Moby im Interview: “Ich liebe Fehler”
Moby hat genug von der digitalen Reinheit: Ein Plädoyer gegen die Perfektion der modernen Welt, bei dem der New Yorker DJ und Aktivist auch Themen wie den Aktienhandel, die Folgen der Fleischproduktion und die Informationsflut streift, die unser Leben so anstrengend macht.
Von Johannes Waechter
Eigentlich sollte es nur ein kurzes Gespräch über den Aktienhandel werden, anläßlich der großen Jubiläumsausgabe des SZ-Magazins, in der wir die besten Geschichten aus 20 Jahren weitererzählt haben. Doch dann hatte Moby noch ein paar Minuten Zeit, und ich konnte ihn zu so unterschiedlichen Themen wie der Fleischproduktion, dem warmen Klang analoger Platten und dem Zustand der Clubmusik befragen. Einmal mehr erwies sich der 45-jährige New Yorker DJ als eloquenter Gesprächspartner, der die dezidierte Meinung und die überraschende These schätzt – und dessen Horizont weit über den der meisten Musiker hinausreicht.
Hallo, Moby, erinnern Sie sich an das Interview über den Aktienhandel, das Sie uns 2002 gegeben haben?
Ich glaube schon. Fand es nicht in einem Hotelzimmer statt?
Sie haben viel von Ihrem Aktiendepot erzählt und Ihren cleveren Investmentstrategien.
Clever? Ich investiere wie ein Achtzigjähriger.
Eine Folge der Finanzkrise?
Nicht wirklich. Ich war schon immer vorsichtig.
Wie konnte es zu dieser schlimmen Krise kommen?
Das größte Problem war, dass die Banken sich selbst überwachen durften. Eine Firma wie Lehman Brothers hat Anwälte angestellt, die sie kontrollieren sollten, aber die Anwälte wussten natürlich ganz genau, wer sie bezahlt. Ich hoffe, dass die Bankenaufsicht SEC in Zukunft genauer überwacht, was an der Wall Street passiert.
Wie hat sich Obama bisher geschlagen?
Die Republikaner haben acht Jahre lang dereguliert, nun darf Obama den Laden aufräumen. Aber er tut, was getan werden muss, und ich bin sicher, dass wir bald ein schärferes Gesetz zur Bankenaufsicht haben werden. Allerdings arbeiten an der Wall Street eine Menge kluge Leute, und die werden Mittel und Wege finden, um die neuen Bestimmungen zu umgehen.
Kommt also bald die nächste Krise?
Die kommt sowieso. Denken Sie nur an die Tulpenmanie früher in Holland: Wenn schon vor 400 Jahren eine Spekulationsblase platzen konnte, werden wir auch künftig nicht von Finanzkrisen verschont bleiben.
Vor zwei Monaten haben Sie ein Buch namens Gristle herausgegeben, in dem es um die Fleischproduktion geht. Wie man Sie kennt, dürfte es sich um ein veganes Manifest handeln!
Nein, es ging mir keineswegs darum, für vegane oder vegetarische Ernährung zu werben. Das Buch enthält keine Thesen, kaum Meinungsmache, sondern vor allem Fakten: zehn Kapitel über die Konsequenzen, welche die agro-industrielle Fleischproduktion für die Umwelt hat, die Gesundheit der Konsumenten, die Arbeiter in den Betrieben, die Gemeinden. Es ist definitiv kein veganes Buch – einer der Autoren ist sogar Schweinezüchter.
Ich habe den Eindruck, dass inzwischen mehr über die negativen Umwelteinflüsse der Fleischproduktion geredet wird als über mögliche gesundheitliche Folgen des Fleischgenusses.
Das stimmt. Der Wendepunkt war ein UN-Report, der vor fünf oder sechs Jahren veröffentlicht wurde. Darin wurde nachgewiesen, dass 25 Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase auf die Fleischproduktion zurückgehen. Das hat sogar viele Umweltschützer überrascht. In der Dritten Welt ist die Fleischproduktion der Hauptgrund für die Vernichtung des Regenwalds, in den USA trägt sie erheblich zur Wasserverschmutzung bei. Mit dem Buch wollen wir die Aufmerksamkeit auf solche Fakten lenken.
Haben Sie ein Standardargument, mit dem Sie die Menschen zur veganen Ernährung zu bekehren versuchen?
