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Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  16 Kommentare

Slowhands Trauermarsch: Eric Clapton und Wynton Marsalis spielen den Blues

Um Jazz zu spielen sei er eigentlich zu schlecht, hat Eric Clapton gesagt. Dennoch gab er im April einige Konzerte mit Wynton Marsalis und seiner Gruppe, einer der besten Jazzbands des Planeten. Die Resultate sind nun als CD erschienen und zeigen, dass sich Clapton in dieser ungewohnten Umgebung wacker geschlagen hat – aber nicht immer mithalten konnte.

Von Johannes Waechter

Kaum eine Platte habe ich in den letzten Jahren so häufig gehört wie Two Men With The Blues, das Duett-Album von Willie Nelson und Wynton Marsalis. Der federleichte Swing von Marsalis’ Band und Willies einzigartige Phrasierung verbinden sich zu Musik, die sehr tiefgründig ist, aber zugleich sympathisch und humorvoll. Vor allem staunt man über die Mühelosigkeit, mit der der Jazzvirtuose und der Countrysänger zusammenfinden; offensichtlich gibt es ganz tief unten eine enge musikalische Verwandtschaft zwischen ihnen. Inzwischen haben die beiden einige Male zusammen gespielt, auf einer weiteren CD/DVD sind sie mit Songs von Ray Charles zu hören.

Gerade ist nun eine neue, ungewöhnliche Duett-CD erschienen, die ebenfalls live im New Yorker Lincoln Center aufgenommen wurde: Wynton Marsalis & Eric Clapton Play The Blues (Reprise/Warner). Ich habe die CD inzwischen recht häufig gehört, und als erstes fiel mir auf, dass das Zusammenspiel hier längst nicht so federleicht und flüssig ist wie bei Two Men With The Blues: Während Wynton und Willie wie zwei Zwillinge wirken, die nur kurz getrennt waren, erscheinen Wynton und Eric als zwei musikalische Schwerstarbeiter, die sich ziemlich anstrengen müssen, um ein bisschen locker zu wirken.

Das ist möglicherweise auch Wynton Marsalis aufgefallen, jedenfalls hat er im Booklet einen langen Text publiziert, der sich wie eine Rechtfertigung des ganzen Projekts liest. Vor allem will er den Jazzfans, seinen Fans, erklären, dass Clapton nicht nur dieser Rockfuzzi ist, der George Harrison die Frau ausgespannt hat. So betont Marsalis, dass die Musiker nur kurz geprobt hätten, bevor sie sich auf die Bühne wagten, und weist darauf hin, dass das ganze vor allem für Clapton ein Wagnis war, weil dieser die Band nicht kannte und normalerweise auch nicht den avancierten Swingjazz spielt, für den Marsalis bekannt ist. Schließlich zollt Marsalis Claptons “encyclopedic knowledge of blues styles” Anerkennung: “From our first interactions, I recognized his intensity and seriousness about music. (…) The lifelong pursuit of music evidences a deep love, but requires even deeper commitment from the extremely successful, because nothing extinguishes creativity with more fanfare than fame.”

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Eine Sache, die mich an Wynton Marsalis und seinen Musikern begeistert, ist ihr unglaublich nuanciertes Spiel; der fein ausdifferenzierte Sound dieses Ensembles ist eher das Gegenteil vom landläufigen Rocksound, wo es auf den gezielten Wumms ankommt. Beim ersten Stück der CD, dem Klassiker “Ice Cream”, hat Clapton Probleme, sich in das feinmechanische Spiel dieses Ensembles einzugliedern und ist kaum zu hören. Beim zweiten ist es umgekehrt: Howlin’ Wolfs “Fourty-Four” dröhnt er mit seiner Gitarre zu, so dass Marsalis und seine Leute stolpern, statt zu swingen.

Von da an funktioniert’s. Das dritte Stück, W.C. Handy’s “Joe Turner’s Blues”, inszeniert das Ensemble als hypnotischen Trauermarsch, in dem allein der Dummer voran marschiert, während sich die Instrumente acht Minuten lang umschleichen. In der Folge begeistern vor allem die langsamen Stücke wie “Careless Love” und “The Last Time” -- hier spielen Marsalis und seine Leute besonders gefühlvoll und spornen dadurch Clapton an, es ihnen gleich zu tun. Höhepunkt der Platte ist für mich die zwölfminütige Version des Spirituals “Just A Closer Walk With Thee”, die getragen beginnt und dann zu einer Second-Line-Parade in New-Orleans-Tradition gesteigert wird. Da ist dann Clapton auf einmal nicht mehr der Gitarrengott, sondern Teil einer fantastischen Band, in der die Musik mehr zählt als Image und Ego. Ich denke, das dürfte ihm gefallen haben.

