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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Marc Ribot im Interview: “Wenn man mich erkennt, mache ich etwas falsch”

Der Gitarrist Marc Ribot gehört zu den gefragtesten Studiomusikern der Welt. Er ist auf Erfolgsalben von Tom Waits, Norah Jones und Elvis Costello zu hören, verfolgt daneben aber mit unerbittlicher Konsequenz krachige Avantgarde-Projekte. Im ausführlichen Interview spricht Marc Ribot über die Gemeinsamkeiten von Pop und Avantgarde, seinen Förderer Tom Waits und den Geist von Elvis-Gitarrist Scotty Moore.

Von Johannes Waechter

Vergangene Woche war Marc Ribot in der Stadt und spielte mit seiner Band Ceramic Dog im Nightclub des Hotels Bayerischer Hof. Es war das letzte Konzert einer kurzen Tour, die ihn an elf Tagen in elf europäische Städte führte. So war Ribot ein wenig erschöpft, als er mir im Hotel-Restaurant gegenüber saß; während des Interviews verzehrte er ein Gemüse-Laiberl und einen Wintereintopf. Seine aktuelle Veröffentlichung: Lucien Dubuis Trio & Marc Ribot – Ultime Cosmos. Außerdem ist er auf der neuen Norah-Jones-Platte zu hören, die nächste Woche erscheint.

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Marc Ribot, Sie kommen aus der New Yorker Avantgarde, sind als Gitarrist aber auch auf erfolgreichen Pop-Platten zu hören. Wie gelingt Ihnen dieser Spagat?

Ich habe immer beides gemacht. Die New Yorker Avantgarde hat mich geprägt, die Ästhetik von Leuten wie John Zorn oder Elliot Sharp ist Teil meiner eigenen Projekte. Aber ich habe keine Berührungsängste dem Pop gegenüber. Ich respektiere die Kunst des Songwriters und mag es, einen Text zu interpretieren. Viele Projekte haben für mich auch einen handwerklichen Reiz; für mich ist es immer interessant, mit anderen guten Musikern zusammenzuspielen, wie jenen, die T-Bone Burnette und Joe Henry in L.A. um sich geschart haben. Selbst wenn ich mal künstlerisch nicht hundertprozentig hinter der Sache stehe, hänge ich mich auf handwerklicher Ebene voll rein.

Gibt es musikalische Gemeinsamkeiten zwischen Avantgarde und Pop?

Ja, die Energie. Die muss immer da sein, egal, was für Musik ich spiele. Zu Beginn meiner Karriere habe ich in Rock- und R&B-Bands gespielt, wo es hauptsächlich auf die Energie kam; das waren wichtigen Erfahrungen für mich. Dieselbe Energie habe ich gefunden, als ich mit Brother Jack McDuff gespielt habe, oder mit dem kubanischen Sänger Arsenio Rodriguez, dessen Musik einiges mit Punk gemeinsam hat. Viele Free-Jazz-Musiker haben ursprünglich R&B gespielt, zum Beispiel Ornette Coleman und Abert Ayler. Dabei haben sie viel über Intensität und Energie gelernt.

Zufälligerweise habe ich dieses Jahr schon mit einigen Leuten über sie gesprochen. Zum Beispiel mit Joe Henry, der über Sie sagte: “Sein Spiel ist stets mit einer gewissen Menschlichkeit temperiert.”

Das ist aber nett.

Was meint er wohl damit?

Vielleicht hat Joe eine höhere Meinung von der Menschheit als ich.

Norah Jones, auf deren neuem Album Sie zu hören sind, hat sie ebenfalls sehr gelobt.

Die Sessions waren wirklich angenehm. Ich mag ihre Songs sehr und muss sagen, dass ihre Demos, auf denen sie selbst Gitarre gespielt hat, schon richtig gut waren. Manchmal gefällt mir das Gitarrenspiel von irgendwelchen Sängern, die glauben, keine Gitarristen zu sein, besser als mein eigenes.

Auch mit George Benson, Ihrem Vorgänger in der Band von Brother Jack McDuff, habe ich kürzlich geredet.

Das Einzige, was Brother Jack McDuff zu mir sagte, als ich in seiner Band war: Du bist kein zweiter George Benson. Womit er übrigens recht hatte.

