Ry Cooder im Interview: “Die Gier frisst uns auf”
Ry Cooder ist bekannt für klare Worte und kontroverse Ansichten. Auf dem Album "San Patricio" hat der Ausnahme-Gitarrist nun zusammen mit den Chieftains die geheimen Wechselwirkungen zwischen irischer und mexikanischer Musik erforscht. Im Interview erzählt er von diesem Projekt, spricht aber auch über eine Begegnung mit Bob Dylan, seine Liebe zur alten Musik und die "schändliche" Politik der US-Regierung.
Von Johannes Waechter
Am Freitag erscheint San Patricio, das neue Album der Chieftains. Die altgediente Irish-Folk-Band schlägt auf der CD einen weiten historischen Bogen und erzählt die Geschichte einiger irischstämmiger Soldaten, die im Jahr 1848 aus der US-Armee desertierten und zu den Mexikanern überliefen. Damit kamen auch die irischen Lieder nach Mexiko, und so erforschen die Chieftains auf San Patricio (Concord/Universal) die musikalischen Wechselwirkungen zwischen Akkordeon und Tin Whistle, zwischen mexikanischer und irischer Musik.
Musiker wie Lila Downs, Carlos Núñez, Los Camperos de Valles und Los Tigres del Norte spielen auf dem Album mit den Chieftains zusammen. Eine besonders wichtige Rolle kam allerdings Ry Cooder zu, der nicht nur auf mehreren Stücken zu hören ist, sondern den Chieftains-Leader Paddy Moloney auch bei der Songauswahl beriet und das ganze Projekt konzeptionell begleitete. Ich hatte vor einigen Wochen Gelegenheit, mit Ry Cooder zu telefonieren, und habe ihn zum neuen Album befragt, aber auch zu seinem Lebensthema, der anhaltenden Relevanz von alter Musik. Es traf sich gut, dass dies auch eines der Hauptthemen meines Blogs ist.
Ry Cooder, bevor wir über das Album San Patricio reden, würde ich Sie gerne zu einer anderen neuen Aufnahme befragen: Zusammen mit Bob Dylan und Van Dyke Parks haben Sie kürzlich eine tolle Version des Woody-Guthrie-Songs “Do Re Mi” eingespielt. Wie kam es dazu?
Bob hat mich angerufen, was ziemlich ungewöhnlich ist.
Warum denn?
Ich höre nicht besonders häufig von ihm, ungefähr alle zehn Jahre mal. Er hat mich also angerufen und erzählt, dass es diesen Film gibt, bei dem Leute aus dem Howard-Zinn-Buch (A People’s History Of The United States; der Film heißt The People Speak) vorlesen. Ob ich ihm helfen würde, dafür “Do Re Mi” einzuspielen? Klar, habe ich gesagt. Mehr steckt nicht dahinter.
Das war das erste Mal, dass Sie zusammen mit Dylan einen Song aufgenommen haben, richtig?
Ja, stimmt. Aber wir waren dafür nicht im Studio. Wir saßen auf der Bühne eines kleinen Theaters hier in L. A. und wurden gefilmt, wie wir den Song spielen. Ich weiß nicht, wo sie den Rest des Soundtracks aufgenommen haben, aber da Dylan, Van Dyke und ich hier wohnen, kamen wir einfach an einem Nachmittag dort hin und taten das, was man nun im Film sehen kann. Morgan Freeman war auch da und bekam schlechte Laune, weil ihm alles zu lange dauerte.
Ich habe kürzlich mit Phil Upchurch gesprochen, der Gitarre auf Dylans Weihnachtsalbum gespielt hat. Er hat erzählt, dass Dylan gerne schnell aufnimmt und nicht so sehr auf technische Feinheiten achtet. War das bei dieser Session genauso?
Ich kann nichts dazu sagen, wie Dylan sich im Studio verhält; das ist eine ganz andere Situation als die, in der wir uns befanden. Dort im Theater war der technische Aspekt notgedrungen nebensächlich. Wir standen da und haben den Song drei-, viermal gespielt, während sie uns filmten. Was hätten wir sonst machen sollen? Uns auf den Kopf stellen? Generell bin ich aber derselben Meinung wie Dylan: Man hat zwei oder drei Takes, um es hinzukriegen. Wenn man es so nicht schafft, muss man aufhören und etwas anderes machen.
