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SZ-Diskothek

Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  40 Kommentare

Judith Holofernes im Interview: “Ich will nicht nach Zehlendorf”

Die Sängerin von Wir sind Helden spricht über die Szenespießerei in Kreuzberg, ihre Suche nach dem guten, richtigen Leben und den Entstehungsprozess des neuen Albums Bring mich nach Hause.

Von Johannes Waechter

Ich erreiche sie irgendwo zwischen Ulm und Stuttgart, auf dem Weg zu einem Radio-Interview. Judith Holofernes hat da schon mehrere Wochen Promo-Arbeit hinter sich, doch sie lässt keinerlei Anzeichen von Müdigkeit erkennen und redet bereitwillig über das Leben in Berlin-Kreuzberg, ihrem Heimatbezirk, und über das neue Wir-sind-Helden-Album Bring mich nach Hause (Reklamation/Sony), das am Freitag erscheint. Es ist das erste Helden-Album seit drei Jahren – die Bandpause war wohl auch deshalb so lang, weil Judith Holofernes und Pola Roy, Schlagzeuger der Band, im Sommer 2009 ihr zweites Kind bekamen, eine Tochter.

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Judith, am Freitag kommt euer neues Album Bring mich nach Hause heraus. Aufgeregt?

Gleichzeitig aufgeregt und erleichtert. Wenn ein Album erscheint, löst sich für uns vieles. Vor allem freue ich mich darauf, dass nun endlich echte Menschen direkte Rückmeldungen auf diese Platte geben können.

Bisher sind die Reaktionen positiv.

Ja, stimmt. Ich bin da relativ entspannt. Ich glaube, die Leute mögen das Album aus den gleichen Gründen wie ich.

Gab’s schon einen Totalverriss?

Noch nicht. Aber das wird kommen, das ist das Wesen des Pop. Ich habe einen dicken Regenmantel, aber einen Verriss würde ich mir trotzdem zu Herzen nehmen, weil das Album so persönlich ist.

Schon der Titel Bring mich nach Hause klingt recht persönlich. Wo ist das für Dich, zu Hause?

Wenn ich das wüsste. Ich habe natürlich in Kreuzberg ein äußeres Zuhause, das sich auch sehr nach Zuhause anfühlt. Nur habe ich dort über die Jahre sehr wenig Zeit verbracht, was die Frage nach einem inneren Zuhause für mich sehr dringlich gemacht hat. Ich musste leider erkennen, dass es schwer ist, ein inneres Zuhause zu finden, wenn man so wenig äußeres Zuhause hat.

Du meinst, dass der Stress im Musikgeschäft es schwer für dich macht, zur Ruhe zu kommen.

Ja, und nah an dem dran zu bleiben, was mir wichtig ist. Das Gefühl zu haben, ein gutes, richtiges Leben zu leben. Was vielleicht “zu Hause” für mich bedeuten könnte.

Viele werden dennoch an Berlin denken, wenn ihr von “zu Hause” singt. Inwieweit ist eure Musik Berliner Musik?

Ich glaube, das dieses Album weniger nach Berlin klingt als andere, vorhergegangene. Von den 15 Liedern, die wir hatten, haben wir drei aussortiert – eines unter anderem deshalb, weil es ein zu eindeutiges Berlin-Lied war. Wir hatten das Gefühl, dass ein Song mit so einem eindeutigen Ort nicht auf das Album passt.

Da machst Du mich jetzt neugierig…

Das verlorene Berlin-Lied! Das heißt “Lonely Planet Germany” und richtet sich an all diese ausländischen Hipster-Touristen, die wegen Berlins Multikulti-Image in die Stadt kommen und sich dann in eine No-Go-Area verirren, wo es überhaupt nicht mehr hip und multikulturell ist, sondern hochgradig gefährlich.

Würdest Du zustimmen, dass Wir sind Helden das junge, linksalternative Milieu von Berlin repräsentieren?

Ob wir irgendjemand repräsentieren, kann ich nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass Berlin für mich das macht, was es für viele Künstler macht: Es hat einfach etwas inspirierendes, in einer Stadt zu leben, wo man den allermeisten Leuten anmerkt, dass es ihnen nicht in erster Linie ums Geldverdienen geht. Man merkt der Stadt an, dass da viele Leute irgendwelchen verschrobenen Träumen nachgehen können.

Viele kommen aus ihrer Traumwelt, in der sie sich zum Beispiel als große Künstler sehen, nicht mehr heraus.

Berlin ist eine gute Stadt für Leute mit einer starken Vision. Wenn man halbentschlossen vor sich hinwurstelt, kann man sich leicht in diesem Zustand verfangen und Jahre darin hängenbleiben.

