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Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  54 Kommentare

La Roux im Interview: “Plattenfirmen sind dumm”

Das Synthiepop-Duo La Roux gehört zu den interessantesten Newcomern des Jahres. Nach 500.000 verkauften Alben und einem Jahr im Musikgeschäft zieht Sängerin Elly Jackson nun ein provokantes Fazit: Die Plattenfirmen findet sie feige, die anderen Sängerinnen in den Charts oft widerlich – und das Revival des Synthiepop ist ihrer Meinung nach auch schon wieder vorbei.

Von Johannes Waechter

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Elly Jackson, das Debütalbum Ihrer Gruppe La Roux hat dieses Jahr ziemliches Aufsehen erregt, auch wegen der vielen Anleihen beim Synthiepop der Achtziger. Was ist an diesem Sound heute noch relevant?

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Gar nichts! Vor sechs Monaten war der Sound relevant, aber heute sind wir schon ein paar Schritte weiter. Das nächste Album wird keinen Synthiepop enthalten. Synthie-Pop ist vorbei.

Wie wird sich die nächste La-Roux-Platte dann anhören?

Ich liebe immer noch Synthesizer, aber der Sound soll nicht so piepsig sein. Nicht wie Yazoo, eher wie späte Heaven 17. Ich möchte, dass die nächste Platte viel perkussiver wird. Ich mag Afrobeat, Dancehall, die Beats von Diplo, den grimey stuff, den die Piratensender spielen. Afrikanische Perkussion, wie man sie bei Tears For Fears und vielen anderen Platten aus den späten Achtzigern hört. Ich habe viele Ideen, aber ich weiß noch nicht, ob sie alle zusammenpassen. Ich würde auch gerne Tracks machen, die von Italo Disco beeinflusst sind.

Ihr Debüt war erfolgreich und hat einen sehr prägnanten Sound definiert. Viele Leute werden sagen: Machts einfach nochmal genauso!

Wenn wir noch ein Album mit demselben Sound machen würden, würde es sich bestimmt nicht verkaufen. Der Sound wäre einfach zu alt.

Aber das machen doch alle so. Die Plattenfirmen wollen das.

Ja, weil sie dumm sind. In der Musikindustrie gibt es nur eine Handvoll intelligente Leute; besonders schlimm ist es in Amerika. Sie sagen: Das hat funktioniert, lass es uns kopieren. Und sie denken, das sei alles, was die Leute wollen. Das ist eine unglaubliche Bevormundung der Plattenkäufer! Die Firmen füttern die Leute mit lauter Mist. Aber die Leute wollen nicht nur immer denselben Scheiß kaufen. Als unsere Single “In For The Kill” rausgekommen ist, haben alle gesagt: Das kauft keiner, das ist viel zu seltsam, viel zu Achtziger-lastig, zu sehr dies, zu sehr das. Und dann ging die Single bis auf Nummer zwei.

Die Synthiebands der Achtziger verstanden sich auch als Gegenbewegung zum schwitzigen Gitarrenrock. Teilen Sie diese Haltung?

Auf jeden Fall. Indiebands wie die Kaiser Chiefs oder Babyshambles findet inzwischen doch fast jeder langweilig. Ich persönlich bin auch nicht scharf drauf, mir Typen auf Heroin anzugucken, die abrocken und dabei alles vollschwitzen. Ich mag kantigen, minimalistischen Pop.

Ich finde, im Indierock gibt es viele gefälschte, künstliche Emotionen. Mit peinlichen Gitarrensoli –

– Santana-Gewichse –

– werden Gefühle vorgespiegelt, die eigentlich gar nicht da sind.

Ja, da ist echt vorbei. Als es Ozzy Osbourne in den Siebzigern gemacht hat, okay. Aber jetzt ist das einfach so passé. Warum soll man sich heute eine junge Band angucken, die sich auf der Gitarre einen abwichst? Fuck off!

Außergewöhnlich an La Roux ist Ihr sehr eigenwilliger, androgyner Look. Liegt in Ihrem Image auch ein Protest gegen sexistische Rollenklischees?

Ich denke schon, obwohl ich mir das nicht vorher überlegt habe. Ich habe mein Image nicht aus Protest kreiert, ich war einfach schon immer so. Ich hatte noch nie ein Kleid an oder hochhackige Schuhe. Ich habe auch die Mädchen nie verstanden, die diese Sachen angezogen haben. Es freut mich, dass ich als Sängerin akzeptiert werde, ohne meine Titten raushängen zu lassen, aber mein Aussehen war nie ein kalkuliertes Verkaufsargument.

