Streit um Bob Dylans Meisterwerk
Vor genau 35 Jahren erschien Bob Dylans Album "Blood On The Tracks", das viele für sein bestes halten. Kurz vor der Veröffentlichung griff der unberechenbare Sänger damals noch einmal ins eigentlich schon fertige Werk ein - seitdem streiten seine Fans darüber, ob er das besser gelassen hätte.
Von Johannes Waechter
Da Bob Dylan in den vergangenen Jahrzehnten unermüdlich Musik gemacht hat, könnte man fast jeden Tag im Kalender zum Dylan-Feiertag erklären; irgendein Jubiläum würde sich schon finden. Einige Daten ragen jedoch heraus, zum Beispiel der 17. Januar. Im Jahr 1975, vor genau 35 Jahren, erschien an diesem Tag Blood On The Tracks, eines von Dylans größten, wirkungsmächtigsten Alben. Wegen der poetischen Dichte der Songtexte und der schmerzlichen Intensität der musikalischen Darbietung wurde es sofort als außergewöhnliches Werk erkannt. Dennoch gibt es seit 35 Jahren Streit um das Album: Nicht wenige Fans behaupten, Dylan habe durch eine Fehlentscheidung in letzter Minute sein eigenes Meisterwerk ruiniert.
Die Geschichte beginnt im Sommer 1974, als Dylan von seinem charismatischen Zeichenlehrer künstlerisch revitalisiert wird und in schneller Folge ein gutes Dutzend neue Songs schreibt, Songs, die wegen der Tiefe der offenbarten Gefühle in seinem auch damals schon umfangreichen Werk ohne Beispiel sind. Im September nimmt er die Songs in einem New Yorker Studio auf, zu spartanischer musikalischer Begleitung: akustische Gitarre, Bass, Orgel. Zufrieden mit den Resultaten übergibt er die Bänder an seine Plattenfirma, die entscheidet, das Album noch im Dezember zu veröffentlichen.
Irgendwann im Herbst fährt Dylan nach Minnesota und spielt seinem Bruder David eine Testpressung des Albums vor. Der Bruder scheint kritisiert zu haben, dass das Album recht spartanisch klinge, und Dylan entscheidet spontan, fünf Songs des Album nochmal neu aufzunehmen, diesmal mit kompletter Band. Hastig werden in einem Studio in Minneapolis neue Sessions anberaumt; Bruder David stellt Kontakt zu einheimischen Musikern her, die ihr Glück wahrscheinlich kaum fassen können
Als das Album am 17. Januar 1975 herauskommt, enthält es zur Hälfte neu aufgenommene Songs. Schon Wochen später erscheint jedoch das erste Bootleg mit den originalen “New York versions” der entsprechenden Lieder, und seitdem wird die Frage, ob Dylan klug oder irrig handelte, als er die Songs neu aufnahm, recht kontrovers diskutiert. Hier sind zum Vergleich die beiden Versionen von “Idiot Wind”, zuerst New York, dann Minneapolis:
Tja, was ist besser? Salomonisch würde ich sagen, dass wir uns freuen sollten, von diesem fantastischen Song zwei so gute Versionen hören zu können, aber wenn man die beiden Aufnahmen tatsächlich gegenüberstellen will, wird man wohl konstatieren, dass die New-York-Version nackter, geheimnisvoller und dadurch ein klein wenig eindringlicher ist, während die Minneapolis-Version mehr Drive und Wut hat, was stellenweise fast beängstigend klingt. (In diesem Aspekt wird sie von der Live-Version auf Hard Rain noch weit übertroffen.)
Vergleicht man jedoch nicht einzelne Songs, sondern die beiden Versionen des kompletten Albums, so kann man meines Erachtens nur zu dem Ergebnis kommen, dass Dylan die richtige Entscheidung getroffen hat: In der letztlich gewählten Form ist Blood On The Tracks lebendiger und abwechslungsreicher als die düstere, sehr introspektive Original-Version. Zu demselben Schluss kommt auch der WDR-Journalist Thomas Mense, dessen hörenswertes Radiofeature über diese Periode in Dylans Karriere heute abend ab 23.05 auf WDR 3 gesendet wird. Meines Erachtens der richtige Weg, um in diesen Jahrestag hineinzugleiten!
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
20 Jahre
Sagen Sie
Perfekter Plan
CUS



18 Uhr 14
[...] Streit um Bob Dylans Meisterwerk gemeint ist: “Blood On The Tracks” [...]
