Mumford & Sons – zu viel der Ehre
Mit ihrem neuen, luxuriös aufgemachten Album begehren Mumford & Sons Einlass in die Ruhmeshalle des Folk. Bei aller Sympathie - ist es dafür nicht ein bisschen früh?
Von Johannes WaechterMumford & Sons sind eine gute Band, aber an ihrer aktuellen Veröffentlichung (zwei CDs plus eine DVD) stört mich trotzdem einiges. Also, schnell raus damit: Vor einem Jahr, im Herbst 2009, erschien ihr Debütalbum Sigh No More. Nun kommt Sigh No More (Island/Cooperative) noch einmal heraus, als “Limited Deluxe Edition”; enthalten sind das Originalalbum plus Bonustrack, eine Live-CD und eine DVD, die drei kurze Dokumentarfilm mit Live-Clips enthält. Das CD-Cover ist mit tannengrünem Stoff bespannt, Schrift und Cover sind mit Gold aufgeprägt – alles sehr edel.
Vielleicht ein wenig zu edel? Muss man wirklich schon vom ersten Album einer jungen Band eine Deluxe-Version machen? Kommt diese Ehre nicht etwas verfrüht? Würde man nicht gerne erstmal noch ein paar weitere Alben mit neuem Material hören, bevor man eine Band mittels solch opulenter Veröffentlichungen zum Klassiker erklärt? Die Folgen sind fast ein bisschen kurios: Auf der Live-CD spielen Mumford & Sons nämlich fast das komplette Debütalbum, 90 Prozent der Songs auf dieser CD sind also doppelt enthalten.
Ich weiß, die Sechziger sind vorbei, wo es ganz normal war, zwei bis drei Alben im Jahr herauszubringen. Dennoch finde ich es schade, dass bei einer Band wie Mumford & Sons anscheinend niemand mehr erwartet, dass sie ein Jahr nach ihrem Debüt ein neues Album herausbringen wird. Fällt den Musikern einfach nichts mehr ein? Sind die Veröffentlichungszyklen der Musikindustrie inzwischen so langgestreckt? Macht es wirklich Sinn, aus einem erfolgreichen Produkt auch noch den letzten Tropfen Saft herauszupressen? Es heißt ja immer, dass das Internet alles beschleunigt habe -- im Pop kann ich das nicht erkennen. Da bewegt man sich heute im Vergleich zu früher im Schneckentempo.
So, nun aber genug gemosert -- eigentlich ist es höchst erfreulich, dass eine sympathische und talentierte Band wie Mumford & Sons so erfolgreich ist. Schon der Look der Band, der an altenglische Schneidergesellen erinnert, gefällt mir, noch besser finde ich ihre Angewohnheit, auf der Bühne ständig die Instrumente zu tauschen. Das bringt erhebliche Dynamik in ihre Liveshows, und tatsächlich ist der unermüdliche Bühneneinsatz der Band, ihre Lust am Touren, wohl der wichtigste Grund für ihren erstaunlichen Erfolg. So gelang ihnen das Kunststück, ein junges Indierock-Publikum von den Meriten der Folkmusik zu überzeugen und Instrumenten wie Akkordeon, Banjo und Mandoline wieder den Ruch der Hipness zu verleihen.
Interessant finde ich dabei, dass ihr Sound auch musikalische Bezugspunkte zum Indierock hat. In Interviews betonen sie zwar immer, stark von Country, Bluegrass und US-Folk beeinflusst zu sein, in ihrer Musik schlägt sich das jedoch kaum nieder; es fehlt zum Beispiel das virtuose Picking, das die akustische Countrymusik ausmacht, und auch um deren oft sehr traditionelle Themen machen sie einen Bogen. Eher schon sind sie vom englischen Folkrock geprägt und, wie gesagt, vom Indierock. In seinem Blog hat sich Marcus Mumford letzte Woche recht enthusiastisch über Arcade Fire geäußert: “It was awesome -- it was one of those things you’ll always remember”, schreibt er über eine Autofahrt, bei der er zum ersten Mal The Suburbs hörte. So wie Arcade Fire holen auch Mumford & Sons regelmäßig den breiten Pinsel heraus und liefern Chorusse und Rhythmen ab, die im Stadion nicht schlechter funktionieren würden als im Folkclub. Ich persönlich hätte es da manchmal gerne etwas nuancierter, aber das ist wohl die Art von Folkmusik, die man heute spielen muss, um Erfolg zu haben.