Wie ist denn gerade so die Stimmung in Kreuzberg? Was für Themen beschäftigen die Leute in Deinem Umfeld?

Ich habe natürlich viel mit Leuten zu tun, die auch kleine Kinder haben. Die beschäftigt alle die Frage, ob man rausziehen soll oder nicht. Und wenn ja, wohin. Ich bin gespannt, wie das sein wird, wenn unsere Kinder ins schulpflichtige Alter kommen, denn das ist in Kreuzberg ein unlösbares Problem, durch die hanebüchene Berliner Schulpolitik. Wir hätten konkret die Auswahl zwischen zwei Schulen, die beide ein hohes Opfer bedeuten würden – auch wenn man es aus einer politischen Motivation vielleicht gerne machen würde. Und so geht es fast jedem. Viele Leute schicken ihre Kinder auf die Waldorfschule, obwohl sie mit Waldorf-Pädagogik überhaupt nichts am Hut haben. Oder auf eine der neuen evangelischen Schulen. Das hat einen besonders schrägen Beigeschmack: Viele schulen ihre Kinder dort ein, weil die Moslems es nicht tun.

Ihr werdet bestimmt häufig gefragt, wann ihr aus Kreuzberg wegzieht.

Am allermeisten von den Türken! In der türkischen Gemeinschaft ist es ganz normal, aus Kreuzberg abzuhauen, sobald man es zu etwas gebracht hat.

Da gibt’s keine Szene-Romantik.

Ne, da heißt es: ab nach Zehlendorf! Viele türkische Jugendliche kommen gar nicht darüber hinweg, dass wir immer noch in Kreuzberg wohnen.

Was sagst Du denen?

Ich bin hier geboren! Ich kann nicht Auto fahren! Ich will nicht nach Zehlendorf! Lass mich in Ruhe! Aufgrund meiner Kindheitsprägung habe ich eine massive Rustikalitätsphobie und ein großes Problem mit zu bürgerlichen Strukturen. Ich bekomme da ganz leicht Beklemmungen. Klar hätte ich auch gerne einen Garten, klar fände ich es schön, wenn ich bei uns im Hof nicht mehr darauf achten müsste, ob das Kind Zigaretten isst oder sich Hundekacke in die Haare schmiert. Trotzdem weiß ich, dass ich nicht glücklich werde, wenn in meiner näheren Umgebung nur Anwälte und Ärzte wohnen.

Kreuzberg ist auf seine Weise aber auch recht konservativ. Viele Ecken dort sehen noch genauso aus wie in den Achtzigern.

Klar, die Oranienstraße erinnert immer noch total an das Kreuzberg aus den Scherben-Songs. Andere Ecken haben sich stark verändert, zum Beispiel der Wrangelkiez, wo ich lange gewohnt habe. Da sind viele Läden dazugekommen und das wurde, wie es immer so ist in Berlin, heiß diskutiert. Kommen jetzt die ganzen Yuppies? Das ist eine wahnsinnige Szenespießerei, ein Indie-Konservatismus, den ich fürcherlich finde. Wenn eine Galerie aufmacht, dann ist das doch etwas anderes als wenn sie ein Carloft reinstellen, was nun wirklich ein hirnverbranntes Unterfangen ist.

Ihr habt die Platte auch in Kreuzberg aufgenommen, oder?

Ja, im Tritonus-Studio in der Schlesischen Straße. Da haben wir schon unser erstes Album aufgenommen. Als wir jetzt zurückgekommen sind, war das so ein Moment, wo wir gesehen haben, wieviel sich da verändert hat.

Mir gefällt der abwechslungsreiche Sound der Platte, der mit Banjo und Glockenspiel manchmal bis ins Folkige geht. Wie kam es dazu?

Wir haben uns immer wild zitierend in der Musikgeschichte herumbewegt. Diesmal wollten wir das mit etwas engeren Spielregeln tun. Wir wollten nicht den Sound im Synthie suchen, sondern versuchen, das echte Instrument zu spielen. So kam der Folk hinein, wir spielen einfach sehr viele echte Instrumente. Meine Wurzeln liegen sowieso bei Folk, Ethnopunk und Songwritern, und ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass ich vielleicht zum ersten Mal leichtes Spiel hatte, die anderen davon zu überzeugen. Außerdem ging es uns allen so, dass wir uns nach der Pause wieder mehr als Band wahrnehmen, mehr live spielen wollten.

Bob Dylan hat neulich gesagt, dass auf den Platten von heute zu wenig Fehler seien.

