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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Devendra Banhart im Interview: “Michael Jackson hatte das Zukunftsgen”

Neofolk-Vordenker Devendra Banhart hat zu allem eine Meinung: Lady Gaga, Plattensammeln, Michael Jackson, die Klimakatastrophe, der Zustand der Popkultur. Und ein neues Album hat der spätgeborene Hippie auch herausgebracht. Ein Interview mit einem eigenwilligen Visionär.

Von Johannes Waechter

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Herr Banhart, ist der Pop tot?

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Ich befinde mich gerade im Ramones-Museum in Berlin. Bedeutet das, dass Punk tot ist?

Ich glaube schon.

Aber Pop? Ich weiß es nicht. Pop ist heute Mode. Schau dir Lady Gaga an. Sie steht für die Möglichkeit, sich neu zu erfinden. Für die Verwandlung von Leidenschaften und Träumen. Sie ist weder hässlich noch hübsch. Sie ist ein Durchschnittsmädchen, das seltsame Modeklamotten anzieht und sich verrückt schminkt. Sie hat sich wie ein Popstar verhalten und ist dadurch einer geworden. Eine Aschenputtel-Geschichte. Sie steht für den neuen Pop. Ich mache eher altmodischen Pop. Ich bin ein Dinosaurier im Naturkundemuseum. Beziehungsweise im Ramones-Museum.

Viele Leute finden, die Digitaltechnik habe die Popmusik entwertet. Wie sehen Sie das?

Auf keinen Fall. Die neuen Technologien ermöglichen jedem, eine Platte aufzunehmen, und das ist gut so. Ein weiterer Vorteil: Dank MP3 und Internet kann ich heute problemlos alle möglichen raren Platten finden, auf die ich sonst nie gestoßen wäre. Zum Beispiel von einer afrikanischen Band namens Amenaz – die klingen wie Velvet Underground. (Anmerkung: Kennt jemand diese Band? Ich konnte den Namen leider nicht genau verstehen) Aber ich möchte noch sagen, dass das Wort Pop schrecklich vage ist. In gewisser Hinsicht geht es gegen alles, woran ich glaube. Pop ist die Hölle, ich hasse ihn. Gleichzeitig ist Pop großartig. Ich kann mich nicht abschließend dazu äußern. Meine Füße stinken, soviel weiß ich. Aber Pop? Ich weiß nicht.

Ich habe das Gefühl, Pop ist von einer Hauptsache zur Nebensache geworden.

Da wäre ich nicht so sicher. Es gibt doch wahnsinnig viele Musikliebhaber und mehr Orte zum Austausch über Musik als jemals zuvor. Mehr Vinyl wird digitalisiert als jemals zuvor. Meine ganzen Freunde sind Musiknerds, die finden ständig neue Sachen. Und eine neue Generation entdeckt gerade den Wert des Vinyls. Die CD hat keinen Wert, mit Vinyl-Platten ist das anders. Vinyl klingt besser, sieht besser aus, fühlt sich besser an – alles. Schallplatten sind die einzigen wirklich wertvollen Besitztümer.

Ich habe Ihr Interview in Uncut gelesen –

– oh, das war peinlich.

Was? Wieso? Ich fand es sehr interessant. Vor allem, dass Sie Michael Jackson als eine Art Schamanen dargestellt haben.

Ja, ich glaube, er hatte das Zukunftsgen. Er war seiner Zeit einfach weit voraus und hatte  schamanistische Seiten. Wenn man in so jungem Alter schon so cool ist, wie soll es dann weitergehen? Der Punkt ist aber: Keiner kannte ihn wirklich. Ich habe etliche Leute getroffen, die ihm begegnet sind, und die Geschichten, die sie von ihm erzählten, haben sich in vielen Punkten widersprochen. Er bleibt ein großes Rätsel.

Ich bin gespannt auf die unveröffentlichten Songs, die bestimmt noch erscheinen werden.

