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Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  10 Kommentare

Gefährliche Kurven: Norah Jones und ihre Countryband The Little Willies

Mit ihrer Spaßband The Little Willies covert Norah Jones auf dem Album For The Good Times ein Dutzend Countrysongs. Bei den Balladen glänzt sie dabei wie gewohnt, die schnelleren Nummern wollen jedoch nicht recht zünden. Die Suche nach den Gründen verrät viel über die Countrymusik.

Von Johannes Waechter

Aus ihrer Liebe zur Countrymusik hat Norah Jones nie ein Hehl gemacht. Sie wuchs in Texas auf, in der Plattensammlung ihrer Mutter standen Johnny Cash und Dolly Parton neben Ray Charles. Als ich sie vor zwei Jahren interviewt habe, hat sie die Countrymusik unumwunden als ihr musikalisches Fundament bezeichnet und von Willie Nelson geschwärmt, mit dem sie schon etliche Duette gesungen hat. (Willie gab ihr die Komplimente hier zurück.) Willie Nelson stand auch Pate für ihr Nebenprojekt The Little Willies – eine zusammen mit New Yorker Freunden gegründete Spaßband, mit der sie Countrysongs covert. Bereits 2006 erschien das Debüt der Little Willies, letzte Woche ist nun ihr zweites Album herausgekommen.

Wie schon das Debüt besticht auch For The Good Times (Milking Bull/EMI) durch die geschmackvolle Songauswahl. Countryklassiker wie “Jolene”, “Lovesick Blues” und “For The Good Times” sind dabei, gefreut habe ich mich aber auch über Red Simpsons “Diesel Smoke, Dangerous Curves” und Loretta Lynns “Fist City”. Einen ungewöhnlichen Titel schlug außerdem Norah Jones’ Mutter vor: “Fowl Owl On The Prowl”, geschrieben von Quincy Jones, zu finden auf dem Soundtrack von In The Heat Of The Night. Alles in allem eine runde Sache – trotzdem zündet das Album nicht so richtig. Warum?

Der Grund, warum For The Good Times eher ein laues als ein heißes Album ist, liegt meines Erachtens darin, dass man in der Countrymusik erwartet, dass sich die Sänger mit ihren Liedern identifizieren und dass sich gewagte Coverversionen deshalb viel schneller falsch anhören als in anderen Genres. Kein Problem stellen dabei die Liebeslieder dar, denn solche Gefühle kennt jeder. Norah Jones ist eh eine tolle Balladensängerin, ihre Version von Kris Kristoffersons “For The Good Times” ist der Höhepunkt des Albums. Schwieriger wird es bei Loretta Lynns “Fist City”, in dem die Sängerin einer anderen Frau Prügel androht, wenn diese nicht von ihrem Mann lasse. Bei der coalminer’s daughter Lynn klingt das überzeugend, bei Norah Jones eher ein bisschen lächerlich.

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Vollends absurd wirkt schließlich die Coverversion des Truckersongs “Diesel Smoke, Dangerous Curves”, in dem ein Lastwagenfahrer sein Gefährt mit schwerem Schädel eine kurvige Straße entlangsteuert, dabei an die gefährlichen Kurven seiner letzten Damenbekanntschaft zurückdenkend. Im Original von Red Simpson riecht man förmlich die Abgase, bei den Little Willies weiß man nicht, ob das nun Ironie sein soll oder nicht und reagiert mit Schulterzucken.

Möglicherweise gelingt es den Little Willies live etwas besser, der rauen Honky-Tonk-Atmosphäre der von ihnen gecoverten Originale nahe zu kommen. For The Good Times legt jedoch nahe, dass mehr zur Countrymusik gehört als Texte und Melodien und dass es immer schwerer wird, sich diese Songs zu erschließen, je weiter die Milieus, die sie hervorgebracht haben, in der Vergangenheit verschwinden.

Zum Vergleich: Hier die Originalversionen von “Diesel Smoke, Dangerous Curves” und “Fist City”:

Und das sind die Little Willies mit Dolly Partons “Jolene”:

Kommentare

  • Muddy

    Ein schöner letzter Satz! Ich frage mich, ob das nicht für alle “alten” Musikstile gilt… und irgendwann dann auch für die, die jetzt modern oder vergleichsweise neu sind.

