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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Merle Haggard: Ein Lob der Midlife-Crisis

Auf einer opulenten Box präsentiert Bear Family Merle Haggards komplette Aufnahmen aus den Jahren 1977 bis 1981. Persönlich war es eine schwierige Zeit für den großen Countrysänger, musikalisch gehören diese Jahre jedoch zu seinen stärksten.

Von Johannes Waechter

So sieht Merle Haggard heute aus: Trotz diverser Krankheiten tritt er immer noch regelmäßig auf. (Foto: Gandulf Hennig)

Dass Merle Haggard ein bewegtes Leben geführt hat, sieht man auch daran, dass er nicht nur eine, sondern zwei Autobiographien veröffentlichte: Sing Me Back Home (1981) und My House Of Memories (1999). Beide sind ausgesprochen lesenswert, vor allem wegen der ehrlichen Schilderung seiner wilden Jugend und des Gefängnisaufenthalts in San Quentin. Besonders gut hat mir immer auch der Epilog seines ersten Buches gefallen, in dem er einen Tag im Juli 1980 beschreibt. Nach einer Reihe von Konzerten in Reno ist er auf dem Weg nach Austin, um bei Willie Nelsons 4th of July-Picknick aufzutreten. Seine Band, die Strangers, sitzt mit ihm im Flugzeug, seine ganze Crew ist dabei. Doch Merle, damals 43 Jahre alt, schreibt: “I wish to hell I didn’t feel so alone. I’m surrounded by my band family – but with all due respect to their good company, I don’t know when I’ve ever felt so lonely.”

Vor kurzem ist bei Bear Family die Vier-CD-Box The Troubadour erschienen, die Haggards komplettes Oeuvre aus den Jahren 1976 bis 1981 enthält, damals veröffentlicht bei der Plattenfirma MCA. Obwohl Haggard auch davor und danach großartige Alben gemacht hat – sein neuestes, Working In Tennessee, erschien erst vor wenigen Monaten – sind seine MCA-Jahre mit den Alben Serving 190 Proof, Back To The Barrooms und Rainbow Stew doch meine persönliche Lieblingsphase aus seiner Karriere. Warum er damals so aufdrehte? Es hat viel mit jener Einsamkeit zu tun, von der oben die Rede war.

Als Haggard 1976 zu MCA wechselte, war er einer der erfolgreichsten Countrystars, mit einer Serie von 24 Nummer-eins-Hits. In den Sechzigern hatten er in Songs wie “The Fugitive”, “Branded Man” und “Life In Prison” über innere Rastlosigkeit gesungen, doch wer nun glaubte, der Erfolg habe ihn sanfter gemacht, sah sich getäuscht. Auf den MCA-Alben steigerte er sich eher nochmal, und lieferte etliche Songs mit einer nahezu nihilistischen Weltsicht ab. Am deutlichsten wird das in “Kicking Out The Footlights”, dem Opener des Albums Serving 190 Proof: “I live the kinda life most men only dream of / I make my livin’ writin’ songs and singin’ them / But I’m forty-one years old and I ain’t got no place to go when it’s over / So I hide my age and make the stage and / Try to kick the footlights out again.”

Vor zwei Jahren habe ich mit dem Regisseur Gandulf Hennig gesprochen, der den tollen Dokumentarfilm Merle Haggard – Learning To Live With Myself gedreht hatte. Hennig über Haggards MCA-Jahre: “Für seine stärkste Zeit halte ich die späten Siebziger und frühen Achtziger. Da ist er auf dem Gipfel seines Erfolgs, aber in einer schweren Midlife-Crisis.” In den Autobiographien und im dicken, von Dave Samuelson verfassten Begleitbuch der Bear-Family-Box erfährt man einiges über die Ursachen dieser Midlife-Crisis: Eheprobleme spielen eine Rolle, und die Drogen haben auch nicht unbedingt geholfen. Letzten Endes dürften das aber Randerscheinungen gewesen sein: Man muss sich Merle Haggard wohl als einen von den Ereignissen seiner Jugend schwer traumatisierten Menschen vorstellen, der bis heute nicht wirklich seinen Frieden gefunden hat.

Nun macht aber nicht jeder, der in einer Midlife-Crisis steckt, gute Musik. Bei Haggard war in diesem Fall ausschlaggebend, dass er durch den Plattenfirmen-Wechsel in Kontakt mit dem Produzenten Jimmy Bowen kam. Bowen hatte in den Sechzigern Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. produziert, in den Siebzigern kam er nach Nashville und revolutionierte die Art, wie dort Platten gemacht wurden. Haggards Alben Serving 190 Proof und Back To The Barrooms (teilweise und ganz von Bowen produziert) hören sich dann auch ganz anders an als seine älteren Capitol-Sachen: die Drums sind lauter, knackiger, die Instrumente wurden beim Stereo-Mix luftiger in den Raum gestellt, und Haggards Stimme wurde von Bowen noch besser aufgenommen als früher von Ken Nelson; erst ab jetzt merkt man, wie einzigartig sein energetisches, aber zugleich zerbrechliches und gefühlvolles Organ eigentlich ist. Besonders zum Tragen kommt das neue Konzept bei den langsamen Nummern: Die Ausdruckskraft von Balladen wie “Driftwood”, “Our Paths May Never Cross” und “Misery And Gin” ist überwältigend, und es ist kaum verwunderlich, dass sich Haggard in den Achtzigern eher als Balladensänger profilierte.

Ein besonderes Highlight der Box ist schließlich das Live-Album Rainbow Stew, 1981 in Anaheim aufgenommen. Hier kann man hören, wie Haggard seinen neuen Studiosound für seine Band adaptiert und wie dadurch auf einmal auch ältere Songs wie “I’m A Lonesome Fugitive” und “Sing Me Back Home” noch besser klingen also vorher; bei beiden Nummern rastet das Publikum auf eine Weise aus, die auch 30 Jahre später noch mitreißend ist. So besteht mein einziger Kritikpunkt an diesem ansonsten fantastischen Set darin, dass Bear Family nicht noch weitere Tracks von diesem legendären Konzert aufgetrieben hat. Dass es die irgendwo gibt, hoffe ich doch sehr.

Hier noch drei Videos vom Konzert, bei dem “Rainbow Stew” entstand:

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