Schon auf Ihrem ersten Album, das vor vierzig Jahren erschien, haben Sie “Do Re Mi” gecovert. Warum haben Sie den Song damals ausgewählt?
Nun, es ist ein sehr guter Song. Woody Guthrie hatte viele Fähigkeiten, darunter auch die, komplexe Sachverhalte in etwas sehr Einfaches, Eingängiges zu verwandeln. Denk nur an “The Ghost Of Tom Joad”! Es ist eine unglaubliche Leistung, wie er aus John Steinbecks Buch Die Früchte des Zorns diesen Song gemacht hat. Absolut erstaunlich!
Und er hat ihn in einer einzigen Nacht geschrieben!
Ja, so war es wohl. Er hat sich hingesetzt, und der Song kam einfach.
Bei “Do Re Mi” geht es um mexikanische Wanderarbeiter, die auf den großen Plantagen in Kalifornien arbeiten.
Das war Anfang der Vierziger, als Woody den Song schrieb, ein großes Problem, und ist es auch heute noch. Niemand hat diese Problematik so gut in Liedern behandelt wie Woody Guthrie, außer in “Do Re Mi” auch noch in “Plane Wreck At Los Gatos”. Er war mitten im Getümmel und hat alles selbst beobachtet. Das gab ihm die Fähigkeit, solche Songs zu schreiben; die kriegst du nicht zustande, wenn du zu Hause im Sessel sitzt.
Das hat Ihnen als jungem Mann bestimmt imponiert.
Nicht nur mir. In den frühen Siebzigern war Guthrie zwar erst ein paar Jahre tot, aber er war schon eine mythische Figur. Er stand im Zentrum des Folk-Revivals und hat vielen den Weg gewiesen. Wie vielen, das vermag ich nicht einmal zu sagen. Es war für mich allerdings nicht leicht, seine Songs auf eine Art zu spielen, die musikalisch funktioniert hat. Wenn man, wie ich, aus Santa Monica kommt, muss man sich alles selbst aneignen, da gibt es niemanden, der dir etwas zeigen kann, keine Tradition, an die du dich anlehnen kann.
Die zentrale Botschaft von “Do Re Mi” lautet: Kalifornien ist ein Land, in dem nur das Geld zählt, arme Menschen sind dort nicht willkommen. Stimmt das immer noch?
Es ist erstaunlich, wie zutreffend diese Botschaft immer noch ist. Damals war Los Angeles ein Anziehungspunkt für Leute, die arm waren und einen Job suchten. Viele Schwarze kamen aus den Südstaaten, um der Rassentrennung zu entfliehen. Mexikaner versuchten, den Grenzkriegen zu entkommen. Und auch viele arme Weiße, die ihre Bauernhöfe verloren hatten, strömten nach Kalifornien. Meine eigenen Großeltern, arme Immigranten aus Italien, kamen damals nach Kalifornien. Aber die Machthaber wollten diese armen Schlucker nicht in ihrem Land haben und ersannen alle möglichen Methoden, um sie draußen zu halten. Sie sagten zum Beispiel, die Armen hätten Tuberkulose und würden Epidemien auslösen. Jetzt haben sie an der Grenze zu Mexiko sogar eine Mauer gebaut. Das finde ich regelrecht abstoßend! Das Problem ist also nicht nur geblieben, es ist größer und akuter geworden. Es ist mittlerweile ein politischer Streitpunkt von nationaler Bedeutung.
Auf Ihrem ersten Album haben Sie damals nicht nur Woody Guthrie gecovert, sondern auch Leadbelly und Blind Willie Johnson. Warum gibt es heute keine solchen Musiker mehr?
Das weißt Du doch genauso gut wie ich!
Ich würde es aber gerne von Ihnen hören!
Also, dann pass mal auf. Die Dinge ändern sich, das ist unausweichlich. Und in unserer modernen Ära ändern sich die Dinge sehr schnell. Wenn es um Veränderungen in der Musik geht, muss ich immer daran denken, was Alan Lomax gesagt hat. Er fand, das Schlimmste, was man einem traditionellen Musiker antun könne, sei, ihm Geld und Ruhm in Aussicht zu stellen. Denn dann wird der Musiker wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass er andere Musik spielen muss als bisher, um reich zu werden. Als rauskam, dass mit Popmusik jede Menge Geld verdient werden kann, hat das viele Musiker dazu gebracht, anders über Musik nachzudenken und andere Musik zu machen als bisher. Manche nennen diese beiden Zustände Pre-Media und Post-Media. Das macht Sinn für mich.