16 Uhr 44
Lieber Herr Waechter,
es ist sehr erstaunlich, immer wenn ich Ihre Blogeinträge lese,
denke ich, genauso sehe ich das auch! Als ich den Film “I`m not there” gesehen hab und zum ersten Mal die andere Version von “Idiot wind” gehört habe, hat es mich umgehauen und seitdem hab ich es bestimmt hundertmal gehört. Aber auf der Platte in der Endversion klingt die rockige Version besser, seltsam. Packend ist natürlich auch die “Hard rain”-Version. Aber due erste von den New York Sessions geht am meisten unter die Haut.
dylaneske Güße , Birgit Kairies
20 Uhr 17
@ Birgit Kairies
Vielen Dank für den Kommentar! Ja, “Idiot Wind” kann man immer wieder hören, und letztlich ist es schön, dass es verschiedene Versionen von dem Song gibt. 1992 tauchte “Idiot Wind” vorübergehend wieder im Live-Repertoire Dylans auf – kennen Sie diese Versionen? (Gibt’s bestimmt bei Youtube.) Das Feuer von 1976 ist nicht mehr da, aber eindrücklich ist der Song immer noch. Ich wünschte mir, Dylan würde sich dieses Jahr mal wieder an das Lied herantrauen.
12 Uhr 06
Moin Johannes,
fast passend zum Thema, möchte ich die Cahance keinesfalls ungenutzt verstreichen lassen, mir den Zorn der Dylan-Gemeinde zuzuziehen: Der Soundtrack von “I’m not there” (wo “Idiot Wind” allerdings nicht drauf ist) gehört zu meinen Lieblingsdylanscheiben. All die tollen Songs und noch dazu sogar mal gesungen… ;-)
13 Uhr 20
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von nerdicist, Martina Fuchs erwähnt. Martina Fuchs sagte: Juhuu, Dylans "Blood on the Tracks" wird 35:/musikblog/streit-um-bob-dylans-meisterwerk/ [...]
13 Uhr 40
Hallo Phunky,
da kann ich nur eine frühe Dylan-Reklame zitieren: Nobody sings Dylan like Dylan. Damals so wahr wie heute.
14 Uhr 13
Eine spätere Abwandlung der Dylan-Reklame lautet allerdings:
“Nobody likes Dylan when he sings” ;-)
14 Uhr 27
Check it out!
17 Uhr 23
Danke für den Hinweis – ich hätte das Jubiläum glatt verpennt …
Von den 1992er-Versionen von Idiot Wind war auf bobdylan.com einst die Fassung aus dem Konzert in Minneapolis (August 1992) veröffentlicht worden. Sie ist in guter Klangqualität relativ leicht erhältlich auf dem 10-CD-Bootleg „The complete bob dylan.com“ (Disc 2).
Allerdings: Wenn ich die 1992er-Fassungen mit den Aufnahmen von der Rolling-Thunder-Revue 1976 (z.B. Live at the Warehouse, New Orleans, 3. Mai 1976) vergleiche, ziehe ich doch die älteren vor – 1992 klingt für mich etwas zäh, wie ein langgezogener Kaugummi …
Gleichwohl werde ich heute Abend – mit einem Tag Verspätung – auf „Blood in the tracks“ anstoßen!
Na zdrowie aus Krakau
UvS
http://www.uwe-von-seltmann.de
18 Uhr 07
Irgend was scheint ja an Dylan dran zu sein, wenn selbst Jimi Hendrix ihn als Gott verehrt hat.
18 Uhr 12
@ Gusj
“Irgend was scheint ja an Dylan dran zu sein” – danke für den Kommentar, du bist wirklich ein Meister des Understatement!
19 Uhr 04
a giant boat from space landed with eerie grace
and came and taketh all the dead away
(j. hendrix)
21 Uhr 01
Die veröffentlichte Nummer wäre bei weitem die Bessere, wenn er sie nicht -wie beschrieben- mit der Dorf-Musik aufgenommen hätte: Da ist kein Pepp, da ist keine Dynamik; das Ganze hört sich an wie eine tote Version von “One of us must know”. Und wenn’s nicht von Dylan gewesen wäre -NAME und Lyrics et al- würde wenn auch lang nach “Blonde on Blonde”- wohl eh’ kein Hahn mehr danach gekräht haben.
Gib mit “Freewheeling” and “Highway 61″; gib mir “Planet Waves”, gib mir “Blonde on Blonde”, gib mir “Before the Flood”. Und den Rest von Dylans Lyrics auf Papier!