Da hat er Recht. Das komische ist: Je besser man spielt, desto mehr kann man sich Fehler erlauben. Weil man trotzdem lebendig und beweglich klingt, was sich für mich als Zuhörer immer als Spielfreude darstellt. Je schlechter man spielt, desto mehr ist man angewiesen auf Perfektion.

Hast Du persönlich auch ein paar ungewöhnliche Instrumente gespielt?

Nein, ich habe mich dieses Mal tatsächlich sehr auf’s Singen konzentriert. Ich hatte große Lust, da mal mehr in die Tiefe zu gehen. Es klingt paradox, aber dadurch, dass ich die Hände und den Kopf frei hatte von der Gitarre, konnte ich mich wieder mehr einmischen in den Sound der Platte. Diese Platte klingt mehr nach mir als andere, bei denen ich verschanzt war hinter der Gitarre. Mit der bin ich immer latent am Kämpfen, sie saugt viel Energie von mir ab.

Wer sind denn beim Gesang Deine Vorbilder?

Ich bewundere Leute, die Stimmen haben, mit denen man alles machen kann. Das war mir nie gegeben, deswegen schreibe ich mir auch mal Songs, die ich richtig üben muss, weil ich beim Schreiben nicht an die Singbarkeit denke. Die letzte Sängerin, die mich beeindruckt hat, war Martha Wainwright – sehr spezielle Stimme, aber grandios. Das ist so eine Stimme, an der man hört, dass Country der weiße Soul ist. Und Regina Spektor, auch wenn man die kaum nachsingen kann. Ich mag aber auch viele Sängerinnen, die ganz unangestrengt singen, wie zum Beispiel Edie Brickell und Rickie Lee Jones. Und Dolly Parton!

Ah, Dolly Parton! Die ist in den letzten Jahren immer mehr zum Vorbild avanciert. Neko Case schwärmt auch von ihr.

Sie ist eine der besten Songwriterinnen und ein grandioses Gesamtkunstwerk. Wenn ich zu Hause vor mich hinsinge, dann singe ich Songs von Dolly Parton oder Joni Mitchell.

Foto: ddp

Kommentare

  • Hubert

    Aha, sie will also nicht zwischen Ärzten und Anwälten wohnen. Ich denke aber, dass sie die Dienste dieser Zehlendorf-Spiesser gerne in Anspruch nimmt, wenn ihr Kind krank ist oder ihr Album illegal downgeloadet wird.

    Sorry, das ist so doppelzüngig, das es einem schlecht werden könnte.

    Das sie aus einem spießigen Umfeld kommt (Rustikalitätsphobie) merkt man ihrer etwas sehr gewollten Musik stark an. Wer sich ständig nur damit beschäftigt, nicht spiessig zu sein, der wird schnell zum Langweiler.

  • Ernie

    Ahhh, da ist er ja der Totalverriss.

  • Mark

    Na ja, Hubert, nur weil man nicht ausschließlich zwischen der Klientel Ärzte und Anwälte wohnen will, heißt das ja nicht, das man deren Können nicht schätzt. Nur ist es eben auch sehr angenehm, sich von den Lebensweisen und Ansichten anderer überraschen zu lassen. Und solche Leute haben nun mal einfach meist andere Berufe als Arzt oder Anwalt.

  • friedrichausberlin

    ich glaube es ist nicht richtig eine zwanghafte bekämpfung des spießertum bei judith holofernes erkennen und beurteilen zu wollen.. sie würde nicht bestreiten die hilfe von ärzten und anwälten, hinter denen sich wohl auch menschen zu verbergen scheint, in anspruch zu nehmen, dennoch sind diese berufsgruppen wohl beispielhaft für wilden materialismus und die obszöne autonomität, die in vierteln wie zehlendorf gelebt wird und spießige snobs auszeichnet.. sie spricht ärzten oder anwälten nicht ihre notwendigkeit ab, aber die damit verbundene vormachtstellung, die ärzte und anwälte teilweise leisten, aufgrund des wissens gebraucht zu werden, notwendig zu sein, ist grund für kritik..
    deshalb widerspricht sich nichts, ist nichts dopppelzüngig.

