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Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  12 Kommentare

Vampire Weekend: Erhöhung der Schichtzulage

"Contra" heißt das zweite Album von Vampire Weekend, und die New Yorker Indie-Visionäre legen darauf noch größere Spielfreude an den Tag als auf ihrem vor zwei Jahren erschienenen Debüt. Warum nur regen sich viele Menschen darüber auf, dass die Bandmitglieder beim Musizieren Anzüge tragen?

Von Johannes Waechter

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Das, was mich am meisten an Vampire Weekend interessiert, hat ihr Bassist Chris Tomson (zweiter von links) in einem Interview mit dem Wall Street Journal auf den Punkt gebracht: “We want it to be catchy, but we want something that when you put headphones on to examine musically or lyrically, there are layers.”

Die Musik von Vampire Weekend besteht aus vielen unterschiedlichen Schichten, aus disparaten Einflüssen und überraschenden Verknüpfungen. Es wäre nicht schwer zu argumentieren, dass eine einzige musikalische Idee ausreicht, um einen tollen Song zu schreiben, dafür gibt es in der Popgeschichte etliche Beispiele; dennoch scheint mir der entgegengesetzte Ansatz, so wie er von Vampire Weekend vertreten wird, gerade zeitgemäßer zu sein: In Zeiten, in denen der Pop immer beiläufiger und unwichtiger wird, geben Vampire Weekend ihren Hörern einen Eindruck davon, wie bewusstseinserweiternd es sein kann, sich in komplexe Musik zu vertiefen, bis hinunter zum letzten Bassbrummen. (Außerdem beweisen Sie im Vorübergehen, dass komplexe Musik keineswegs anstrengend oder dissonant sein muss.)

So war es schon auf ihrem vor zwei Jahren erschienenen Debüt mit seinen Afrobeat- und Highlife-Anleihen; und das neue Album Contra (XL/Indigo) ist eher noch vielschichtiger geworden. Auch hier klingeln die Gitarren hell wie bei King Sunny Adé und die Drums pulsieren wie bei Tony Allen, hinzu kommen Calypso, Reggae, Reggaeton und Ska, aber auch Elektropop und Balladenkunst. Ähnlich verschachtelt und beziehungsreich sind die Texte, die Sänger Ezra Koenig mit seiner glockenhellen Stimme vorträgt.

All das wird zusammengeführt, ohne in Klischees zu verfallen. Bewundernswert, wenn man bedenkt, mit was für einem überschaubaren Arsenal an Rhythmen und Gesangsmelodien die meisten Bands auskommen. Vor allem die Rhythmen auf Contra – teils stammen sie von Drummer Chris Baio, teils aus dem Computer – begeistern mich: Bei kaum einem Song wird der Rhythmus von Anfang bis Ende durchgeschlagen, fast immer gibt es überraschende Breaks oder Fills, die ihren Ursprung oft in der südlichen Hemisphäre haben.

Dennoch driftet Contra bei aller musikalischen Raffinesse nie ins Esoterische, sondern bleibt stets zugänglich und catchy. Umso verwunderlicher finde ich es, dass bei der Diskussion um Vampire Weekend so vieles eine größere Rolle spielt als ihre musikalische Klasse. Kein Artikel kommt ohne Verweis auf ihren akademischen Hintergrund, ihre Klamotten und ihr Preppy-Image aus; im Guardian hat sich Ezra Koenig kürzlich über den verzerrten Blick auf seine Band geärgert. Deshalb zeige ich nun die Band, dank Pitchfork, bei dem, was ich am interessantesten finde: dem Musikmachen, live im Übungskeller.

Fotos: Promo

Kommentare

  • Hinternet-Blog – Presseschau 11. Januar 2010 –

    [...] Album “Contra”: ?Raus aus der Uni, rein in die Tropen. Das Süddeutsche-Musikblog: ?Erhöhung der Schichtzulage. Und das Musikblog des Wall Street Journals ?interviewt die [...]

  • phunky

    Moin Johannes,

    ich kenne das neue Album noch nicht, und eigentlich gebe ich auch keine 15 EUR+ für ne halbe Stunde Musik mehr aus.

    Das Vorgänger-Album kenne ich, finde ich ganz gut, aber da wurde auch schon so viel reigeheimnisst, wie Ihr Rezensenten das halt gerne mal macht. Btw.: Wer mal lachen möchte, sollte mal die aktuelle Kritik des neuen Tocotronic-Albums auf der Seite eines immer noch großen ehemaligen Nachrichtenmagazins, heute Intellektuellen-Boulevards, lesen. Erstaunlich bleibt, dass diesmal nur 9 von 10 Punkten vergeben wurden :-D. Wobei ich den hiesigen Johannes nicht mit den beiden Kindsköpfen dort vergleichen möchte, die anscheinend immer noch glauben, dass Jochen Distelmeyer irgendwann die Welt rettet. Gemeinsam mit Adam Green vermutlich…

    Zurück zu Vampire Weekend, so richtig verstanden habe ich noch nicht, warum die so besonders sind, besoderer als Phoenix zum Beispiel, welche ich auch irgendwie mag und trotzdem overhyped finde.

