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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Branford Marsalis im Interview: “Er hat mir auf der Bühne die Hosen runtergezogen”

Diese Woche erscheint die bezaubernde Duo-Platte Songs Of Mirth And Melancholy von Branford Marsalis und Joey Calderazzo. Im Doppel-Interview sprechen die beiden Musiker über den irren Moment vor dreißig Jahren, als sie sich kennenlernten, über die melodische Finesse von Johannes Brahms und über die Lehren, die sie aus der Jazztradition gezogen haben.

Von Johannes Waechter

Joey Calderazzo, stimmt es eigentlich, dass Sie Branford Marsalis kennengelernt haben, als Sie gerade mal 14 Jahre alt waren?

Ja.

Wie ging das damals vor sich?

Branford hat in einem Übungsraum am Berklee College of Music geprobt, zusammen mit einer Menge anderer Musiker. Ich habe an die Tür geklopft und gefragt, ob ich reinkommen und mitspielen kann? Ich denke, für die war die Sache ein Witz: Ich war erst vierzehn und weiß, die anderen waren alle schwarz. Branford und ich sind danach aber in Verbindung geblieben, seit 1998 spiele ich in seiner Band.

In den Achtzigern hat Branford Marsalis mit Sting gespielt und ist sogar bei Live Aid aufgetreten. Hat das in Ihnen die Hoffnung geweckt, dass man als Jazzmusiker groß herauskommen kann?

Eigentlich nicht. Als Jazzmusiker spielt man in kleinen Clubs. Große Jazzacts spielen vielleicht mal in Hallen, große Rockacts hingegen in Stadien. Das war mir immer klar.

Im Jazz gibt es eine imposante Klaviertradition. Wie haben die vielen tollen Pianisten der Vergangenheit Ihren Stil beeinflusst?

Jeder, den ich mir anhöre, trägt etwas zu meinem Spiel bei. Jeder. Von Art Tatum bis Aaron Goldberg. Ich höre mir die Kids an, die heute Wirbel machen, aber ich habe auch Keith, Herbie, Chick und McCoy studiert, genau wie Wayne, Miles, Trane, Sonny Rollins. Außerdem gibt es die Harmony Guys wie Bill Evans, Herbie, Oscar, George Shearing, Clare Fisher. Oder die Conceptual Guys wie Tristano, Monk, Paul Bley. Und natürlich die Stride Guys. Ich klaue einfach von jedem und versuche, daraus etwas eigenes zu machen. Das ist mein Geheimnis.

Kann man Jazz spielen, ohne sich mit der Tradition zu beschäftigen?

Leider probieren das viele – das ist meines Erachtens ein großes Problem. Dabei kommen dann sogenannte Jazzbands heraus, die einen non funky Funk Beat spielen, über den sie ein bisschen rumtröten. Der Swing spielt heute leider kaum noch eine Rolle. Mit Swing meine ich alles von Sidney Bechet und Louis Armstrong über Tranes spätere Alben bis zu VSOP mit Herbie und Wayne. Der Swing ist mir wichtig. Ich fühle keine Verpflichtung, die Fackel des Swing weiterzutragen, das ist einfach die Musik, die ich mag.

Ist Branford Marsalis eigentlich ein strenger Bandleader?

Überhaupt nicht. Er sagt: Wenn du auf der Bühne stehen und lahmes Zeug spielen willst, dann ist das dein Problem. Ich wollte einfach nicht mehr lahm klingen. Also habe ich ihn um Hilfe gebeten. Er hat mir ein paar Platten gegeben, und die habe ich mir angehört. Jetzt steht er neben mir, ich gebe mal gerade den Hörer weiter.

Hallo Branford, bevor wir über Ihre neue Duo-Platte Songs Of Mirth And Melancholy (Marsalis Music/Universal) reden, würde ich Sie gerne nach der Honors-Serie auf ihrem Label Marsalis Music fragen, in deren Rahmen Sie ältere Musiker wie Bob French und Alvin Batiste ehren. Warum haben Sie diese Serie ins Leben gerufen?

Weil die Verbindung zwischen älteren und jungen Musikern leider abgerissen ist. Als mir mein Bruder Delfeayo 1989 vorgeschlagen hat, eine Platte mit Milt Hinton zu machen, wusste ich überhaupt nicht, wer Milt Hinton ist. Heute hätte ich den Namen einfach gegoogelt, aber damals war es gar nicht so leicht, Informationen über solche Musiker zu bekommen. Ich hatte zwar ein paar Platten von Cab Calloway, aber ich wusste nicht, dass Milt Hinton darauf Bass gespielt hat. So habe ich schon damals dieses Dilemma erkannt und die Idee entwickelt, ältere und jüngere Musiker zusammenzubringen.

Hat Ihnen die Tatsache, dass Sie in New Orleans aufgewachsen sind, eigentlich einen Vorsprung vor anderen Jazzmusikern verschafft?