  • fred

    Wenn alle Leute, die Kreuzberg eigentlich wunderbar finden, wegziehen, sobald ihre Kinder in die Schule müssen, wird sich nie etwas ändern. Dann sollen sie doch gleich so ehrlich sein, daß ihr “Kiez” mit seinen sozialen Verwerfungen und seinen ghetto-ähnlichen Wohnvierteln gar nicht so toll ist, wie sie immer sagen.
    Ich verstehe auch nicht ganz, warum die Berliner Schulpolitik im allgemeinen an der Misere schuld sein soll. Daß Schulen ihre Schülerinnen und Schüler nach Einzugsbereichen aufnehmen, ist doch ganz normal, oder irre ich mich? Wäre es besser, wenn die Berliner Schulpolitik zulassen würde, Kinder bestimmter Familien von bestimmten Schulen auszuschließen, obwohl diese Schulen für die Kinder in Fußnähe wären?
    Die Probleme, die es in Kreuzberg gibt, hängen doch wohl eher mit der dortigen Ghettobildung zusammen und damit, daß es in unserem Land über Jahrzehnte hinaus keine vernünftige oder auch nur nennenswerte Einwanderungspolitik gegeben hat, weil nicht sein konnte was nicht sein durfte (“Deutschland ist kein Einwanderungsland”). Diese Probleme reduzieren sich jedoch nicht nur auf die Schulen, sondern gelten für den ganzen “Kiez”, und wer das nicht sieht, schließt die Augen oder hängt einer romantischen Vorstellung des ach so wunderbaren Kreuzberg nach – siehe oben.
    Wo die Berliner Schulpolitik tatsächlich auch aus meiner Sicht versagt, ist, daß sie in sog. Problemschulen noch immer nicht für genug Lehrerinnen und Lehrer, genug Förderunterricht, genug Sprachförderung, kleinere Klassen, genug sinnvolle und kostengünstige Nachmittagsbeschäftigungen u.ä. sorgt, damit diese Schulen für alle attraktiv werden und zu wirklich guten Schulen werden. Es gehören z.B. sicher mehr als eine Lehrkraft in Klassen, in denen viele nicht vernünftig Deutsch sprechen, um sie auf Unterricht in Deutsch vorzubereiten und ihnen zu helfen. Es würde sicher auch nicht schaden, wenn Türkisch oder Arabisch früh als Fremdsprache unterrichtet würden, und sei es nur spielerisch. Wer mal im Ausland gelebt und seine Kinder dort zur Schule geschickt hat, weiß, daß ein gemischt-nationales bzw. gemischtes kulturelles Milieu Lernen und Erziehung durchaus nicht schaden muß, wenn die Schulen gut sind.

  • phunky

    Moin Johannes,

    im Gegensatz zu meinem ‘Vorschreiber’ kann ich zwar nichts doppelzüngiges daran finden, nicht zwischen Porsche und Mercedes wohnen zu wollen, mit der Inanspruchnahme von Dienstleistungen hat das mal gar nichts zu tun. Wer gelegentlich eine Diskothek besucht, wird nicht unbedingt neben einer wohnen wollen und verwerflich ist daran gar nichts. Aber das nur am Rande.

    Was allerdings den Langweiler-Vorwurf angeht, möchte ich ein Ausrufungszeichen anfügen. Was für eine langweilige, biedere Band. Vielleicht noch zu toppen von Juli oder Klee, falls es die noch gibt.

  • phunky

    Meinte den ersten Schreiber. Als ich vorhin tippte, hat mir mein Browser die anderen Kommentare noch vorenthalten.

  • Johannes Waechter

    Hallo Phunky,
    bin nicht ganz so ein Frühaufsteher wie Du und musste die anderen Kommentare erst freischalten. Viele Grüße!

  • hal9000

    @Hubert:
    Das Zitat lautet: “Trotzdem weiß ich, dass ich nicht glücklich werde, wenn in meiner näheren Umgebung nur Anwälte und Ärzte wohnen.”

    Da kommt das kleine aber entscheidende Wort NUR vor den Anwälten und Ärzten. Judith Holofernes hat sicher nichts dagegen wenn in ihrer Umgebung AUCH Anwälte und Ärzte wohnen, bloß das ausschließliche Wohlstandsgehabe würde sie stören. Ich finde es eher sympatisch, wenn sie sich von den eher ärmeren Menschen nicht abgrenzen will nur weil sie zu Geld gekommen ist.

  • am19

    mensch hubert, du bist doch nicht etwa anwalt oder arzt, oder vielleicht anwältin- oder ärztinmann???
    arbeitsteilung ist schon in ordnung, genauso wie der respekt vor der arbeitsleistung einer “person”…allerdings muss ich deshalb noch lange nicht in unmittelbarer nachbarschaft zu dieser wohnen wollen…mit dem letzten satz gebe ich dir natürlich recht, allerdings habe ich nicht das gefühl, dass es bei j.h. ein wesentlicher antrieb ist…

  • Hubert

    @Mark, also nehmen wir mal an Sie und Judith haben es richtig erkannt und Ärzte und Anwälte sind tatsächlich “beispielhaft für Materialismus und obszöne Autonomität”, wie kann man dann zu dem Schluss kommen, in Kreuzberg oder sonstwo hippes Leben zu wollen? Dort ist es doch genauso eng, dörflich, und spiessig. Nur eben auf andere, im Sinne von “alternative” Art.

