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Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  110 Kommentare

Weg mit den Rolling Stones!

Die Wiederveröffentlichung von "Exile On Main Street" stürmt die Charts, aber muss man die Rolling Stones deshalb mögen? Zwischenruf eines Stones-Verächters, der mit Jagger & Richards einfach keinen Frieden schließen kann.

Von Johannes Waechter

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Charlie Watts, Mick Jagger und Keith Richards am 11. Mai 2010 in New York.

Der wichtigste Grund für meine Abneigung gegen die Rolling Stones sind immer noch die Beatles. Mit zwölf bin ich Beatles-Fan geworden und habe bis heute den Gedanken verinnerlicht, dass die Stones in den Sechzigern viele Ideen der Beatles kopiert haben, stets schlechter als ihre Vorbilder. Es gibt ein Foto – aufgenommen, glaube ich, bei der “All You Need Is Love”-Session –, auf dem Mick Jagger zu Füßen von Paul McCartney sitzt. Dieses Bild symbolisiert für mich die natürliche Ordnung der Dinge.

Kann man im Jahr 2010 nicht beide Bands gut finden? Kann man schon, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Beatles und Stones weiterhin gegensätzliche musikalische Ansätze verkörpern: Die Beatles stehen für den Drang nach Experiment und Innovation, die Stones fürs sture Beharren auf einer einmal gefundenen Erfolgsformel. Das kann auch seinen Charme haben, der knorrige Rockismus der Stones hat sich meines Erachtens jedoch überlebt: Ihr Mythos verblasst seit einigen Jahren, derweil die Beatles wieder stärker hervortreten, als die ewig ersten in allen kommerziellen und künstlerischen Bestenlisten.

Vielleicht waren es auch solche Fragen, die die Band bewogen haben, nun Exile On Main St. (Universal) neu herauszubringen, ihre beste Platte. Die mit zehn Bonus-Tracks ausgestattete Doppel-CD erschien vor drei Wochen und schoss in England sofort auf Platz eins der Charts, in den USA auf Platz zwei, in Deutschland immerhin noch auf Platz drei. Das ist zum einen der gelungenen Marketingkampagne geschuldet, mit Dokumentarfilm und Pressekonferenz in Cannes, zum anderen sicherlich der ungeminderten Zugkraft dieses legendären Albums.

Exile On Main St. gefällt selbst mir, trotz tief sitzender Stones-Antipathie. So schön schmutzig klangen die Stones nie wieder, und Mick Jaggers leierlippiger Gesang fällt im allgemeinen Gedröhne auch nicht so negativ auf wie auf den meisten anderen Stones-Alben. So ist der Stones-Boss persönlich einer der wenigen Menschen, der nicht in die allgemeine Exile-Euphorie einstimmt. “There’s not a list of outstanding songs”, hat er über das Album gesagt. “It’s a bit overrated, to be honest.”

In einer alte Mojo-Ausgabe aus dem Januar 2002 erzählen Jagger, Richards, Anita Pallenberg und Mick Taylor ausführlich von der Entstehung des Albums. Vieles davon ist in die Rock-Mythologie eingegangen: die Villa in Südfrankreich, in der die Aufnahmen stattfanden, während des Zweiten Weltkriegs Hauptquartier der örtlichen Gestapo; die freie Verfügbarkeit von Drogen jeder Art; das Chaos einer monatelangen Dauerparty; der Strom von prominenten Besuchern wie John Lennon und Yoko Ono, die nach einem Gelage auf die Treppe kotzten. “For some reason he always felt he had to party harder than me”, hat Keith Richards über Lennon gesagt. “Which is a very difficult thing to do, especially in those days.”

Interessant ist auch folgendes Zitat von Mick Taylor: “The Rolling Stones were never great musicians – when we were rehearsing for Hyde Park when I first joined them, I couldn’t believe how bad they were. I thought, ‘How do they make such great records?’” Später verstand er: “It’s not about being great musicians but about a certain kind of chemistry the band has, a certain kind of dynamic.”

Bei Exile kann selbst ich als Stones-Skeptiker diese Dynamik öfter mal hören. Bei den meisten anderen Platten der Band erschließt sie sich mir nicht, und auf Exile gibt es ein Stück, das dieses Dilemma verdeutlicht: “Stop Breaking Down” von Blueslegende Robert Johnson, 1938 auf einer seltenen Schellackplatte erschienen. Die Emotionen, die Johnson mit seiner Musik weckt, werden bei den Stones nur simuliert, aus einem vielschichtigen Kunstwerk wird nichtssagender, schlapp dahinklappernder Rumpelrock.

Die Stones haben mal als R&B-Band begonnen, aber je reicher und dekadenter sie wurden, desto weniger Bluesenergie war noch in ihrer Musik zu entdecken. Und mit ihren mageren musikalischen Mitteln konnten die Stones diesen implodierenden Kern auch niemals übertünchen. So wurden sie zum ultimativen musikalischen Paradoxon: einer Bluesband ohne Blues.