Fotos: Rebecca Miller
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22 Uhr 33
“Interessant finde ich dabei, dass ihr Sound auch musikalische Bezugspunkte zum Indierock hat. In Interviews betonen sie zwar immer, stark von Country, Bluegrass und US-Folk beeinflusst zu sein, in ihrer Musik schlägt sich das jedoch kaum nieder.”
Wenn man sowas liest, fragt man sich automatisch ob die Autorin das Album überhaupt gehört hat.
09 Uhr 02
@ mK
Über dieses Thema habe ich mich vor einiger Zeit mit Rosanne Cash unterhalten. Sie hat folgendes gesagt: “Viele junge Künstler haben das Problem, dass sie die Tradition nicht kennen, in der sie arbeiten. Die wollen Folksongs schreiben und haben noch nie Dylan gehört. Das macht doch keinen Sinn! Man muss doch den Kontext kennen, aus dem man kommt! Ich hoffe, dass sich diese Balance zwischen Tradition und Experiment wieder mehr durchsetzt, dass die Leute in den alten Mustern verwurzelt bleiben. Aber ich habe Angst, dass die jungen Künstler nicht weiter zurückblicken als bis zu R.E.M..” Das trifft zwar so nicht auf Mumford & Sons zu, denn sind schon Fans insbesondere von Dylan. Dennoch ist ihre Musik zwar als Folk instrumentiert, von der kompositorischen Struktur her jedoch viel eher vom Rock beeinflusst. Hör mal etwas genauer hin, dann wirst Du es auch merken.
09 Uhr 05
Johannes, das klingt unterm Strich sehr negativ, obwohl dir Mumford & Sons ja eigentlich gefallen zu scheinen. Ist doch eigentlich egal, welche Verpackung die Plattenfirma zu veröffentlichen gedenkt. Und wenn sie sich mit dem 2. Album Zeit lassen oder es keins gibt, dann ist das schade aber nicht schlecht. Kings of Leon hat es nicht gut getan, 5 Alben in 7 Jahren rauszubringen.
Wenn jemand, der M&S noch nicht kennt, den Artikel liest, denkt er sich er könne die Band getrost ignorieren. Dabei verpasst er einer der besten neuen UK Bands der letzten 2 Jahre. Das Album hat die seltene Qualität, auf Anhieb zu gefallen und gleichzeitig die Substanz, auch nach längerer Zeit immer wieder mit vollem Genuss gehört werden zu können. Auf dem Album wie auch live spürt man die Dynamik, Leidenschaft und Ehrlichkeit der Band und ihre bescheidene und doch immer kraftvolle Überzeugung gute Musik zu spielen und dem Publikum bieten zu müssen. Die Lieder sind wunderschön und harmonisch, aber wegen der herb-rauhen Stimme des Sängers nie süsslich. 10 out of 10. in my humble opinion.
09 Uhr 23
@ Stefan
Das ist ja gerade der Punkt: Weil sie mir gut gefallen und weil sie so ein Potenzial haben, bin ich enttäuscht darüber, dass nicht neues rauskommt, sondern nur die alte Sachen nochmal neu verpackt werden. Bei Bands, die mir am Herzen liegen, beschäftigt mich so etwas natürlich viel mehr als bei solchen, die mir egal sind.
09 Uhr 44
Lieber Johannes,
Mumford & Sons waren bis November ca. 1,5 Jahren nonstop auf Tour, wie sollten sie da ein neues Album aufnehmen? Das auf der Live-CD die neuen Stücke wie “Below my feet” nicht drauf sind, finde ich aber auch sehr schade…
14 Uhr 13
@ Stefan & Johannes:
Zuerst einmal teile ich eure Einschätzung bezüglich der Qulität der Band. In den letzten Jahren gab es in diesem Beriech, ob nun Folk oder Indie auf dem Genre-Label steht sei einmal dahingestellt – wenig in vergleichbarer Form.
