Dieter Meier im Interview: “Die Popmusik ist angestaubt”
Dieter Meier war Aktionskünstler (mit Documenta-Einladung), singt seit dreißig Jahren bei Yello und besitzt inzwischen sogar eine Software-Firma. Anlässlich des neuen Yello-Albums Touch spricht er über den Umbruch der Musikindustrie, die schwindende Bedeutung des Pop und die Schwierigkeiten bei der Beseelung von digitalen Klängen.
Von Johannes Waechter
Am 1. Oktober präsentieren Sie in Berlin das neue Yello-Album Touch. Heißt das, dass Sie nach dreißig Jahren zum ersten Mal mit Yello auf der Bühne stehen werden?
Nicht ganz. Wir haben digitale Bühnenbilder gebaut und uns dann, vor Bluescreen gedreht, in diese Bühnen hineingerechnet. Es ist eine gefilmte Show, die als solche nie stattfand. Wir werden also nicht live auf der Bühne stehen.
Nicht mal für den Schlussapplaus?
Ich werde ganz am Anfang kurz auf die Bühne kommen. Vielleicht singe ich auch ein Lied. Aber die eigentliche Show ist ein virtuelles Konzert.
Wieso haben Yello nie Konzerte gegeben?
Weil unsere Musik dazu nicht geeignet ist. Boris Blank ist ein Klangmaler, der in seinem Studio lebt und seine Klangbilder zusammenstellt. Das dann auf der Bühne zu reproduzieren, respektive so zu tun, als würden wir es reproduzieren, wäre ein eigenartiges Verfahren, denn es müsste etwas Vorprogrammiertes ablaufen. Wir sind keine Rockband, die ihre Klänge live erzeugen und direkt aufs Publikum eingehen kann.
Bevor Sie Popstar wurden, waren Sie Performance-Künstler. Lampenfieber dürften Sie also keines haben.
Nein, in der Hinsicht habe ich kein Problem. Wobei meine Aktionen als Konzeptkünstler relativ wenig mit Auftritten auf einer Popbühne zu tun hatten. Das waren Manifeste des Nichts.
Als legendär hat inzwischen Ihre Aktion bei der Documenta 5 im Jahr 1972 zu gelten: Sie ließen in Kassel eine Platte in den Gehweg einbetonieren, mit der Aufschrift “Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen.” Und Sie machten die Ankündigung tatsächlich wahr.
22 Jahre habe ich unter der Fuchtel dieser Vermessenheit gelebt und mich auch ein bisschen gefürchtet, ob die Götter mich wohl strafen und am Tag vorher von einem Bus überfahren lassen würden. Aber das war eine lustige, rührende Sache. Ursprünglich dachte ich, dass ich da relativ alleine stehen würde, es kamen jedoch ganz viele Leute, weil ich in der Zwischenzeit unbeabsichtigt zum Popkünstler geworden war. Einige Leute reisten sogar aus dem Ausland an. Es kamen aber auch Leute, die über Jahre immer wieder an dieser Platte vorbeigegangen waren und sich gefragt hatten, wer das sei, der da stehen würde, und ob sie dann noch leben würden. Die ganze Aktion war wie ein Memento Mori.
Halten Sie das Popkonzert für ein angestaubtes Präsentationsformat?
Das kann man so generell nicht sagen, es gibt natürlich nach wie vor wunderbare Performer und Sänger. Vielleicht ist aber die Popmusik an sich etwas angestaubt. In allen Kategorien der Kunst gibt es immer nur ganz kurze Aufbrüche, bei denen etwas Neues geschieht – und danach jahrelange epigonale Agonien. Ganz unersprießlich finde ich das im Jazz, mit dem ich in den Fünfzigern und Sechzigern aufgewachsen bin. Ich glaube, dass wir jetzt in einer Zeit des Umbruchs leben. Die Leute haben genug von dieser scheinbar aggressiven Rapperei, die zum Songkitsch für die Mittelklasse verkommen ist und bis zu den Klamotten imitiert wird.
Wird es in Zukunft noch Stars geben, wie Michael Jackson einer war?
