Massive Attack im Interview: “Wir sind ein Widerspruch”
Sind Massive Attack die langsamste Band der Welt? Kaum sieben Jahre nach ihrem letzten Album erscheint nun Heligoland, das neue Werk der Chillmeister aus Bristol. Im Interview spricht Massive-Attack-Mastermind Robert Del Naja über Pornos, Popmusik und den Streit mit seinem Partner Grant Marshall. Außerdem bekennt er, trotz des Albumtitels noch nie eine Butterfahrt nach Helgoland unternommen zu haben.
Von Johannes WaechterErneut hat es sehr, sehr lange gedauert, bis Massive Attack sich erbarmten, ein neues Album zu veröffentlichten. Morgen erscheint nun Heligoland (Virgin), die fünfte CD der Gruppe, und wer bei dem Titel an Krabben, Möwenschwärme und die Lange Anna denkt, befindet sich keineswegs auf dem – Entschuldigung – falschen Dampfer: Tatsächlich ist das Album nach der beschaulichen Nordseeinsel Helgoland benannt! Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, mit Robert Del Naja alias 3D zu sprechen, und was seine Verbindung nach Helgoland ist, habe ich natürlich auch gefragt.

Eine schwierige Partnerschaft: Robert Del Naja (3D, links) und Grant Marshall (Daddy G).
Im Video zu Ihrem neuen Song “Paradise Circus” sind recht explizite Bilder aus Siebzigerjahre-Pornos zu sehen. Wie kam es dazu? Sind Sie Porno-Fan?
Naja, nicht wirklich. Aber ich finde, dass Sexualität, Pornographie und erotische Kunst anregende Themen sein können. Wir hatten ein sehr geringes Budget für das Video, nur 5000 Euro, und wir haben Regisseure gefragt, was sie damit anfangen können. So haben wir diese Idee erhalten. Es sind ja nicht nur die Filmbilder zu sehen, sondern auch ein aktuelles Interview mit der Darstellerin, inzwischen eine alte Frau. Am interessantesten fand ich ihre Aussage, dass sie damals alles getan hätte, nur um gefilmt zu werden. Und das war schon in den Siebzigern! Heute tun die Menschen noch viel extremere Dinge.
Wie hat sich die Popmusik in den letzten Jahren verändert?
Da gab es zwei entscheidende Entwicklungen. Zum einen war das vergangene Jahrzehnt geprägt von dem Aufkommen der Castingshows und Celebrity-Pop-Programme, bei dem die Teilnehmer einen Wettbewerb durchlaufen, um etwas zu werden, das sie eigentlich nicht sind. Diese Transformation gab es schon immer im Pop, aber die Sendungen haben sie beschleunigt und transparenter gemacht. Auf der anderen Seite hat das Internet im vergangenen Jahrzehnt die Kommunikation total auf den Kopf gestellt. Man kann inzwischen die Musikindustrie fast schon ignorieren und seine Sachen über Open-Source-Netzwerke verbreiten. Wer Talent hat, kann mit einem Minimum an Equipment erfolgreich werden, ohne großes Studio, ohne Plattenfirma im Rücken. Dass sich am Ende der Dekade diese totalen Gegensätze herauskristallisiert haben, finde ich sehr spannend.
Wo stehen Massive Attack in diesem Szenario?
Unsere Wurzeln sind im Underground. Wir haben ein Sound System gemacht, waren DJs, wir kommen aus einer Szene, wo man Musik tauscht und sampelt und stiehlt, um aus den solcherart erlangten Bausteinen neue Sachen zu konstruieren. Deshalb verstehen wir die Open-Source-Kultur des Internets und fühlen uns in dieser Umgebung wohl. Zugleich sind wir eine Mainstream-Band und schon lange Teil der Musikindustrie. Aber die Erfahrungen, die wir dort gemacht haben, bestärken mich nur in der Ansicht, dass wir auch in der vom Internet dominierten Musikwelt der Zukunft unseren Platz finden werden. Wir werden uns bestimmt nicht ans alte Geschäftsmodell der Musikindustrie klammern. Das gilt für uns nicht mehr.
Aber braucht die Popmusik nicht auch den Massenappeal? Was geht verloren, wenn alle nur noch im Internet rumprokeln?
Ich denke, man hat die Wahl, an welcher Schnittstelle man sich mit Musik versorgen, wo man sie kaufen oder tauschen will. Man kann sich weiterhin im Mainstream bewegen, oder sich durch tausende Subgenres tasten; es ist für jeden etwas dabei. Für manche ist das Album eine heilige Form, für andere nur eine Ansammlung von Tracks. Meine Mutter hat früher immer die Alben von den Beatles, den Carpenters, den Moody Blues gespielt. Ich habe mich dann aber für Punk- und Reggae-Singles interessiert, habe Mixtapes gemacht – da ging es immer um verschiedene Versionen von Songs. Ich finde Alben toll, verstehe es aber auch, wenn man sie auseinanderreißt und sich nur ein oder zwei Tracks besorgt. Wir sind doch selbst ein Widerspruch: Wir kommen aus dem DJ-Underground, sind dann mit Blue Lines aber unwillentlich zu einer Albumband geworden.
