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Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  23 Kommentare

Johnny Cash erhebt sich aus dem Grab

Über sechs Jahre nach seinem Tod erscheint "Ain't No Grave", ein neues Album von Johnny Cash. Auf den in seinen letzten Lebensmonaten entstandenen Aufnahmen meditiert der "Man in Black" über sein Leben, den Tod und den Wunsch nach Erlösung. Dabei entstand ein musikalisches Testament von nahezu biblischer Wahrhaftigkeit.

Von Johannes Waechter

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“Johnny Cash is the new Tupac. Dude can’t stay dead.” Das hat ein Rolling-Stone-Leser unter einen Artikel geschrieben, in dem es um das neue Cash-Album Ain’t No Grave geht, das am Freitag erscheint. Ich muss sagen, da ist was dran. Johnny Cash starb am 12. September 2003. Seitdem sind fünf CDs mit bisher unveröffentlichtem Material erschienen. Im Tode scheint Cash ebenso produktiv zu sein wie zu Lebzeiten.

Ain’t No Grave (American/Universal) enthält elf neue Stücke und ist gerade mal 32 Minuten lang. Das Material, kurz vor Cash Tod aufgenommen, hätte also locker noch auf die Fünf-CD-Box Unearthed gepasst, die einige Monate nach seinem Tod erschien. Doch obwohl das neue Album somit der Ruch der Geldschneiderei umweht, kann ich mich seiner Kraft nicht entziehen. Bob Dylan hat in seinem Nachruf auf Johnny Cash die Bedeutung des “Man in Black” so beschrieben: “In plain terms, Johnny was and is the North Star; you could guide your ship by him – the greatest of the greats then and now.” Deutlich, oder?

Was mir an dem neuen Album besonders gut gefällt: Anders als bei den anderen, von Rick Rubin produzierten Alben muss Cash hier keine blöden Songs von Depeche Mode und Nine Inch Nails singen, sondern darf sich auf traditionelle Country- und Gospelnummern konzentrieren. (Einziger Ausrutscher: ein Lied von Sheryl Crow.) Zwar hat er sich auch diese Popsongs zu eigen zu machen gewusst; die tiefere Wahrheit, die er immer wieder aufs neue in den alten Countrysongs fand, entdeckte er dort jedoch nicht.

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Johnny Cash, Rick Rubin (mit Bart) und der Gitarrist Smokey Hormel bei den Aufnahmen zu “Ain’t No Grave”.

Schon auf dem Album My Mother’s Hymn Book, ebenfalls postum erschienen, tauchte er wieder tief ins traditionelle Repertoire ein. Ähnliches geschieht nun auf Ain’t No Grave. Symptomatisch dafür steht der Titelsong, im Original eines der besten Beispiele für traditionelles holiness preaching.

Die bekanntesten Versionen des Titels “Ain’t No Grave Gonna Hold My Body Down” stammen von der flamboyanten Gospelblues-Shouterin Sister Rosetta Tharpe und dem aus Kentucky gebürtigen Prediger Brother Claude Ely, ab 1950 populär bei Pfingstler-Gemeinden im amerikanischen Süden. Obwohl der sterbende Cash nicht mehr in der Lage war, mit dem Feuer dieser Darbietungen mitzuhalten, merkt man ihm doch die Verbundheit mit dieser Auferstehungshyme an – mit dem Glauben, für den sie steht und der Musiktradition, aus der sie kommt.

Auch die restlichen Songs kreisen um die Themen Abschied, Gottvertrauen und Übertritt zu einem Ort, wo der Tod seinen Stachel verloren hat. In seinen letzten elf Liedern schließt Cash Frieden mit der Welt, fest entschlossen, mit einem “Satisfied Mind” von der Bühne abzutreten. Der Ton des Albums ist oft elegisch, wie bei Kris Kristoffersons “For The Good Times” und Cashs Eigenkomposition “I Corinthians 15:55″, die sich auf eine Bibelstelle bezieht; mehrmals bricht die Stimme des kranken Mannes, der sein letztes bisschen Lebenskraft in diese Aufnahmen investierte.