  • roseblood11

    Lieber mal Sarah Jarosz hören…

    Diese 20-jährige Dame (auf den Tag so alt wie Lenchen Meise-Landei…) weiß viel besser, wie man sich Klassikern auf angemessene Weise nähert. Ich denke, es liegt einfach daran, dass sie einen wirklichen Bezug zu einer eher traditionellen Szene hat, denn sie hat in der Bluegrassszene von Austin ab etwa dem 12. Lebensjahr ihr Handwerk gelernt. Seit einigen Jahren emanzipiert sie sich immer mehr davon und entwickelt einen sehr eigenen Stil als Songwriterin.
    Ich würde gerne mal in diesem Blog was über Sarah Jarosz lesen…

    http://www.youtube.com/watch?v=Juu18TmPEXM&feature=related

  • fonkyfingers

    Danke für die Videos! Nun dürfte auch dem letzten Unkundigen klar werden, daß Countrysongs einen sehr eigenen Groove haben, der schwer nachzumachen ist, zumal von Norah Jones. Die ist von Loretta Lynn und Co. so weit weg, daß es nicht mal ironisch wirkt. Die besten Country-Interpreten sind meistens ziemlich gebrochene Persönlichkeiten gewesen und keine Püppchen, die zum Spaß mal was anderes ausprobieren wollen. Ich bleibe lieber bei den Orginalen. Aber nix gegen Frau Jones, wenn sie ihre eigenen Sachen spielt…

  • Richard Hübner

    Lieber Herr Waechter,
    was soll der geneigte Leser mit dem Begriff Spaßband anfangen. Die Little Willies sind Vollblutmusiker, die den Country in all seinen Formen voll draufhaben. In Verbindung mit Norah Jones, die auf dem Album richtig Gas gibt, habe ich Country Music vom Feinsten gehört.
    Aus den genannten Gründen hat mir Ihr nörgeliger Blog garnicht gefallen

  • Johannes Waechter

    @ Richard Hübner
    Danke für den Kommentar! Also, bei einer Band namens Little Willies ist das humoristische Element doch wohl überdeutlich im Namen eingeschrieben. Mit Spaßband meine ich auch, dass die Band für die beteiligten Musiker nicht ihr Hauptprojekt ist, sondern dass es sich um ein Nebenprojekt handelt, dass sie verfolgen, weil es ihnen so viel Spaß macht; so sagen sie es übrigens auch in Interviews. Damit ist nicht gesagt, dass es sich bei den Little Willies um schlechte Musiker handelt. Anders als Sie finde ich halt nicht, dass sie Country “in all seinen Formen” draufhaben, sondern halte nur die Hälfte der Stücke für gelungen. Was ich aber nicht verstehe: Warum ist so eine differenzierte Kritik gleich “nörgelig”? Was ist denn so schlimm an dem Eindruck, dass ein paar Stücke sehr gelungen sind, andere weniger gut? Gefallen Ihnen denn alle Alben immer zu hundert Prozent? Im übrigen bin ich fest davon überzeugt, dass mein Fazit richtig ist: Viele Songs von Künstlern wie Johnny Cash, Loretta Lynn oder Merle Haggard entstammen Lebensverhältnissen, die den unsrigen mittlerweile ziemlich fern sind; deshalb ist es für heutige Künstler nicht leicht, sich diese Songs anzueignen. Viele Grüße!

  • Richard Hübner

    Danke für die sachliche Antwort. Ich hatte ‘Spaßband’ als pauschale Herabsetzung der musikalischen Qualität verstanden. Nach Ihrer Erläuterung nehme ich natürlich das ‘nörgelig’ zurück.
    Aber sind Sie sicher, dass ‘For the good times’ das Highlight des Albums ist? Es kommt doch recht süßlich daher und dann dieses Glöckchengeklimper zwischendurch. – Ist natürlich Geschmacksache.
    Ich grüße Sie und vielleicht entdecken Sie ja doch noch ein paar mehr
    hörenswerte Stücke .

  • Peter Schnitzer

    Möchte nur den Kommentar von Johannes Waechter unterschreiben .. trifft den Punkt..

  • orca888

    der beste Song von Nora Jones ist für mich:
    “I don`t know why I didn`t come”, habe sie dann live erlebt am 4. Juli 2003, bei
    der Unabhängigkeits Feier im Couchman Park in Clearwater Florida, Ergebnis:
    live Erlebnis total enttäuschend, keine Power, keinerlei Engagement und mein
    Fazit zu diesem Titel: Nora Jones hat noch nicht den richtigen Mann kennengelernt und auch keinerlei Lebens Erfahrung, denn wenn eine Frau noch nicht gekommen ist und noch nicht einmal weiß warum, sagt doch alles aus.
    Mein Kommentar kam bei den Zuhörern zustimmend an.

  • Rüdiger Grothues

    Der humoristische Aspekt des Bandprojekts wird gesehen, es gibt eine sehr an den Worten hängende Textinterpretation, aber eigentlich schreibe ich nur, weil ich ein wenig beunruhigt bin…
    Viele Grüße von
    Rüdiger

  • Kommentator23

    Norah Jones wird die Band schon rocken.