  • Hansdampf

    >so richtig verstanden habe ich noch nicht, warum die so besonders sind

    Lieber Phunky,
    dann hör’s Dir das Album doch einfach mal an!

  • phunky

    Lieber Hansdampf,

    das werde ich sicher noch tun, aber es ist nicht so, dass ich die Band und ihre Musik nicht kenne. Nur halt das aktuelle Album noch nicht. Die Lobeshymnen gab es ja auch schon beim letzten und meine Aussage bezog sich nicht explizit auf das aktuelle Album. Ansonsten, vielen Dank für den tollen Tip, dafür bedurfte ich ganz dringen fremder Hilfe.

  • phunky

    Moin Johannes,

    tschuldige wenn ich hier alles vollmülle. Ich gelobe Besserung.

    Aber ich habe mir das Album jetzt mal angehört. Nach einmaligem Hören möchte ich keine tiefgreifende Kritik abgeben, aber folgendes fiel mir auf: Contra ist definitiv abwechslungsreicher als der Vorgänger. Aber mir fehlt ein bisschen der Charme des selben. Ich finde es ist ein wenig schleppend zu hören und ist daher mit nicht mal 40 Minuten trotzdem nicht zu kurz. Was mir aber ernsthaft missfällt ist der Sound. Das klingt alles derart steril und keimfrei, dass ich mich frage welche Art Phobiker der Tontechniker wohl ist. Nach dem ersten Hören also: Überdurchschnittliches Popalbum, aber nicht überragend. Ob sich dieser Eindruck später ändert vermag ich nicht zu sagen, da es wohl eher nicht Einzug in meinen Plattenschrank halten wird, ist das aber unwahrscheinlich.

  • Johannes Waechter

    @ Phunky
    Was heißt hier vollmüllen? Ich freue mich sehr über Deine Kommentare, da mach Dir mal keine Sorgen. Mit dem Sound hast Du Recht, aber das ist ja heutzutage generell ein Problem, wie hier im Blog schon öfter diskutiert. In dem Live-Clip von Pitchfork haben sie einen etwas raueren Sound, der mir persönlich besser gefällt.

  • phunky

    Moin Johannes,

    was den Sound angeht, in meinen Ohren gibt es diesbezüglich drei Hauptbaustellen. Einmal Dynamikkompression und Loudnesswahn, zum anderen Line 6 und Konsorten. Autotune wäre die dann die dritte.

    Contra hört sich für mich so an, als hätte kein Song im Aufnahmeprozess “das Licht der Welt erblickt”. Damit meine ich, es hört sich so an, als wäre kein Instrument (außer natürlich der Stimme) mit einem Mikrofon direkt oder vom Verstärker abgenommen. Ich vermute es ist alles direkt über Amp- und Cabinetsimulationen in den Rechner gespielt worden. Das ist natürlich auch nicht eben selten, aber ärgerlich wenn man’s hört. Als ich das Album hörte, dachte ich mir mehrfach, “oh, was ne coole Tonspur”, aber nie “Wer zur Hölle ist dieses Genie am Sousaphon?” oder ähnliches. Ich hatte einfach nie das Gefühl, dass da ne Band zusammen in einem Raum steht und Musik macht. Das ist ja auch eher selten, aber man sollte es halt nicht merken ;-)

    Das stört mich auch bei vielen anderen Produktionen. Ich meine, jeder der schon mal ne Stromgitarre in der Hand hielt, welche mit einer elektrischen Verstärkungsmaschine verbunden war, deren Regler vorzugsweise alle auf 11 standen, weiß, dass das nicht geräuschlos von statten geht. Das Ding brummt und knurrt und zischt, auch wenn die Gitarre gerade mal nicht bedient wird. Und das will ich auch hören. Nichts gegen GuitarPod und Konsorten, aber die gehören auf die Bühne oder meinetwegen in’s Heimstudio, haben aber bei professionellen Produktionen nicht’s zu suchen.

  • Rüdiger Grothues

    Hallo @Phunky,
    Du sprichst die Probleme ganz gelassen an.
    Gott sei Dank gibt es ja immer mehr Widerstand gegen all die mit den Technologien einhergehenden Untugenden, auch in diesem Blog, von Johannes auch immer wieder forciert.

