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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Jan Delay im Interview: “Ich will nicht Bono sein”

Mit seinem neuen Album Wir Kinder vom Bahnhof Soul setzt Jan Delay seine Forschungsreise ins Herz der Black Music fort: Nach Reggae und Funk widmet er sich nun dem Discosoul der späten Siebziger. Im Interview erkärt Jan Delay, wie schwierig es ist, diesen Sound heute zu reproduzieren, und verrät, warum er nicht als Polit-Rapper "Jan Biermann" in die Popgeschichte eingehen möchte.

Von Johannes Waechter

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Jan, am Freitag erscheint Deine neue Platte Wir Kinder vom Bahnhof Soul. Was ist für Dich Soulmusik?

Ich habe für den Titel nach einem Wortspiel mit “Soul” gesucht, um damit ein gewisses Gefühl zu umschreiben, eine Fülle von Herzblut und Leidenschaft. Wenn man hört, dass derjenige, der da singt, es auch wirklich meint, wenn er eins ist mit seiner Aussage. So eine Art von Soul finde ich bei allen Künstlern, die ich liebe, bei Mary J. Blige genauso wie bei Rage Against The Machine oder Public Enemy.

Zugleich ist Soul ein eindeutig definierter Stil –

– klar, Aretha Franklin, Wilson Pickett, Sam & Dave, Otis Redding. Unfassbar gute Sänger, die so viel Gefühl in ihre Kunst, in ihren Gesang stecken, dass man jedes Mal in Tränen ausbrechen möchte. Mit der Zeit wurde das immer weniger, weil es in der Popwelt um andere Dinge ging. Es gibt aber sicherlich noch Leute, die man als echte Soulsänger bezeichnen kann.

Bist Du Plattensammler?

War ich auf jeden Fall, bis die Digitalwelt mich eingeholt hat. Ich war der krasseste Plattensammler. Mit den ganzen Soul-Platten auf Atlantic bin ich aufgewachsen, die habe ich schon als Kind immer gehört.

Und später gesampelt?

Ja, voll. Mit vierzehn bin ich an den Plattenschrank meiner Eltern gegangen und habe mir alles rausgenommen, wo ein funky Schlagzeug drauf war, oder ein Bass. Und dann bin ich über Flohmärkte und durch Plattenläden gezogen.

Deine neue Platte ist inspiriert vom Soul- und Discosound der späten Siebzigerjahre.

Voll. Auf der letzten Platte gab es Anleihen beim Funk der frühen Siebziger, dem einfacheren Funk, diesmal wollten wir uns bewusst auf die späten Siebziger und frühen Achtiger beziehen.

Als der Sound smoother und opulenter wurde.

Aber auch technisch ausgereifter, vom Soundbild her viel besser. Johnny “Guitar” Watson, Chic, die Alben von Michael Jackson und Quincy Jones – das war das, wo wir hinwollten.

Kann man so einen Sound heute überhaupt noch reproduzieren?

Das war unser großes Ziel, und wir haben es voll und ganz hingekriegt. Wir wollten erreichen, dass du im Club einen Song von meiner Platte zwischen Johnny “Guitar” Watson und Chic spielen kannst, und der kackt nicht ab und passt genau da rein.

Was ist die größte Herausforderung bei so einem Projekt?

Alles! Als allererstes brauchst du eine eingespielte Band, die diesen Musikgeschmack auch teilt. Dann brauchst du jemanden, der weiß, was er will, und zu den Musikern sagt, hier spielst du das und du das. Dann brauchst du einen Toningenieur wie meinen Freund Tropf, der sich zutraut, so ein Vorhaben anzugehen. Dann brauchst du ein Studio, in dem du die Möglichkeit hast, mit hochklassigen Mikrofonen und Zwei-Zoll-24-Spur-Bandmaschinen aufzunehmen. Wenn du das alles beherzigst und dann noch jemanden hast, der schon 1979 dabei war und das Schlagzeug so mikrofonieren kann wie damals bei Chic – wenn dir bis dahin noch nicht die Luft ausgegangen ist, kannst du das hinkriegen.

Vor ein paar Monaten habe ich mit Roger Cicero gesprochen. Der hat den Prozess, wie seine aktuelle Platte entstand, genauso beschrieben wie Du gerade.

