Bob Dylans Weihnachtsalbum: Was soll das?
Bob Dylans Weihnachtsalbum Christmas In The Heart ist da – und löst bei vielen Fans Befremden, Ärger und Entsetzen aus. Warum singt Bob Dylan auf einmal von Schneemännern und Schlittenfahrten? Ein Erklärungsversuch.
Von Johannes Waechter
Als ich zum ersten Mal Bob Dylans Weihnachtsplatte Christmas In The Heart hörte, musste ich an eine witzige Dylan-Meldung denken, die vor zwei Jahren die Runde machte. Kinder in einem Nobel-Vorort von L. A. hatten ihren Eltern erzählt, ein “weird man” käme regelmäßig mit seiner Gitarre in ihren Kindergarten und singe “scary songs”. Bei dem Kinderschreck handelte es sich um Bob Dylan, dessen Enkel – der Sohn von Jakob Dylan – ebenfalls diesen Kindergarten besuchte. So wie Dylans Kinderlieder die armen Kleinen verängstigten, so wird auch jeder Hörer, der eine normale Dylan-Platte erwartet, vor Christmas In The Heart erschrecken: Das Album ist der reinste Weihnachtskitsch, inklusive Schneemann, Schlittenglöcklein und jubilierendem Engelschor.
In der Dylan-Gemeinde ist deshalb die Aufregung groß. “The first question is: Why? Really, why?”, fragt MOG und bringt die Verwunderung der Fans auf den Punkt. Warum ein Album mit traditionellen Weihnachtsliedern? Was soll das Ganze? (Mein Lieblingszitat aus dem Expecting-Rain-Forum: “This album is a cut’n'shunted, pimped up sh*temobile in lurid vomit colour and its GPS is fixed permanently on a one-way trip to Cheeseypantstown”)
Abgesehen von der Vermutung, dass Dylan womöglich seit seiner Kindheit eine bislang unterdrückte Schwäche für Weihnachten und Weihnachtslieder hat, erscheint mir folgende Erklärung am plausibelsten. Man weiß, dass Dylan der Ansicht ist, die amerikanische Popmusik würde nach langem Siechtum nun kurz vor dem Dahinscheiden stehen. In den vergangenen Jahren ist er in seinen Memoiren, seiner Radioshow und diversen Interviews für Musikstile der Vergangenheit – Blues und Folk, aber auch Showtunes, Jazz, Crooner-Pop – eingetreten, stets mit der impliziten These, dass die Art, wie damals musiziert wurde, auch heute noch relevant ist.
Der Beweis für diese These waren die Alben Love & Theft, Modern Times und Together Through Life; hier gelang es ihm, seine eigene Musik durch Eintauchen in die alten Stile zu revitalisieren, den digitalen Schleier abzustreifen, den die neuen Aufnahmemethoden auf die Musik legen. Christmas In The Heart wäre da ein nächster, sogar einigermaßen logischer Schritt: Nun probiert er dieses Konzept nicht, wie bei den vorigen Alben, mit Blues und Folk aus, sondern unter Rückgriff auf den Jazz-Pop von Bing Crosby und Nat King Cole. Damit auch der letzte, der diese Platte hört, versteht, dass Dylan mit der aktuellen Rockmusik nichts zu tun haben will.
Was aber taugt die Platte musikalisch? Schon die Songauswahl wird viele befremden: Kinderlieder (“Here Comes Santa Claus”), winterliche Romantik (“Winter Wonderland”), Kirchenlieder (“Hark The Herald Angels Sing”), ein Blues, ein Hawaii-Song, eine Polka-Nummer; mit “O’ Come All Ye Faithful” ist sogar ein Song aus dem Jahr 1743 enthalten, der unter dem Titel “Nun freut euch, ihr Christen” auch in deutschen Kirchengesangbüchern zu finden ist.
Dieses Material wird im Stil der Fünfzigerjahre inszeniert. Drummer George Receli streicht mit Besen auf der Snare herum, der Jazzgitarrist Phil Upchurch spielt dezente Läufe, Donnie Heron und David Hidalgo geigen sanft und romantisch daher; im Zentrum aber steht der Gesang: Dylans Krächzen wird dabei von einem Popchor flankiert, der auch von einer Dean-Martin-Platte stammen könnte und der Christmas In The Heart sehr deutlich in der entschwundenen Welt der Crooner verankert. So einen Chor hat seit Jahrzehnten niemand mehr auf eine Popplatte gepackt, und im Zusammenklang von Dylans verwitterter Stimme und dem himmlisch reinen Klang dieser sieben Sänger liegt für mich der musikalische Reiz der Platte.