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Fotos: AP, Dominique Tarlé

Kommentare

  • boris

    haha, selten so viel schrott gelesen. aber wen wunderts…ein beatlesfan halt.
    die beatles vielseitiger? dass ich nicht lache. alles hippiekacke!
    die stones spielten pop, country, disco, gospel, blues, punkigen rock, folk…alles. und alles besser als die anderen. keine musikalische substanz? ha, get a life boy!
    und was ganz entscheidendes vergisst du. nein zwei dinge.
    die stones hatten (und haben selbst jetzt noch) etwa 10000 mal mehr sexappeal und style als die pilzköpfe (gut, die hatten gar keinen). und der wichtigste punkt: vergleich mal die live shows…um das gehts in dieser musik. play it live! und da trocknen die stones alle anderen bands so dermassen ab, vor allem die beatles!

  • Ulrich Graser

    Ich bin dankbar für diese Einschätzung, die ich selbst seit vielen Jahren mit mir herumtrage, ohne sie jemals so deutlich formuliert zu haben. Auch ich bin gelernter Beatles-Fan seit vierzig Jahren, ich mag aber auch die Stones. Und trotzdem stimmt es, was Johannes Waechter über die Unterschiede beider Bands schreibt. Es ist so ähnlich wie mit Heinrich Böll und Günter Grass: Grass wird in 100 Jahren noch gelesen. Böll ist dann vergessen. Die Beatles werden in 100 Jahren noch gehört und als wichtigste musikalische wie gesellschaftsprägende kulturelle Kraft der 60er gelten. Die Stones sind dann nur noch Side-Kicks. Und illustriert wird die Geschichte mit Mick Jagger, der vor Paul McCartney in Anbeter-Pose hockt.

  • kritik simpel

    Wer es nicht fühlt wird es nie erjagen.

  • Marcus

    Vielen Dank, die Rezension ist super! Es trifft die einfach den Kern, die Stones schwimmen auf einem einmal gefundenen Muster, nichts desto trotz sind sie ja auch hin und wiedr mal ganz gut, die beatles aber (zusammen mit Bob Dylan) sind die Besitzer der Quintessenz des Pop, des Steins des Weisen der elektrischen Musik sozusagen. Hippiekacke hin oder her: wovon die beatles inspiriert waren, davon können die Stones nur träumen. Die Beatles hatten den Geist, die Stones den Mainstream; deswegen sind die Beatles in jedem Song abwechslungsreicher, genialer und inspirierter als die Stones auf allen ihren Platten zusammen. Und die Beatles kein Sexappeal? Jetzt lach ich mal nicht: der Sexappeal der Stones ist eine Mischung aus Arroganz und LSD, der Sexappeal der Beatles zur Wende 68/69, kurz vor dem Crash, auf dem Zenit sozusagen, davon können sich die Menschen in 200 Jahren noch was abschneiden, zusammen mit allen noch übrig gebliebenen Mode-labels. Dieser Stil kommt von innen, ist geprägt von einer völlig authentischen Hingabe an die Musik, und braucht nicht zwangsläufig irgendwelche Hilsfmittel. Zur näheren Verdeutlichung des Gesagten, sollte man sich mal eine der raren live- Sessions besorgen die auf dem Dach des legendären Abbey-Road Studios, von den Beatles abgehalten wurden.
    Ich weiß das provoziert jetzt ein bischen kontroverse Meinungen, aber soll es auch, soll ja spannend bleiben…
    Marcus

  • KaRi

    Ja, die Beatles sind musikalisch die Größten und kommen auch am höchsten, was insbesondere die Fahrstuhlbetreiber erkannt haben, denn dort geht nix über ein leicht verfremdetes Beatles-Lied auf dem Weg nach oben. Möglicherweise sogar bis auf das Dach der Abbey-Road-Studios… Massenkompatibler als beispielsweise “Paint it black” ist jedenfass so ziemlich jedes Stück. Ich gebe allerdings gerne zu, dass “Angie” als Lied durchaus auch in den Fahrstuhl- und Supermarktcharts vertreten sein könnte.

    Ja die Stones- nur damit auch sie ihr Fett wegkriegen, schließlich ist Ausgewogenheit auch bei Kommentaren Schreiberpflicht, karikieren sich seit Jahren nur noch selbst. Unwidersprochen kam auch nach Exile on Main Street musikalisch nicht mehr allzu viel, aber Bühnenpräsenz haben sie immer noch, was auch daran liegen mag, dass mittlerweile die gefühlt 10. Generation glaubt, dass man einmal die Stones live gesehen haben muss. Sie hat aber auch die Gelegenheit dazu. Zu der Liveperformance der Beatles hilft nur das eucharistische Prinzip: Man muss es einfach glauben, aktuell erleben kann man es nicht.