Dennoch verschafft es Ihnen große Aufmerksamkeit.

Es hilft mir, mich von vielen anderen Frauen in der Musikindustrie abzusetzen. Ich schätze, vielen Frauen gefällt es, dass es auch noch etwas anderes gibt als die extrem sexualisierten Sängerinnen, die die Charts dominieren. Was ich wirklich krass finde: Die Zielgruppe dieser Sängerinnen sind neunjährige Mädchen! Ich finde das regelrecht widerlich: Man macht das Fernsehen an und sieht stundenlang irgendwelche Videos, in denen Frauen ihr Becken irgendwo gegenbumsen oder so tun, als seien sie Stripperinnen. Wenn es die Ausnahme wäre, wäre es mir egal, aber so ein Zeug überflutet den Markt. Es klingt sehr prüde, wenn ich das sage, aber ich finde, dass Kinder nicht diese Videos sehen sollten.

Endlich mal ein neues role model – ist das eine Reaktion, die Sie von ihren Fans bekommen?

Oh ja. Ich kriege ständig solche Briefe. Oder die Fans sprechen mich nach den Konzerten an. Junge Mädchen, die sich keine kurzen Röckchen anziehen wollen, sagen mir, Gottseidank gibt es jemanden, der genauso anders ist wie wir. In den Achtzigern gab es mehr Frauen wie mich: Grace Jones zum Beispiel, oder Annie Lennox.

Vor ein paar Monaten habe ich mit Lady Gaga gesprochen. Sie hat gesagt: “I’m changing what people think is sexy.” Dasselbe könnte man über Sie sagen.

Ich glaube, man kann auf intelligente Weise sexy sein, oder auf dumme Weise. Viele Mädchen schreiben mir und sagen: Ich bin hetero, ich habe einen Freund, aber aus irgendeinen Grund finde ich Dich total attraktiv.

Haben Jungs Angst vor Ihnen?

Jungs hatten schon immer Angst vor mir! Das ist nichts neues.

Verraten Sie mir bitte noch, wie Sie Ihre Haartolle aufstellen.

Ich schmiere eine starken Mousse und Puder ins nasse Haar und föhne es. Dann forme ich die Tolle und sprühe sie mit Haarspray ein, bis sie sich nicht mehr bewegt. Schließlich käme ich die Seiten nach hinten, so wie in den Fünfzigern.

So eine Frisur steckt voller popgeschichtlicher Konnotationen.

Anfangs haben alle gesagt, meine Frisur sähe aus wie bei A Flock Of Seagulls. Mich erinnert sie eher an James Dean – ein Bild von ihm steht neben meinem Bett. Als Kind fand ich Jungs viel cooler als Mädchen, und ich wollte mich immer wie ein cooler Mann anziehen. Das will ich immer noch: Mich wie ein cooler Mann anziehen, aber eine weibliche Sexualität haben.

Darf man Ihre Tolle anfassen?

Ja, das machen die Leute dauernd.

Und schneiden die Fans dann auch ein paar Strähnen ab? So wie bei den Beatles?

Nein, zum Glück nicht. Ich habe kürzlich geträumt, dass ich unter einer Brücke entlang ging und jemand mir alle meine Haare abschnitt. Meine Karriere war beendet!

Kommentare

  • DJ Hamburg

    Ich bin der Meinung, dass man sicherlich zu dieser Musik gut tanzen kann, aber die Musikvielfalt in den letzten 10 Jahren dermaßen zugenommen hat, dass die (selbsternannten) Künstler sich nicht mehr nur über ihre Musik identifizieren.

    Die besten Beispiele dafür sind doch Robbie Williams und auch Amy Winehouse machen nicht nur gute und vor allem tanzbare Musik, sondern sind permanent in der Tagespresse vertreten.

    Hier wird doch bereits ein guter Anfang in Sachen PR gelegt ;o).

  • DJ Frankie München

    La Roux – der Retrosound aus den 80ern kommt immer gut an, da hier einige Tears 4 Fears oder Depeche Mode Fans, denken, dass die Musik uns in der 80er einfach unterschlagen wurde.

  • E|I|W

    [...] La Roux [...]

  • G-zell Eventverleih

    ich kann der Dame nur zustimmen, es ist wirklich so, die Plattenchefs denken, was einmal funktioniert hat klappt auch nochmal!