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SZ-Diskothek

Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  21 Kommentare

Zum Gedenken an Ingeborg Schober

Gestern starb die Pop-Journalistin Ingeborg Schober. Kaum jemand kannte die deutschen Elektronik-Bands um Kraftwerk und Can so gut wie sie. In diesem Text aus der "SZ-Diskothek" beschrieb Ingeborg Schober klug, witzig und kenntnisreich die erste deutsche Pop-Revolution.

Von Johannes Waechter

Gestern ist Ingeborg Schober gestorben, die seit Anfang der Siebziger als Musikjournalistin tätig war und den deutschen Blick auf den Pop in mancher Hinsicht geprägt hat. Ich habe sie kennengelernt, als wir vor fünf Jahren die SZ-Diskothek gemacht haben. Gelegentlich erschien sie bei mir und Philipp Oehmke im Büro, die Tasche voll mit spektakulären Erinnerungsstücken wie jener Postkarte, die Kraftwerk ihr aus den USA geschrieben hatten und einer Fotoserie, die sie von den Elektronik-Pionieren gemacht hatte, als diese noch eher unbekannt waren.

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Auch ihr Buch Tanz der Lemminge über die Geschichte von Amon Düül habe ich damals gelesen, und daraus mehr über die Geschichte der deutsche Hippiekultur gelernt als aus den offiziellen Geschichtsbüchern. Ingeborg Schober war eine Zeitzeugin, die die vielleicht spannendste Phase des deutschen Pop hautnah miterlebt hat. Für unseren Diskothek-Band 1974 hat sie einen Essay über die deutsche Elektronik-Szene geschrieben, diesen exzellenten, auf angenehme Weise biografisch gefärbten Text möchte ich zu ihrem Gedenken hier nochmals veröffentlichen.

Zum ersten Mal ging deutsche Popmusik auf Reisen, bis nach Amerika. Doch was heißt Popmusik? Es waren eher merkwürdig elektronische Klänge, die Gruppen wie Kraftwerk, Neu! oder Tangerine Dream hervorbrachten: Die Verwirrung war groß. Und unsere Autorin mittendrin. Von Ingeborg Schober

Anfang der Siebziger begann ich seltsame Worte zu hören. Worte wie “Sphärenmusik”, “Milchstraßenmusik”, “Musik, die in rational nicht mehr fassbare Dimensionen schwingt” oder, noch besser, “die astronomisch kaum messbare Prozesse schildert”. Hilfe! Schwebten wir auf einem Gebetsteppich durchs Weltall? Oder waren gar die Außerirdischen gelandet?

Die “Kosmischen Kuriere” waren unterwegs, so der Name eines kurzlebigen Plattenlabels, und die Kritiker hechelten verbal hinterher, bedachten die neue Musik aus Deutschland mit allen möglichen Wortschöpfungen und Etiketten. Darunter so unglückselige wie der unausrottbare Begriff Krautrock, aber auch Bezeichnungen wie Teutonenrock, Götterdämmerrock oder schlicht Deutschrock.

Die Frage war damals: Wie beschreibt man Musik überhaupt, außer assoziativ? Und vor allem: Wie beschreibt man jene unerhörten Klänge, die deutsche Musiker in Bauernhöfen, in Kellergewölben und auf Dachböden mit dem neuartigen Moog-Synthesizer machten und die nun plötzlich das große Ding sein sollten? Die Meinungen klafften auseinander. Was ist eigentlich diese elektronische Musik? Hat sie, bitte schön, überhaupt etwas mit Rock und Pop zu tun? War Elektronik nicht alleinige Angelegenheit von Avantgardespinnern wie Karlheinz Stockhausen oder Walter Carlos? Von wegen. Deutschlands neue Elektroniker zogen plötzlich internationale Aufmerksamkeit auf sich, denn auch ohne eine vernünftig eBezeichnung für ihre Musik füllten sie um das Jahr 1974 ein Vakuum.

Es war eine orientierungslose Übergangszeit ohne dominierende Musikrichtungen. Tiefe Gräben taten sich auf. Krisenstimmung und Paranoia beherrschten das politische und wirtschaftliche Klima, die Zeitungen berichteten von Flugzeugattentaten der Baader-Meinhof-Gruppe, der Wirtschaftsflaute, der ersten Ölkrise.

