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Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  4 Kommentare

Wann klang Elvis Presleys Stimme am besten?

Die LP Elvis Is Back! von 1960 ist ein Höhepunkt im Katalog von Elvis Presley. Die Wiederveröffentlichung dieses Albums wirft nun eine interessante Frage auf: Wie hat sich Elvis' Stimme im Lauf seiner Karriere verändert? Wann sang er am eindrücklichsten?

Von Johannes Waechter

Dieses Foto entstand am 1. März 1960, bei Elvis’ Abschied aus Deutschland. Weniger als drei Wochen später ging er bereits ins Studio, um “Elvis Is Back!” aufzunehmen.

Die meisten Elvis-Fans werden wohl zustimmen, dass die LP Elvis Is Back! von 1960 zu seinen drei besten Alben gehört. (Meine anderen beiden Favoriten wären übrigens His Hand In Mine und From Elvis In Memphis.) Elvis war lange kein ausgesprochener Album-Künstler, und auch dann, als Gruppen wie die Beatles das Popalbum längst zur Kunstform erhoben hatten, erschienen von ihm noch Platten, die nach dem alten Strickmuster “Hits plus Füllmaterial” zusammengestellt wurden. Mit Elvis Is Back! war er jedoch seiner Zeit voraus. Vor kurzem erschien dieses Album im Tandem mit Something For Everybody von 1961 in einer Legacy-Edition als Doppel-CD (Sony); Grund genug, sich etwas eingehender damit zu beschäftigen.

Die im Titel des Albums angesprochene Rückkehr bezieht sich natürlich auf Elvis’ Armeezeit. Im März 1958 war er eingezogen worden, sein Wehrdienst dauerte zwei Jahre, von denen er anderthalb in Deutschland verbrachte. Heute wissen wir, welchen Verlauf seine Karriere nahm, aber damals war die Meinung weit verbreitet, dass seine Karriere mit dem Eintritt in die Armee beendet sei, weil sich danach niemand mehr an ihn erinnern würde. Elvis selbst hegte diese Befürchtung, genauso wie seine Plattenfirma RCA, die während seiner Abwesenheit etliche vorsorglich schon früher aufgenommene Stücke veröffentlichte, um die Erinnerung an ihren Top-Star am Leben zu halten.

Eine weitere Befürchtung bezog sich auf seine musikalischen Fähigkeiten: Würde er nach anderthalb Jahren in einer hessischen Kleinstadt noch rocken können? Es scheint, als sei Elvis selbst an einer Klärung dieser Frage gelegen gewesen, denn schon drei Wochen nach seiner Rückkehr in die USA stand er in Nashville im Studio – nervös beäugt von einigen RCA-Vertretern und von seinem Manager, Colonel Tom Parker. Was die Herren zu sehen und zu hören bekamen, dürfte sie überzeugt haben: Der 25-jährige war besser denn je.

Greil Marcus hat Elvis’ Gesangsstil auf dieser Platte “pornographisch” genannt – tatsächlich sind die Energie und Intensität, mit denen sich Elvis hier diversen Bluessongs widmet, nicht zu überhören. So bluesig wie auf Lowell Fulsom’s “Reconsider Baby” klang er selten, und auch “Like A Baby” – gerade von Wanda Jackson gecovert –, “Such A Night” und “Dirty, Dirty Feeling” sind heiß wie glühende Kohlen. Die Paradenummer des Albums ist aber natürlich “Fever”, hier zeigt sich erneut, dass Elvis das große Drama beherrscht wie kaum ein zweiter Sänger. Außerdem überrascht das Album durch die stilistische Bandbreite der Songs – Indiz dafür, dass Elvis in Deutschland viel geübt hatte, mit dem klaren Ziel, sich als Sänger weiterzuentwickeln.

Elvis Is Back! ist aber auch unter einem klanglichen Aspekt interessant: Es war das erste Elvis-Album, dass in “Living Stereo” erschien, außerdem weist Stuart Colman im Booklet auf den Umstand hin, dass Elvis’ Stimme hier mit Telefunken-Röhrenmikros aufgenommen wurde: “Elvis had never sounded better” resümiert er. Im Text auf der Rückseite der CD geht man sogar noch weiter. Dort steht über Something For Everybody: “Elvis’ voice on that LP may have sounded even better than it did the year before – possibly the best of his career.”

Im Herbst habe ich im Record Collector ein hochinteressantes Interview mit Ernst Mikael Jörgensen gelesen, der bei Sony für Elvis-Wiederveröffentlichungen zuständig ist und auch die Legacy-Edition von Elvis Is Back! betreut hat. Ausführlich äußert sich Jörgensen zu den Veränderungen von Elvis’ Stimme: “There’s no doubt in my mind that the voice of Elvis Presley in 1960 is a lot different to the voice of the 50s both in how he approaches rock and roll and R&B or how he does pop songs … there’s also the beauty and clarity of Elvis singing the gospel songs on His Hand In Mine and Something For Everybody. It’s still a very young and fairly high voice but obviously as he gets older during the 60s the voice gets darker … It’s very easy to judge the difference in his voice when you look at his comeback gospel album How Great Thou Art, which was recorded in 1966, six years after his hand in mine. His voice has a completely different tone … As for the ’68 TV special, he came out in ’68 with a voice that was even raspier and tougher than when he did the originals back in the 50s.”