    Die wirklich interessanten Leute wohnen weder in Zehlendorf, noch in Mitte (noch in Berlin noch sonstirgendwo in Deutschland). Dafür ist Deutschland einfach zu eng.

    Deutschland hat mit Leuten wie “Wir sind Helden” genau die Boheme bekommen, die es verdient hat – wie schon erwähnt, sind es Langweiler, die meinen, sie würden durch die Distanzierung von den vermeintlichen Spiessern schon Avantgarde sein. Dabei waren und sind sie einfach leicht auszurechnende Langweiler.

  • zack34

    User Hubert hat zumindest in seiner Feststellung, Zitat:
    “Wer sich ständig nur damit beschäftigt, nicht spiessig zu sein, der wird schnell zum Langweiler.”

    m.E. durchaus recht, zumal: das entspricht nicht nur meiner pers. Erfahrung. Gerade diejenige, die achsogern oder gar “nur” (sic!) “in Gründerzeit-Häusern mit hohen und (möglichst gar Stuck-)Decken” wohnen “können” (“da ist ja soviel Leben in den Räumen, ach….”), kommen meist aus gutbürgerlichen städtischen, oder teils spießigen Familien mit Haus und Garten, wo die Mutti brav am Herd stand, ihr Leben lang. Unter solchen Bedingungen wird man schnell zum Möchtegern-alternativen “Revoluzer”… der nach seinem Abschluß als erstes den Konz kauft und sich nach Ligne Rosset-sofa in seiner Altbau-Wohnung (Stuckdecke!) umschaut.

    Ob die Interviewte an gleichen Psychosen leidet, kann ich nicht beurteilen.

    Somit stimmt auch wieder, Zitat Hubert:
    “Dafür ist Deutschland einfach zu eng. Deutschland hat mit Leuten wie “Wir sind Helden” genau die Boheme bekommen, die es verdient hat – wie schon erwähnt, sind es Langweiler, die meinen, sie würden durch die Distanzierung von den vermeintlichen Spiessern schon Avantgarde sein. Dabei waren und sind sie einfach leicht auszurechnende Langweiler.”

    Lachkampf… – genau so isses!

    Grüsse @all

  • Mapambulo

    @phunky: Servus, da ist mir der Topf, in den die Helden kommen, ein bisschen zu groß geraten. Kann an denen, zumindest was die ersten beiden Platten angeht, noch halbwegs etwas Interessantes erkennen, was mir bei Klee, Silbermond oder auch z.B. Humpes Doppelhaushälfte nicht mehr gelingt. Textlich bemüht, sicher, aber da stecken zumindest ein paar eigene Gedanken statt Schablonen drin. Eher schade finde ich, dass sie musikalisch spätestens bei der dritten Platte sehr, sehr abgebaut haben – Schweinerockriffs hätte ich von ihnen nicht gebraucht …

  • Don Altobello

    Sorry, aber links-alternativ ist das moderne Spießertum, besser gesagt: sie sind die neuen Konservativen. Das zeigt die grassierende Technik- und Wissenschaftsfeindlichkeit in diesen Kreisen, die Angst vor Veränderungen im eigenen Lebensumfeld und das Festhalten an althergebrachten Dogmen. Warum entwickeln sich denn sonst die Grünen in den letzten Jahren zur Volkspartei? Sie repräsentieren mehr und mehr den Mainstream unserer Republik. Heutzutage wählen beispielsweise Anwälte und Ärzte (deren Gesellschaft Frau Holofernes irgendwie unangenehm zu finden scheint, das nannte man früher übrigens Standesdünkel!) nicht zwangsläufig die FDP, sondern eben häufig die Grünen (das soll jetzt nicht heißen, dass ich es schlecht finde, die Grünen zu wählen!). Dass Frau Holofernes sich vom “Indie-Konservatismus” zu distanzieren versucht, den sie richtigerweise als solchen identifiziert hat, finde ich allerdings etwas merkwürdig, ist das doch genau ihre Klientel (neben Anwälten und Ärzten, die auch ihre Platten kaufen).