Warum trägt das neue Massive-Attack-Album den Titel einer deutschen Nordseeinsel, die vor allem für ihre Hummerbuden bekannt ist?
Ich bin auf Helgoland gestoßen, weil dort ein Teil des Films Shadow Of The Vampire gedreht wurde. Ich habe dann viel über die Geschichte der Insel nachgelesen. Ich mag die Bedeutung des Namens: Helgoland heißt “heiliges Land”, das ist natürlich sehr poetisch. Helgoland war militärisches Besatzungsgebiet, aber auch zeitweise eine utopische Kommune – die Insel kommt mir fast wie ein Symbol für unsere moderne Kultur vor, für das Zusammentreffen widersprüchlicher Welten. Leute, die Helgoland gut kennen, werden das vielleicht nicht nachvollziehen können. Ich hoffe sie vergeben mir und lassen mir meine romantischen Vorstellungen von dieser Insel.
Waren Sie denn schon mal dort?
Nein, bisher noch nicht. Wir haben überlegt, dort ein großes, zweitägiges Festival zu veranstalten. Aber das ist wahrscheinlich zu kompliziert, da Helgoland über 40 Kilometer vom Festland entfernt ist.
Ich habe mich gefreut, dass Horace Andy beim neuen Album wieder dabei ist. Er ist so wichtig für den Sound von Massive Attack!
Auf jeden Fall. Horace verkörpert unsere Geschichte. Er war ein großer Held der Szene, aus der wir kommen; inzwischen hat er die Rolle eines Patriarchen, obwohl er sich manchmal absolut kindisch gebärden kann.
Auch Ihr Partner Daddy G ist wieder dabei, der sich ein paar Jahre lang von der Band distanziert hatte. Wie ist Ihr Verhältnis heute?
Wir sind beide verschiedene Menschen, und es war unvermeidlich, dass wir uns irgendwann entzweien. Grant war nie gerne im Studio, ich habe immer viel Zeit im Studio verbracht. So kam es zum Zwist. Ich fand, er würde zu wenig zu unserer Musik beitragen; er meinte, ich würde ihn zu sehr unter Druck setzen. In einer so langen Partnerschaft geht es immer auf und ab. Wir hatten eine schlechte Periode, aber jetzt verstehen wir uns wieder.
Kurios, aber wahr: Für jedes neue Album haben Massive Attack länger als für das vorige gebraucht. Warum eigentlich?
Warum es jedes mal länger dauert, weiß ich auch nicht. Fünf Alben in zwanzig Jahren – klar, das ist nicht viel. Im Schnitt bringen wir alle vier Jahre ein Album heraus. Wenn wir uns richtig ins Zeug legen würden, brauchten wir vielleicht drei Jahre, aber schneller geht’s nicht.
Hängt das auch mit der modernen Studiotechnologie zusammen? Gibt es einfach zu viele Wahlmöglichkeiten?
Ja, man kann endlos weitermachen. Und wenn man alles aufbewahrt, was man aufnimmt, verwaltet man irgendwann nur noch eine riesige Musikbibliothek. Das kann groteske Ausmaße annehmen. Als wir 100th Window gemacht haben, gabe es einen Punkt, an dem Pro Tools das Kommando übernommen hat. Plötzlich haben die Maschinen die Menschen beherrscht! Damals hätten wir uns fast in Details verzettelt. Bei Heligoland haben wir die Maschinen in den Hintergrund gedrängt und die Herrschaft zurückerobert. Der Computer sollte als Aufnahmegerät dienen, nicht als Instrument!
Ich glaube, das Publikum möchten inzwischen wieder mehr Geschichten hören, und nicht nur innovative Beats und Sounds.
Elektronische Musik ist toll, weil sie sich ständig neu erfindet und ihre Vergangenheit abstreift. Das Augenmerk der Produzenten liegt aber eher auf dem Klang, und der Song geht dabei verloren. Die Rockmusik ist dagegen sehr nostalgisch verfasst. Wir haben uns immer darum bemüht, ein gute Balance zwischen beidem zu finden, zwischen Songwriting und klanglicher Innovation.
Fotos: Promo
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12 Uhr 39
Interessantes Interview
ich finde es immer spannend wenn es um die Musikindustrie
geht, aber mich würde mal interessieren warum eine Band die sich selbst im Internet vermarktet nicht Teil davon sein will oder kann?
Warum immer noch, der aus rein ideologischen Gründen irgendwann Ende der siebziger Jahre entstandene Reflex
Musikindustrie und Unabhängig.
Als es scheinbar eine noch funktionierende Musikindustrie gegeben hat war die Musik ja auch nicht gerade langweilig.
Mir ist das alles zu einfach und zu bequem, warum gibt es keine Internetplattenlabel die viele kennen und über deren Veröffentlichungen viele diskutieren?
Müssen sich unbedingt die Musiker um die Vermarktung kümmern?
Warum gibt es keine Sun Records im Internet, früher hieß es immer der Vertrieb wäre das Problem, aber das müsste sich docher spätestens heutzutage erledigt haben. Wie einfach hätte es ein Sam Philipps heutzutage, vertriebsmäßig.