Das hat schon geholfen. Als Jazzmusiker ist es auf jeden Fall besser, im Süden aufzuwachsen.

Weil dort die Musik in der Luft liegt?

Nein, weil wir dort nicht so herablassend mit unseren älteren Mitbürgern umgehen. Dort war es ganz normal, von den Alten zu lernen. Meine Freunde aus dem Norden haben sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, deren Motto war: Weg mit den Alten, jetzt sind wir dran.

Sie hingegen haben sich die alten Platten angehört …

Zusammen mit meinem Bruder Wynton. Und dabei haben wir uns eine ganz einfache Frage gestellt: Warum klingen diese alten Typen so viel besser als wir?

Was war Ihre Antwort?

Buddy Tate hat mir einmal gesagt, dass er in meinem Spiel keinen Blues hören würde. Und um’s zu beweisen, hat er mich aufgefordert, “In A Mellow Mood” mal ganz langsam zu spielen. So hat er mir auf der Bühne die Hosen runtergezogen. Ich bin nach Hause gegangen und habe mir gesagt, Scheiße, ich muss lernen, das zu spielen. Dieselbe Erfahrung habe ich mit Art Blakey gemacht. Der hat immer meinen Ton kritisiert: Er meinte, der sei unmännlich. Das lag daran, dass ich als Jugendlicher nur Pop gespielt habe, da ist das Saxofon immer ganz nah am Mikro. Art sagte zu mir: Bird hat gespielt wie ein Mann! Er stand zwei Meter hinter dem Mikro und du konntest ihn überall hören! Also habe ich lauter gespielt, aber Art hat immer noch gerufen: “I can’t hear you”. Wenn du so gefordert wirst, setzt du sich hin und übst und versuchst, einen Sond zu finden. Denn wer hat schon Bock, dass sich diese alten Knacker über dich lustig machen?

Wie kommt man als Jazzmusiker zum eigenen Ton?

Du musst einfach alt werden – und kritisch bleiben. Denn wenn du dich als Musiker nicht kritisch mit deiner Art zu spielen auseinandersetzt, kannst du niemals besser werden – egal, wie viel Lebenserfahrung du sammelst. Als ich 26 war, hat es ganz schrecklich geklungen, wenn ich Balladen gespielt habe. Ich habe dann ein ganzes Jahr lang nur Ben Webster, jeden Tag. Danach klang ich wie eine sehr schlechte Kopie von ihm. Trotzdem bestand der einzige Weg für mich, besser zu werden, einfach darin, so schlecht weiterzuspielen.

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Es führt also kein Weg um’s Kopieren herum?

Nein, ich glaube nicht. Ich habe mal eine Platte mit Benny Golson gemacht. Bei “Body And Soul” habe ich ein Solo gespielt, das zur Hälfte aus Coleman Hawkins, zur Hälfte aus Ben Webster bestand. Benny hat gerufen: Toll, Mann, hört sich gut an! Genau wie früher! Dann hat er mir die Geschichte erzählt, wie John Coltrane zum ersten Mal Charlie Parker hörte und danach für drei Wochen von der Bildfläche verschwand. Als er wieder da war, spielte er genau wie Charlie Parker. Ich will auf folgendes hinaus, sagte Benny: Lerne ruhig, wie Bird zu spielen, wie Hawk, wie Ben Webster – für eine Weile wirst du dich anhören wie sie. Aber dann werden irgendwann kleine Schnipsel von dir auftauchen. Je mehr du spielst und je mehr du studierst, um so eigenständiger wirst du klingen. Versuch nicht, deinen Sound zu finden. Mach einfach deine Hausaufgaben – dann wird dein Sound dich finden.

Was gefällt Ihnen an Joey Calderazzos Art, Klavier zu spielen?

Ich liebe Pianisten, die das Klavier richtig zum Klingen bringen! Ich höre mir viel klassische Musik an – da begegnet man oft Pianisten, die so auf’s Klavier hauen, dass die Erde bebt! Die Jazzpianisten konnten das früher auch, aber inzwischen macht es bei den meisten Typen nur noch pling pling. Joey hat schon mit 14 so energetisch gespielt.

Ehrlich? Schon damals, bei Ihrem ersten Treffen?

Hier kommt der Teil der Geschichte, den er verschwiegen hat. In der Tür des Übungsraums gab es ein Fenster, ungefähr in 1,50 Meter Höhe. Joey war damals zu klein, um dort durchzuschauen. Also sprang er in die Höhe. Ich weiß noch, wie ich beim Spielen einen Kopf sah, der vor dem Fenster auf und nieder hüpfte. Als das Stück zu Ende war, hat Joey geklopft und gefragt, ob er mitspielen könne. Wir haben gefragt, welchen Song er spielen will. “Moment’s Notice” hat er gesagt – da haben alle gelacht, das ist ein ziemlich schwerer Song. Aber dann hat Joey das Stück eingezählt – fast schneller, als wir es spielen konnten. Während er spielte, hat er nicht auf seine Hände gestarrt, sondern uns alle angelächelt. Er hatte keine Angst, sondern hat sich total gefreut, mit uns spielen zu können. Das war absolut erstaunlich. Deshalb kann ich mich dreißig Jahre später noch so gut daran erinnern.