Währenddessen teilten neue Innerlichkeit und dekadenter Glamrock die Nachsechziger-Rockfans in zwei unversöhnliche Lager. Die einen waren samt ihren Häkeldecken in vertrödelte Landkommunen geflüchtet. Die anderen in die Innerlichkeit oder in die Disko. Das unvereinbare Nebeneinander von Hedonismus, Spiritualität, Sinnsuche und bildungsbürgerlicher Attitüde – mit sinfonischem Klassikrock wie bei Emerson, Lake & Palmer oder Yes – führte zum musikalischen Stillstand. Und zu einem geschmacklosen Kleiderdurcheinander erster Güte. John Updike kommentierte das in seinemRoman Der Sonntagsmonat so: “Jetzt, in den Siebzigern, befinden wir uns inmitten der Aufräumungsarbeiten nach den Sechzigern!”

Ich gehörte zur Glamrock-Gemeinde, die Münchens Leopoldstraße auf Plateauschuhen und mit Glitter im Gesicht bevölkerte, in Bhagwan-Diskos tanzte, die ebenso in Mode kamen wie Schwulenkneipen. Der moderne Mensch war automatisch androgyn und Glam war die Spaßkultur der Siebziger, der glitzernde Abgesang auf die Sechziger, die Verpuppungsphase vom Hippie zum Punk. Eine klare weibliche Identität innerhalb der Musikszene war immer noch nicht in Sicht; als musikalische Idole dienten nach wie vor Männer mit Schrummelgitarre und Cowboystiefeln. Abba und Suzi Quatro waren auch nicht hilfreich. Also trug ich damals einen Mix aus Glam-Mode – für Männer gefertigte Frauenkleider (schon an sich absurd) – und Resten aus dem Hippiefundus samt absonderlichsten Haartrachten. Bald jedoch kam Abhilfe.

Die deutschen Moog-Musiker vermittelten optisch Nüchternheit. Musikalisch boten sie keine vorgefertigten Erzählungen an, sondern Stimmung und Atmosphäre. Sie ließen sich zunächst nicht festlegen – genau das fand ich aufregend. “Wir haben kein Image und das ist gut so«”, betonte Irmin Schmidt von Can immer wieder. Also wechselte auch ich äußerlich zu dieser Sachlichkeit, einer Mischung aus Büromenschen-Bekleidung und Arbeiter-Chic, und trug Anzüge, Herrenhemden, Overalls und Krawatten zu Plateaus und Glitzer-Make-up. Halb Mann, halb Frau, David Bowie war immer eine gute Blaupause dafür, auch in Sachen Frisur. Elektronik war bis zum unterkühlt-ironischen Kraftwerk-Hit “Das Modell” von 1978 ohnehin asexuell und damit das Gegenteil von allem, wofür Rock und Rock’n’Roll standen. Daher ja auch Negativattribute wie maschinell, roboterhaft, kalt, steril, seelenlos; als Kompromiss konnte man sich allenfalls auf Bezeichnungen wie hypnotisch oder spirituell einigen.

Meine erste Begegnung mit einem Moog lag 1974 schon fünf Jahre zurück. Im Winter 1969 näherte ich mich einem Hügel in Miesbach und nahm schon aus der Ferne ausgesprochen seltsame Klänge wahr, in ihrer Fremdartigkeit so rein und unberührt wie der Schnee vor dem Bauernhaus, aus dem sie kamen. Darin experimentierte der Musiker und Komponist Florian Fricke mit jenem aufregenden, gänzlich neuen Instrument, dem Moog-Synthesizer. Fricke saß vo reinem elektronischen Monstrum, umgeben von einem Wirrwarr aus Kabeln, Steckern, Reglern, Schaltern und Boxen, aber dem Metallungetüm entlockte er die feinsten, filigransten und fernsten Klänge.Von Frickes Gruppe Popol Vuh in musikalische Meditationen umgesetzt, begleiteten sie den Beginn der deutschen Undergroundmusik und beeinflussten Kollegen wie Klaus Schulze und Tangerine Dream sowie zahlreiche internationale Popkünstler.