Sie meinen also, dass von den Medien unbeeinflusste, regionale Musik irgendwie reiner, wahrhaftiger war.
Denken Sie an Compay Segundo, Leadbelly oder Woody. Das waren Leute, die jeden Morgen aufwachten und ganz genau wussten, wer sie waren und worum es in ihrer Musik ging. Die Musik kam von irgendwo in ihrem Inneren, sie war Ausdruck ihrer Persönlichkeit und nicht irgendwelcher Geschäftsinteressen. Wenn dieses innere Bewusstsein durch die Gier nach Geld ersetzt wird, die gerade unsere Gesellschaft auffrisst, dann verschwindet diese Musik der einfachen Wahrheiten. Schauen Sie sich um! Wo soll solche Musik noch entstehen? Jazz, Blues, Hillbilly? In all diesen Formaten ist diese Musik ausgestorben. Ich würde gerne einen Bereich finden, der von dieser Entwicklung ausgenommen ist. Aber nichts ist davon ausgenommen. Alles geht zu Ende.
Das klingt jetzt aber sehr pessimistisch.
Ich konnte das alles selbst beobachten. Ich habe von allem nur noch das Ende mitbekommen. Hawaiianische Musik – ich habe sie verschwinden sehen. Auch den Blues habe ich verschwinden sehen. Als Teenager habe ich noch einige der alten Meister erlebt, inzwischen ist der Blues zur Begleitmusik fürs Biersaufen verkommen. Der einzige Trost ist, dass wir alles auf Platte haben. Die Schallplattenbranche kam im Jahr 1908 auf und ging ungefähr 2008 zuende. In diesen hundert Jahren wurde alles aufgenommen. Und weil es eine fantastische Technologie ist, selbst in ihren primitiven Stadien, haben wir all diese erstaunlichen Platten. Deshalb kennen wir die ganzen alten, regionalen Stile. Aber jetzt sind sie weg.
Ich habe den Eindruck, dass sich die Menschen wieder verstärkt den alten Aufnahmen zuwenden.
Na klar. Den Menschen bleibt doch nicht verborgen, dass die Plattenindustrie ihnen heute Wegwerfmusik vorsetzt, und so suchen sie nach etwas, das emotional reicher ist und ihnen mehr bedeutet.
Sie haben schon viele ungewöhnliche Einflüsse auf Ihren Platten verarbeitet. Die Verbindung zwischen mexikanischer und irischer Musik, die im Zentrum des Albums San Patricio steht, hat mich dennoch überrascht.
Für den geschichtlichen Aspekt dieses Projekts gibt es einen ganz klaren Ausgangspunkt: das Jahr 1848, als viele irischstämmige Soldaten, die in der US-Armee einen schweren Stand hatten, während des mexikanisch-amerikanischen Kriegs zu den Mexikanern überliefen. Auch danach sind viele Iren nach Mexiko gekommen, nicht zuletzt deshalb, weil Mexiko, genau wie Irland, ein katholisches Land ist. So nahm die mexikanische Musik viele irische Einflüsse auf. Genau wie bei den Deutschen – die Bergbau- und Eisenbahn-Ingenieure im Norden Mexikos waren oft Deutsche –, die das Akkordeon mitgebracht haben. Deshalb spielen die Mexikaner heute so viel Akkordeon. Wenn sich Paddy Moloney mexikanische Musik anhört, fällt es ihm sehr leicht, die irischen Elemente zu benennen. Paddy ist eine menschliche Wünschelrute! Sobald da etwas Irisches drin steckt, schlägt er aus. Er findet alles, und sei es noch so verborgen.
Welche Rolle spielen Sie bei dem Projekt?
Ich habe angeboten, ihm zu helfen, weil ich mexikanische Musik mag und ständig höre. Ich habe ihm gesagt, das Timing sei gut, weil San Patricio viele politische und gesellschaftliche Aspekte aufgreift, die gerade diskutiert werden. Es ist inzwischen fast unmöglich, CDs zu verkaufen, aber vielleicht finden die Leute etwas in diesem Projekt, das sie zum Nachdenken bringt.
Die Musikalität der Chieftains finde ich immer wieder atemberaubend. Eine außergewöhnliche Band!