Die wird es absolut geben. Allein der Transportweg der Inhalte, des Contents, verändert sich. Die neuen Strukturen sind im Moment noch nicht klar definiert, deshalb befinden sich die Plattenfirmen gerade in dieser Misere, die sie allerdings selbst verschuldet haben. Ich finde es erstaunlich, dass die Plattenfirmen ein dubioses Format wie die CD, die ja viel schlechter klingt als die Vinylplatte, unverändert seit 28 Jahren verkaufen, in einer Zeit, wo sich die Technologie rapide verändert und man längst etwas viel besseres hätte auf den Markt bringen können. Die Leute wollen doch gar nicht stehlen! Die stehlen nur, weil sie von der Industrie so ungut behandelt werden mit diesen CDs. Die Firmen erwarten, dass die Leute immer noch 15 Euro bezahlen für diese uralte Kompressionscheibe, die auch noch völlig unsexy ist in der Berührung. Es gibt keine andere Industrie, die es wagt, den Menschen 25 Jahre lang die gleiche minderwertige Qualität zu verkaufen.
Werden also die Plattenfirmen, wie wir sie kennen, verschwinden?
Nein, weil es auch in Zukunft jemanden braucht, der Künstler entdeckt, aufbaut und beschützt. Bald werden wir Musik übers Handy streamen, bei guter Qualität, und wenn das erst einmal geregelt ist, wird sich das Musikgeschäft auch finanziell wieder lohnen. Stars wird es auch weiterhin geben. Die Frage ist, wie lange es dauert, bis es wieder einen Star gibt, der so innovativ ist wie es Michael Jackson als Gesamtkunstwerk war.
Verliert die Popmusik auch deshalb an Bedeutung, weil sie in unserer Toleranzgesellschaft als Vehikel jugendlicher Rebellion gar nicht mehr gebraucht wird?
Es stimmt, die Welt ist liberaler geworden. Das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern ist ganz anders als vor zwanzig, dreißig Jahren. Die Autoritäten sind ein Stück weit aufgelöst, der Dialog geht immer mehr in Richtung des herrschaftsfreien Diskurses, den Herr Habermas richtigerweise als Grundlage jeder Demokratie fordert. Man braucht heute kein Rebell mehr zu sein.
Vielleicht könnte irgendeine technische Neuerung den Pop neu beleben. In der Vergangenheit haben Erfindungen wie die E-Gitarre oder der Sampler schnell zu neuen Ausdrucksformen geführt.
Die Technologie, die das Hervorbringen von Musik demokratisiert hat, war ganz, ganz wichtig. Die Produktionsmittel sind inzwischen dank Software-Entwicklung so erschwinglich geworden, dass jemand, der eine Platte machen will, sich mit minimalsten Mitteln musikalisch ausdrücken kann. Es ist eine wunderbare Entwicklung, dass heute jeder an seinem Küchentisch eine CD machen kann, die so gut klingt wie eine CD, für die man vor zehn Jahren für 5000 Dollar am Tag ins Studio gehen musste.
Sie haben selbst eine Firma, die in diesem Bereich tätig ist.
Ja, wir machen dasselbe beim Film. Meine Firma heißt Euphonix und sitzt im Silicon Valley. Wir stellen Gerätschaften wie Mischpulte und Color Grading Units her, die wir mit Apple zusammen vertreiben, mit Final Cut Pro. Das führt dazu, dass man tatsächlich 90 Prozent der Post Production eines Films, auch eines großen Films, bei sich zu Hause machen kann, mit Produktionsmitteln für ein paar tausend Dollar. Diese Demokratisierung wird sehr interessante Dinge hervorbringen.
Yello haben schon sehr früh digital produziert. Wieso waren Sie Ihrer Zeit voraus?
Es war kein besonderes Trendgespür, sondern das schlichte Unvermögen, auf andere Weise Musik zu amchen. Boris Blank ist ein Urmusiker, aber er durfte nie ein Instrument lernen und hat deshalb mit Gegenständen Musik gemacht, die er zu Hause gefunden hat. Um die Besengeräusche auf einer Snaredrum nachzuahmen, hat er ein Stück Zeitung auf seinem Küchentisch herumgeschoben. Boris wollte nie ein Avantgardist sein; aus der Not heraus, nichts wirklich spielen zu können, hat er einen Klang der Armut entwickelt. So hat er auch schon sehr früh angefangen zu samplen, bevor es überhaupt digitale Sampler gab. Seine Trommelsachen hat er auf Kassette aufgenommen, diese Kassette hat er dann abgespielt und dazu wieder andere Kläge gemacht. Solche Overdubs mit Mikrofon haben natürlich dazu geführt, dass auf den Bändern ein unglaubliches Rauschen entstand – als hätte man das unmittelbar vor dem Rheinfall aufgenommen.