Ob Elvis 1960/61 den besten Stimmsound seiner Karriere hatte, sei also einmal dahingestellt, sicher ist aber, dass es bei einem Ausnahmesänger wie ihm ausgesprochen lohnend ist, darauf zu achten, wie sich seine Stimme verändert hat und wie er mit diesen Veränderungen umgegangen ist.

Foto: Heinz-Jürgen Göttert/dpa

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Kommentare

  • Susanne

    Sehr schöner Beitrag. In den 70ern hat sich die Stimme noch einmal verändert und manche meinen sogar, er sei 1974/75 auf seinem stimmlichen Höhepunkt gewesen.

  • Mihael Svitek

    Ich finde es auch durchaus lohnend, sich mit der Stimmentwicklung und dem Gitarrenspiel von Leonard Cohen auseinanderzusetzen – oder auseinander zu setzen? Egal.
    Jedenfalls wird Cohens Stimme, vor allem in den 80ern und 90ern zunächst immer dunkler und tiefer, auf seiner letzten Tour war sie aber wieder einen Tick heller. Ist das die Milde des Alters oder die Abnutzung der Stimmbänder?

    Danke vielmals für den Tipp mit “Elvis Is Back!”, werde ich mir zulegen.

  • Matthias Konradt

    Herzlichen Dank für den sehr gelungenen Artikell. Im Gegensatz zu vielen anderen Artikeln ist zum Einen der Focus des Berichts passend und dem Stellenwert von Elvis angemessen: Seine Musik und hier im Besonderen seine,wandel – und doch unverwechselbare,, geniale, Stimme stehen im Vordergrund. Zum Anderen verfügt der Autor definitiv über eine sehr gute Kenntnis, was Elvis Musik betrifft. Bei manchem Journalist endet diese entweder schon nach den fünfziger Jahren oder, spätestens bei In the Ghetto.
    Elvis hat tatsächlich im Laufe der Zeit viele Wandelungen vollzogen: Ich finde Elvis ohnedies großartige Stiimme am Besten in den Jahren 68/69/70.
    In dieser Zeit singt er nicht nur sehr gute, anspruchsvolle Songs, sondern scheint auch die Form seines Lebens gehabt zu haben: Polk salad Annie, If i can dream, Bridge over troublled water, die Bluesversion von Stranger in my own home town, Any day now und so weiter und so weiter.
    Nichtsdesto trotz konnte Elvis eigentlich zu jeder Zeit stimmliche Glanzleistungen vollbringen: Auch 1976 z.B. noch mit Hurt oder seiner Version von Danny Boy.
    Wie es Herr Waechter in einem der besten Artikel über Elvis schon schreibt: Elvis war ein Ausnahmesänger. Leider nur sind gute Berichte über den King auch die Ausnahme. Von daher noch mal lieben Dank für Ihren wirklich guten Artikel.

  • Andreas Pendl

    Elvis hat sich in den 3 Jahrzehnten seiner Karriere immer weiterentwickelt.
    Er war am Beginn seiner Karriere ja sehr jung, sang jedoch schon anfangs neben den Rock’n'Roll Songs viele Balladen.
    Seine Liebe zu Gospel-Songs ist nicht zu übersehen, hatte er doch 3 Gospel-Alben und 2 Weihnachts-LPs veröffentlicht; und die 3 Grammies hatte er auch mit Gospel-Songs gewonnen und nicht mit Rock’n'Roll. Es hat sich nicht nur seine Stimme, sondern auch seine Musik geändert.”Elvis Is Back” von 1960 ist nicht nur ein Comeback-Album nach seiner Armeezeit in Deutschland, sondern ein Neubeginn musikalischer Art.
    Wenn er auch mit vielen seichten 60er Filmen musikalisch etwas absackte, hatte er sich immer weiter entwickelt und hatte 1968 mit dem NBC TV Special, das in Burbank, California aufgenommen wurde, und quasi die erste “Unplugged” Show beinhaltete, wieder eine Änderung vollzogen, sowohl musikalisch, als auch stimmlich. Danach folgten die legendären Memphis Sessions, wobei die geniale “From Elvis In Memphis” LP entstand (u.a. mit In The Ghetto). Hier hatte er eine rauhe Stimme, die richtig “dreckig“ klang und zu dem Memphis Blues Sound passte wie die Faust auf‘s Auge.
    Im August 1969 startete er in Las Vegas sein Live-Comeback. Die vielen Hunderten Live-Auftritte prägten erneut seine Stimme und natürlich auch sein Alter. Ein Erfolg jagte den anderen, ausverkaufte Konzerte, ein Rekord nach dem anderen, Auftritte im Madison Square Garden, dann die „Aloha From Hawaii“ Show, die erstmals weltweit via Satellit übertragen wurde und mehr als eine Million Menschen live miterleben konnten….
    Mitte 70er kam er wieder mehr auf seine Country-Wurzeln und u.a. auch durch die Scheidung mit Priscilla bedingte Stimmungslage wieder mehr zu Balladen. Hier gibt es großartige Songs, die leider den meisten Nicht-Fans unbekannt sind. Elvis begleitete sich auch manchmal selbst am Klavier und wenn man dann Songs wie “Danny Boy”, “It’s Still Here” oder “Unchained Melody” hört, dann weiß man nicht nur, wie sich seine Stimme verändert hat, sondern auch er sich selbst.
    Er war einer der größten Entertainer des 20. Jahrhunderts und wird unvergessen bleiben!