Der Ur-Moog war sehr teuer, klobig, schwierig zu bedienen – und nur bedingt reisetauglich. Er stellte Musiker vor eine völlig andere Herausforderung als etwa die Erfindung der E-Gitarre, die jeder beherrschen konnte, der bereits akustische Gitarre spielte. Beim Moog half nur der Selbstversuch – und eine Vision davon, was man mit diesen eigenartigen, synthetischen Klängen eigentlich erreichen wollte. Bis zur Entwicklung des mobilen Minimoog war der Moog ein Gerät für Leute mit viel Geld, Zeit und Platz. Einige deutsche Musiker leisteten sich den Luxus und konnten sich mit Hilfe des neuen Instruments, das keiner vorgegebenen Musiksprache folgte, erstmals von der angloamerikanischen Bevormundung absetzen. Gruppen wie Faust, Tangerine Dream, Ash Ra Tempel, Agitation Free, Kraftwerk sowie deren Ableger Neu!, Cluster und Harmonia entwickelten gänzlich eigenständige musikalische Ideen. 1974 waren sie feste Größen, die zudem erstaunlich gut verkauften.

“Unser Background war ja ein bürgerlicher, klassischer mit Klavierstunden und Blockflöte”, sagte Ralf Hütter vonKraftwerk. “Darauf konnten und wollten wir nicht aufbauen. Und wir konnten uns auch nicht, wie ein Amerikaner,von der Texas-Musik inspirieren lassen. Bei uns war das ein Bruch der Tradition.Wir standen vor dem Nichts. Das war ein riesiger Schock, aber auch eine große Chance.”

Also stellten Kraftwerk erst einmal aus Mischpulten, Stereoverstärkern, Tonbändern, Kontaktmikrofonen, elektrischem Schlagwerk und anderen »neuen Instrumenten« ihr Equipment zusammen. Damit machten sie Sounds, die wie aus der Retorte klangen: monoton pulsierende Schlepprhythmen, konkrete Geräuschpassagen, kompositorisch eingesetztes Getöse, vom Maschinengewehr bis zur Explosion. Der Gruppenname wie auch die Songtitel implizierten eine klangliche Parallelität: “Strom”, “Spule”, “Megaherz”. Mit ihrer technischen Akkuratesse standen sie im Gegensatz zum deutschen Kosmikrock von Gruppen wie Tangerine Dream, die wie die meisten aufkommenden Elektroniker auf ausufernde Improvisationen setzten und den Rhythmus vernachlässigten.

1974 kristallisierten sich ganz unterschiedliche Schulen oder Richtungen heraus. Was in Berlin eher schwermütig und “teutonisch” klang, eine Art Parallele zum düsteren Heavy Metal, hatte im Ruhrgebiet im Umfeld von Kraftwerk heiter-verspielte Popstrukturen; hier war Kraftwerks drittes Album Ralf&Florian mit wehmütig-nostalgischen »Heimatklängen« und ihrer so genannten Wohnzimmermusik prägend. Münchner Bands wie Popol Vuh versuchten den Brückenschlag nach Asien oder zur Meditation; Can aus Köln hingegen waren eine geniale Crossover-Band, die Jazz, Rock, Avantgarde und Elektronik mischten und sogar einen Sänger beschäftigten.

Was diese Bands jedoch gemeinsam hatten: Allesamt umgingensie die lästigen Probleme, die das Nachahmen angloamerikanischer Rockmusik nach sich gezogen hätte. Für elektronische Musik bedurfte es weder englischsprachiger Texte, die immer ein wenig nach Schulunterricht klangen, noch lockerer Entertainment-Qualitäten oder einer sexy Ausstrahlung. Elektroniker mussten sich nicht dem Diktat eingängiger Melodien beugen und auch keine Politparolen ausdenken,wie die Agitrocker Floh de Cologne, Ton Steine Scherben oder Lokomotive Kreuzberg. Außerdem gab es keine Messlatte für ihre Musik, denn es fehlten die Vergleiche. Es war Neuland.