Paddy Moloney ist einer der besten Musiker, die ich je getroffen habe. Er ist ein echter musikalischer Zauberkünstler: Er kann aus jedem Song einen noch viel schöneren Song machen, einfach nur, indem er ihn auf der Tin Whistle spielt. Und er hat ein großes Herz. Darum geht’s doch in der Musik: Sie ist Ausdruck deiner Gefühlswelt. Wenn nicht, dann ist sie auch nichts wert.
Das Album scheint mir auch ein Versuch zu sein, der mexikanischen Musikkultur in den USA etwas mehr Gehör zu verschaffen.
Sagen wir es mal so: Für die Mexikaner ist es nicht gerade leicht, unser Nachbar zu sein. Präsident James Polk sagte 1848, der Krieg gegen Mexiko sei entscheidend für die nationale Sicherheit. Das war übrigens das erste Mal, dass diese Redewendung als Kriegsgrund herhalten musste. In Wahrheit war es ein reiner Eroberungskrieg, bei dem die USA Mexiko ein riesiges Territorium abnahmen, darunter Kalifornien, Nevada und Utah. Mexiko hat in diesem Krieg die Hälfte seiner Landmasse verloren und wurde regelrecht gedemütigt. So läufts immer, wenn wir uns irgendwo hinbegeben – ob nach Vietnam, in den Irak, wohin auch immer. Stets behaupten wir, es ginge um die nationale Sicherheit, und verfolgen in Wahrheit schändliche, zutiefst verwerfliche Ziele. Aus Howard Zinns Buch kann man allerdings lernen, dass die Angreifer sich nie unbeschadet aus den Konflikten lösen können, die sie angezettelt haben. Die Angreifer zerstören sich selbst und werden in der Regel irgendwann besiegt. So wie jetzt gerade in Afghanistan.
Letzte Frage: Ich habe vor kurzem angefangen, Gitarre zu spielen. Welchen Rat können Sie mir geben?
Wie alt bist Du?
Vierzig.
Hahahaha! In diesem Alter mit einem Instrument anzufangen, ist schwierig. Das Gehirn ist einfach nicht mehr so aufnahmebereit. Wenn man jung ist, wird das Gehirn neu verdrahtet, wenn man ein Instrument lernt. Aber mit 40? Nahezu unmöglich. Es gibt deshalb nur eins, was ich Dir empfehlen kann: Such Dir eine Platte, die Du magst, auf der einer einen schönen Song spielt, setz dich mit Deiner Gitarre hin, finde die richtige Tonart, und fang an mitzuspielen. Wenn Du das jeden Tag eine Stunde machst, dann wirst Du schon relativ bald mithalten können. Das ist die schnellste, einfachste Methode. Geh zu keinem Lehrer, guck dir keine Videos an, das wird Dich alles nur frustrieren.
Der Klang der akustischen Gitarre hat etwas wunderbar Zeitloses.
Das stimmt. Die Gitarre wird populär bleiben, die Leute kaufen sie weiterhin. Obwohl neue Gitarren nicht gut verarbeitet sind und in der Regel ziemlich traurig klingen. Die Gitarrenbauer nehmen das falsche Holz, den falschen Leim, so dass die Instrumente nicht mehr richtig reagieren. Aber was soll man machen, es kann sich nicht jeder eine alte Gitarre kaufen. Ich würde dir aber auf jeden Fall empfehlen, nach einer schönen, alten Gitarre zu suchen, die nicht zu schwer ist.
Das werde ich tun. Und heute abend werde ich gleich mal “Do Re Mi” spielen.
Spiel Woodys Version, nicht meine! Meine ist ein bisschen zu schräg.
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
20 Jahre
Sagen Sie
Perfekter Plan
CUS



11 Uhr 18
Gutes Interview, vielen Dank!
13 Uhr 26
Ich mag Ry Cooder. Und er hat recht: alles ändert sich immer schneller. Es wird aber nicht schlechter, nur anders – inkommensurabel mit dem Vorhergehenden.
Seine und meine Generation verlieren den Kontakt zum emotionalen Kern der Musik, die Menschen in den Zwanzigern und Dreißigern etwas bedeutet.
Ende der 90er spielte mir ein Kollege einen Techno-Track vor, und er beschrieb, was er hörte. Er hörte Strukturen, die sich in einen größeren Kontext fügten; und er hörte, was mittelalte Knochen wie ich, wenn sie alten Blues von Skip James oder Miles Davis’ Trompete hören, mit “Feeling” bezeichnen. Ich hörte nichts davon.