Auf dem Album spielen Sie auch ein Stück von Johannes Brahms, “Die Trauernde”. Dieses Stück, haben Sie gesagt, würde den musikalischen Ansatz Ihres Duos definieren. Können Sie das genauer erklären?

Was man von Brahms und den anderen klassischen Komponisten lernen kann: Wenn du keine tolle Melodie hast, hast du nichts. Viele Jazzer reden nur über die Harmonien. Aber die sind sekundär. Die Melodie ist das wichtigste. Wenn man Songs mit starken Melodien hat, hat man schon halb gewonnen. Wir wollen Songs mit starken Melodien, damit unser Klang auch eine emotionale Wirkung hat. Bei Brahms sind die fröhlichen Lieder sehr fröhlich, die melancholischen sehr melancholisch, die schönen sehr schön. So muss es sein, das finde ich vorbildlich. Leider haben viele Jazzstücke heute nicht mehr viel Melodie, deshalb hören sie sich auch so schlecht an.

Kommentare

  • Jürgen Theobaldy

    Warum lässt sich dieses herrliche Gespräch (wie die viele anderen großartigen Gespräche hier) weder ausdrucken noch per eMail versenden? Oder habe ich, misstrauisch gegenüber Facebook vor allem, da etwas übersehen?
    “Posten” sagt man übrigens in der kleinen Schweiz für einkaufen.

  • Johannes Waechter

    @ Jürgen Theobaldy
    Tut mir leid, das ist in der Tat ein echter Nachteil. Ich hoffe, dass ich die entsprechenden Funktionen bald anbieten kann. Viele Grüße!

  • Frank Socha

    Grosse Klasse! Das ist es, was der Jazz braucht, grosse Musiker, die ueber ihre Musik locker und entspannt reden koennen und dabei rueberbringen, das harte Arbeit der Lohn fuer den Ruhm ist, nicht irgendwelche Mystifizierung. Cool.

  • M. Krüger

    Danke für dieses schöne Interview. Selten genug liest man von Branford Marsalis und diese Einblicke in die persönlich (Musik)Geschichte sind umso interessanter.

  • Doscha Sandvoß

    Großartige Musik (jedenfalls das, was man hören kann) und in der Tat ein interessantes Gespräch übers Leben so allgemein und auch über Musik. Danke dafür. Und, genau, ich hätte das auch gerne per klick weitergeleitet an Freunde außerhalb von facebook. Die gibts doch auch noch. Grüße übrigens an alle Brahmsianer unter den Jazzern…

  • Rüdiger Grothues

    Die Anmerkungen von @Frank Socha können ohne weiteres unterschrieben werden, jeder weiß, was gemeint ist, aber der kurze Schlenker muss sein: Ich wollte nie berühmt werden, und wenn der Lohn für den Ruhm harte Arbeit ist, dann will ich es schon gar nicht.
    Und der vierzehnjährige Joey Calderazzo brauchte damals vermutlich gar keinen Mumm, um den Übungsraum zu betreten und ums Mitspielen zu bitten, sondern war einfach – beseelt. Klasse Anekdote.
    Viele Grüße von
    Rüdiger

  • Wolf-Dietrich Herold

    Toll, toll, toll! Nicht nur für den Jazz-Fan in mir sondern auch für den “Kreativen”: Inspiration pur!
    Und jetzt: ahem, wo ist der facebook ‘like’ button, damit ich meine kreativen Mit-Fans schnell schnell hierher schicken kann?

  • Johannes Waechter

    @ Wolf-Dietrich Herold
    Danke für den Kommentar. Mit dem Drucken und Versenden gibt es in meinem Blog Probleme, aber den Facebook-Button gibt es – zugegeben etwas versteckt zwischen Vorspann und Foto, als “Weiterempfehlen”-Link getarnt. Viele Grüße!

  • Ludwig B.

    @Jürgen Theobaldy — Die bisher beste Druck-Lösung für halsstarrige Internetseiten, die ich kenne, ist printfriendly.com. Gehen Sie auf die Seite, tragen Sie die Internetseite ein, die sie drucken wolle, staunen Sie. Sie könne sich das Ergebnis als Mail zuschicken, als PDF downloaden oder direkt ausdrucken.

  • Andreas Brunn

    Hatte erst jetzt Gelegenheit dieses gute und informative Interview zu lesen. Viel Nachdenkenswertes … nicht nur für Saxophonisten. Vielen Dank.

  • henrik

    Vielen Dank auch von mir für dieses interessante Interview und viele andere hier.