    In dem Zusammenhang will ich kurz auf drei gedruckte Beiträge hinweisen, die mit Deinem Kommentar direkt zu tun haben.
    Du schreibst, „Contra hört sich für mich so an, als hätte kein Song im Aufnahmeprozess “das Licht der Welt erblickt”“. Dazu gibt es einen ganz interessanten Passus in der TAZ-Rezension

    http://www.taz.de/1/leben/musik/artikel/1/raus-aus-der-uni-rein-in-die-tropen/

    zu dem Album, in dem es gegen Ende heißt: „Wie schon auf ihrem Debütalbum sind alle Songs First Take im Studio entstanden. Nach den Aufnahmen beginnt bei Vampire Weekend die eigentliche Arbeit, die Songs so zu arrangieren, [Achtung, jetzt wird´s kryptisch] dass sie im Live-Kontext Sinn machen“. Was ich erauslese: Es gibt einen Bruchteil an „echter“ Aufnahmearbeit – alles andere passiert nur noch im Rechner.
    Interessant ist weiterhin, dass sich offensichtlich auch im Schwermetallbereich Widerstand regt. In einem Kurzbeitrag in der FR

    http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=1615686&

    wies Elke Buhr darauf hin, dass anlässlich des Metallica-Albums „Death Magnetic“ Metal-Fan-Blogs nachwiesen, dass das letztlich veröffentliche Master überhaupt keine Dynamik mehr besitzt (genaueres dazu in dem Artikel).
    Und selbst in dem an Mitglieder versandten GEMA-Hochglanzblatt „virtuos“ ist in einem der letzten Ausgaben ein Beitrag erschienen, in dem der Musikproduzent Friedemann Tischmeyer auf das Problem der durchgängigen Überkomprimierung hinweist (der er den Kampf angesagt hat).

    Daneben sprichst Du sehr deutlich das Phänomen der –ich sag jetzt mal- digitalen Simulation an. Natürlich hast Du recht – es soll brummen und knurren und zischen. Aber die von Dir zum Schluss angesprochenen „professionellen Produktionen“ sehen diese Geräusche nicht (mehr) vor – zumindest, soweit sie auf die Charts und auf Airplay schielen.
    Viele Grüße von
    Rüdiger

  • phunky

    Moin Rüdiger,

    Metallica sind ja schon berühmt berüchtigt für ihren sterilen Sound. Das war eigentlich schon immer so. Wenn jetzt noch die Dynamik fehlt…

    Ein Beispiel das mich im letzten Jahr geärgert hat, ist das zweite Album der australischen Hardrock-Combo Wolfmother. In den wenigen ruhigen Momenten der Stücke hört man, genau, gar nix. Furchtbar. Ich meine, jeder Raum hat einen eigenen Sound, jeder Verstärker brummt, bei solcher Zerre sowieso. Aber nicht so bei Cosmic Egg, da ist halt nichts.

    Das die Dynamikkompression heute für Airplay Standard ist, ist klar, die Radiostationen haben das ja auch schon immer gemacht. Aber warum alle andere Geräusche auch fehlen müssen, leuchtet mir nicht ein. Das hören die Leute auf ihren Küchenradios eh nicht. Ich denke da ist auch der Kostenfaktor ein Thema. Die Alben bringen eh nichts ein, was soll man da groß in die Produktion investieren? Und bei nem 128 K/bs MP3 bei 80facher Geschwindigkeit gerippt und aus ner Tauschbörse gezogen, da merkt man dann sowieso keinen Unterschied mehr.

  • Rüdiger Grothues

    @Phunky
    Klar, bei den schnell gerippten MP3s ist dann ganz Feierabend.
    Es sei denn…
    …man kennt die Musik schon von einer besseren Aufnahme her – dann scheint, wie man hört, der Apparillo zwischen unseren Ohren die Chose beim Hören einfach aus der Erinnerung heraus aufzumöbeln, und das weit besser als ein Rechner, der Bugs ausbügelt.
    Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

    Viele Grüße von
    Rüdiger

  • phunky

    Moin Rüdiger,

    wollen wir’s aufmachen? Johannes hat bestimmt nichts dagegen ;-).

    Ich halte diese Täuschung für sehr löblich. Denn, obwohl ich einen anständigen Sound will, bin ich totaler iPod-Fetischist. Ich hab ein paar von den Dingern und kann mich kaum erinnern, wie das mal ohne war.

    Ich schreie auch gar nicht nach HighEnd. Die Sache soll einfach rund klingen. Und soll soviel Dynamik haben, dass man ein Album (gut, die sind ja meist nicht mehr lang) durchhören kann, ohne hinterher Kopfschmerzen zu haben.

  • Rüdiger Grothues

    @Phunky
    Interessante Ausführungen ;-).
    Und ein IPod-Fuhrpark ist ja auch nicht schlecht …
    Dass es für uns alle möglichst oft “rund klingt”, wünscht
    Rüdiger