14 Uhr 21
..das mit den vierzig Jahren ist unsinn! ich habe ry cooder mit 18 j. also 1978 gerne gehört, konnte aber auf der eigenen gitarre nur wenig>nichts. über barock und klassik kam ich 20 jahre später wieder zur gitarre und hoffe, nächstes/dieses jahr die sonate brillante von guiliani zu bewältigen>bewege mich also auf den schwierigkeitsgrad 3,5 zu.
nur mut und (zuerst) kleine brötchen backen!
..wichtig ist, ein paar noten zu können…
14 Uhr 51
@ Dirk
Vielen Dank für den Zuspruch! Werde mich nicht entmutigen lassen, auch nicht von Ry Cooder…
15 Uhr 20
Ich bewundere vor allem Ihre Englischkenntnisse. Bemerkenswert, wie Sie heraushörten, daß Mr Cooder Sie permanent geduzt hat, obwohl Sie auf dem “Sie” beharrten.
Wieso erinnert mich das an Helmut Kohls legendäre Worte:”You can say you to me!”
15 Uhr 21
PS: Entschuldigen Sie meinen Kommentar, falls das Interview auf deutsch geführt wurde.
16 Uhr 59
@ nbutscheidt
Danke für den Kommentar – ich hatte ihn schon befürchtet! Meine Übersetzung ist in der Tat angreifbar, da wir beide “you” gesagt haben. Ich habe aber trotzdem “Sie” und “Du” gewählt, da diese Worte für mich die Gesprächssituation am besten wiedergaben. Ry Cooder spricht mit großer Autorität und verwendet gerne Redewendungen wie “well, listen…”, in denen klar wird, wer hier den Ton angibt. Deshalb habe ich die entsprechenden Passagen mit ein wenig künstlerischer Freiheit übersetzt. Ich hoffe, das Interview wird dadurch in Ihren Augen nicht allzu sehr geschmälert. Viele Grüße!
17 Uhr 59
Moin Johannes,
einige Anmerkungen zum Thema Gitarre und der von Herrn Cooder aufgeworfenen These:
Es mag wohl sein, dass heutige High-End-Klampfen nicht an die Ovations und Martins der 50er und 60er heranreichen. Aber der Vintage-Wahn auf dem Gitarrensektor hat die Anschaffung solcher Gerätschaften für Normalsterbliche unmöglich gemacht. Allein so Kollegen wie Neil Young, der in seinen Scheunen ja scheinbar hunderte alter Martins und vermutlich noch mehr anderes altes Zeug hortet (z.B. die wahrscheinlich weltweit größte Sammlung alter Fender Verstärker) tun ja das ihrige die Preise zu versauen.
Im Sektor der Einsteiger-Gitarren stimmt diese Aussage aber definitiv nicht. Die Gitarren der unteren Preissegmente sind so gut wie nie. Wenn man ein bisschen sucht. Ich möchte hier mal den größten britischen Gitarrenbauer Tanglewood nennen, der in Deutschland kaum bekannt ist, aber Gitarren mit hervorragendem Preis-/Leistungsverhältnis fertigt, insbesondere wenn man auf den Martin-Sound steht.
Bei Stromgitarren sieht das ähnlich aus. Es gibt für relativ günstiges Geld tolle Instrumente, hier sind die Hannoveraner von Duesenberg sicher einen Blick wert. Wobei die nicht ganz billig sind, im Vergleich zu amerikanischen Vorbildern aber eben doch günstig.
Ansonsten, ich habe mit 20 angefangen Gitarre zu spielen (19 Jahre her…) und bin weiß Gott kein solcher am Griffbrett (wenn auch sicher kein Lagerfeuerklampfist). Aber in erster Linie soll es doch Spaß machen. Und das kann es immer, zumal die Gitarre ja recht schnell Erfolgserlebnisse vermittelt. Immer schön üben…!