Auf der Euphonix-Homepage sagen Sie über Yello: “For us, it’s all about creating music with a digital instrument but giving this music warmth, giving it emotions, giving it life.” Für mich ist die Beseelung digitaler Klänge eine der zentralen Zukunftsfragen des Pop. Wie macht man das?
Man darf keine Klänge von der Stange nehmen. Die technische Entwicklung hat es mit sich gebracht, dass viele Leute, anstatt die Instrumente zu spielen, von den Instrumenten gespielt werden. Um digitale Klänge zu beseelen, muss man Klänge so unglaublich lieben wie Boris Blank. Boris ist wie ein Maler, der Klänge zusammenmischt, bis sie ihm diese Wärme geben, nach der er sucht, bis sie ganz subjektiv diesen Puls haben. Er ist schon fast ein Klangfetischist, er arbeitet wochenlang an einem Basssound und dringt dabei tief in die Zusammensetzung dieses Sounds ein. Ich glaube, dass daraus diese Wärme ensteht – weil man den Menschen spürt, der den Klang erfunden hat.
Das bedeutet, dass man in der digitalen Welt eine größere Hingabe an die Musik entwickeln muss. Aus einem E-Bass kann schließlich jeder Amateur wunderbar warme Töne herausholen.
Ja, klar. Jeder kann heute ein digitales Symphonieorchester kaufen, zerteilt in die einzelnen Instrumente. Aber so etwas muss man zum Leben erwecken. Sonst spürt man, dass da nicht ein echter Bassist im Studio stand, sondern dass jemand auf eine Taste gedrückt und den Basssound aus dem Sampler geholt hat.
Weil man genau das recht häufig spürt, haben viele Menschen inzwischen Sehnsucht nach dem alten, analogen Klang, der als wärmer und natürlicher empfunden wird.
Die musikalische Entwicklung war stets auch eine technische, und es ging immer darum, die neue Technik zu beseelen. Jeder, der seinem Instrument das geben kann, was im Flamenco “El Duende” heißt, wird eine Existenzberechtigung haben.
Al Dente?
El Duende. Das ist der Geist, der die Musik durchdringt.
Das Album “Touch” erscheint morgen bei Universal Music, das virtuelle Yello-Konzert findet heute abend im Berliner Kino International statt.
Fotos: Ben Wolf
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[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Michael Buller und Jens Banach erwähnt. Jens Banach sagte: Er lebt noch! Dieter Meier im Interview bei der SZ: http://bit.ly/1McPM #Pop_Heroes [...]
10 Uhr 27
Dieter Meyer ist angestaubt.
Seit 13 Jahren auf dem gleichen (schweizerischen) Trip.
Gleichzeitig super abgehoben.
Echter, unkreativer Hochmut.
22 Uhr 31
Vor allem die letzten beiden Fragen sind sehr gut, weil man das Dilemma spürt, in dem der Schweizer steckt:
1) Man merkt: Der Weg zurück in die analoge Welt ist ihm versperrt, und das fuchst ihn gewaltig!
2) “Al Dente”. Hilarious. Waechter, ich werde langsam zum Fan…!
Trotzdem finde ich die Analyse des Musikmarktes von ihm sehr treffend und intelligent. Die CD ist Müll und hat der Industrie im Prinzip immer geschadet, das sage ich seit 25 Jahren. Sie war ein reines Strohfeuer, das längst verbrannt ist.
17 Uhr 15
Ich glaube ihr kennt die wirklich guten Scheiben gar nicht….
Claro que si habe ich mir in meiner Jungend noch und noecher reingetan, Wahsinnsscheibe. Damals wie heute ein Trip in andere Welten.
Dieter Meier ist nicht arrogant sodern man nennt das Charisma. Es gibt nur wenige Menschen bei dem man beim zuhören gefesselt wid, Dieter ist so einer.