So etwas muss jeder selbst entscheiden. Vor zehn Jahren war ich sehr viel militanter, inzwischen ist es mir eigentlich egal, ob die Leute Fleisch essen oder nicht. Zumindest versuche ich nicht mehr, sie zu überzeugen. Außerdem ist die ganze Angelegenheit komplizierter als ein simples “Fleisch, ja oder nein”. Man kann Fleisch essen und sich trotzdem umweltbewusst verhalten, zum Beispiel wenn das Fleisch vom lokalen Metzger kommt oder von einem Bio-Bauernhof. Ich ernähre mich weiterhin vegan, aber ich halte es ist nicht für meine Aufgabe, die Entscheidungen anderer Menschen zu beurteilen.
In Ihrem Blog habe ich gelesen, dass Sie kürzlich mit echten Musikern und akustischen Instrumenten im Studio waren. Haben Sie die Nase voll von der elektronischen Musik?
Nein, ich liebe elektronische Musik. Aber mein nächstes Album soll zur Hälfte elektronisch, zur anderen Hälfte akustisch und orchestral sein. Heute kauft doch keiner Platten mehr, deshalb kann man sich mehr kreative Spielereien erlauben als früher. Es gibt keinen Anreiz, sich einem kommerziellen Mainstream anzupassen, weil auch im Mainstream nichts mehr verdient wird.
Ein teures Hobby.
Ach was, Platten aufnehmen ist gar nicht so teuer. Meine letzte Platte hat um die 30.000 Dollar gekostet. Einige waren noch billiger. Wenn ich Orchester miete, geht das natürlich schon ins Geld. Aber mir gefällt einfach die Idee, Platten nur aus einer – Achtung, Klischee! – künstlerischen Überzeugung heraus zu machen. Ohne Gedanken an den Markt, das kommerzielle Potenzial. 2010 hat doch keine Platte mehr irgendein kommerzielles Potenzial.
Warum haben Sie sich plötzlich mit akustischen Instrumenten beschäftigt? Ging es um den Sound?
Ich habe mich von einigen älteren Platten anregen lassen, insbesondere von Nick Drakes Bryter Layter. Ich liebe den Klang dieses Albums!
Ah, Joe Boyd! Alle Platten, die er zu dieser Zeit produziert hat, klingen fantastisch!
Ja, die sind so warm. Ich mag besonders die Art – aber vielleicht sollte ich hier nicht zu spezifisch werden, das wird wahrscheinlich niemanden interessieren.
Nein, bitte reden Sie weiter.
Was ich meine, ist folgendes: Bis Mitte der Sechziger ging es bei Tonaufnahmen vor allem darum, musikalische Aufführungen zu dokumentieren. Die Musiker spielten im Studio und wurden dabei aufgenommen – niemand kam auf die Idee, das Studio auf kreative Art zu verwenden. Ab Mitte der Sechziger, ab Sgt. Pepper, Smile, Sly Stone, wurde das Studio zu einem kreativeren Ort. Bis in die frühen Siebziger wurde in den Studios beides kombiniert, die Dokumentation von musikalischen Aufführungen und das kreative Experiment. Das war meines Erachtens eine phänomenale musikalische Periode. Produzenten wie Joe Boyd oder Tony Visconti haben tolle Aufführungen dokumentiert, aber gleichzeitig die Technologie, die ihnen zur Verfügung stand, auf interessante Weise genutzt.
Was kann man daraus heute noch lernen?
Heute geht es auf vielen Platten nur ums Studio. Ich bin da mitschuldig – die meisten Platten, die ich gemacht habe, sind ebenfalls reine Studioproduktionen. Inzwischen finde ich es jedoch besonders interessant, beides zu kombinieren, elektronische und akustische Instrumente. Bei der Produktion meines letzten Albums Wait For Me habe ich die Regel aufgestellt, dass nichts häufiger als einmal gespielt werden sollte. Es sind also viele Fehler darauf, nichts ist perfekt. Ich hoffe, der Musik damit eine Menschlichkeit und Wärme zu verleihen, die man nicht erreicht, wenn alles direkt aus dem Computer kommt.
Einige Leute argumentieren, dass die Platten nie mehr so gut klingen werden wie Anfang der Siebziger, weil es die Studios von damals nicht mehr gibt, und auch nicht die Toningenieure, die in diesen Studios gearbeitet haben.
Es gibt immer noch viele gute Toningenieure. Ich habe in einem Studio in Midtown aufgenommen, das früher Power Station hieß, jetzt heißt es Avatar. Da hat sich seit den Siebzigern nicht viel verändert, die haben immer noch das alte Equipment. Und der Toningenieur, mit dem ich gearbeitet habe, hat genau gewusst, wie Mikrofone, Verstärker, Kompressoren und Räume zusammenwirken, um einen bestimmte Klang zu erzeugen. Solche Leute gibt es also schon noch …
… aber ihre Fähigkeiten werden nicht mehr von sonderlich vielen Musikfans geschätzt.