18 Uhr 50
Hallo Phunky,
ich war kürzlich in einem Gitarrenladen – und zwar im Folkladen in München -, da hing eine Martin aus den Dreißigern an der Wand. Kostenpunkt: 12.000 Euro! Obwohl sie toll klang, wir durften sogar darauf spielen, fand ich den Preis dann doch etwas übertrieben. Ich bin Gitarrenanfänger und kenne mich da nicht wirklich aus – was Du sagst, glaube ich aber sofort. Im Folkladen hingen auch einige Einsteigermodelle, die für meine Ohren fast genauso gut klangen wie die Vintage-Trophäe. So, jetzt schnell weiterüben…
19 Uhr 05
Moin Johannes,
ich habe mir vor ca. zwei Jahren diese hier http://www.tanglewoodguitars.co.uk/products/default.asp?cID=26463178&sID=26465104 zugelegt. Das ist sicher nicht unterstes Segment, aber diese Gitarre klingt phantastisch. Zumindest für meine Ohren. Und sie ist komplett aus Vollholz gefertigt, was in der Preisklasse nicht selbstverständlich ist.
Was die Methodik angeht, würde ich Ry Cooder aber durchaus zustimmen. Zu Songs zu spielen ist nicht das schlechteste. Mir (ebenfalls Autodidakt) hat es dann aber auch sehr geholfen, den Blues zu spielen. Aufgrund seiner klaren Schematik ist das eine Musikform, in der man sich rythmisch gut entwickeln kann. Zumindest ging es mir so.
Noten kann ich übrigens bis heute nicht flüssig lesen, ich komme mit Tabulaturen und mit Gehör aber trotzdem gut zurecht.
Was mich zur Gitarre brachte, war das Akustik-Intro von New Model Armys “51st State”. Und Justin Sullivan ist sicher kein Shredder. Auch wenn ich seit vermutlich zehn Jahren keinen New Model Army Song mehr hörte, spiel ich das heute noch gern. Wie gesagt, hauptsache es macht Spaß.
21 Uhr 07
Hallo Johannes,
schönes Interview. Hat mir gut gefallen.
Ich habe auch mit 40 das Gitarrenspiel angefangen und bin nun ca. 3,5 Jahre dabei bislang ohne Unterricht nach eigener Facon unter Ausnutzung verschiedener Lehrwerke und Songbooks. Macht auch weiterhin großen Spass, was das wichtigste ist. Ich denke es war gut mit sehr sehr einfachen Stücken/Übungen anzufangen und regelmäßig zu spielen.
Bin schon ein gutes Stück vorangekommen, denke aber nun doch über Unterricht nach.
Sicherlich, da hat Ry Cooder schon recht, man lernt nicht mehr so schnell, aber wenn man mit etwas Nachdruck und Enthusiamus dran bleibt, geht es doch.
Es erschließt sich einem schon eine neue Welt….
Also bleib dran…
22 Uhr 39
Ein tolles Interview! Das Verschwinden ganzer Musikrichtungen und -kulturen mag für den Zeitzeugen traurig sein, aber es ist der Gang der Welt und letztlich unvermeidlich. Das Neue ist tödlich für das Alte. Auch der Jazz und der Blues haben vermutlich einige Musikrichtungen verdrängt. Nur ein paar Perlen scheinen die Zeit zu überstehen.
Die Globalisierung mag diesen Prozess beschleunigen, aber ohne die Globalisierung hätte Ry Cooder die Musik, die er liebt, ja nie kennengelernt. Berühren bedeutet immer auch Zerstören.
23 Uhr 38
Moin Johannes,
kann mich den Vorrednern nur anschließen: Cooder, wie schon letztens Dylan, bringt vieles auf den musikalischen Punkt. Las heute in der Presse, das Internet sei ein “Jetztzeit”-Medium.
Das stimmt – alles prasselt auf uns ein, wir können das Wissen aber nicht mehr in größeren, historischen Zusammenhängen sortieren und gewichten. Dein Blog ist da wirklich eine Insel im virtuellen Datenmeer. Mach weiter so.
23 Uhr 50
@ Johannes:
sehr, sehr schönes interview!!! :o) gerne mehr davon, gerne aus allen möglichen stilrichtungen der musik! —- und immer weiter machen. ich bin auch, mit einem dritteljahrhundert, dabei, gitarre zu lernen, und muss sagen: es lohnt sich. schönes instrument!
@ christian matschke:
da hilft nur eins: sich öffnen, alle grenzen (so weit es geht) ignorieren … ja, auch das ist möglich … ich höre beides gerne, jazz, insbesondere miles davon, und techno. und noch vieles, vieles mehr. und dann wird einem auffallen, dass die unterschiede doch nicht SO groß sind, wie man am anfang dachte bzw. gern gehabt hätte. natürlich, mit grenzen lebt es sich einfacher. aber ohne grenzen auch. ;o)
was jazz und techno angeht: das eine ist form. das andere auch. und alles im endeffekt nur akustische reize – wellen – die in der luft rumflirren… aber soweit würde ich nicht gehen wollen, musik, welche auch immer, darauf zu reduzieren.