In den Händen kleinerer Künstler kann so ein musikalisches Testament schnell banal oder pathetisch wirken, doch Cash schafft es, zu zentralen Fragen des Leben in einer Sprache Stellung zu nehmen, die einfach, würdig und wahrhaftig ist. Fast scheint es, als würde Johnny Cash nicht nur bildlich aus dem Grab steigen, sondern sich auch ganz reell über die kommerziellen Hintergedanken erheben, die diese CD begleiten.

Erneut kann ich nur Bob Dylan zitieren, der es besser gesagt hat, als ich es könnte: “If we want to know what it means to be mortal, we need look no further than the Man in Black.” Im Tode erscheinen seine Spiritulität und seine Musik unzerstörbar.

Kommentare

  • Don Altobello

    Jetzt muss ich aber energisch widersprechen! Wieso sind denn “Personal Jesus” und “Hurt” “blöde Songs”? Der eine ist eine fantastische Blues-Nummer (was damals viele Depeche Mode-Fans vielleicht gar nicht bemerkt haben), der zu einer Zeit veröffentlicht wurde, als der Blues regelrecht tot war (vor dem 90er-Jahre Revival). Das Riff ist in seiner Schlichtheit absolut großartig und Cashs Version ist fantastisch. Bei “Hurt” bekomme ich zudem regelmäßig eine Gänsehaut und Pippi in den Augen (zugegebenermaßen aber nur bei der Cash-Version). Ich fand es toll, dass so ein alter Haudegen moderne Stücke auf seine ureigene Art interpretiert und ihnen teilweise einen völlig anderen Charakter verleiht. So machen Cover-Versionen Sinn und Spaß.

  • Johannes Waechter

    @ Don Altobello
    Danke für den Kommentar, aber ich bin in diesem Punkt anderer Meinung. Ich finde die Cash-Versionen von “Personal Jesus” und “Hurt” zwar auch recht eindrücklich, halte sie jedoch für längst nicht so wichtig im Kontext von Cashs Gesamtwerk, wie sie jetzt erscheinen. Für mich bleiben diese Nummern immer mit einem Novelty-Aspekt behaftet. Da höre ich lieber “Hey Porter”, “I Walk The Line”, “Daddy Sang Bass” und all die anderen Songs, auf denen er ganz bei sich war.

  • Sachichnich

    “Johnny Cash is the new Tupac. Dude can’t stay dead.”
    Geht das auch in Deutsch? Danke. (…oder ist das nicht geil, cool, “spannend” genug?)

  • LordiLord

    Da schließe ich mich doch tendeziell Don Altobello an:
    Personal Jesus und Hurt mögen (Konjunktiv!) im Original blöde Songs sein, doch Cash hat sie in Meisterwerke verwandelt! Und auch im Kontext von Cashs Gesamtwerk halte ich sie für wichtig, zeigen sie doch eindrücklich, das Kunst von Können kommt, und dass gerade Cash und nur Cash mit seinem großen Können und dem Hintergrund seines großes Gesamtwerkes aus solch einer Vorlage derartige Meisterwerke schaffen kann. Es hat immer wieder Künstler gegeben, die sich Songs anderer in kongenialer Weise zu eigen machten, sei es Hendrix’ Version von Dylans ‘All Along The Watchtower” oder Elvis Presleys Version von Dylans “Don’t Look Twice”. Aber hier liegen zum Einen ganz andere Vorlagen vor, und überdies haben diese und andere Künstler es nur vereinzelt mal geschafft, sich einen Song wirklich zu eigen zu machen und dabei auch noch ein Meisterstück ab zu liefern. Cash aber hat es wirklich fertig gebracht, dieses Wunder quasi am Fließband zu vollbringen. Eindrücklicher kann man sein Können gar nicht demonstrieren.

  • Johannes Waechter

    @ Sachichnich
    Muss man dieses Zitat wirklich übersetzen? Ich belasse Zitate aus dem Englischen in meinem Blog in der Regel im Original. Das betrifft im Cash-Text ja nicht nur den Eingangssatz, sondern auch die beiden Zitate aus Dylans Nachruf. Glaube eigentlich, dass alle, die sich für Popmusik interessieren, das auch verstehen.