Nicht auf der CD enthalten ist übrigens die charmante Rede, die Clapton vor “Layla” hält, und in der er bekennt, wie viel Respekt er vor Marsalis und seiner Band hatte:

Fotos: Julie Skarrat, Danny Clinch

Kommentare

  • Ludwig B.

    Ich kann mir nicht helfen, mir gefällt jede frühere Version von Layla besser als die verlinkte YouTube-Version.

    Für mich zeigt das Beispiel, dass nicht nur Bluesrocker Schwierigkeiten mit Swing haben können sondern auch Swinger mit Bluesrock, wenn ihnen nichts anderes einfällt, als ihn unter New Orleans-Bergräbnismarschmusik und Trompeten-Solo-Ärmelschütteleien zu begraben (was das Pavlovsch-trainierte Jazz-Publikums im Beispiel aber nicht vom Solo-Applaus abhält. Z-z-z).

    Mir, dem Leser, hilft es sehr, wenn ich den Text mit einem Tondokument angereichert serviert bekomme. Wobei ich noch unbedingt anhängen möchte, dass mich sämtliche Clapton-Auftritte die jüngeren Jahrzehnte zurück nicht sonderlich mitgerissen haben. So manche Muse verabschiedet sich halt von ihrem einstigen Liebsten.

  • phunky

    Moin Johannes, Clapton war, hinlänglich seiner Gitarrenkunst schon immer überschätzt. Den letzten relevanten Beitrag zur Populärkultur hat der Mann geleistet, als er noch Mitglied einer Band namens “Cream” war.

    Abgesehen davon imponiert mir diese Swing-Fassung von Layla auch nur wenig. Vielleicht kann den alten Männern mal jemand sagen, sie sollen ein bisschen mit Groove spielen, das macht man doch angeblich im Jazz.

  • Jeeves

    Wir kommen wohl nie zusammen :-)
    Denn ich fand das Album vom Marsalis mit Willie Nelson schon recht schwach. Erst jetzt fällt mir wieder ein, dass ich’s ja in meinen Regalen habe: aber nach dem Kauf eigentlich nie wieder gehört hatte, weil’s so blass, so konstruiert, so oberflächlich war. Liegt wohl auch am “Wohlklang” von Marsalis. Ich werd die CD mal wieder auflegen. Ob sich meine Meinung geändert hat?
    -
    Clapton? Seinen “weißen” Klang kann ich meilenweit gegen den Wind riechen, wenn er mit anderen zusammen spielt. Irgendwas fehlt ihm. Vielleicht die Leichtigkeit? der Showbiz-Wille (z.B. eines B.B. King)?

  • Johannes Waechter

    @ Jeeves, Phunky
    Schön, mal wieder von euch zu hören!

  • Johannes Waechter

    Ach, und @Jeeves – ich erinnere mich dunkel, dass wir irgendwann mal tatsächlich derselben Meinung waren. War es beim Interview mit Reiner Lotz? Auf jeden Fall schon lange her :-)

  • Alex

    Clapton… na ja. Sein Lebenswerk sei ihm unbenommen, in mancher Hinsicht mag er auch als Pionier gelten können, aber was ihn auszeichnet, ist in erster Linie sein unverwechselbarer Stil, nicht aber etwa Perfektion oder gar Virtuosität.
    Und was zuviel kommerzieller Erfolg mit Musikern anrichten kann, zeigen ja zum Beispiel auch die kläglichen Überreste von Queen; Brian May klingt auch nur noch wie eine Karikatur seiner selbst.

  • hans-ulrich wagner

    Ich weiss, auch ich kann hier nur mit einem Klischee kommen. Aber man kann doch nicht ernsthaft annehmen, dass etwas pfiffiges dabei herauskommt, wenn fettgefressene Stars die Musik der armen Leute zum fünfunddreissigsten Mal aufkochen. Oder den Drogen/Love-not-War-Höhenflug der Clapton-Allman-Fusion ins Feierabendformat eintüten bzw. -tuten.
    Übrigens bin ich weder „Jazzfan“, noch „Bluesfan“, noch Soziologe. Ich käme nur nicht auf die Idee, freiwillig irgendwelchen Kommerzmist zu hören, wenn es doch massenhaft gute und ehrliche Musik gibt.