    Was das Musikalische angeht, muss ich “phunky” beipflichten. Es gibt kaum eine aktuelle bzw. neue deutsche Band, die berühmt UND interessant ist. So etwas langweiliges wie “Wir sind Helden” ist mir in meinem Leben selten untergekommen. Leider wird Mittelmäßigkeit vom Feuilleton hierzulande meiner Meinung nach zu oft und zu Unrecht bejubelt. Schlimm finde ich zudem häufig die Texte, die die Belanglosigkeit der Musik oft noch toppen. Wenn ich so einen Satz höre, muss ich immer an billige, halb-esoterische Kalendersprüche denken: “…dass es schwer ist, ein inneres Zuhause zu finden, wenn man so wenig äußeres Zuhause hat.” Autsch!

  • Mapambulo

    @ Don Altobello: Distelmeyer? Wäre das einer … ?

  • sumsum

    @Hubert :-) so wie ich die Texte und Interviews von Judith Holofernes gelesen habe, ist sie sich sehr wohl bewußt, dass ihre Kreuzberger Sozialisation eine Menge Vorurteile mit sich trägt. Und es ist mir sehr sympathisch, dass Sie mit diesen “Marotten” gelassen (selbst)kritisch umgeht. “Nicht nach Zehlendorf” umziehen zu wollen” ist ein privater Wunsch. Ich will wiederum nicht ans “Schlesische Tor” ziehen. Damit werte ich nicht automatisch jeden ab, der dort wohnt. Dass ausgerechnet dieser Zehlendorf-Satz in die Überschrift des Artikels musste, ist dem Autor bzw. der Redaktion zu verdanken. Polarisierende Aussagen ziehen halt mehr Aufmerksamkeit. Selbst wenn sich im größeren Kontext eine viel mildere Interpretation ergibt (siehe: Bild, Focus, Spiegel).
    … Lieber Hubert, es wird Judith Holofernes kaum gerecht, profilneurotischen Avantgardismus zu unterstellen. Wenn Du etwas mehr Interviews mit ihr gelesen, gehört oder gesehen hättest, würde Dir das wohl sichtbarer sein. Schon im Lied “Denkmal” pinkelt die Gruppe gegen die Verklärung der Band an.
    Also nimm es nicht so ernst. Berlin hat eine Menge Nischen für die verschiedenen “verschrobenen” Lebensvorstellungen. “Und das ist auch gut so” ;-)

  • Hubert

    @sumsum Ich kenne die angesprochenen Interviews und Stücke von “WSH” nicht, aber wenn es stimmt, was du sagst, nämlich dass sich Judith H. ihrers Hipster-tums bewusst ist und es auch Lieder gibt, die gegen die eigene “Verklärung anpinkeln”, und wenn ich dann dieses Interview und ihre Unsicherheiten gegenüber bestimmten Berufsgruppen oder sagen wir lieber Einkommensgruppen so lese, dann kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass es sich bei der Band wohl eher um “Wir sind Maulhelden” handelt, die irgendwo im Hinterkopf spüren, dass es dumm und wenig interessant ist, was sie machen, und ihre Sache daher lieber schnell mal plakativ ein bisschen ironisieren. Also genau das Verhalten, was diese Leute so leicht ausrechenbar und langweilig macht.

    Was die Taten angeht, und da beziehe ich mich nur auf dieses Interview, ist es jedenfalls nicht weit her mit der kritischen Distanz zum (eigenen) Hipsterdünkel. Auch schon äußerlich nicht. Wir sind Helden waren mit ihren Bärten und Schals schon immer der Fleisch und Fabric gewordene Peter-Pan Komplex.

  • Don Altobello

    @ Mapambulo
    Ich kenne sein Solo-Album nicht. “Blumfeld” konnte mich aber nicht überzeugen. Ich möchte mich mit meinem Urteil allerdings nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, dazu kenne ich dessen Musik nicht gut genug.

  • Mapambulo

    @ Don Altobello: Sein Solowerk “Heavy” darf man schon mal probieren, geradliniger und einfacher gestrickt als Blumfeld und nicht das gewohnte Metaphernfestival …

  • am19

    mensch hubert, mit deinem ersten satz @sumsum rennst du schon stilistisch aber sowas von in die eigene klischeefalle…mehr hipsterdünkel geht nicht…und sowas von alt und ausgelutscht…semantisch…nun ja…was zu beurteilen ohne es genau zu kennen…ziemlich hipstig, wa?

  • Merle

    Hubert, ich glaub’ da hast du das pauschal für einen bestimmten Lifestyle verwendete Ärztebild in den falschen Hals bekommen. Um noch einen weiteren Berliner Stadtteil zu zitieren: Wer will denn im Süden von NK zwischen Gartenzwergen und Spitzengardinen wohnen? Genau, wer das nämlich bejaht, wird sich höchstwahrscheinlich auch nicht in der Musik wiederfinden.