Sich rein auf Instrumentalklänge zu verlassen war eine Art Befreiung aus dem Korsett der progressiven Rockszene. Jene, die sich trotz technischer Pannen mit Konzerten samt Moog abmühten, beeindruckten schon durch die altarhafte, mysteriöse Erscheinung des Instruments samt Kabelverhau und unkontrolliertem Gebrumme und Gesurre. Leider war der Moog anfällig für Temperaturschwankungen, die Reproduktion gewisser Stücke somit unmöglich. Die Musiker zwang er zu statischer Regungslosigkeit im Hintergrund der Bühne. Die Mätzchen des Rock wie saloppe Spagatsprünge oder effekthascherische Mikrofonwirbelei waren nicht drin. Genau das kam dem deutschen Musikergemüt aber sehr entgegen. Schnell dämmerte die Erkenntnis: Im Studio ist es viel einfacher, wir basteln unsere Musik im Verborgenen.

Mit dem Livegeschehen verabschiedete man sich auch von den Marktregeln und dem Druck der Musikindustrie: neues Album, Tournee, neues Album und so fort. Man sparte sich autoritäre Produzenten und teure Studiozeit, die Gängelung und Abhängigkeit von einer Plattenfirma. Mit dem Synthesizer hatte man zu Hause automatisch ein Heimstudio. Das war die dauerhafte Revolution, die deutsche Elektroniker einläuteten; oder, wie Klaus Dinger von Neu! meinte: “Die Revolution ist elektronisch, klar.” Sie führtezu einer Emanzipation der Musiker, zum autarken Tonkünstler, der Komponist, Interpret, Produzent in einem war. Ein neuer Musikertypus war geboren, ohne Managertross und Händchenhalter.

Für die Musikbranche waren diese Elektroniker bis 1974 aufsässige Verweigerer; Geräuschemacher, deren Klängen man nicht trauen konnte. Wer erzeugte den Ton? Wer beherrschte da wen? Das Instrument, das im traditionellenSinne gar keines war, den so genannten Musiker, der nur an Knöpfchen drehte und Kabel umsteckte? Das war ein Mysterium wie später der allererste Heimcomputer, entseelter Teufelskram! Und garantiert der Niedergang der Rockmusik und ihrer Stars, die sich jahrelang mit bewusstseinserweiternden Drogen auf dem Weg zum Gitarrenvirtuosen oder egomanischen Frontsänger fast ruiniert hatten. Es herrschte große Verwirrung. “Wenn man mal Jimi Hendrix gehört hat, kann man nicht fünf Jahre später sagen: Jetzt ist Dixieland modern”, gab Edgar Froese von Tangerine Dreamzu bedenken, der 1967 tatsächlich im Vorprogramm des Gitarrengotts aufgetreten war.

In den Neunzigern hörte ich übrigens auf Technoveranstaltungen ähnlich belustigende Dialoge wie seinerzeit be den raren Konzerten dieser “Dilettanten” und “Maschinengötzen”: “Hey, eh, Mann, ist doch keine Musik, ist doch kindischer Klimperkram. Waber. Surr. Substanzlos. KeinText, keine Message.Wo ist denn da der Groove? Technikeronanie.” – “Eh, ne, is überfliegermäßig kosmisch, abgehoben, utopisch. Absolut mondmäßig. Neue Welt. Sci-Fi-Trip! Da musste dich reinleben. Absolut abschlaffen, relaxen. Diese Vibrations, absolut hypnotisch!”

Bei aller Häme konnte man deutsche Elektroniker 1974 nicht mehr ignorieren. Selbst die amerikanische Newsweek wunderte sich über die “German Invasion”. Auch konventionelle Deutschrockbands wie Novalis, Birth Control, Triumvirat, King Ping Meh, Atlantis oder Nektar tourten plötzlich durch Europa, Amerika, Australien und Japan, verbuchten Chartserfolge und öffneten die Ohren für Krautrock. Den dauerhaften internationalen Durchbruch schafften aber Gruppen wie Can, Faust, Kraftwerk, Neu! und Tangerine Dream; außerdem der Hamburger Produzentenguru Conny Plank, bei dem auch der Ex-Roxy-Musiker Brian Eno ein- und ausging und der später großen Anteilam Erfolg von Ultravox und den Eurythmics hatte.