Mich wundert aber eure Diskussion: Ich stimme Johannes zu. Es ist wirklich bedauerlich, dass die Plattenfirma das erste erfolgreiche Album so ausschlachtet. In Zeiten vom Internet gehören deutlich gestiegene Ticketpreise und auch sehr viele Special Editions aber zum Instrumentarium um gesunkene Einkünfte aus Plattenverkäufen zu kompensieren. Diese Gesetzte dürften dir, lieber Johannes doch sehr wohl bekannt sein.
Ein anderer Mechanismus, der immer wieder zum Greifen kommt, ist das sehr schnell folgende zweite Album. Deine Forderung, Johannes, rasch ein zweites Album nachzulegen, gehört eigentlich zur gleichen Marketingpolitik wie eben auch Special Editions und ausdauerndes Touren.
Hier wird es jetzt aus meiner Sicht interessant. Es ist legitim, wenn die Plattenindustrie versucht Gewinne einzufahren. Wichtig ist in meinen Augen aber, dass der Konsument dabei nicht über den Tisch gezogen wird. Wer sich Mumford & Sons gerne Live anschauen möchte, hatte z.B. in Berlin in den letzten 12 Monaten 3 Mal die Möglichkeit. Jedes Mal sind die Preise gestiegen, so dass es mir beim 3. Konzert einfach zu teuer wurde. Ebenso kann ich mich entscheiden, ob ich – sofern ich das erste Album schon habe – die Special Edition unbedingt brauche.
Kommt jetzt aber – ganz schnell, wie du es gerne hättest, Johannes – ein neues Album raus, so kann ich mich zwar für oder gegen einen Kauf entscheiden, das wird aber keinen Einfluss auf die Qualität haben. Ob Kings of Leon ein passendes Beispiel sind, darüber mag jeder für sich entscheiden. Dennoch warte ich lieber noch ein wenig, lass die Jungs in Ruhe noch ein wenig weiter touren, sich erholen und in Ruhe am neuen Werk feilen, als schon in kurzer Zeit eine neue Platte in der Hand zu halten, von der ich dann aber enttäuscht werde.
Abschließend möchte ich noch kurz sagen, dass ich mich aber gefreut habe, dass du, Johannes, hier die Werbetrommel für Folkmusik rührst. Weiter So!
08 Uhr 32
ich mag mumford & sons eigentlich sehr gerne,habe sie das erste mal vor etwas mehr als einem jahr live gesehen (damals noch für 13 euro) und war begeistert – super band – keine frage. diesen ausverkauf finde ich jedoch ziemlich schade. dabei finde ich den satz “Macht es wirklich Sinn, aus einem erfolgreichen Produkt auch noch den letzten Tropfen Saft herauszupressen?” doch sehr zutreffend. ich gebe matthias zwar recht, dass auch das übereilte rausschmeißen unbefriedigender neuer platten nicht der richtige weg sein kann – aber ich bin gerne bereit, etwas länger darauf zu warten ohne zwischendurch solche lückenfüller vorgelegt zu bekommen. ich fühle mich als hörer nicht ernstgenommen wenn ich nun wieder für altbekanntes bezahlen soll, außerdem finde ich, dass derartige aktionen für mich auch ein schlechtes bild der band erzeugen. es scheint als stehe ausschließlich das geld im mittelpunkt – “wir haben 12 lieder – das reicht, mehr brauchen wir nicht solange die idioten noch dafür bezahlen” – und das finde ich schade. (und es ist ja auch nicht so, als würde man nicht viele von den liedern schon auf diversen ep’s finden so dass diese nun zum 3. oder 4. mal veröffentlicht werden) ich möchte der band nichts in diese richtung unterstellen – ich mag sie wirklich – aber bitte, liebe plattenfirma, mach mir das nicht kaputt!