  • Hubert

    @Merle Soll sich ja auch nicht jeder darin wiederfinden. Nur denen, die es tun, sollten sich im Klaren sein, dass sie höchstwahrscheinlich Langweiler sind, auch wenn sie s nicht realisieren.

  • Hubert

    @am19 …und dass du auf das Wort “Hipster” so reagierst, wie du es tust, macht dich das nicht zu einem offenen Buch?

  • lilith

    Ich kann Hubert nur beipflichten. Sie will nicht nach Zehlendorf, aber ihr Kind würde sie wahrscheinlich am liebsten dort zur Schule schicken. Oder warum ist das jetzt so ein großes Problem mit den Kreuzberger Schulen, sie mag es doch sonst auch multikulti und ein bischen abgerissen. Aber die Option auf eine Arzt- oder Anwaltkarriere soll das Kind aber schon haben.

  • am19

    mensch hubert, als langweiler in deiner welt…scheint nicht verkehrt zu sein…die maßeinheit wird sich durchsetzen…bald wird jeder ein hubert-langweiler sein wollen…

  • Kreuzberg2010

    @lilith

    Wieso sollte sie ihren Kindern solche Wege nicht offen lassen?
    Sicherlich ist es möglich, der Dame nach diesem Interview einiges an den Kopf zu werfen, jedoch bitte nicht, dass sie das beste für ihre Kinder möchte.

    Inwieweit die Musik der Band “gewollt” oder “langweilig” ist, bleibt immer noch dem subjektiven Empfinden des Einzelnen überlassen.

  • Hubert

    @am19 Du bist spät dran, bereits jetzt ist jeder ein Hubert-Langweiler. Jedenfalls in Berlin-Mitte, Hamburg-Schanze, München-Glockenbach, oder wie die ganzen Langweiler-Viertel sonst noch heissen.

  • da.internet

    Interessant zu sehen, dass einige Leute nicht anders denken können, als dass man eine bestmögliche Schulbildung für seine Kinder nur aus materiellen Gründen (sprich: Karrieredenken) möchte. Schwerwiegender finde ich, dass ein Kind mit Deutsch als Muttersprache sicherlich in einer Klasse, in der die 90% der Kinder erst mal richtig Deutsch lernen müssen, in seinen Talenten und Fähigkeiten nicht ausreichend gefördert wird.

  • amok-koma

    geht doch alle mal in die schanze nach hamburg wenn ihr nen guten artzt oder anwalt braucht ……muss ja nich immer berlin sein

  • amok-koma

    heißt arzt sorry

  • phunky

    Hier war ja ordentlich was los… Am Freitag wollte ich eigentlich CDs kaufen, es ist dann doch nur eine geworden: Als ich in den Laden kam, lief noch so ein Metal-Mumpf, vermutlich Metallica. Dann wechselte die Beschallung jedoch auf das neue Helden-Album, und zwei Songs später hatte ich bezahlt und war draußen. Einfach unerträglich. Musikalisch wie immer aus irgendwelchen 80er NDW-Humpe-Projekten wie Ideal entnommen, dazu das dünne Girlie-Gefiepe, einfach nicht auszuhalten.

    Zu der Frage nach interessanter deutscher Musik, möchte ich mal Gisbert zu Knyhausen in’s Rennen schicken. Sicher nicht jedermann’s Sache, aber doch schön zu sehen, dass es in Deutschland noch Musiker gibt, die mit ihrer Muttersprache umzugehen wissen. Was Distelmeyer angeht, ist mir zu verkopft, zu verkrampft, zu bemüht weltverbesserisch.

  • Berlin-Zitat: Judith Holofernes « B like Berlin

    [...] Berlin-Zitat: Judith Holofernes 2010/09/04 B-like-Berlin Einen Kommentar hinterlassen Kommentare lesen Ich kann nur sagen, dass Berlin für mich das macht, was es für viele Künstler macht: Es hat einfach etwas inspirierendes, in einer Stadt zu leben, wo man den allermeisten Leuten anmerkt, dass es ihnen nicht in erster Linie ums Geldverdienen geht. Man merkt der Stadt an, dass da viele Leute irgendwelchen verschrobenen Träumen nachgehen können. (Judith Holofernes, deutsche Musikerin und Liedtexterin, Sängerin und Gitarristin von ‘Wir sind Helden’ – aus ‘SZ-Diskothek’, Interview, 24.08.2010) [...]