Ich hoffe, das hat Ihre Musikbegeisterung nicht allzu sehr gedämpft.

Die musste damals gedämpft werden.

Hatten Sie das Ziel, im traditionellen Jazz zu reüssieren?

Jazz war immer eine große Herausforderung für mich. Weniger allerdings der Be Bop. Die größte Zuneigung empfinde ich einerseits für den Soul Jazz von Leuten wie Grant Green und Wes Montgomery, andererseits für die freieren Ideen, von denen es früher hieß, sie seien gar kein Jazz: Albert Ayler, James “Blood” Ulmer, The Prime Time Band. Ich lasse den Hauptteil dessen, was man als Jazz ansieht, links liegen und interessiere mich für die Extreme. Beide Extreme haben Verbindungen zu Rock und R&B.

Erste Erfolge feierten Sie Anfang der Achtziger in der New Yorker No-Wave-Szene. War diese Zeit wirklich so außergewöhnlich, wie heute behauptet wird?

Heute gibt es auch tolle Bands, aber diese Zeit war tatsächlich speziell. Damals kam einiges zusammen: Es gab vielfältige künstlerische Durchbrüche und ein gesellschaftliches Umfeld, das diesen Entwicklungen aufgeschlossen gegenüberstand. Plötzlich gab es Berührungspunkte zwischen Neuer Musik, Avant-Punk, No Wave und Jazz. Eine Minute lange haben alle sich beim Krachmachen getroffen. Das Kuriose dabei ist, dass viele dieser seltsamen No- Wave-Bands große Pop-Ambitionen hatten. John Zorn glaubte wirklich, dass Locus Solus ein Hit werden würden. Mit den Lounge Lizards war es genauso, die Leute dachten, so sähe die Zukunft des Pop aus. Da waren sie aber auf dem Holzweg.

Dafür wurden Sie auf einmal berühmt: 1985 spielten Sie auf Tom Waits’ Album Rain Dogs und waren maßgeblich an seinem künstlerischen Richtungswechsel beteiligt. Wie kam es dazu?

Waits hat damals in New York gewohnt und sich viele Bands angeguckt. Er hat mich nicht nur mit den Lounge Lizards gesehen, sondern auch mit einer anderen Band, in der ich damals war. Erst hat er mich ausgecheckt, dann hat er mich eingeladen, auf Rain Dogs mitzuspielen.

Er muss ziemlich auf ihren Sound abgefahren sein. Der Klang Ihrer Gitarre bestimmt die ganze Platte.

Die Leute denken, Waits sei in erster Linie ein Singer-Songwriter. Aber er ist auch ein sehr guter Produzent. Worte können eine Geschichte erzählen, Klänge können das genauso: die Aufnahmetechnik, die Effekte, die Gitarren, Verstärker, Mikrofone, all das kann auf verschiedene historische Zeitabschnitte verweisen. Auf Rain Dogs haben wir mit diesen Verweisen gespielt. Im Grunde ist Tom ein Blues-Sänger, das ist sein wichtigster Einfluss. Aber er hat versucht, diesen Rahmen zu sprengen, Klänge und Bezüge einzubauen, die auf einer normalen Blues-Platte nicht zu finden wären. Unser Ziel war, gerade nicht authentisch zu sein.

Sind Sie einer dieser Gitarristen, der vor sich eine Armada an Effektgeräte aufbaut?

Viele Effektgeräte habe ich nicht, aber viele Gitarren. Eine Gitarre ist für mich ein Weg, um auf einen anderen Künstler oder auf eine andere Platte zu verweisen. Mit einer bestimmten Gitarre kann ich mich zum Beispiel auf eine Grant-Green-Platte beziehen, ein Gefühl für andere Zeiten und Orte erzeugen, ohne etwas zu sagen.

Haben Sie studiert, wie bestimmte Gitarristen ihren Sound geschaffen haben?

Oh ja – obwohl ich nicht kopieren will, sondern allenfalls zitieren. T-Bone Burnette hat kürzlich eine fantastische Session veranstaltet, in den Sun Studios in Memphis.

Ehrlich? Das ist ja toll. Da war ich nur als Tourist.