Dafür gibt es eine völlig überschätzte Diskussion über die unterschiedlichen Medien, anstatt über Musik. Muß mich das als Konsument wirklich interessieren?
Oder fehlt es an einem gültigen Referenzsystem (Massenappeal) wie es früher die Billboard Charts waren, fehlt eine Plattform in der alle sehen können wo ihre Musik steht oder eben fehlt und viele auch darüber reden, oder fehlt der Radio DJ (und wie kann man ihn ersetzen) der aus einer Single einen Hit gemacht hat?
Warum dieses ewige Gejammere über die Musikindustrie wenn man doch und das gilt für alle die professionell Musik machen, Teil davon ist.
Ein nachdenklicher Gruß
Michael
14 Uhr 03
@ Michael
Danke für den Kommentar! Ich finde auch, dass die Art, wie Musik momentan im Netz verbreitet wird, die traditionellen Kanäle nicht ersetzen kann. Wenn ich mich umständlich durch Blogs und Foren klicken muss, kann dabei kein Hit herauskommen – der Hit muss mich finden, nicht ich ihn.
16 Uhr 39
Moin Johannes,
danke für das Interview. Vielleicht kaufe ich mir das Album mal wieder, obwohl ich das alte Zeug von Massive Attack nicht mehr so gut haben kann. Aber als Schleswig-Holsteiner muss das schon aus lokalpatriotischen Gründen vielleicht doch sein…
Zur Aussage “…die Insel kommt mir fast wie ein Symbol für unsere moderne Kultur vor, für das Zusammentreffen widersprüchlicher Welten. Leute, die Helgoland gut kennen, werden das vielleicht nicht nachvollziehen können. Ich hoffe sie vergeben mir und lassen mir meine romantischen Vorstellungen von dieser Insel.”
Ich denke Leute die die Insel kennen, können das schon nachvollziehen, denn es stimmt. Wenn auch vielleicht aus anderen Gründen. Ein Festival dort dürfte allerdings logistisch in der Tat etwas schwierig werden.
Was die Musikpublikation über’s Internet angeht, denke ich es kann schon funktionieren, wie zum Beispiel bei den Arctic Monkeys geschehen. Die Masse wird allerdings dabei wohl eher nicht entdeckt, Klasse hin oder her.
19 Uhr 02
[...] in deutschland hat. ob er ihr schaden oder nutzen wird, spielt dabei vorerst keine rolle."Massive Attack im Interview: “Wir sind ein Widerspruch” | SZ-Magazin MusikblogFoursquare sinnvoll nutzen oder wie ich meine Freunde nicht in die Flucht schlage – ethority [...]
13 Uhr 43
Ich durfte Massive Attack in Köln 2009 live sehen, keines meiner 30 Konzerte in diesem Jahr hat mich mehr beeindruckt! Magisch!
Zum Artikel möchte ich hier übrigens mal Kraftwerk zitieren:
Es wird immer weiter geh`n, Musik als Träger von Ideen…
14 Uhr 58
@1+2
Grüße,
seh das ein wenig anders, was aber auch daran liegt, dass für mich das Wort “Hit” eher Assoziationen mit dem Wort “Kantinenessen” hat. Man mischt alles, was beliebt ist, zusammen, versucht es so zu würzen, dass es keinem zu salzig oder scharf ist und heraus kommt etwas, was jeder irgendwie essen kann, aber keinem wirklich schmeckt.
Heute kann eine recht unbekannte Band jedoch eine Platte aufnehmen, sie wird zunächst über Foren verteilt (früher mühsame Mundpropaganda), von einigen gekauft oder getauscht, taucht irgendwann bei Genius oder Last-FM auf und wird so bekannt gemacht. Millionenverkäufe gibt es damit sicher nicht, dafür wird die Musikindustrie aber demokratischer, weil man nicht mehr auf das Radio angewiesen ist.
Ich möchte auch nicht auf die herkömmlichen Wege verzichten (kaufe selbst nur LP’s), eine Menge Künstler und Genres hätte ich ohne die neuen Vertriebswege aber nicht entdeckt. Und an die Tonträger komme ich auch so, da ich durch das Internet Zugriff auf alle (kleinen) Labels und Versandhandelshäuser habe.
Grüße
12 Uhr 09
[...] sueddeutsche.de ff. (… Im Video zu Ihrem neuen Song “Paradise Circus” sind recht explizite Bilder aus Siebzigerjahre-Pornos zu sehen. Wie kam es dazu? Sind Sie Porno-Fan? …) [...]
15 Uhr 36
[...] Noch ein Interview über Heligoland, Helgoland – diesmal auf den Seiten der “Süddeutsche Zeitung Magazin“. Darin heisst es als Antwort auf die Frage, ob Massive Attack auf der Insel spielen [...]
13 Uhr 02
[...] Air Hamburg reagiert prompt auf Herrn Massive Attack, Del Naja (kein Pirat) und sorgt dafür, dass die Anreise nach Helgoland mit dem Flugzeug künftig für Hamburger und [...]