Aaron Neville: Kreuz im Gesicht
Nach vielen enttäuschenden Alben hat Aaron Neville endlich wieder einen Treffer gelandet. Warum kommt sein Gospelalbum I Know I've Been Changed also nicht in Deutschland heraus?
Von Johannes WaechterIn der Prä-Internet-Ära wäre Aaron Nevilles neues Album I Know I’ve Been Changed (Tell It/EMI Gospel) noch Anlass für mannigfachen Frust und Ärger gewesen. Es ist nämlich bisher nur in den USA erschienen, und bei der deutschen EMI gibt es momentan keine Pläne, das Werk hierzulande rauszubringen. Früher hätte man die Leute im Plattenladen ewig nerven müssen, bis man so ein Album vielleicht in den Händen gehalten hätte, heute bestellt man es online, nach ein paar Tagen ist es da. Der Ärger, der übrig bleibt, ist abstrakter Natur: Wie kann es sein, dass ein genialer Sänger wie Aaron Neville hierzulande so sträflich ignoriert wird?
Wobei man zugeben muss, dass Neville sich ein bisschen auch selbst ins Abseits gestellt hat. Hier seine Karriere im Schnellurchlauf: Er fing 1960 mit New-Orleans-R&B an, hatte 1966 einen Riesenhit, an dem er aber nichts verdiente (“Tell It Like It Is”), und erlebte in den folgenden zwanzig Jahren eigentlich nur Enttäuschungen. Erst Ende der Achtziger wurden Aaron Neville und seine Brüder plötzlich erfolgreich, das Album Yellow Moon etablierte den Voodoo-Funk der Neville Brothers als Marke. Bruder Aaron musste also erst 50 werden, bevor er zum ersten Mal im Musikgeschäft richtig Geld verdiente – vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass er nach 1990 ziemlich mehrere Weihnachtsalben und ähnliches seichte Zeug aufnahm.
Live wirkte sein Falsettgesang, in dessen trügerischer Schönheit Armut, Gefängnis und Entbehrungen mitschwingen, jedoch so tief wie eh und je; ob bei den Konzerten der Neville Brothers, wo er immer reichlich Solo-Spots bekam, oder bei seinen Solo-Auftritten. Vor anderthalb Jahren habe ich ihn zweimal in New Orleans gesehen, und obwohl ich die Gospel-Krone damals nicht ihm, sondern Rance Allen zusprach, war es ein Erlebnis, ihn die spirituellen Songs von Sam Cooke singen zu hören.
Im Prinzip wartete man seit Jahren auf das, was nun geschehen ist: dass ein engagierter Produzent ihm ein Album entlockt, das auf der Soul- und R&B-Musik basiert, die Neville quasi in die Wiege gelegt wurde, und nicht einen Mainstream-Ideal folgt. Dieser Aufgabe stellte sich nun Joe Henry, dem ähnliches bekanntlich bereits mit Solomon Burke gelang. (Hier übrigens ein toller Text von Joe Henry über seinen Besuch bei der Beerdigung von Solomon Burke.)
Henry kam dabei zu Gute, dass er seit dem fantastischen Album The Bright Mississippi gut mit Allen Toussaint befreundet ist. In diesem Interview berichtet Neville, dass er Toussaint bereits seit der gemeinsamen Schulzeit in New Orleans kennt; man darf vermuten, dass Toussaints Anwesenheit viel dazu beigetragen hat, Neville anzuspornen, außerdem prägt Toussaints Klavierspiel die ebenso elegante wie bluesig geerdete Textur dieses Albums.
Im Zentrum steht aber natürlich Nevilles Gesang. Seit Jahrzehnten wird darüber gerätselt, wie diesem Hünen mit Knastvergangenheit ein derart engelsgleiches Falsett entströmen kann; und das aktuelle Album beweist erneut, dass Aaron Nevilles Stimme zu den großen Wundern der Soulmusik zu zählen ist. Vor allem scheint es die Gospelmusik zu sein, die seine Kunst nun wieder erblühen lässt -- kaum verwunderlich bei einem Mann, der sich das Kreuz sogar auf die linke Wange tätowieren ließ (und noch einmal auf den Unterarm).
Letztes Jahr habe ich ein Interview mit Joe Henry geführt, darin sagt er: “Jede Musik, die Bestand hat, ist soulful; damit meine ich, dass sie ihre Menschlichkeit zur Schau stellt.” Um Henry beim Wort zu nehmen: Kaum ein Sänger zeigt mehr Menschlichkeit als Aaron Neville.
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14 Uhr 27
Hallo Johannes,
Schweigen um Aaron Neville herum…
Als einen meiner Lieblingssongs von den Neville Brothers habe ich seit Erscheinen des Albums „Yellow Moon“ das Titelstück ins Herz geschlossen, auch wegen des phantastischen Beitrags von Bläserbruder (Aaron: „I call him the Horn Man“) Charles Neville.
Lustig finde ich in Deinem Beitrag die Formulierung „ziemlich mehrere Weihnachtsalben“, die so vielleicht nicht beabsichtigt war, aber in dieser Vorweihnachtszeit doch gut verwertet werden kann: „Ziemlich mehrere Weihnachtsalben [wenn nicht nahezu alle] hätten nicht veröffentlicht werden müssen.“
In diesem Sinne viele Grüße von
Rüdiger
15 Uhr 10
Hallo Rüdiger,
stimmt, das war so nicht beabsichtigt – aber Du hast Recht, mir gefällt die Formulierung auch.
Viele Grüße, Johannes
09 Uhr 30
kleine korrektur, auf aarons wange handelt es sich nach eigenem bekunden nicht um ein kreuz, vielmehr um ein schwert bzw. dolch.
quelle youtube: Aaron Neville on tattoos w/ Friday Jones
14 Uhr 43
@ Telefunken
Vielen Dank für die Info, sehr interessant!