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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Die Soul-Lektion des Smokey Robinson

Bei einer großen Plattenfirma ist Motown-Legende Smokey Robinson inzwischen nicht mehr unter Vertrag, doch der Qualität seiner Musik tut das keinen Abbruch: Auf seinem herausragenden neuen Album "Time Flies When You're Having Fun" demonstriert er, wie sich Soulmusik heute anhören sollte.

Von Johannes Waechter

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Gestern abend zum ersten Mal das neue Smokey-Robinson-Album gehört – fantastisch! Die Platte ist von tiefstem Soul-Gefühl durchdrungen, klingt aber an keiner Stelle altmodisch, sondern total zeitgemäß, ja sogar hitverdächtig. Das ist ein Kunststück, das ich Smokey gar nicht mehr zugetraut hätte und das von den Soulmännern von einst neben ihm wohl nur noch Stevie Wonder beherrscht.

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Der Schlüssel zum Gelingen dieses Projekts liegt meines Erachtens im Sound. Wie wichtig dieser Aspekt für Smokey war, sieht man schon am Coverbild, das ihn vor dem riesigen Mischpult eines Top-Studios zeigt. Hier gibt es keinen billigen Digitalklang, sagt uns diese Bild, und ähnlich äußert sich Smokey im Presse-Info: Die Platte sei “the old school way” aufgenommen worden, bekennt er. “Ich denke, man kriegt sonst einfach nicht jenes Gefühl, das sich in vergangenen Tagen einstellte, wenn alle zusammen im Studio waren.” Smokey produziert seit fast fünfzig Jahren Platten und weiß genau über die Entwicklung der Studiotechnik bescheid. Man darf sein Worte und das Coverbild also ruhig als subtilen Beitrag zu den derzeitigen Debatten über Soundverfall, Kompression und digital versus analog sehen.

smokey1dVom ersten Moment kann der Hörer in den basslastigen, sehr präsenten Sound von Time Flies When You’re Having Fun eintauchen wie in ein warmes Schaumbad. (Einer der Songs heißt sogar “Love Bath”). Mit Songs wie “Cruisin’” und “A Quiet Storm” hat Smokey das Genre der modernen Soul-Ballade definiert, und auch auf dieser Platte stechen die Balladen heraus, zum Beispiel der Titelsong und das Norah-Jones-Cover “Don’t Know Why”; ein weiterer Höhepunkt ist das Duett mit Joss Stone auf “You’re The One For Me”.

Als Smokey Ende Oktober in London auftrat, lag ihm die englische Presse komplett zu Füßen. Im Telegraph stand, er verfüge über einen “happiness mojo” und könne gar nicht anders, als die Menschen glücklich zu machen. Der Guardian schrieb in seiner Konzertkritik: “It’s hard to think of a singer of comparable stature who’s anywhere near as compelling a performer today.”

Als ich das las, musste ich daran denken, wie ich Smokey vor zwei Jahren selbst live gesehen hatte – in einem Spielcasino südlich von Memphis, Tennessee. Die Umgebung war prosaisch – eine Art Mehrzweckhalle, nur durch dünne Türen von den Spielautomaten getrennt –, aber das Konzert war fantastisch, auch weil Smokey auf eine Art mit dem Publikum interagierte, die fast schon unheimlich war.

Der Schluss dieses Konzerts gehört zum Bewegendsten, was ich je auf der Bühne gesehen habe. Bei der Vorstellung der Bandmitglieder war mir aufgefallen, dass Smokey den alten Gitarristen, der direkt hinter ihm auf der Bühne saß, nicht erwähnte. Vor Beginn des letzten Stücks erzählte Smokey ausführlich vom Beginn seiner Karriere und von den alten Zeiten bei Motown, während jener Gitarrist sanfte Jazzakkorde zupfte. Schließlich verriet Smokey, um wen es sich handelte: um Marv Tarplin, seit Anfang der Sechziger bei den Miracles dabei und Co-Autor von “The Tracks Of My Tears”. In den ausklingenden Applaus hinein spielte Tarplin die Anfangsakkorde von “The Tracks Of My Tears”, und als dann die beiden alten Freunde, die seit fast fünfzig Jahren zusammen auf der Bühne stehen, diesen Soulklassiker darboten, begann das ganze Casino zu weinen. Ich schwöre es!

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