Das würde mir -mit dem entsprechenden Abspielgerät (und ein- oder zwei Lesebrillen) -ausreichen, um mich den Rest meines Lebens auf einer einsamen Insel zu beschäftigen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was denn die “Zukunft des Rock ‘n Roll” wohl gerade macht……
00 Uhr 19
Gott! Blood On The Tracks! Musikalisch und lyrisch Äonen hinter Subterranean Homesick Blues. Und nur, um die Annahme, je älter je besser zu dementieren: Modern Times! (2006, if my memory serves me well) Hat der Schlingel doch von mir gänzlich unbemerkt ein kleines Meisterwerk gezaubert. Unbemerkt übrigens genau wegen der Platten, die von der ein oder anderen Länge auf Blood On The Tracks schon unheilvoll angekündigt wurden…
10 Uhr 25
Lieber Herr Waechter,
vielleicht lässt sich die Diskussion um IDIOT WIND auf BOTT folgendermaßen zusammenfassen: die musikalisch “blutigere” Fassung findet sich auf Minneapolis-Sessions. Emotional schauerlicher klingt sicherlich die New York-Version, da sie noch direkt im Schatten der Trennung von Sara Lowndes entstand. Die entscheidende Dimension erfährt die Performance (s. auch die Andeutungen in Paul Williams’ Standardwerk) aber endgültig während des Konzertes in Fort Collins, Colorado 1976, da Sara Lowndes sich hier in der ersten Reihe im Publikum befindet und Dylan (das belegen die Filmaufnahmen deutlich) ihr die Zeilen förmlich entgegenrotzt. Hier erreicht IDIOT WIND endlich den notwendigen emotionalen Resonanzboden, der vorher durch stilisierte Kargheit (New York) und aufpoliertem “wild mercury”-Sound (Minneapolis) noch nicht gegeben war. Noch dazu hat es bei dem Gig ja auch kräftig gewindet. So kam dann alles zusammen…
Beste Grüße.
11 Uhr 07
@ Matthias
Die Performance in Fort Collins gehört für mich zu den Höhepunkten in Dylans Werk. Ich hoffe sehr, dass die zuständigen Stellen irgendwann Einsicht haben und das “Hard Rain”-TV-Special offiziell und in Top-Qualität veröffentlichen. Ich habe zwar kürzlich eine weitere semi-legale DVD mit diesem Material gefunden, aber auch diese hatte als Quelle nur die japanische TV-Version.
12 Uhr 37
Lieber Herr Waechter,
Diese DVD wäre wirklich phantastisch!
Auch “One two many mornings” ist genial-Dylan befindet sich hier “on his prime”. Ebenso spannend sind die Duette mit Joan Baez.
Schade, dass man sich noch nicht auf eine legale Veröffentlichung einigen konnte!
dylaneske Grüße,
Birgit Kairies
15 Uhr 00
Lieber Herr Waechter,
ich liebe Dylans Musik seit 1975, und ich will mal folgende These in den Raum stellen, weil Dylan-Diskussionen – ach, ich liebe sie ja auch – meist so rückwärtsgewandt und b.o.f.-mäßig muffeln: Wer das Gesamtkunstwerk Bob Dylan wirklich mag, findet auch das Gesamtkunstwerk Lady Gaga toll. Mir geht’s jedenfalls so.
Beste Grüße,
cm
15 Uhr 02
P.S.: Kennen wir uns von dimeadozen? :-)
17 Uhr 04
@ Christian
Nein, bei dimeadozen bin ich nicht. Muss mein Doppelgänger sein! Was ich an der Musik von Lady Gaga kritisieren würde, so interessant ich sie sonst finde: Man kann Lieder wie “Pokerface” so schlecht auf der Akustik-Gitarre nachspielen. Daran muss sie noch arbeiten.
17 Uhr 48
Moin Johannes,
so gewagt ich die These vom Christian auch finde, möchte ich doch anmerken: Man kann alles auf der Akustik-Gitarre nachspielen… Wenn’s sein muss auch Lady Gaga oder Dr. Dre…
17 Uhr 58
@ Phunky
Kann man schon, aber bei Dylan macht es dann doch mehr Sinn. Und mehr Spaß. Vorhin gab’s übrigens eine ausführliche Reaktion auf Deinen letzten Vampire-Weekend-Kommentar. Schon gesehen?
18 Uhr 12
Moin Johannes,
jetzt schon. Aber die Links habe ich mir noch nicht angesehen. Auch wenn es aus dem Kontext ist (Weder Gitarre, noch Dylan, noch Lady Gaga, dafür aber Dr. Dre), kennst Du die Version von Bit*tches ain’t Sh*t von Ben Folds? Ich finde das ist mal so genial und inzwischen der Live-Running-Gag.
http://www.youtube.com/watch?v=Q3C4N6p78io
23 Uhr 27
@ Phunky
Tolle Version, kannte ich noch nicht. Danke für den Tipp.
17 Uhr 33
Moin Johannes,
freut mich, dass es Dir gefiel. Der ganze My Space Gig war super (gibt es auch als DVD). Für mich ist Ben Folds einer der großen Songschreiber unserer Zeit (was zugebener Maßen bei Cover Versionen nicht so rüber kommt) und dazu auch ein großartiger Entertainer.
Aber er teilt eben auch das Schicksal vieler anderer unserer Zeit, der großen Öffentlichkeit bleibt das verborgen. Da geht es ihm wie Patrick Watson, Marc Oliver Everett (Eels), Malcolm Middleton, Devendra Banhard und wie sie so heißen.
Ohne jetzt einen Vergleich zum künstlerischen Werk ziehen zu wollen, behaupte ich doch, dass das zu Zeiten von Dylan, Lennon, McCartney, wohl besser gelaufen wäre. Stattdessen machen U2 die Stadien voll, und nicht nur mit sich selbst ;-). Naja, musse feife inne Wind…