womit ich nicht ganz übereinstimme ist das zitat von rosanne cash. muss man wirklich den gesamten kontext einer musikrichtung kennen, um musik machen zu können? klar, wenn man den anspruch hat fest in der schublade “folk” verankert zu sein macht das sinn. aber sollte man diesen wirklich haben? ich finde es doch ziemlich erfrischend, wenn lieder zwar ähnlichkeit mit einem musikstil haben, aber eben doch anders sind. sei es nur durch andere einflüsse oder eben auch, weil man die richtung gerade nicht komplett kennt. ich finde es schöner, so befreit schreiben zu können (manchmal würde ich mir für mein eigenes songwriting wünschen, gar keine lieder zu kennen) als sich fest an alte traditionen zu binden. das schränkt unheimlich ein. und außerdem stellt sich für mich die frage, ob junge künstler überhaupt derart in den alten traditionen verwurzelt sein können? gehört nicht zu diesen auch noch mehr an hintergrund als nun das reimschema oder der wechsel von strophe zu refrain? ist es nicht auch irgendwie konstruiert, wenn junge bands heute als pflichtprogramm dylan hören müssen um auf alten mustern aufbauen zu können? gehört zum weiterentwickeln von musik nicht auch irgendwo das hinter sich lassen von alten mustern? ein sehr schönes beispiel finde ich eigentlich die alten bright eyes sachen – irgendwie folkig, irgendwie aber auch chaos zwischen allen möglichen einflüssen. finde ich persönlich super. aber ich persönlich stehe halt auch nicht so auf die traditionelle einhaltung von musikstilen – kann gut verstehen, dass das anderen anders geht – in dem fall verstehe ich dann auch die argumentation von rosanne cash.
17 Uhr 18
Ich hatte gerade heute im Dussmann-Weihnachts-Wahnsinn die Deluxe-Edition in der Hand und habe meine Augenbrauen fast nicht mehr runtergekriegt. Die Aufmachung erinnert doch etwas zu sehr an eine Klassiker-Ausgabe für die bibliophile Sammlernatur. Romantik funktioniert aber nur so lange, wie sie nicht unfreiwillig lustig wird und die Grenze zwischen Ernst und Ironie verschwimmt.
Aber um ihnen das wirklich überl zu nehmen, haben wir alle die “Gentlemen of the road” schon viel zu sehr ins Herz geschlossen, nicht wahr?
08 Uhr 14
Mumford & Sons sind offenbar eine gute Band. Ich mag das Album durchaus, teile die Meinung allerdings nicht, dass es wenig vergleichbares gibt. Gerade diese Szene hat in den letzten Jahren mehr Zulauf gehabt, als ihr gut tut. Finde ich zumindest.
Aber bevor sie nicht mindestens das dritte gute Album gemacht haben, würde ich mich doch darauf beschränken erstmal die vorliegende Musik zu bejubeln, weniger die Musiker. Denn wieviel Potential diese Band hat, muss sie erst noch beweisen.
18 Uhr 13
Ich habe irgendwie das Gefühl, dass der Verfasser dieses Textes das Album überhaupt nicht gehört hat…Ich meine die Texte, das Instrumentale , wo ist das bitte keine FOLK MUSIK?
Ich bin selbst ein großer Bob Dylan Fan und ich finde man kann behaupten das die Musik der Jungs dem ziemlich nahe kommen …
Es gab lange nicht so eine Musikalische Band die gleichzeitig auch noch so viel Wert darauf gelegt hat live zu spielen…Wenn eine Band wie Mumford and Sons 3 Jahre fast duchgehend Konzerte gibt, dann ist es kein Wunder, dass nicht sobald ein neues Album erscheint .Aber wobei man sich sicher sein kann, wenn es dann bald soweit ist wird es wieder mal alle von den Socken reißen. Es wird mindestens genau so gut und wahrscheinlich noch viel besser als das erste sein. Mumford and Sons sind keine Band für die es das wichtigeste ist, viele Platten zu verkaufen, ich denke sie sind dankbar das ihre Texte gehört werden …