem Werk zu suchen? Ein Interview mit K.I.Z.-Rapper Maxim über die Lust an der Provokation.

Von Johannes Waechter

kiz1

Anzeige

Vor drei Tagen erschien Sexismus gegen Rechts (Universal), das neue Album der Berliner Skandalrapper K.I.Z.. Bei vielen Eltern und Lehrern dürfte die Gruppe mit dem Penis-Logo für Bestürzung sorgen, denn erneut geht es bei ihnen um Fäkalhumor, Analsex und die ausgiebige Beschreibung von Geschlechtsteilen. Doch was zuerst einen primitiven Eindruck macht, stellt sich beim zweiten Hören schnell als ein sehr unterhaltsames, gewitztes Album heraus, dessen Provokationen in der Tradition der popkulturellen Spaßguerilla stehen und das darüberhinaus auf eine Weise mit der Wirklichkeit interagiert, die man lange nicht mehr gehört hat, so bei Songs über Jörg Haider und selbstmordgefährdete Banker. Ich telefonierte vor ein paar Tagen mit dem K.I.Z.-Rapper Maxim.

Maxim, stimmt es, dass Du auf dem Französischen Gymnasium warst?

Ja, stimmt.

Das ist eines der Berliner Elite-Gymnasien.

Ich bin Franzose. Deshalb bin ich da überhaupt reingekommen. Sonst muss man nämlich einen Eignungstest machen, den hätte ich wahrscheinlich nicht geschafft.

Und Dein Bandkollege Nico ist Student?

Nico hat vier Semester Soziologie studiert, aber inzwischen aufgehört, weil es zeitlich nicht zu schaffen war.

Trotz dieses Hintergrunds geltet ihr als primitive Porno- und Fäkalrapper.

Im deutschen Rap gibt es eine Trennung zwischen bürgerlich, also gebildet, und prollig, also doof. Aber da machen wir nicht mit. In Frankreich ist das ganz anders, da dürfen auch die Straßen-Rapper in Talkshows intelligente Sachen sagen. Aber hier in Deutschland wollen die Medien den Blödmann-Proll. Manchmal geht das so weit, dass die Prolls von sich aus diese Rolle annehmen. Die glauben irgendwann selbst, was in der Bild steht.

kiz_cover1Ihr macht es euren Kritikern aber auch manchmal recht leicht: Auf dem Cover eurer neuen CD Sexismus gegen Rechts liegt ihr in Ketten und werdet von einer barbusigen Domina beaufsichtigt.

Wir stehen auf eine harte Ästhetik, in Texten und Bildern. Wenn das jemand anstößig findet, ist uns das egal.

Auf der CD tauchen etliche Politiker und Wirtschaftsbosse auf: Wolfgang Schäuble, Peter Hartz, Josef Ackermann.

Wir üben keine fundierte Kritik an diesen Leuten, wir werfen denen einfach nur Sachen an den Kopf. Ich finde, dass man sich im HipHop ein bisschen coolere Feindbilder suchen sollte als immer nur irgendwelche anderen Rapper. Wir wollen auch mal Politiker anpöbeln.

Warum machen das so wenig andere Rapper?

Vielleicht weil sie denken, dass sie, sobald sie einen Politiker erwähnen, gleich einen total politischen Text mit Zeigefinger machen müssen, und dann trauen sie sich das nicht zu. Aber Peter Hartz kam auf der Single “Gheddo” von Eko und Bushido sogar im Refrain vor.

Die Finanzkrise taucht bisher nur selten im HipHop auf.

Die Krise ist doch mehr eine Ausrede für Firmen, Leuten zu kündigen. Wer keine Fonds und Aktien hatte, den interessiert die Krise nicht. Ich glaube nicht, dass viele Rapper mit Aktien Geld verloren haben.

Trotzdem habt ihr einen Track über einen Banker gemacht, der aus Ärger über missglückte Spekulationen aus dem Fenster springt.

Den hatten wir schon vorher gemacht. Die Finanzkrise kam erst danach. Vielleicht haben wir sie ja gestartet, als Promo-Move?!

Sogar ein Anti-Haider-Lied ist auf der CD.

Eigentlich ist es ein Pro-Haider-Lied.

Ich vermute stark, dass im Refrain eine gewisse Ironie steckt: “Jörgi Jörgi Jörg – I miss you”.

Ja, könnte wohl sein.

Trotz der ganzen Politik geht es auf dem Album aber auch um Pimmel, Analsex, Durchfall, Onanie ...

Ohne den Spaß ist es nichts wert. In dem Comic V for Vendetta sagt der Typ, eine Revolution, bei der nicht getanzt wird, ist es nicht wert, sie zu machen. Der Spaß muss sein: Das ist der Grund warum, wir rappen – nicht, um Politik zu machen. Wenn die Poltik im Weg steht, wird sie halt auch weggeboxt.

Im Lied “Klopapier” kommen Zeilen vor wie: “Der Dünnschiss presst wie ‘ne Mutter in den Wehen / Und ick frage mich, wo mach’ ich den Haufen.” Ihr habt, soviel kann man wohl sagen, Spaß an der Provokation.

Viele Leute sagen, oh, wir sind jetzt auch nach Kreuzberg gezogen, wir sind so locker und tolerant. Und dann hören die sowas und sind voll schockiert. Es macht uns enorm Spaß, solchen Leuten zu zeigen, dass es immer noch wie früher ist: Ihr wisst gar nichts!

Die Provokation war lange ein Kennzeichen der Popmusik. Aber heute gibt es kaum noch Künstler, die schockieren.

Uns wird oft vorgeworfen, was wir machen, wäre nur Provokation; da sei gar keine Message dahinter. Die Leute verstehen nicht, dass es mittlerweile ziemlich schwer ist, jemanden zu provozieren. Im Berliner Rap sind Schimpfwörter oder Gewaltandrohungen total normal. Das hat überhaupt nichts schockierendes mehr, sondern etwas extrem angepasstes.

Euer Lied “Das System” enthält die vielleicht ultimative Provokation: Als weltweit erste Rapper rappt ihr nicht über große, sondern über mikrospkopisch kleine Penisse.

Viele Leute werden dankbar sein, dass wir dieses Problem endlich angesprochen haben. 90 Prozent der männlichen Mitbürger haben jetzt ihre Hymne.

Kommentare

Noch keine Kommentare