Christina Stürmer: “Wir sind wieder laut unterwegs”
Von Johannes WaechterDas Konzert beginnt mit dem typischen Hilfeschrei eines Provinzgeschöpfs. “Du gehst einsam durch die Straßen / Weil dich hier kein Mensch versteht”, singt Christina Stürmer. Ihre beiden Gitarristen lassen die Instrumente erdröhnen, während sie zum Refrain anhebt: “Du fühlst dich allein in der kleinen, verschlafenen Stadt.” Die ewige Entfremdung des Teenagers vom Lande, hier ist sie wieder.
Die Musik wummert deftig durchs Münchener Hard Rock Café, dessen Wände unter anderem mit einem Original-Karateanzug von Elvis Presley geschmückt sind. “Wir sind wieder laut unterwegs”, hat Christina Stürmer zur Begrüßung gesagt, nach einem Akustik-Album im vergangenen Jahr. Sie und ihre vierköpfige Band stellen bei einem Clubkonzert ihr neues Album In dieser Stadt (Universal) vor, das am 10. April erscheint. Mit der letzten Platte Lebe lauter stand die 26-jährige Österreicherin 2006 auf Platz eins der deutschen Charts, im vergangenen Jahr sang sie die Hymne zur Fußball-EM. Nun wird sich zeigen, ob alles nur eine Laune des Moments war, oder ob sie sich dauerhaft als Star etablieren kann.
Der Auftrittsort ist klug gewählt. Zum einen weil Stürmer und ihre Band tatsächlich mainstreamigen Rock spielen, der sich auf den bewährten Sound verzerrter Gitarren verlässt und den Zuhörer niemals durch überraschende musikalische Wendungen beim Mitwippen stört. Zum anderen weil das Hard Rock Café auch mit seinem standardisierten, ästhetisch glatten Ambiente zu Christina Stürmer passt – an einem szenigeren Ort wäre sie fehl am Platze gewesen.
Obwohl auf ihrer Website für die Konzerte geworben wurde und das Publikum größtenteils aus Fans bestehen dürfte, hat es Christina Stürmer heute abend nicht leicht. Viele haben vor Konzertbeginn den Hard-Rock-Burger (200 g gegrilltes Rindfleisch) verzehrt und hocken nun bequem auf ihren Stühlen. Die Stehplätze mit den echten Fans sind weit von der Bühne entfernt.
Als besonderes Markenzeichen von Christina Stürmer gilt ihre emotionale Ehrlichkeit. Bei der Übersetzung von Gefühlen in Songtexte landet man aber schnell bei der Plattitüde. In den Liedern ihrer neuen Platte, die heute abend gesungen werden, tauchen immer wieder scheinbar prägnant formulierte Sätze auf, die bei genauerer Betrachtung aber recht nichtssagend sind. Kostprobe: “Ich kriege nie genug vom Leben” oder “Warum dreht sich mein Herz im Kreis?” oder “Auch wenn die ganze Welt in Trümmer fällt / Es ist niemals hoffnungslos” oder “Wir können nur gewinnen, wenn wir in Bewegung sind”. Der Vorteil solch offener Statements ist natürlich, dass sich viele Leute bequem damit identifizieren können. Einer genauerer Überprüfung halten sie jedoch nicht stand.
Zwar kommt nach einigen Liedern dann doch ordentlich Stimmung auf, und Stürmers schneidende, leicht angeraute Stimme dominiert den Raum. Dennoch gelingt es mir nicht, in ihrer Darbietung irgendetwas wirklich prägnantes zu entdecken: eine überraschende musikalische Idee, ein eigener Zugriff auf ihren Sound. Stattdessen kommen zum Schluss die Hits “Ich lebe” und “Engel fliegen einsam” – und nach 52 Minuten ist alles vorbei. Noch während sich Christina Stürmer und ihre Band verbeugen, dröhnt echter Hardrock aus den Boxen: AC/DC mit “Highway To Hell”.
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