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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Red Simpson im Interview: “Kommt rüber, dann spiele ich für euch”

Anfang der Sechziger kam man in der Countrymusik auf die Idee, den Trucker zum modernen Cowboy zu erklären. Viele großartige Songs glorifizierten den dieselumwölkten Helden des Highways, einige der besten davon stammen von Red Simpson. Eine opulente CD-Box versammelt nun das Gesamtwerk des kalifornischen Musikers und erlaubt Einblicke in eine rebellische Unterströmung der Countrymusik – den Bakersfield-Sound.

Von Johannes Waechter

Wer sich für Countrymusik interessiert, kommt kaum am Bakersfield-Sound vorbei. In dieser Stadt nördlich von Los Angeles entstand Ende der Fünfziger eine raue, bodenständige Spielart der Countrymusik, die im Gegensatz zu den manchmal etwas seichten Klängen stand, die damals aus Nashville kamen. Einer relativ kleinen Gruppe von Musikern – die bekanntesten sind Buck Owens und Merle Haggard – gelang es, der Countrymusik ihren Stempel aufzudrücken, bevor der originale Bakersfield-Sound nach ein paar Jahren auch schon wieder Geschichte war. Seine Echos sind jedoch im Countryrock von Gram Parsons und Creedence Clearwater Revival zu hören, oder in der Musik jüngerer Countrysänger wie Dwight Yoakam, Jim Lauderdale und Dale Watson.

Die meisten dieser Musiker sind lange tot, wie Buck Owens, oder haben sich künstlerisch weiterentwickelt, wie Merle Haggard. Einen letzten echten Vertreter des Bakersfield-Sound gibt es aber noch: Red Simpson. Wie um allen zu beweisen, dass die alten Zeiten noch nicht vorüber sind, tritt Simpson auch mit 78 Jahren noch jeden Montag in einer Bar in Oildale bei Bakersfield auf und singt seine alten Trucker-Songs. Simpson stand immer im Schatten seiner berühmteren Kollegen und veröffentlichte in den Sechzigern und Siebzigern auch nur ein schmales Gesamtwerk von sieben LPs. Doch er war von Anfang an dabei, kannte sie alle und schrieb mehrere Dutzend Songs, die zu Bakersfield-Klassikern wurden. Bei Bear Family ist nun eine herausragende Fünf-CD-Box mit dem Titel Hello, I’m Red Simpson erschienen, die fast alles enthält, was er je veröffentlicht hat. So hatte ich vor kurzem Gelegenheit, mit diesem vergessenen Helden des Bakersfield-Sounds zu sprechen.

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Red Simpson, was haben Sie gedacht, als Sie zum ersten Mal die große Bear-Family-Box gesehen haben?

Ich war sehr bewegt. Ich liebe diese Box.

Weil Ihre Musik nun endlich die Anerkennung bekommt, die sie verdient?

Ja, ein bisschen schon. Scott Bomar, der die Box produziert hat, hat tolle Arbeit geleistet. Der Text über mich, den er für’s Begleitbuch geschrieben hat, ist auch gut geworden. Das meiste davon stimmt sogar.

Sie waren dabei, als der Bakersfield-Sound in den Sechzigern die Countrymusik prägte. Warum wurde damals ausgerechnet in dieser kleinen Stadt nördlich von Los Angeles so einflussreiche Musik gemacht?

Weil in den Dreißigern und Vierzigern viele Menschen aus Staaten wie Texas, Oklahoma und Arkansas nach Bakersfield gekommen waren, um auf den Feldern und in der Ölindustrie zu arbeiten. Diese Neuankömmlinge haben ihre Musik mitgebracht; meine Familie war übrigens auch darunter. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es früher in ganz Bakersfield normal war, abends draußen zu sitzen und Musik zu machen. Auf einmal gab es 16 Nachtclubs, in denen Bands gespielt haben. Die ganze Stadt voller Musik.

Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Mein Vater hatte zwölf Kinder, ich war der Jüngste. Wir arbeiteten alle auf den Feldern. Ich habe selbst als Junge Baumwolle gepflückt, Kartoffeln und Weintrauben geerntet. Ziemlich harte Arbeit, vor allem im Sommer. Aber das war für uns der einzige Weg, um etwas Geld zu verdienen.

Wie kamen Sie zur Musik?

Mein Vater spielte Banjo, zwei meiner Brüder Gitarre und einige meiner Schwestern sangen die Harmonien. Da war es ganz natürlich, dass ich auch angefangen habe, Musik zu machen.

Die bekanntesten Musiker aus Bakersfield sind Buck Owens und Merle Haggard, aber der Motor der dortigen Countryszene war lange ein heute vergessener Gitarrist namens Bill Woods, richtig?

Ja, Bill hat uns allen sehr geholfen. Ich habe deshalb einen Song über ihn geschrieben: „Bill Woods from Bakersfield“. Als ich mal im Radiosender KLAC aufgetreten bin, kam auch Merle Haggard vorbei, zusammen mit Lewis Talley, Fuzzy, Bonnie, seiner ganzen Band. Kaum hörte er meinen Song über Bill, ist er aufgesprungen und hat gerufen, den Song nehme ich noch diese Woche auf. Er erschien dann auf seinem Album Let Me Tell You About A Song. Sie müssen wissen, dass Bill auch Merle sehr geholfen hat. Ich weiß noch, wie Bill ihm einmal eine Tüte Lebensmittel vorbeigebracht hat, als es bei ihm nicht so lief.

Anfang der Sechziger wurde Buck Owens zum Star. Davon haben auch die anderen Musiker aus Bakersfield profitiert, oder?