Der große Schwachpunkt des Albums ist allerdings der Sound. Dylan hat die Platte unter seinem Pseudonym “Jack Frost” selbst produziert und ist dabei, technisch gesehen, an seine Grenzen gestoßen. Besonders seinem Gesang fehlen die Konturen, und auch die Instrumente klingen teilweise matschig und ausdruckslos. Diese Schwäche ist umso eklatanter, wenn man sich an den Sound erinnert, der eigentlich erreicht werden sollte: Der großartige Raumklang und die Wärme des Fünfziger-Pop ist hier auf eine billige Heimstudio-Version zusammengeschnurrt. So zeigt Christmas In The Heart letzten Endes auch, wie weit entfernt wir von der Ära der Crooner schon sind.
“Christmas In The Heart” ist am vergangenen Freitag bei Sony Music erschienen.
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20 Uhr 19
Eigentlich wollte ich dieses Dylan-Album auslassen. Aber der Artikel hier oben läßt mich zweifeln. All das beschriebene “Negative” ist genau das, was ich am Pop liebe. Auch die Nicht-Jazz-Sachen von Nat King Cole habe ich erst spät entdeckt und dann geliebt. Und Dean Martin sowieso! Toll!
22 Uhr 31
Dylan wird überschätzt
23 Uhr 21
so typisch dylan. wartet ab, kurz vor weihnachten weiß wieder keiner wie er seine liebsten beschenken soll, und dann wird dieses Album der Renner. Oder anders: “Nightmare before Christmas” wird auch jedes Jahr wiederholt, oder?
Und dann kommen die Enkel und sagen, daß sie noch nie so schön gruselige Weihnachtsmusik gehört haben und kennen ab da den Namen von his bobness.
00 Uhr 16
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Peter Jakobs erwähnt. Peter Jakobs sagte: why? RT: @giesebrecht:et al Och nö, was macht Bob Dylan da? Dylans Weihnachtsalbum löst Befremden aus. http://bit.ly/NnnkK [...]
06 Uhr 23
Vielen vielen Dank für diesen hochnäsigen Kommentar, lieber SZ-Autor.
Vor allem glänzen Sie ja ganz prächtig mit dem Abdrucken eines englischen Zitates, das für mich – obwohl ich ein leidliches Englisch spreche – kaum verständlich ist.
Machen Sie ruhig weiter so.
Übrigens, mal abgesehen von ihrem Eindruck, ob das ganze Technisch gut aufgenommen ist- die Liedauswahl ist gut. Weihnachten ist eben Weihnachten?!?! Wenn Ihnen die Lieder nciht gefallen dürfen Sie eben kein Weihnachtsalbum anhören. So einfach ist manchmal die Welt….
07 Uhr 48
@ vom Ding her
Vielen Dank für den Kommentar, aber so einfach ist es vielleicht doch nicht. Weihnachtslieder gibt es schließlich in jedem erdenklichen Genre, und bei seiner Radioshow über “Christmas” hat Dylan viele Weihnachtslieder aus Country, Blues und Jazz gespielt. Ich hatte gehofft, dass sein Weihnachtsalbum mehr in diese Richtung geht und war deshalb überrascht, zwischen dem “Christmas Blues” und dem hawaiianischen Song so viele Kirchenlieder zu entdecken. Die kann man mögen, aber man kann sich auch guten Gewissens darüber wundern, denn in den letzten vierzig Jahren hat niemand, der als Rockstar gilt, eine solche Platte gemacht. Im übrigen mache ich mir die negativen Zitate aus den Blogs ja nicht zu eigen. Ich mag die Platte inzwischen ganz gern und glaube vor allem, dass auch eine kräftige Prise Humor drinsteckt.
09 Uhr 43
Da wollte auch ich schon das Fallbeil vernichtender Kritik über diese “Geldmach-Masche” schwingen und les dann noch rechtzeitig, dass er seinen Erlös zu 100% an die Organisation “Feeding America” also eine Armenspeisung, gibt
Damit ist die Platte rehabiliert. Amen.