Ja, das ist das Lustige daran: Wait For Me habe ich zusammen mit einem Typen namens Ken Thomas gemischt, der schon sehr lange im Geschäft ist. Wir haben nur analoge Effekte benutzt, und wir hatten dieses wunderschöne, alte Neve-Mischpult. Wir haben uns große Mühe gegeben, ein warmes, klanglich interessantes Album zu machen, aber am Ende mussten wir uns eingestehen, dass das im gewissen Sinne vergebliche Liebesmühe war, weil heute die meisten Menschen Musik über die kleinen Lautsprecher in ihrem Laptop hören. Die Audiokunst ist auf dem besten Weg, eine Nischenkunst zu werden. Wahrscheinlich hören sich nur fünf Prozent der Leute die Platten so an, dass sie auch wirklich mitkriegen, was alles darauf ist. Tja, so sieht die Musikindustrie im Jahr 2010 eben aus.
Sie sagen das so nüchtern! Ist das nicht schade?!
So ist es nun mal. Sich darüber zu ärgern, wäre total sinnlos. Und übrigens: Ich selbst höre auch viel Musik am Computer. Ich habe also nicht das Recht, mich darüber aufzuregen. Zum Glück habe ich extrem gute Kopfhörer – ab und zu setze ich die auf, lege eine gute Platte auf und erinnere mich daran, was für eine wunderbares Erlebnis das Musikhören sein kann.
Vor ein paar Jahren dachte man, dass die Clubmusik nun dauerhafter Teil des Pop-Mainstreams werden wird; Ihr eigener Erfolg war ein Indiz dafür. Inzwischen kommt es mir so vor, als würde die Clubmusik wieder im Underground verschwinden.
Das stimmt, andererseits hat die Clubmusik weiterhin Einfluss auf den Pop. Denken Sie nur an Lady Gaga: Die ist eigentlich eine Underground-Performerin, die aber ein paar Millionen Platten verkauft hat.
Ich stelle es mir wahnsinnig anstrengend vor, die Entwicklung der Clubmusik zu verfolgen.
Das wäre nur dann anstrengend, wenn es überhaupt möglich wäre. Es ist doch heute so leicht, Musik zu machen! Das Ergebnis ist, dass unglaublich viele Platten herauskommen. Ich wundere mich, dass nicht mehr über diesen Informationsüberfluss geschrieben wird. Vor zwanzig Jahren habe ich am Tag vielleicht drei Telefonanrufe und einen Brief bekommen. Heute mache ich meinen Computer an – und habe 300 Emails im Posteingang. Jeder ist heute Musiker, Filmemacher, und Fotograf, jeder schreibt Essays, hat einen Blog – manchmal bekomme ich Schuldgefühle, weil ich selbst ebenfalls dauernd Informationen in die Welt entlasse. Wenn ich also versuchen würde, alles zu verfolgen, was in der elektronischen Musik, Indiemusik oder New Folk Music passiert, würde ich verrückt werden. Ich bin lieber ein normaler Musik-Konsument, der ab und zu eine Entdeckung macht, als dass ich fünfzehn Stunden am Tag damit verbringen würde, auf dem Laufenden zu bleiben. Ich bin 45! Da kann der Lebensinhalt nicht mehr darin bestehen, die Clubmusik zu verfolgen.
Sie sind seit über zwanzig Jahren im Musikgeschäft. War es früher leichter, Erfolg zu haben?
Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht. Manches war damals viel schwieriger. Es gab nur ein paar Plattenfirmen, und eine Platte herauszubringen, war richtig harte Arbeit: Man musste kapieren, wie man sein Equipment benutzt, man musste ein Studio buchen, eine Plattenfirma irgendwie für das eigene Zeug begeistern. Heute brauchst du eine Stunde, um an deinem Laptop ein Stück zu basteln, und zehn Minuten später hast du es bereits im Netz veröffentlicht. Aber weil das alle machen, ist es heute auch viel schwieriger, Aufmerksamkeit zu erregen. Anfang der Neunziger sind einfach nicht so viele Platten erschienen; alle, die herauskamen, hat sich auch irgendwer angehört.
Ich glaube, dieser Überfluss an neuer Musik schüchtert viele Leute sogar ein bisschen ein und bringt sie dazu, wieder mehr ältere Künstler zu hören, die noch einen wirklich individuellen Sound hatten.