Wenn man dort aufnehmen will, muss man es nachts machen, da der Ort tagsüber ein Museum ist. Es war eine Session mit John Mellencamp. In den Sun Studios gibt es keine Aufnahmetechnik mehr, deshalb kam ein Lastwagen mit altem Equipment. Wir hatten ein altes Mischpult, alte Verstärker, alte Gitarren, ein altes Mikrofon – verdammt nochmal, es klang genau wie die echten Sun-Platten. Ich habe Kontakt zum Geist von Scotty Moore aufgenommen.

Ich finde, dass das goldene Zeitalter der Tonaufnahme einige Jahrzehnte zurückliegt und dass neue Platten heute oft schlechter klingen als früher.

Teilweise stimme ich zu, teilweise nicht. Ich glaube, man kann objektiv sagen, dass noch keine Methode der digitalen Kompression erfunden wurde, die so warm und angenehm klingt wie die Kompression mit Röhren. Mit digitaler Aufnahmetechnik kann man Klänge nicht so gut verarbeiten wir mit analoger Technik. Dennoch glaube ich nicht, dass wir in irgendein goldenes Zeitalter zurückkehren müssen. Das Motto des Art Ensemble von Chicago lautete: Backwards To The Future. Bei unserem Konzert heute abend zitieren wir Techno, Punk, Post-Punk, Rock. Die Geschichte ist etwas, mit dem man spielen kann. Aber bevor man sich mit Geschichte auseinandersetzt, muss man sie kennen. Je besser man sie kennt, desto klüger kann man sich mit ihr auseinandersetzen. Zwischen Postmodernismus und Nostalgie gibt es einen großen Unterschied.

Ihre Karriere hat einen ungewöhnlichen Bogen geschlagen. Sie kommen von der Avantgarde und waren nun kürzlich auf zwei Alben zu hören, deren Modernität allenfalls in einem sehr empfindsamen Klassizismus liegt, die man aber auch als rückwärtsgewandt bezeichnen könnte. Ich rede vom Erfolgsalbum Raising Sand von Robert Plant und Alison Krauss und von Allen Toussaints großartiger Platte The Bright Mississippi.

Beide Platten haben mir großen Spaß gemacht. Bei den Sessions mit Allen Toussaint war auch mein alter Freund Don Byron dabei, der aus einer ähnlichen Szene kommt wie ich. Avantgarde hat mit Form zu tun. Aber wenn man über die Form hinausgehen will, gibt es Dinge, die kaum zu quantifizieren sind. Zum Beispiel das Gefühl, mit dem Allen Toussaint Klavier spielt. Mit ihm könnte ich stunden- und tagelang zusammenspielen.

Sie selbst sind inzwischen auch schon ein Klassiker. Etliche Gitarristen haben versucht, Ihren Sound zu kopieren.

Da sei Gott vor! Ich verändere meinen Sound ziemlich stark. Jedes Projekt sollte bei Null beginnen. Wenn man mich erkennt, habe ich etwas falsch gemacht. Viele Gitarristen spielen Licks und Riffs, anfangs ist das vielleicht unvermeidlich. Aber beim Jazz habe ich gelernt, dass man keine Riffs spielen soll, sondern Ideen. Man muss vom Gedanken wegkommen, eine Serie von kleinen Tricks vorzuführen, so wie ein Hund bei einer Hundeschau.

Das führt schon auf meine letzte Frage hin. Ich habe kürzlich selbst angefangen, Gitarre zu spielen. Welchen Rat geben Sie mir?

Wenn du das Plektrum im Mund hast, solltest du es lieber in die Hand nehmen.

Kommentare

  • Hinternet-Blog – Presseschau 6. November 2009 –

    [...] Süddeutsche Musikblog interviewt Marc Ribot: ?Wenn man mich erkennt, mache ich etwas falsch” [...]

  • Frank Bungarten

    Vielen Dank für dieses charmante Interview mit einem wichtigen Musiker, dessen Bedeutung eben nur Musikern oder wirklich musikinteressierten Hörern bewußt ist.
    Leider folgt das Feuilleton -auch der Süddeutschen- zunehmend dem Prinzip “alles scheißt auf einen Haufen”. Umsomehr erfreut die Arbeit von Johannes Waechter.

  • max jasgur

    @ johannes : super! es ist nie zu spät damit anzufangen!!
    (übrigens: es geht auch ohne plektrum)