10 Uhr 21
“Da wollte auch ich schon das Fallbeil vernichtender Kritik über diese “Geldmach-Masche” schwingen und les dann noch rechtzeitig, dass er seinen Erlös zu 100% an die Organisation “Feeding America” also eine Armenspeisung, gibt”
Eine Info, die auch der Kommentar durchaus hätte erwähnen dürfen…
12 Uhr 49
kaum zu glauben
14 Uhr 00
Hier nachzulesen
http://feedingamerica.org/newsroom/press-release-archive/bob-dylan.aspx
15 Uhr 56
…zum Klang der Platte: na ja, wenn das von der 3G gehoert werden wird, die dem Datenreduktionsgott MP3 huldigt – die werden das ueberhaupt nicht bemerken. Und fuer uns aeltere Knochen gilt: unser Hoervermoegen ist eh nur noch in den mittleren Frequenzen begrenzt vorhanden. HiFi – SchmiFi. Und Phil Spector sitzt den Rest seines Lebens im Knast, weil er gemordet hat. “Do they know Christmas at all?”
17 Uhr 40
Instrumentierung und Chorgesang wie in den Vierzigern und Fünfzigern – in den USA: kitschig, schmalzig. Und wenn man glaubt, mehr Schmalz geht nicht, dann gibts Christmas auf Hawai. Dylan lebt seine Kindheitssehnsüchte aus – und geht auch dann noch einen Schritt weiter. Wenn schon Weihnachtsverklärung, dann bis zum Exzess.
Natürlich ist dieses Weihnachtsgeschenk Ironie, zum Glück packt sich Dylan aber mit hinein. Wenn sich das Projekt nicht schon durch die 100%ige Abgabe aller Gewinne an eine Tafel in den USA legitimierte, dann durch den Spaß, den man beim überraschten Aufpacken des Geschenks hat. Man denke nur an die 1. Strophe von “O come all you faithful”, die Dylan – auch hier mehr als traditionell – in lateinischer Sprache singt (Adeste fideles…).
11 Uhr 31
Finde ich zwar wirklich etwas befremdlich, aber beim anhören garnicht sooo daneben…
http://muenchenslieblingslied.blogspot.com/
12 Uhr 14
Was sollen die Analysen….beim Hören der CD musste ich zeitweise herzhaft lachen, einfach etwas schräg die ganze Sache. Und getanzt dabei habe ich in meiner küche auch ab und zu.
Das reichte mir für einen vergnügten Abend mit Dylan als glaubwürdigen Santa Claus.
08 Uhr 09
[...] für wirklich hartgesottene Dylan-Fans (mit [...]
20 Uhr 51
Meine Meinung zu Santa Bobs Wehnachtsalbum findet Ihr hier:
http://jojoclub.musikbloggo.de/4916/Zipfelmutze-II/
10 Uhr 28
am nikolaustag einfach mal das zum vergleich heranziehen:
http://www.youtube.com/watch?v=h4RGlF_TnDU
14 Uhr 34
@ Segreb
Ach, wie toll. Mein Kompliment für dieses tolle Video.
13 Uhr 26
Wie bemüht gebildet und gewohnt überheblich die Rezension ausgefallen ist. Natürlich stellt man auch nicht die Frage nach der möglichen spirituellen Bedeutung von Weihnachten für Dylan, der in den 70 er Jahren zum Christentum konvertierte und damals drei durch und durch religiöse Alben veröffentlichte.
Das spirituelle Mysterium von Weihnachten kann Menschen auch heute noch berühren. Und verändern. Bei manchen reicht es nur für ein paar rührselige Momente. Bei anderen reicht es für das ganze Leben ;-)
14 Uhr 53
Der Kritik an diesem Album kann ich leider nur zustimmen. Das heißt aber noch lange nicht, dass Dylan es nicht mehr kann und schon gar nicht, dass er überschätzt wird. Seine Genialität im Songschreiben konnte er natürlich auf einer Platte, die aus lauter Covers besteht, auch nicht ausspielen. Ich wünsche ihm irgendwann noch den Literatur-Nobelpreis! http://www.example1.info/