  • Ralf E. Hansen

    klar gibt es 1000 Gitarristen auf der welt die besser als Clapton sind. Indes er ist nun mal eine Ikone unserer Jugend und das bleibt nun mal hängen. Als er vor drei Jahren mit seinen Alt-Mannen Bruce und Baker wieder drei Tage auf der Bühne stand, war es wieder da. das Cream Gen hat sich bis heute bewahrt und nur in dieser Aura glänzt er (Clapton) ohne Staub am Stern. Alles andere an Projekten und Bands verbleichen da und sind lediglich brave Gitarrenleistungen
    gruß an alle Cream Fans ;-)

  • wolf schwencke

    welche ehrliche Musik? Bitte einige Interpreten Schublade Jazz , Aufnahmen nennen. Zählt Gardett dazu?
    Jazz hat sich mir seit 20 Jahren entfremdet. Würde gerne weitermachen, allerdings eben nicht mit den kommerzialisierten und durch den Studiofleischwolf homogenisierte und pasteurisierte Aufnahmen, Takes, sondern Takes mit Mark. Natürlich kann das nicht immer gemacht werden, das Besondere bleibt das Besondere. Ist doch das selbe mit den Verschnittweinen. Mit allem Können gemacht, jedoch irgendwie Industrie. Da liebt der Kenner doch die Weine, die ein WInzer über den Boden u.s.w. markiert hat und nicht über die Retorte und Analyse/syntheseverfahren ( Chormatograf u.s.w. ). ALso her mit Titeln.

  • jonny

    Ach wie schön, wie schön vorhersehbar.
    Zu jedem Beitrag von und über Clapton, finden sich selbst ernannte Bundestrainer, die uns an ihrer Weisheit teilhaben lassen.
    Der Weisheit, dass Clapton -overrated- ist.

    Ja, was soll man sagen, es gab nicht wenige, die ihn für Gott hielten.
    Da kann man dann wohl wirklich von überschätzt sprechen.

    Aber sonst?
    Überschätzt ist ja relativ- und wer schätzt ihn über, in Relation wozu?
    Ist doch Blödsinn bei einem echten Musiker und Poeten so zu vergleichen.
    Vergessen auch viele, Clapton hat nicht nur mal ein paar Saiten nett gezupft, er hat wunderbare Songs geschrieben und ebenso wunderbar gesungen.

    In Spähren in denen sich Musik befindet, die nicht nur Wegwerf-Pop ist, halte ich von Relativierungen überhaupt nichts.
    Man kann vielleicht finden, dass Lady gaga besser ist als Britney Spears.
    Das hat aber nicht
    Dass er bekannter ist und mehr Platten verkauft hat als andere ebenfalls wundervolle Gitarristen- ist das sein Problem?
    Ist das irgendwie relevant in Bezug auf ihn?

    Ihn als Gitarristen überschätzt zu nennen, ist nichts weiter als eine Modeerscheinung, die immer wieder mal auftritt.
    Bei Clapton besonders, aber auch bei anderen wie bspw. John Frusciante.
    Es scheint Altersgruppen zu geben, da weiß man nicht zu schätzen, wie mancher aus wenig viel macht.

    Aber bisher sind schon viele verlorene Schafe, die sich einst erhoben, sich lästernd über den Clapton zu äußern, in seinen Schoß zurück gekehrt :).

    Ich höre alle paar Jahre immer wieder gerne sein unplugged Konzert, eine verdammt hohe Messlatte wie ich finde.
    Klar, dass er die nicht alle 2 Jahre übertrifft.
    Das Konzert ist immerhin schon bald 20 Jahre her, und dennoch könnt’s gerade heute erschienen sein.
    Er spielte super, seine Band spielte mit ihm super.
    Er hat super Songs geschrieben, Songs anderer super interpretiert.
    Zuviel super?
    Ich finde nicht.
    Das Album wird sicher noch lange und oft von Menschen überall gehört werden.
    Wie er eine einzelne Noten streicheln kann, dass sie eine ganze Melodie wird, da gibt’s net viele, die das so können.
    Und noch weniger, die das nicht von ihm abgeschaut haben :).
    Man wartet doch immer wieder auf was neues von ihm, man hört sich’s doch immer wieder an.
    Ist doch klar, dass nicht immer alles für jeden die Offenbarung schlechthin ist.
    Man hält es vielleicht nicht alles für museumsreif, aber man schreibt ihn dennoch nie ab.
    Und man kann immer ne alte Platte auflegen, oder nen Clip auf youtube anschauen, und der beste Clapton ist wieder aktuell.