  • Tommy Tulip

    Das Interview hat Tücken und Widersprüchlichkeiten, die irgendwie auch die Zerrissenheit einer großartigen Popmusikerin aufzeigen. Die Kernkritik ist aus Berlin niedergeschrieben ablesbar hier, also mit Ortskenntnissen,was Zehlendorf und Kreuzberg angeht: http://blackbirds.tv/?p=2355

  • Frida

    “links-alternativ ist das moderne Spießertum, besser gesagt: sie sind die neuen Konservativen. Das zeigt die grassierende Technik- und Wissenschaftsfeindlichkeit in diesen Kreisen, die Angst vor Veränderungen im eigenen Lebensumfeld und das Festhalten an althergebrachten Dogmen.”

    Dieser Ansicht stimme ich voll und ganz zu. Dieses ständige Anti-Sein ist sowas von anstrengend und nervig, da bricht bei mir der Brechreiz aus. Einerseits ein Plattenvertrag mit Sony, hohe Ticketpreise und Merch verscherbeln wo es nur geht und dann sagen, man Sie gegen Bürgerlichkeit und all das. Viele links-alternative (wie sich das schon anhört) sind so in ihren starren Ansichten gefangen, dass sie selbst total verbittern und sich ständig widersprechen. War doch schon immer so. Hauptsache sich groß ‘links’ auf die Fahne schreiben, bei jedem Anlass den Schnabel aufreißen und im Endeffekt ist man doch dafür bzw. ein Teil des bösen bösen Establishments. Wahrscheinlich können sie & ihr Mann sich einfach nur nicht von ihrem 2005-wannabe-Bohème-Image lösen, sonst würden sie schon längst in Zehlendorf, Charlottenburg oder Prenzl wohnen. Was ist so verwerflich am bürgerlich sein? Es ist ja nicht jeder so, wie der Spitzengardinen-Süden-Neuköllns (das würde ich auch nicht als bürgerlich im eigentlichen Sinne bezeichnen).
    Gerade diejenigen, die ständig gegen Alles und Jeden sind und sich als Alternative zum Establishment bezeichnen, verharren in ihren Dogmen und werden zum möchtegern-Bürgertum am unteren Rand der Gesellschaft.

  • Hubert

    Ich glaube, in Deutschland / Berlin schwingt das Pendel gerade in die andere Richtung. Schön wär’s … und bye bye ihr lächerlichen Hipster, die selbst das Hipster-sein noch nicht mal richtig gut konntet.

  • Verpiss dich nach Kreuzberg, du Muschi « Ey Alter

    [...] der Türken, warum sie immer noch in Kreuzberg wohnt, wo sie es doch jetzt zu etwas gebracht hat: „Viele türkische Jugendliche kommen gar nicht darüber hinweg, dass wir immer noch in Kreuzberg w… Die Hundekacke und die Zigarettenstummel erinnern mich dann doch wieder sehr stark an [...]

  • Freiburger

    Also spießig sind die, die andere als spießig bezeichnen. Wer von den Kommentatoren ist den immer so wie er sein sollte und wie soll man denn sein ?
    Und wer von Euch hat denn selber ein Kind ? Wer keins hat sollte sich aus der Schuldebatte einfach mal raus halten. Wer ehrlich zu sich selbst ist, erkennt mit zunehmendem Alter spießige Anteile an sich. Ich bin ein Spießer in manchen Dingen pedantisch, kleinlich. Für mich müssen Bands nicht immer total flippig oder wie auch immer aber bloß nicht langweilig sein. Warum nicht langweilig ? Langeweile ist ein Teil des Lebens. Aber selbst mit Langeweile kann man Aufregung erzeugen ! Siehe die Kommentare. Also ich hab keine WsH Album, aber ein paar Lieder sind gut zum anhören.

  • trixo

    Meine Güte, sie ist Songschreiberin, zudem recht jung und keine Philosophin, oder? Ich möchte meine 25 Jahre in Berlin auch nicht missen, aber irgendwann konnte ich nicht mehr ertragen, in dieser Stadt zu leben. Alles hat seine Zeit. Aber sie ist ja immerhin auch noch dort geboren.
    Ich frag mich nur, wo diese no-go-areas sein sollen. Jeder noch so finster dreinschauende, sonst woher kommende Typ trägt einem ja noch das Portemonai hinterher, sollte man es mal liegen lassen haben.

  • Browni

    Hier ein interessantes Interview, Katrin Bauerfeind und Judith Holofernes.

    http://www.veeds.org/2011/04/06/Katrin-Bauerfeind-im-Interview-mit-Judith-Holofernes-Teil-1/