Ich glaube, es wäre gut, wenn sein Nachlass von einer neutralen Stelle herausgebracht wird. Von Leuten, die über bestimmte Subkulturen Bescheid wissen, und nicht nur über die American-Idol-Popwelt. Vielleicht gibt es ja Aufnahmen, bei denen er zur Akustikgitarre ein seltsames Mantra singt. Wer weiß?

Der Klimagipfel in Kopenhagen droht zu scheitern. Was sagen Sie dazu?

Ich fühle mich hilflos, wenn ich sehe, wie die Großkonzerne die Welt ruinieren. Auf der anderen Seite fühle ich mich sehr mächtig: Im Restaurant nehme ich nur eine Serviette statt zweien – wenn das alle machen würden, könnte eine Fantastillion Bäume gerettet werden.

Die Konsumkultur sei am Ende, heißt es. Welche Rolle spielt dabei die Folkmusik?

Eine ganz zentrale: Früher kriegte man eine Freundin, wenn man Gitarre spielen konnte. Zuletzt musste man die Mädchen aber mit einem schnellen Auto und irgendwelchem Technikkram beeindrucken. Jetzt schließt sich der Kreis und man muss wieder Gitarre spielen können. Fangt am besten heute an zu üben, Leute! Wenn jemand eine Mikrowellen-Bombe wirft, die unsere Technik lahmlegt, wird derjenige cool sein, der eine akustische Gitarre hat.

Freut mich, dass Sie das sagen, denn ich habe kürzlich selbst mit Gitarrespielen angefangen. Welchen Rat geben Sie mir?

Ich benutze für solche Dinge immer die Meditation als Beispiel. Erst leistet man eine gewisse Zeit lang Widerstand: Nein, ich will mich nicht hinsetzen und ruhig sein! Aber irgendwann kommt der Durchbruch. Man überschreitet eine Schwelle und ist an einem anderen Ort. Mit der Gitarre ist es genauso. Ich habe mich auch am Anfang gesträubt, weil ich den Kinks-Song nicht gleich hingekriegt habe. Man muss einfach weitermachen. Irgendwann überschreitet man die Schwelle und ist frei!

Ich glaube, ich habe zum ersten Mal über die Schwelle geblickt, als ich mich an “A Hard Rain’s A-Gonna Fall” versucht habe.

Unglaublich! Das war auch einer meiner ersten Songs. Den habe ich immer mit meinem Vater gesungen! Ich weiß noch, wie toll es war, endlich beim Refrain anzukommen: “It’s a hard, it’s a hard, it’s a hard…”. Das ist so cool!

Letzte Frage: Was ist heute cool?

Da gibt es vieles: Wildkatzen. C. G. Jungs Rotes Buch, in dem er seine Träume notiert hat. Einige Momente aus den Filmen Predator III, Alien III und Poltergeist II. Diese Seidenspinne, die einen nahezu unzerstörbaren, goldenen Faden produziert. Und ganz besonders cool ist es, seine Mundhöhle massiert zu bekommen.

Sonst noch was?

Ich bin auch cool, glaube ich.

Devendra Banharts neues Album “What Will We Be” (Warner) erscheint am 27. November. Am 1. Dezember spielt er in Berlin, am 3. Dezember in Hamburg.

Fotos: Warner/Lauren Dukoff

Kommentare

  • Hinternet-Blog – Presseschau 25. November 2009 –

    [...] Ich bin auch cool, glaube ich. Devendra Banhart im Süddeutsche-Blog-Interview: ?“Michael Jackson hatte das Zukunftsgen” [...]

  • krier

    hallo johannes , schreib doch mal was über neil young`s “dead man” projekt oder über tatsuhiko asano – das ist wirklich kunst.

    gruß
    n krier

  • Thomas Mohr

    Fragliche Band kam aus Sambia und hieß Amanaz. Etwas nähere, leider nicht allzu ausführliche Informationen hier: http://www.myspace.com/amanazafrica

  • Johannes Waechter

    @ Thomas Mohr
    Vielen Dank für die Info! Werde mir die Band gleich anhören.

  • gus totsren

    Neil Young wäre sicherlich eine schöne Geschichte.

    Gus

  • asa

    Was ist der denn für eine Hohlfrucht ? Unfassable…