  • Mapambulo

    Lieber Herr Waechter, ich denke, Sie kommen dem, was Sie wirklich im Eingangstext gemeint haben, in Ihrer Replik auf Don Altobellos Beitrag deutlich näher – zumindest hoffe ich das, denn die beiden Songs als “blöde” abzutun und hernach zu schreiben, sie wären doch recht eindrücklich und nur nicht soo wichtig, passt für mich nicht zusammen. Oder täusche ich mich da?

  • Johannes Waechter

    @ Mapambulo
    Danke für den Kommentar. Was ich meinte: Ich mag weder Depeche Mode noch die Nine Inch Nails. Die Musik dieser Gruppen finde ich tatsächlich blöde, ich kann sie mir nicht anhören, ohne schlechte Laune zu bekommen. (Achtung: rein subjektives Geschmacksurteil!) Insofern fand ich es schon eindrücklich, wie Johnny Cash aus Songs, die mir im Original überhaupt nicht gefallen haben, dann doch recht schöne, bewegende Musik gemacht hat. Dennoch finde ich, dass diese Lieder nur eine Fußnote in seinem Werk sind, der zu viel Bedeutung beigemessen wird. Das ist, als würde man sich von Martin Scorsese nur die Werbefilme angucken, die er gedreht hat, und nicht Taxi Driver und Goodfellas.

  • Quertreiber

    Zum Glück hat der Mensch eigene Augen und Ohren, und er ist in der Lage mündig zu entscheiden.

  • Martin Zielonka

    @ Sachichnich

    Mich nervt das blöde Gemosere über englische Texte im Internet, noch dazu Zitate. Übrigens dürfte es nicht viele Lieder von Johnny Cash auf deutsch geben (if any).
    Wer Wert auf Deutsch legt, ist beim Musikantenstadel bestens aufgehoben. Wer dagegen englisch-spachige Musik hört sollte sich über Englisch nicht aufregen.

  • gibbi

    Sicherlich sind auf “Ain’t no Grave” wieder sehr eindrucksvolle Songproduktionen drauf und sicherlich werden auch hier im speziellen die Leute Johnny Cash’s musikalisches Genie betonen, die seine Platten zu lebzeiten (oder zumindest zu vor-american-recordings-zeiten) nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätten……trotzdem wird dieses Album bei mir als Fan seit meiner Jugend den Geruch der musikalischen Leichenfledderei definitiv gar nicht mehr los!

  • Links (22. Februar 2010 – 23. Februar 2010) | Testspiel.de

    [...] 50 Millionen Tweets pro Tag – Golem.de Da geht was.LOCKSMITH TV : 2manydjs interview on VimeoJohnny Cash erhebt sich aus dem Grab | SZ-Magazin MusikblogN.W.A. “Straight Outta Compton” – Explicit Content Only : misterhonk.de "Das [...]

  • kettensprenger

    Herr Waechter, ich bedaure Sie sehr, daß Sie zu Depeche Mode und den Nine Inch Nails keinen Zugang finden. “Hurt” ist auch in der NIN-Version fabelhaft, aber bei Johnny Cashs Version geht es mir wie Don Altobello: Da schießt mir vor Rührung jedes Mal das Wasser in die Augen. Für meinen subjektiven Geschmack ist es sein bester Song, noch vor “Walk The Line”.

  • Micha

    Vielleicht sollte Herr Wächter den ganzen Artikel in Englisch schreiben.
    Dann versteht man es noch besser.
    Vielleicht hat er auch einiges nicht so ganz verstanden.

  • nicorola musikblog – rock-a-hula baby » Blog Archive » links for 2010-02-23

    [...] Johnny Cash erhebt sich aus dem Grab | SZ-Magazin Musikblog In den Händen kleinerer Künstler kann so ein musikalisches Testament schnell banal oder pathetisch wirken, doch Cash schafft es, zu zentralen Fragen des Leben in einer Sprache Stellung zu nehmen, die einfach, würdig und wahrhaftig ist. Fast scheint es, als würde Johnny Cash nicht nur bildlich aus dem Grab steigen, sondern sich auch ganz reell über die kommerziellen Hintergedanken erheben, die diese CD begleiten. | More Ähnliche BeiträgeKeine ähnlichen Beiträge [...]