1974 war eines der bis dahin erfolgreichsten Jahre für deutsche Musik; “Elektronik made in Germany” wurde zum Qualitätsbegriff. Faust waren bereits 1973 nach England übergesiedelt und schlossen dort als Erste einen Plattenvertrag ab. Ihr Album The Faust Tapes wurde zu einem Verkaufsknüller, und das nicht nur, weil das aufstrebende Label Virgin es zum Preis einer Single verkaufte, also für 48 Cent. Kurz darauf wechselten auch Tangerine Dream und Klaus Schulze zu Virgin; dessen Boss Richard Branson hatte Anfang des Jahres mit Mike Oldfield, der britischen Version eines elektronischen Einzelgängers, einen Riesencoup gelandet. Schon deshalb erkannte er das internationale Potenzial der deutschen Elektronikszene.

David Bowie ging bald ohne Kraftwerk-Platten gar nicht mehr aus dem Haus, zog nach einer Kreativkrise 1977 gar nach Berlin. Und noch vier Jahre nach dem Erscheinen von 75, dem dritten Album von Neu!, jubelte der New Musical Express: “David Bowie ließ sich von diesem Album inspirieren, das zu den Meilensteinen der Rockmusik zählt. Es enthält Musik, wie sie die Rolling Stones nach 1977 hätten machen sollen.”

Bei all dem Lob wuchs endlich auch zu Hause das Selbstbewusstsein. Aus der ehemals stummen Instrumentalmusik entwickelte sich interessanterweise dann doch eine ganz eigene, deutsche Sprache für Songtexte. Mit ihren lautmalerischen Kürzelreimen waren Kraftwerk hier ebenfalls die Mutmacher: “Autobahn”, 1975 ein Welthit, setzte den Maßstab. Weniger bekannt, aber nicht minder amüsant war der Hit “Monza (Rauf Und Runter)” von Harmonia: “Immer wieder rauf und runter, einmal drauf und einmal drunter, immer wieder hin und her, kreuz und quer, mal leicht, mal schwer.”

Dazu passte auch das frische Sprachbewusstsein von Udo Lindenberg, der 1974 mit seinem zweiten Album Ball Pompös einen neuen, frechen Szenejargon in den Deutschrock einbrachte, gepaart mit etwas,womit sich die ideologisch geprägte Szene bis dato schwer getan hatte: einer Bühnenpersönlichkeit mit Stil und Charme. Schon jetzt war der Weg bereitet für die Neue Deutsche Welle Anfang der Achtziger.

Wie immer bei neuen Dingen, die schwer durchschaubar waren und Außenstehenden zu viel Respekt einflößten, bahnte sich eine seltsame Art von Götzenverehrung an. 1974 hätten mir manche Leute am liebsten ein Haar ausgerissen, nur um ihren Elektronik-Hohepriestern aus Düsseldorf durch meine Person nahe zu kommen: Kraftwerk, lange nur einem kleinen, elitären Fankreis bekannt, wurden nun verklärt und angebetet. Noch mehr, als sie sich nach ihrem US-Chartserfolg mit “Autobahn” in Deutschland rar machten und fast zwei Jahre lang kein einziges Konzert gaben. Am 9. April 1975 schrieben sie mir eine Postkarte aus Allentown, Pennsylvania: “Hello hallo, just checkin’ in another Holiday Inn…es grüßen Ralf + Florian.”

Deutschland war angekommen. Oder? Fast. Der New Musical Express befand 1974 angesichts des Can-Albums Soon Over Babaluma: “Sie sind ihrer Zeit vierzig Jahre voraus.” Das heißt: Diese LP wird erst im Jahr 2014 verständlich klingen. Warten wir’s also ab.

Foto: Stefan Prager

Kommentare

  • jasgur

    Wie traurig! Habe immer ihre Club-16-Sendungen im BR gehört.

  • oskar küfner

    Echt Schade! :-(

  • Georg Hartwig

    Ja traurig. Schade. Aber danke, vielen Dank.
    Kennt jemand die Band Jane mit ihrem tollen Song “Out in the Rain”. Den hat sie damals auch gespielt. Ein trauriges Lied mit langem Gitarrensolo.

  • Georg Hartwig

    Erinnert sich noch jemand an Kraan, Guru Guru und Neu? Oder an die BR Moderatoren Jürgen Herrmann und Julia Edenhofer. Ich kenne viele Leute, die haben diese Musik und auch T. Rex, Sweet, Slade, Mud, Suzie Quattro, Christie oder CCR, Lobo und Eric Clapton gehört. Man sollte wieder mal reinhören in die tolle Musik.