    Was bleibt? Auch Jahrzehnte nach der Trennung der Beatles und eigentlichem Endes des Konflikts, den die Bands selbst wohl nie hatten (?), geht die Diskussion munter weiter, intellktuell und musikwissenschaftlich unterfüttert unter meiner Meinung völliger Verkennung der Ausgangslage: Die Stones wollten nie wirklich progressiv sein und die Beatls irgendwann einmal auch nicht mehr rotzig.

  • Bewohner

    Wer mit zig Vorurteilen an eine große Band geht, kann ja nur negativ schreiben. The Beatles und The Rolling Stones sind zwei verschiedene Welten. Beide Bands haben große Musikgeschichte geschrieben

  • Ulrich Michalik

    Hallo Herr Waechter, für jemanden, der über Musik, zumal populäre, schreibt, ist die relativ späte Geburt eine offenbar ziemlich zweischneidige Gnade. 1969, als Sie geboren wurden, war Ihre Lieblingskapelle künstlerisch wie zwischenmenschlich bereits qualvoll am Verenden, während die Stones mit ihren vermeintlich mageren musikalischen Mitteln mit Let It Bleed gerade das zweite in einer Reihe von vier Alben herausbrachten, deren popmusikhistorische wie zeitgeschichtlich-kulturelle Singularität außer von Ihnen eigentlich von niemandem ernsthaft bezweifelt wird. Wer auf den letzten Stones-Tourneen das Glück (und nötige Kleingeld) hatte, die Band nicht nur in Stadien, sondern auch bei Hallen- und Club-Gigs zu hören, konnte – sofern er sich nicht zwecks Aufrechterhaltung eines schwarzweißgemalten, klischeetriefenden Weltbildes innerlich dagegen strebte – einen Haufen stinkreicher, spindeldürrer Haudegen erleben, dem die schiere Lust am Musizieren im Allgemeinen und am Blues im Besonderen buchstäblich ins zerfurchte Antlitz geschrieben stand. Die Fab Four in allen Ehren, aber Stereotypen wie “Drang nach Experiment und Innovation” hier und “stures Beharren auf einer einmal gefundenen Erfolgsformel” da sind ob ihrer Eindimensionalität schlichtweg unsinnig, wie im übrigen auch die Einschätzung, Stop Breaking Down sei “nichtssagender, schlapp dahinklappernder Rumpelrock”. Man nenne mir eine, eine einzige, Adaption eines Robert Johnson-Titels, die des Meisters würdiger ist. Etwas von Clapton’s Me And Mr. Johnson? Um Himmels willen! Love In Vain auf Ya-Ya’s? Einverstanden, aber die stammt halt ebenfalls von den Rumpelrockern. Zum Abschied etwas Versöhnliches, zumal ich den Verdacht nicht los werde, dass Sie, lieber Herr Wächter, eine HiFi-Anlage betreiben, die nicht wirklich dazu angetan ist, fundierte Aussagen zur Klanggüte einer Aufnahme zu treffen. Lust, mal etwas Gescheites auszuprobieren, selbst auf die Gefahr hin, sich selber revidieren zu müssen? Ich stelle Ihrer Redaktion gerne das Passende zur Verfügung. Sie haben meine eMail-Adresse, schließlich will ich diesen hehren Blog nicht für Schleichwerbung mißbrauchen. Beste Grüße, Ulrich Michalik

  • slurm mckenzie

    Ich kann Euch beruhigen Leute, den ICH als DIE Partyschnecke der Milchstraße kenne nun wirklich alles was da irgendwie klingt im Universum, und Leute, glaubt mir, NICHTS aber auch GAR NICHTS toppt diese Scheibe, bei deren Erscheinen einige Dimensions-Wurmlöcher aufgepoppt sind, und die selbts Quasar*Musiker aus der Zukunft beeinflusst hat. Und ich sage Euch, selbts mit den coolsten Bräuten deer Galaxie habe ich hierdrauf schon so manchen Schieber & Shaker aufs Sternennebelparkett gelegt, darum, vergänglicher irdischer Schreibtischwurm, wisse : Dein Horizont ist zu klein – erweitere ihn, sonst erstarrst Du auch weiterhin in Bedeutungslosigkeit !

  • bluesboy

    1!.Spielen die stones chicago blues
    2.Was ist so schlimm daran eine musikrichtung zu spielen, oder erwartet man etwa dass john lee hooker mal was meues ausprobiert?!
    3.Würde ich die Beatles nicht wirklich als “experimentel” bezeichnen…
    Versteht mich nicht falsch aber die Beatles sind wohl wirklich nicht DIE EXPERIMETELLE BAND ….

    Nnoch dazu bin ich allein schon frohdass die stones in den top 3 sind.

  • bluesboy

    Ich meinte experimentelle Band.