Lange, bevor er erfolgreich wurde, hatte ich mit Buck schon in einem Club namens Blackboard gespielt. Er und Bill Woods haben mich auch öfter angerufen, damit ich sie bei Gigs vertrete. Als Bucks Erfolgssträhe begann, brauchte er viele neue Songs für seine Platten. Insgesamt hat er dreißig Songs von mir aufgenommen, angefangen mit „King Of Fools“. Das war natürlich gut für mich, obwohl Buck verlangte, dass man ihm die Hälfte der Verlagsrechte überließ, wenn er einen fremden Song aufnahm.

Stimmt es, dass Buck Owens ihnen Ihren Plattenvertrag bei Capitol Records besorgt hat?

Ja, kann man so sagen. Buck, Cliffie Stone und Ken Nelson haben’s arrangiert, 1965 war das. Ich hatte eigentlich nie daran gedacht, Platten zu machen. Ken hatte dann die Idee, dass ich ein Album mit Trucker-Songs machen sollte. Eigentlich wollte er, dass Merle dieses Album macht, aber Merle hatte keine Lust dazu, das war nicht sein Ding.

Trucker-Songs waren damals im Trend.

Ja. Dave Dudley, Red Sovine und Del Reeves waren ziemlich erfolgreich damit, und bei mir lief’s dann ja auch ganz gut.

Warum wurde ausgerechnet der LKW-Fahrer auf diese Weise glorifiziert?

Ich denke, das hängt damit zusammen, dass die Trucker eine große Zielgruppe waren. Bei ihren Fahrten quer durchs Land haben viele von ihnen immer Countrymusik im Radio gehört. Etliche Radiosender waren auf Trucker spezialisiert, die brauchten entsprechende Musik.

Mussten Sie erstmal bei echten Truckern nachforschen, bevor Sie Ihre ersten Trucker-Songs geschrieben haben?

Nein, das war nicht nötig. Aus Bakersfield kannte ich genug Trucker. Schon Bill Woods hatte mich aufgefordert, ein paar Trucker-Songs zu schreiben, aber er hatte sie nie aufgenommen. Also hatte ich bereits vier Songs parat, als wir mit dem ersten Album begannen.

Wie kamen Ihre Songs wie „Roll Truck Roll“ und „Diesel Smoke, Dangerous Curves“ denn bei den Truckern an?

Sehr gut! Dave Dudley und ich haben viele Shows für Trucker gespielt. Ziemlich oft mussten wir uns vor Trucks stellen und fotografieren lassen. Ich bin auch ein paar mal bei seinem Festival in Wisconsin aufgetreten.

1968 beendete Capitol den Vertrag mit Ihnen, ohne dass ein großer Hit gelungen wäre. Hätte Capitol ihre Platten besser promoten müssen?

Mag sein. Aber ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Immer noch besser, als Baumwolle zu pflücken.

Merle Haggard ist immer noch aktiv, gerade hat er eine neue LP gemacht. Wie würden Sie Ihren alten Weggefährten beschreiben?

He’s a good old boy. Ich bin lange in seinem Vorprogramm aufgetreten – es war toll, für ihn zu arbeiten. Einmal war ich in Tucson, da rief mich seine Sekretärin an. Merle möchte nur wissen, wie es dir geht, sagte sie. Bis heute haben wir Kontakt und sprechen gelegentlich. Aber nicht besonders oft, denn er ist ja weiterhin ständig unterwegs.

Sie hingegen wohnen weiterhin in Bakersfield.

Hier bin ich aufgewachsen, hier kenne ich jeden. Die Stadt hat sich sehr verändert, aber mir gefällt’s hier einfach. Seit Jahren spiele ich jeden Montag in einer Bar namens Trout’s. Kommt rüber, dann singe ich für euch.

Kommentare

  • Rüdiger Grothues

    „Diesel Smoke, Dangerous Curves“ war ja schon Gegenstand Deiner Erörterungen im Zusammenhang mit Norah Jones´ Spaßcountrycombo „The Little Willies“, und ich muss gestehen, dass ich mir den im Beitrag (10.01.2012) eingestellten Song wieder und wieder angehört habe – großer Schwachsinn, großer Spaß, und ernsthaft gut rollende Musik.

    Jetzt spricht der Mann selber, und seiner Einladung („Kommt rüber, dann singe ich für euch.“) möchte man gerne folgen.
    Grüße von
    Rüdiger

  • Dirk Gently

    Naja, ob man dem Diesel-Country nicht zu viel des Guten antut, indem man ihm eine großartige musikalische, gar “rebellische” Eigenständigkeit zuspricht – ich weiß nicht. Herr Simpson sagt ja selber, dass es halt eine kommerzielle Zielgruppe gab, die man bedienen konnte.

    Und, nimm dies, Waechter: Wem der Tod von Levon Helm keine Zeile wert ist, hat sowieso keine Ahnung von Country!

  • Johannes Waechter

    @ Dirk Gently
    Danke für den Kommentar, aber was soll die plötzliche Attacke wegen Levon Helm? Der kein Countrysänger war, sondern ein Rockstar, der sich erst gegen Ende seines Lebens wieder der Musik seiner Jugend, nämlich old time country und folk, zuwandte. Viele Grüße!

  • the saint

    johannes, ich hoffe dieser grummler der sich noch gently nennt hat dich nicht aus dem blog vertrieben!

    warte gespannt auf deine nächsten berichte.

    grüsse as der schweiz

  • Guntram Rädiger

    Naja, ob man dem Country nicht zu viel des Guten antut.
    Ernsthaft gut rollende Musik muß schon sagen.