  • Georg Hartwig

    Ist
    ihnen schon einmal aufgefallen, wieviele Kommentare es zu Politik, Geld, Unsinn, Fußball usw gibt? Und wieviele gibt es zur Musik, zur schönsten Sache der Welt? Music is life! Hören Sie einmal 39 von Queen, Out in the Rain von Jane. Paroles von Quadro Nuevo, Costafine Town von Splinter, West Montgomery, David Glimour, Angelo Branduardi, Mark Knopfler, Shakti, George Harrison´s Wonderwall Music (indisch), Antakya von Quadro Nuevo, das Mahavishnu Orchestra, Get it on von T. Rex, ist das alles unwichtiger als Geld, Politik, Mutti und Roland Koch?
    ?

  • Angela Huy-Vorrink

    Ich bin geschockt und traurig. Habe Ingeborg über Ihre Lesungen mit Bernd Weber kennen gelernt.

    Witzig, selbstironisch und sehr klug. Man hat gespürt, dass Ingeborg Musikgeschichte miterlebt hatte.

    Niemals vergesse ich Ihre selbstironische Schilderung in Bezug auf Freddy Mercury :-)

    Vielen Dank Ingeborg!!!

  • UvS

    “Kinder, wie die Zeit vergeht”, habe ich als Kind oft an der sonntäglichen Kaffeetafel meiner Großeltern gehört. Damals habe ich diesen Satz nicht verstanden. Jetzt, beim Lesen des Textes und der Kommentare, beim Hören der Stimme von Ingeborg Schober, die für mich immer der Zugang zu einer fremden Welt bedeutete, kann ich ihn nur wiederholen – seufzend. Und suche die alte Jane-Platte mit “Out in the rain” …

  • Georg Hartwig

    UvS, ja suchen Sie unter You Tube, eine wunderbares Lied, melancholisch und tolle Gitarre. Wenn Sie es gefunden haben schreiben Sie nochmal bitte. Es war eine schöne Zeit. Unsere Zeit. The best time of my life.

  • UvS

    Yeah, you are right, Mr Georg, it was really a great time … Meine alten Jane-Platten habe ich nicht gefunden, doch dann bin ich im weltweiten Netz versunken: Jane, Novalis (mein erstes Konzert: 1977 oder 1978), Grobschnitt, Kin Ping Meh, Eloy, Kraan, Bernies Autobahn Band … Wer Schmetterlinge lachen hört – Jahrzehnte nicht mehr gehört, aber der Text war plötzlich wieder da … Meine Omma hat Recht: Was man in der Jugend mal gelernt hat, das bleibt! Und immer wieder Jane: Die letzte Nacht war eine Reise in die Vergangenheit – Nighttime is the right time!
    Kurrrrwa, sagt man hier in Polen, wenn man etwas Unabänderlichem ins Auge sehen muss: Verdamp lang her alles! Und nächste Woche kommt mein Sohn, 12, zum ersten Mal mit ins Dylan-Konzert …

  • Jeeves

    “Es herrschte große Verwirrung. “Wenn man mal Jimi Hendrix gehört hat, kann man nicht fünf Jahre später sagen: Jetzt ist Dixieland modern”, gab Edgar Froese von Tangerine Dreamzu bedenken, der 1967 tatsächlich im Vorprogramm des Gitarrengotts aufgetreten war.”

    Das Hendrix-Konzert mit TD im Vorprogramm (KS am Schlagzeug) war am 23. Januar 1969, also zwei Jahre später als oben zu lesen).

  • Georg Hartwig

    UvS, ja das macht Spaß! Wunderbare Musik. Und wo ist das Konzert von Bob Dylan?

  • Stefan M. P.

    Danke, Ingeborg

    für die vielen schönen Konzerte
    und Begegnungen die wir zusammen erlebt haben.