  • boiotos

    Verstehe das Gejammer von euch nicht ganz. Layla klingt doch ganz prächtig. Ist halt in der Zwischenzeit ne fette alte Tunte geworden, die mehr Friedhof als Laufsteg ist. Trotzdem liebt sie der Eric und zeigt das auch bei seinem Solo. Und der Wynton gibt auch noch seinen Senf ab, schließlich war er auch mal in das verrückte Luder verliebt… So what? Eure Gitarrengott-Analysen hingegen hauen niemanden mehr vom Hocker…

  • Mike

    Also in erster Linie sehe ich da Musiker, gute Musiker, die Musik machen, gute Musik! Es wirkt entspannend auf mich zu hören und auch zu sehen, dass hier Spaß und Genuss im Vordergrund standen und nicht der sonst so übliche Kommerz und nahezu unmenschlich, unerreichbar virtuoses Spiel. Das hier ist etwas, woran man sich orientieren und mit dem man sich identifizieren kann. Zumindest meine Wenigkeit!

    Clapton ist ein Mensch und keine Maschine. Und so sehe ich den Gig und seine Performance. Da sollte gerade eben nicht der Beweis erbracht werden, wie göttlich Clapton spielte und immer noch spielt – was ja faktisch auch gar nicht stimmt und nie stimmte und Clapton selbst war auch nie wirklich dieser Meinung und sagt das heute auch sehr oft und sehr deutlich – sondern hier wurde mit wenig Vorbereitung einfach miteinander musiziert, sorry, gejazzed. Auf eine schöne, nette, natürliche Art! Ich hätte auch applaudiert!

    Gut, wer auf der Suche nach dem virtuosen Instrumentalisten ist, der wird hier möglicherweise nicht hundertprozentig fündig. Aber für mich hat Virtuosität auch nicht unbedingt etwas mit ehrlicher Musik zu tun. Höchstens mit einem gnadenlosen Wettbewerb, Geltungssucht und Größenwahn! David Garrett dient – natürlich nur aus meiner bescheidenen Sicht – als klassisches Beispiel. Selten so viel Selbstherrlichkeit und Selbstverliebtheit gesehen. Da kann er so virtuos spielen wie er mag. Schon aufgrund seiner Art würde ich mir nie etwas von ihm kaufen oder mir die Zeit nehmen, ihn anzuhören.

    Ich vermag keinem ehrlichen Musiker zu wünschen, unter solchen charakterlichen Verlusten zum Virtuosen aufzusteigen. Dann lieber natürliches, begeisterungsfähiges Mittelmaß mit Potential.

    Und Potential hatte Clapton schon immer – auch heute noch!

  • Rüdiger Grothues

    Was das immerzu kontroverse „Phänomen“ Eric Clapton angeht, haben @Ludwig B. und @Mike treffende Worte gefunden. Ich fand Clapton im Laufe der Jahre als Sänger immer interessanter (jetzt nicht, soweit ich bisher hören konnte, auf „…Play The Blues“, aber z.B. „Change The World“).

    Und Wynton Marsalis verband sich für mich immer mit einem klassischen Vorurteil, dem Bild eines Musterschülers, sein Spiel und das seiner Mitstreiter deshalb akademisch, klinisch. Wie es mit so einem blöden Ressentiment geht… es gibt ein Album von ihm und seinen sowieso exzellenten Mitmusikern, das ich immer und immer wieder gehört habe: „The Majesty Of The Blues“, und darin enthalten eine lange Predigt, sehr faszinierend in Verbindung mit der Musik („It was a noble sound“). Der Sermon wurde geschrieben von Stanley Crouch und auf der Aufnahme gesprochen von Reverend Jeremiah Wright, Jr. (auch wieder kontrovers betrachtet als Präsident Obamas Pastor). Kann ich allen nur ans Herz legen (Pathos hin oder her).

    Und das Konzert von Marsalis & und Band & Clapton? Müssen wir uns mal durchgängig und mehrmals anhören.

    Viele Grüße von
    Rüdiger

  • patatipatata

    Clapton ja, Marsalis auch ja, aber zusammen – nein.
    Das lässt sich nicht mischen – finde ich. Die Begeisterung des Publikums kann ich nicht nachvollziehen.

  • pascal

    Hallo Herr Wagne.
    Zu der “massenhaft guten und ehrlichen Musik” hätte ich gern drei gute Beispiele.
    Alternierend eine Definition.

  • Thomas Reim

    Klar, sowas provoziert die Jazzpolizei, und das Stereotyp der Feulionisten, daß a) nach Jimii Hendrix nix wesentlich mehr pssiert sei und b) dass akzeptable Bluemusiker schwarz, arm und tot sein müssen. Tut mir leid Leute, aber Ihr habt keine Ahnung.