Ja, guter Punkt. Ein Großteil der zeitgenössischen Musik wird mit demselben Equipment gemacht. Das ist keine Kritik. Aber wenn jeder Reason, Ableton oder Logic benutzt, hören sich die Platten auch alle gleich an. Sie mögen gut sein, aber sie hören sich gleich an. Und dann ziehst du Disraeli Gears von Cream aus dem Regal oder irgendwas von John Lee Hooker – und das klingt einfach so anders! Ich kehre immer wieder zu den alten Platten zurück, wegen ihrer klanglichen Subtilität, ihrer Menschlichkeit – und weil sie viel weniger professionell sind. Es mag seltsam klingen, aber ich fühle mich mehr und mehr zu Platten hingezogen, die voller Fehler sind. Die moderne Musik ist einfach zu perfekt. Deshalb habe ich auch die originalen Techno-Platten so geliebt – die waren voller Fehler! Da saßen 17-Jährige, die gar nicht so genau wussten, was sie taten, mit schrottigem Equipment in ihren Schlafzimmern und haben einfach losgelegt! So entstanden zutiefst eigentümliche Platten, die einen Teil ihres Charmes aus ihren Mängeln zogen. Um ehrlich zu sein: Wenn ich Musikstücken, Kunstwerken oder auch Menschen begegne, die zu perfekt sind, weht mir eine Kälte entgegen, die mir Angst macht.
Mobys letztes Album, die Doppel-CD “Wait For Me. Remixes”, ist am 14. Mai bei Little Idiot/MoS erschienen. Das Buch “Gristle” kam Anfang März in den USA heraus.
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16 Uhr 39
Moin Johannes,
welches Album wird das mit den “akustischen Instrumenten” sein? Das klingt nicht uninteressant, zumal ich die Nick Drake Alben auch sehr schätze. Mobys letzte Platten fand ich nicht wirklich überzeugend, mit fallender Tendenz.
Was Produktion angeht, ein paar machen sich ja wirklich noch Mühe. Don Was fiele mir da ein, dessen Platten klingen eigentlich immer sehr schön, ob Willie Nelson oder sogar Amos Lee, der auf einmal nicht mehr klang wie ein recycelter Jack Johnson.
17 Uhr 56
Erwähnenswert wäre gewesen, dass Mobi – wie viele bekannte Popsänger – die Transzendentale Meditation macht und kürzlich in verschiedenen Benefizkonzerten dafür mitgewirkt hat, so u.a. in dem von der David Lynch Foundation organisierten Benefizkonzert in New York mit Paul McCartney und Ringo Starr, Donavan, Mike Love von den Beach Boys usw. Im Konzert ebenfalls anwesend waren Yoko Ono und George Harrison´s Witwe … Auch Paul McCartney und Ringo Starr machen bis heute – seit ihrer Zeit 1968 mit Maharishi Mahesh Yogi in Rishikesh, Indien – die Transzendentale Meditation ‘(TM). Auch Donovan war damals bei Maharishi in Indien mit den Beatles und macht bis heute seine TM und engagiert sich auch wieder für Maharishi und seine Meditation mit Benefizkonzerten, will für Maharishi die “Invincible Donovan University” in Schottland gründen usw. Mobi gehört du dieser Gruppe von namhaften Künstler mit dazu.
11 Uhr 07
@Rick: schau lieber nicht diesen Film, oder doch http://www.youtube.com/watch?v=BBrfCfkiS7Y
21 Uhr 51
Nun fragt sich ja doch ob irgendein YouTube Film die Wahrheit in sich birgt oder das älteste und kompletteste Wissen das die Menschen je gehabt haben, die Veden. Das Wissen auf das wir momentan bauen, unsere Gesellschaft, unsere Politiker, die gesamte Erziehung, alles hat uns ja eigentlich doch ganz schön Stress, Krisen, Umweltzerstörung, Krankheiten und was sonst nicht alles gebracht. Unsere grossen Religionen zeigen sich auch nicht gerade von ihren besten Seiten momentan. Aber wer damit zufrieden ist, soll´s auch sein. Doch mehr und mehr Menschen wissen es muss was besseres geben und fangen an sich nach innen zu wenden und tatsächlich es gibt was besseres. Noch ein paar Krisen hier und da und das heutige moderne Wissen verwandelt sich in was kompletteres … Geht ja eh automatisch. Irgendwann sehen es fast alle und doch können wir auch heute schon froh sein, dass ein paar weltbekannte Künstler und andere ihrer Zeit ein wenig voraus waren und uns Tipps geben, die voll richtig sind, aber eben ihrer Zeit ein wenig voraus sind und deshalb können halt viele noch nicht folgen. Macht nix, mit jeder Krise lernen mehr dazu.
09 Uhr 31
Von Moby kam lange nichts mehr, schoen das man die eingestaubten Kuenstler wieder zu Tisch bittet. Ich erwarte viel, nach solch grosser Ansage.
weiter gute Musik auf ArtiBerlin
http://www.artiberlin.de/magazin/musik