    Stefan

  • UvS

    Georg, man glaubt es kaum, und ich bin schon sehr gespannt: in Dornbirn. Das liegt irgendwo in Österreich … Hoffentlich findet er dorthin …

  • Michael Köhler

    Ingeborg Schober war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die Zeitgeschichte miterlebt, inspiriert, geprägt und auf wundervolle Weise auch darüber berichtet hat. Und das in einer Ära, als Frauen in der Publizistik, zumal im von Männern dominierten Bereich Rock und Pop, noch als absolute Ausnahme galten. Als Teenager las ich ihre einfühlsamen Artikel und wunderbaren Plattenempfehlungen im “Musik Express” und “Sounds”, staunte über die detaillierte Rock- und Pop-Enzyklopädie “Rock Dreams” – ohne zu ahnen, dass ich durch sie als Wegweiser meine Berufung finden sollte. Dekaden später lernte ich sie durch gemeinsame Freunde persönlich kennen. Ein wunderbar wacher, kritischer und neugierig gebliebener Mensch, für den Musik – trotz unaufhaltsamer Kommerzialisierung – nie zur reinen Konsumware wurde. Ingeborg war die Erste, die visionär den kulturellen Wert und die globale Innovation des so genannten Kraut-Rock begriff und unablässig dafür kämpfte, dass deutsche Musiker in deutschen Publikationen mehr als nur eine Fußnote im angloamerikanischen Übermaß einnahmen. Als Pflichtlektüre sollte ihre grandiose Buch-Dokumentation “Tanz der Lemminge” über Amon Düül II in den Studienfächern Journalismus und Medienwissenschaften eingeführt werden. Hab Dank liebe Ingeborg, für all die schönen, witzigen, ironischen, kritischen und unterhaltsamen Stunden, die ich mit Dir verbringen durfte.

    Michael

  • Peter Moser

    So sorry to hear of the passing of Ingeborg…
    I came to Canada in 1968 and “missed” the “Krautrock” phenomenon as it was happening…
    On a visit back to germany in 1971, i picked up Amon Duul’s “YETI” and i was HOOKED !!!
    such a music was being made in Germany ? the land of the “schlager”….
    I became HUNGRY to learn more, and it was Ingeborg’s record reviews in SOUNDS ( i became a subscriber”) her book DEUTSCHROCK and of course TANZ DER LEMMINGE that were my reference books…
    I had a radio show in Vancouver for 18 years, where i waved the “Krautrock” flag high, playing everything i could get my hands on from Ash Ra Tempel to XHOL i introduced the music of a new generation of german musicians to the masses…..
    Ingeborg Schober war meine MUSE……jetzt lebt sie im Pantheon der besten Rockband im Universum !
    goodbye Inge, i never met you, but you influenced my LIFE and my Music forever ! Vielen Dank !

  • Peter Moser

    oh….ich hatte es fast vergessen….fuer Leute die die “alten” platten suchen..(Jane usw..)
    Die gibt’s alle wieder, mit vielen Bonus tracks in schoenen digipacks, von deutschen labels wie REVISITED, REPERTOIRE, LONG HAIR, SECOND BATTLE, SIREENA und mehr….
    Auch neuen “krautrock” gibt’s …Vibravoid, Zone Six, Colour Haze, auf labels wie NASONI, SULATRON etc…
    Auserdem sind viele der original bands auch heute noch taetig, wie zum beispiel GROBSCHNITT, MANI NEUMEIER, ELOY, KLAUS SCHULZE, TANGERINE DREAM, MANUEL GOETSCHING , sowie CLUSTER, HARMONIA et al…
    MICHAEL ROTHER hat sogar alle 3 NEU! alben in einer Box neu aufgelegt…..
    Also, es gibtgenug Leute die Ingeborg’s Fahne hoch wehen lassen…..
    Gruss vom alten Krautrocker Peter in Vancouver, Kanada

  • Jens Wernick

    Ingeborg, es war so traurig, wie Du Deine letzten Monate auf dieser Welt ertragen musstest. Ich hoffe, es geht es Dir besser dort, wo Du jetzt bist.

  • Klaus

    Liebe Ingeborg!

    Es war mir immer eine Freude mit dir zu diskutieren und deinen Geschichten zuzuhören.
    Es überkommt mich eine tiefe Trauer. Erst jetzt habe ich von deinem Tode gehört.
    Vielleicht kannst du jetzt mit Falco gemütlich einen Espresso trinken.

  • sz » Twitter Trends

    Also bin ich auch nichts anderes als ein moderner Hippie…

  • The de-material Boy « The Difference

    [...] Spotify kann ich jetzt problemlos Ingeborg Schobers These nachprüfen, “Soon Over Baluma”, das Album, das Can 1974 veröffentlicht hat, sei [...]