  • xl

    Da muss ich jetzt aber auch mal eine Lanze für die kongenialen Coverversionen auf den American Alben brechen und gleich noch “thirteen” und “one” mit erwähnen. Für mich sind die genau so wenig aus Cashs Lebenswerk weg zu denken wie die frühen Hits, das Folsom Prison Album, die paar schrägen deutschen Aufnahmen (ja die gibts zB “der weg zurück” und “wo ist zuhause mama?”) oder die großartige live Version von “ghost riders” im Duett mit Willie Nelson.

    Selbst wenn man nicht – so wie ich – ein besonderes Faible für aussergewöhnliche Coverversionen hat, kommt man doch um die Kraft dieser Interpretationen nicht herum. Von wegen blöde Songs!

  • JH

    Lieber Johannes Waechter,
    ihre Einschätzung von “Personal Jesus” und “hurt” kann ich nachvollziehen. Wenn man Country und Gospel liebt, die große amerikanische Musiktradition im Blick hat, klingen sie läppisch – einerseits. Ich glaube aber, dass diese Coverversionen doch sehr wichtig für Johnny Cashs Alterswerk sind, weil sein existentialistischer, unmittelbarer Spätstil doch einiges von der Attitüde des Grunge und des Alternative Rock übernommen hat . Zwar wirkt es im Film “Walk the Line” so, als wäre Cashs Musik immer aus roher Emotionalität gespeist. Tatsächlich hatte er sich vor der Rick-Rubin-Phase aber die längste Zeit allzu gemütlich in einem kommerziellen, selbstgefälligen Country-Stil eingerichtet.

  • Mapambulo

    Ich für meinen Teil bin mit der Erläuterung zufrieden, auch wenn ich mich als Cash- und Depeche-Modefan in Personalunion (jawoll, das geht) mit dem Urteil etwas schwertue. Dass auf subjektive Meinungen stets mit dem Holzknüppel draufgehauen werden muß, erlebe ich im eigenen Blog auch – will mir aber nicht eingehen …

  • Johannes Waechter

    @ Mapambulo
    Ja, das ist erstaunlich – und teilweise auch ein bisschen furchterregend. Andererseits zeigt es, dass Popmusik eine Angelegenheit ist, die viele Menschen immer noch sehr bewegt, wo sie mit großer Leidenschaft dabei sind. Und das finde ich dann doch wieder positiv.

  • phunky

    Moin Johannes,

    Zum einen: Johnny Cash musste gar nichts singen. Er hat diese Songs selbst ausgewählt und dabei einen erschreckend miesen Musikgeschmack bewiesen. Allerdings auch den ein oder anderen grauenhaften Song gerettet, wie zum Beispiel “Hurt”, was in der Originalfassung sicher einer der übelsten, selbstmitleidigsten Songs ist, die der hysterische Jammerlappen namens Trent Reznor je in die Welt gesch… hat. Aber niemand hat Johnny Cash gezwungen: Auch nicht zu “Bridge over troubled Water”, wo ihm hätte klar sein müssen, dass dieses Lied von niemandem zu retten ist. Was er ja auch bewiesen hat.

    Generell werde ich die Leichenfledderei nicht weiter mitmachen, von den posthum veröffentlichten Cash-Materialen taugte fast alles nichts. Und mir fehlt der Glaube, dass sich das diesmal ändert.

  • Alex

    @Martin Zielonka

    Vorsicht mit Verweisen auf den Musikantenstadl. Meines Wissens ist Johnny Cash in den 70ern oder frühen 80ern auch mal in der Peter-Alexander-Show aufgetreten. Damals war er ja nicht so angesagt. Vermutlich hat er das Geld gebraucht.

  • Stippvisite – 01/03/10 | Lie In The Sound

    [...] hat Johannes Waechter auf dem SZ-Magazin Musikblog sinnigere Worte [...]

  • Film Kritiker

    Johnny ist der neue Tupac? Schöner Vergleich und schön wenn Tote mehr verdienen als die Lebenden!