Roger Cicero – was soll ich dazu sagen? Das ist nicht meine Musik und hat für mich auch nichts mit der Art von Soul zu tun, von der ich vorhin geredet habe. Das ist konstruierter Soul.

Auf Deinen früheren Platten waren immer viele politische Lieder. Jetzt geht es eher um Spaß und Party.

Oberflächlich gesehen stimmt das, aber ich meine, dass auch in den Liedern, die für Dich Party-Lieder sind, viel Gesellschaft, Moral und Liebe steckt.

Viele würden vielleicht erwarten, dass Du zur Wirtschaftskrise Stellung nimmst.

Genau deshalb mache ich es nicht. Weil es vorhersehbar und langweilig wäre. Ich bin natürlich immer der erste, der als Teilnehmer bei irgendwelchen Polit-Aktionen gefragt wird, und ich mache das auch oft – aber nur, wenn ich mir ganz sicher bin und wenn es sich nicht in der Vergangenheit angehäuft hat. Und wenn noch ein paar andere ihre Fresse dafür hinhalten. Ich will nicht der Bono sein. Das ist ein Scheißjob.

Überrascht hat mich der Song “Kommando Bauchladen”, bei dem es darum geht, dass die großen Ketten die kleinen Läden verdrängen.

Das wundert mich jetzt, dass es Dich wundert, denn das ist es doch, was man von Jan Biermann erwartet.

Ich hätte nicht gedacht, dass dieses eigentlich recht trockene Thema so gut als Song funktioniert.

Der Casus Knaxus bei jeglichem politischen Problem ist sowieso immer, dass es nur dann als Song Sinn macht, wenn man es unterhaltsam vorbringen kann. Sonst kann man gleich ein Flugblatt schreiben.

Ich möchte eine meiner Lieblingsstellen auf dem Album zitieren: Du reimst “richtig funky” auf “das mach ich doch mit links wie Ypsilanti”. Bestimmt das erste Mal, dass Andrea Ypsilanti in einem Popsong vorkommt.

Klar. Weil da erstmal so ein geiler Vergleich herkommen muss und ein guter Doppelreim – und dann findet das auch statt. Dass so etwas nicht häufiger zu hören ist, liegt daran, dass zu wenige Rapper in der deutschsprachigen Popmusik agieren. Einem normalen Texter würde so eine Zeile nie einfallen, weil der sich viel zu wenig mit Reimen und Wortspielen auskennt.

Wie ist die Lage im deutschen HipHop?

Die Gangstarap-Sache hat sich ein bisschen erledigt. Es gibt aber ein paar Sachen, die ich echt neu und fresh finde, zum Beispiel Marsimoto, der auch manchmal Marteria heißt, oder K.I.Z., oder Huss und Hodn aus Köln. Die haben Humor und sind kreativ und sorgen dafür, dass ich optimistisch in die Zukunft blicke.

Dein alter Kollege Denyo hat mir neulich erzählt, dass es irgendwann ein neues Beginner-Album geben wird.

Definitiv. Wir machen unsere Solo-Platten, touren, machen dit und dat, und wenn das alles erledigt ist, werden wir uns zu dritt irgendwo hin verziehen und dann mal machen. Wir werden aber bestimmt erst im übernächsten Jahr anfangen. Vor 2012 kann man nicht mit einer neuen Beginner-Platte rechnen.

Fotos: Matthias Bothor

Kommentare

  • Delay – Oh Jonny « Doppelhopp

    [...] – Oh Jonny By blavont Erst gestern, dank des SZ-Interviews, entdeckt. Feines Teil, etwas zu lang [...]

  • ramata diakite

    nach mercedes dance noch kollegen mit “konstruierte musik” zu dissen ist mutig, herr delay. und das video oben hat ja nun mit soul soviel zu tun wie meine mutter vielleicht. ja, nee, rente

  • Tobias

    Jan Delay ist von einem Hip-Hop Bandmitglied zu einem ernstzunehmenden Solokünstler gereift. Seine Musik inspiriert, macht gute Laune (Oh Jonny, Kommando Bauchladen) und selbst die Melancholie (Hoffnung) kommt auf dem neuen Album nicht zu kurz. Das es keine Soulplatte ist, hat er nie behauptet. Und genau der interessante Genremix macht “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” für mich so spannend!