Gunter Gabriel: Her mit dem Cash!
Nach turbulenten Jahren startet Schlager-Malocher Gunter Gabriel einen Comeback-Versuch. Orientierung bieten ihm die "American Recordings" seines Freundes Johnny Cash. Doch können die "German Recordings" (die Platte heißt wirklich so) ans große Vorbild heranreichen? Klingelt dank Cash wieder die Kasse bei Gunter Gabriel?
Von Johannes Waechter
Freunde müssen einander helfen, klar. Aber darf man eine Freundschaft kommerziell ausschlachten? Zumal nach dem Tod eines Freundes? Das ist die Frage, die sich mir beim Hören von Gunter Gabriels neuer Platte Sohn Aus dem Volk – German Recordings (Warner) stellt, einem Album, das völlig ungeniert Stil und Konzept von Johnny Cashs Comeback-Album American Recordings kopiert. Rotiert Cash inzwischen wie ein Propeller im Grab, oder wäre dieses Album in seinem Sinne gewesen?
Um dieser Frage vorzubeugen, wurde im Vorfeld der Album-Veröffentlichung verbreitet, Johnny Cash habe Gunter Gabriel 2003 explizit dazu aufgefordert, eine Platte wie German Recordings zu machen. Tatsächlich haben sich die beiden lange und recht gut gekannt. Gabriel hat den alternden Sänger noch kurz vor dessen Tod in Tennessee besucht, als Cash im Studio sein musikalisches Vermächtnis aufnahm. Sogar in Cashs Tochter Rosanne war er einmal verliebt, wie er kürzlich in einem Interview erzählt hat, und schon zu Lebzeiten Cashs hat er mit dessen Segen deutsche Versionen von dessen Songs aufgenommen. Reicht das?
An Sohn aus dem Volk fällt als erstes die recht geschmackvolle Begleitung auf. Der Background ist dezent countryesk; akustische Gitarren, ein bisschen Klavier und schöne Streicher umrahmen Gabriels knarzalte, gut aufgenommene Whiskeystimme. Das ist musikalisch ansprechend inszeniert und in einem Sound gehalten, der in Deutschland nicht oft zu hören ist.
Das Problem liegt für mich bei der Songauswahl. Auch hier wurde die Cash-Masche eiskalt durchgezogen und Gabriel muss nun Pop-Hits singen, die nichts mit ihm zu tun haben, zum Beispiel “Blaue Augen” von Ideal und “Haus am See” von Peter Fox. “Heroes” von David Bowie ist dabei, “Creep” von Radiohead wurde als “Ich bin ein Nichts” eingedeutscht. Das hat einen gewissen Novelty-Effekt, aber wenig dauerhaften Nährwert.
Johnny Cash hat auf den American Recordings nun aber nicht nur alberne Coverversionen irgendwelcher Grunge-Bands gespielt, sondern auch etliche alte Songs, von “Tennessee Stud” über “Wayfaring Stranger” bis zu “That Lucky Old Sun”. Für mich lag der Reiz seines Comebacks in diesem traditionellen Material, doch da hat Gabriel nichts zu bieten, denn alte Blues- und Countrysongs gibt es in Deutschland nicht. Während Cash den Novelty-Effekt der Coverversionen durch die alten Songs ausbalancieren konnte, pendelt Gabriels Songsauswahl zwischen Novelty und Durchschnitt. Die einzige Rootsmusik, auf die er sich im Vorübergehen bezieht, sind Seemannslieder; letztlich ist sein Bezugspunkt jedoch das Genre, aus dem er kommt: der Schlager.
Trotzdem wünsche ich ihm für sein Comeback alles Gute. Obwohl er sich für meinen Geschmack etwas zu penetrant zur Kultfigur stilisiert – Titel seiner gerade erschienenen Autobiografie: Wer einmal tief im Keller saß. Erinnerungen eines Rebellen –, hat er eine angenehm ehrliche, unverstellte Art, die in unserer Mediengesellschaft gar nicht mehr so häufig anzutreffen ist. Außerdem gilt jedem, der mit Johnny Cash befreundet war, sowieso meine Hochachtung.
Fotos: Sven Sindt
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18 Uhr 06
Johnny Cash hat unter anderem albernen Indieproduktionen einen echten Geist eingehaucht. Als Beispiel möchte ich mal “Hurt” anführen, wenn ich da an das unsägliche Original des penetranten Herrn Reznor denke… Bedauerlich finde ich, dass wohl fast jeder kleine Mittschnitt der Sessions mittlerweile veröffentlicht werden musste. Falls was übrig war, kommt das sicher noch.
Ob Gunter Gabriel das auch kann, wird mir wohl ewig verborgen bleiben. Ich kann dem Mann einfach nicht zuhören, irgendwie finde ich den beunruhigend ;-)
11 Uhr 46
[...] Cash (zu dessen deutscher Antwort, gar zu dessen Freund Gabriel sich stilisiert (Wobei das wohl mehr als bloße Pose ist.)) zu [...]
11 Uhr 51
Gerade das Radiohead-Cover finde ich großartig. Ohne diese Umdeutung der Teenie-Schnulze in eine Reflexion über das gesamte künstlerische Schaffen wäre das Album wohl wirklich nur peinlich. So schafft es aber eine tragische Fallhöhe, die das ganze Konzept kommentiert – und rettet.