23 Uhr 58
ich meine natürlich: miles DAVIS … der retsina hat das “is” geklaut!
02 Uhr 44
Ach, lieber Freund und Kupferstecher, entschuldige die saloppe Anrede, wie lange wollen Sie denn noch kokettieren mit Ihrer letzten Frage: “Ich habe vor kurzem angefangen, Gitarre zu spielen. Welchen Rat können Sie mir geben?” Das habe ich schon vor einem Jahr gelesen und es ist bei weitem nun leider nicht mehr vor kurzem. Fragen Sie mich! Und ich würde antworten, ohne Ry derselbige zu sein, sondern Rosa dieselbige: Musik und Spiel ist nicht Tipps und Tricks und Skalen, noch weniger Beratung, ein Instrument in die Hand zu nehmen, die wundervolle 6-saitige Gewölbte, Taillierte, ist Leben! Das kann einem kein anderer beibringen. Also los, hau rein, frag nicht mehr!
07 Uhr 52
@ Barbara
Vor einem Jahr – das kann nicht sein. Habe die Frage zum ersten Mal im vergangenen Sommer gestellt, als ich mit George Benson gesprochen habe. Danach noch Marc Ribot und Devendra Banhart, also auch nicht sooo häufig. Viele Grüße!
09 Uhr 18
sehr schönes teil herr waechter! fantastico!! thank the good lord for folks like paddy moloney and ry cooder (und bob natürlich auch)!!!
02 Uhr 19
Mein lieber Herr Gesangsverein,
das ist ja mal ein schöner Blog. Beim Querlesen könnt man meinen, sie sind Stammgast bei den „Century of songs“ auf der Ruhrtriennale. Joe Henry war Kurator, Marc Ribot ist Kurator, Rosanne Cash war Gast, und auf Allen Toussaint und Bettye Lavette (sie hat mittlerweile bei der Obama-Inauguration gesungen, ist also „angekommen“) wurde verwiesen.
Grund genug, mal hier am Ball zu bleiben. Bedient meine musikalische Bedürfnislage.
Herrn Cooder wohnt wohl eine gewisse Grundmelancholie inne, denn früher war nicht alles besser, auch kein Gitarrenholz. Es gibt viele gute Gitarren aus den sechzigern, aber es gibt auch viel Schrott. (Seine Strat in dem Video klingt aber klasse). Bei meinen Strumenten, die zwischen 1966 und 2005 geboren sind, kann ich jedenfalls allein aufgrund des Alters keine Vorzüge erkennen.
In dem großartigen Konzertfilm „To Tulsa and back“ spielt J.J. Cale u.a. Gitarren mit Pappmachékorpus. Entscheidend ist also , was man draus macht.
Ach ja: und mein lieber Nachbar hat mit 55 Jahren angefangen, Fagott zu lernen. Nu ist er 85 und spielt schon lange in diversen Ensembles für Alte Musik. Der Mann ist der coolste Musiker den ich kenne.
Das geht auch mit Gitarre.
Also frisch ans Werk!
14 Uhr 50
Da ich auch schon ein paar Jahrzehnte auf Musikinstrumenten spiele und die Gitarre dabei letztlich doch immer im Vordergrund stand, wollte ich mich ganz kurz dem erfreulichen Ansturm ermutigender Stimmen anschließen. Sorry, Ry!
Vielleicht zwei wichtige Schlüsselworte bei der ganzen Chose, eigentlich generell lauten Hingabe und Entspannung, aber besser nicht bekiffte, sondern nicht ganz entspannte Entspannung… so ähnlich jedenfalls. Um das Spannungsfeld geht es.
Hier noch
http://www.youtube.com/watch?v=xFBKXQILeqI
ein entspanntes Intermezzo mit dem auch hier kontrovers gehandelten Macca, der es aber natürlich drauf hat – wunderbar, wie er den Bogen über die Geburt seines Kindes, das Bild von Picasso hin zu der Umsetzung “Two fingers will do” findet.
Viele Grüße von
Rüdiger
20 Uhr 01
bob dylan art…
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