In meinem Blog habe ich zu diesem Lied (das letztlich dazu geführt hat, daß ich mir das Album überhaupt gekauft habe) einiges geschrieben.
20 Uhr 25
Da ich den einzigartigen Gunter Gabriel dreimal im letzten Jahr erlebt habe, deshalb will ich nur sagen: GG kann es wirklich. GG kann es sogar viel besser als er nun vermarktet wird.
Wer singt denn heute noch zwei Stunden live ohne Pause.
Der Gabriel hat wirklich Stimme und Charakter.
Ob Elvis-Nummern, Cash-Klassiker oder seine Lieder, die schon “Volkslieder” geworden sind, er bringt alles. Kein Playback. Handgemachtes und Echtes. Gabriel nimmt die Gitarre nicht als Deko, Gabriel ist ein Großer.
Das er dabei auch ein eigenwilliges Großmaul, das wird auch bleiben.
Nachdem der Gunter “Haus am See ” gecovert hat, danach habe ich den Namen Peter Fox das erste Mal gehört. Erstaunt stellte ich fest, das dieser Peter Fox kein Amerikaner, sondern ein angeblich bekannter Berliner Sänger/Musiker ist.
Mein Star ist und bleibt GG. Aber ich bin halt 43 und nicht 13 Jahre.
15 Uhr 12
@ Felix Neumann
Ich finde “Ich bin ein Nichts/Creep” nicht so herausragend wie Du, bin aber der Ansicht, dass die Platte von Gunter Gabriel trotz des von Cash übernommenen Konzepts einen eigenständigen Charakter hat und dass es lohnt, sie einigermaßen differenziert zu betrachten. Schon irgendwie schade, wie viele Leute dem simplen Reflex “Schlagersänger covert Radiohead –> muss ja blöde sein” nachgegeben und entsprechend gebloggt haben.
16 Uhr 13
Aber wieso “German Recordings”? Wenn schon eine deutsche Kopie dann doch wohl besser und vor allem konsequent: “Deutsche Aufnahmen”.
Leider geht G. G. etwas zu penetrant hausieren mit seiner Masche. Ist das nur mangelnde Medien-Erfahrung? Das wär’ ja sogar positiv, weil dann ehrlich naiv.
Ja, viel Glück kann man ihm aufrichtig wünschen.
18 Uhr 59
tja ist halt das cover eines covers … aufgewärmtes, noch einmal aufgewärmt, schmeckt nur selten … und wolfgang stach ist kein rick rubin! ich empfehle lieber “Das Tennessee-Projekt: Gabriel singt Cash”, da wird er seinem Freund mehr als gerecht!
Der Serafin
19 Uhr 08
Habe gestern Abend bei Frank Laufenberg die blauen Augen gehört. Ich fand das Stück ganz gut gecovert, mal was anderes. Hatte ich nicht erwartet von G.G.
20 Uhr 24
Ich mag die Scheibe. Das zeigt doch im Grund, das Gunter Garbriel wirklich ein Musiker ist und nicht nur ein Abziehbildchen. Ein Mann mit Ecken und Kanten. Zwar nicht so wie Johnny Cash. Die Songauswahl ist wie immer streibar. Im großen und ganzen aber gelungen.
20 Uhr 45
Wer hören möchte, wie sich so etwas anhört, wennn man auf das vermisste “traditionelle deutsche Material” zurückgreift, sei auf Joachim Reichels Konzeptalbum Volxlieder verwiesen. Auch wenn der Name voll daneben ist, haben mir die Aufnahmen als kraftvolle Neuinterpretation sehr gut gefallen.
Der Nordwind
18 Uhr 21
Im aktuellen Rolling Stone führt die Zeitschrift ein seltsames Paar, nämlich Heinz Rudolf Kunze und Gunter Gabriel, zu einem Gespräch zusammen. In diesem äußert sich Gabriel ausführlich zu Johnny Cash.
Zunächst erzählt er, wie er während der Aufnahmen für das Album „Das Tennessee-Projekt“ im Studio „Give My Love To Rose“ eingesungen gesungen habe, Cash habe am Mischpult gesessen, und er durch die Scheibe gesehen, „wie er weinte.“
Kunze steigt dann auf das Thema ein und bekennt, dass ihn Johnny Cashs Mehrfachalbum „Unearthed“ „umgehauen habe, worauf Gabriel anmerkt, dass er dabei gewesen sei, als das Projekt aufgenommen wurde: „Wir mussten drei Stunden pro Tag das Studio verlassen, dann wurden die angesagten Musiker im Cadillac angekarrt.“ Cash wäre aber kaum noch in der Lage gewesen, aus dem Auto zu steigen.
Johannes stellt in seinem Beitrag die Frage nach der Freundschaft zwischen den beiden, und Gabriels weitergehende Äußerungen machen mich skeptisch: „Aber zum Schluss war das Charisma weg, ich bin direkt ins Gras gefallen, so schockiert war ich. Klar war da noch Würde, aber Johnny Cash hast du nicht mehr gesehen.“ Und an anderer Stelle sagt er: „Ich habe ja mit Johnny Cash im Grunde überhaupt nichts zu tun.“
Freundschaft sieht wohl doch anders aus.
Viele Grüße von
Rüdiger