Anzeige

SZ-Diskothek

Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  Keine Kommentare

Mélissa Laveaux im Interview: “Wir haben keinen Bock auf schlechte Musik!”

Von Johannes Waechter

Mélissa Laveaux, Sie sind in Kanada aufgewachsen, aber Ihre Eltern kamen aus Haiti. Haben Sie noch Verbindungen zu dem Land?

Anzeige

Ich bin nur einmal dagewesen, mit zwölf. Deshalb habe ich Haiti eigentlich immer nur mit den Augen meiner Eltern gesehen. Im April sollte ich dort auftreten, aber sie haben mir davon abgeraten; es sei zu gefährlich, meinten sie. Beide haben das Land mit 18 verlassen, weil Freunde von ihnen entführt oder getötet worden waren. Aber sie haben ihre Kultur mitgenommen und untereinander weiter Creole gesprochen. Obwohl wir in Kanada lebten, war bei uns zu Hause alles recht haitianisch.

Jeder kennt Musik aus Kuba oder Jamaika. Was läuft auf Haiti?

Der Jazz aus Haiti ist auch recht bekannt, überhaupt der west-indische Jazz. Tempo und Rhythmus sind dafür sehr wichtig, das ist in meiner Musk genauso. Ich habe auch festgestellt, dass ich viel über Wasser schreibe – ein großes Thema in der west-indischen Literatur und Dichtung.

Wasser hat selbst einen Rhythmus: die Wellen am Strand, der Regen auf dem Dach.

Ja, vor allem zur Monsun-Zeit kann dieser Rhytmus überwältigend sein.

Wenn man ihre Platte hört, fällt als erstes auf, dass Sie sehr gut Gitarre spielen.

Als ich dreizehn war, hat mir mein Vater eine gebrauchte Gitarre gekauft und ein paar Lehrbücher. Mir war es irgendwann zu langweilig, immer dieselben Akkorde zu spielen, deshalb habe ich mir Fingerpicking beigebracht; es geht mir beim Gitarrespielen nicht nur um die Harmonien, sondern auch darum, den Liedern durch rhythmische Muster neue Ebenen hinzuzufügen. Ich habe eine Zeitlang viel TripHop und HipHop gehört, da geht es ja auch um rhythmische Muster, die sich wiederholen. Ich habe in Kanada auch lange mit einer Tabla-Spielerin zusammengespielt: Das hat gut funktioniert, weil die Tabla und die Gitarre beide Instrumente sind, die zugleich melodisch und perkussiv gespielt werden können.

Aber es gibt doch bestimmt auch traditionelle Singer-Songwriter, die Sie beeinflusst haben.

Nicht viele. Joni Mitchell vielleicht. Tracy Chapmans erste Platte hatte ich als Kind auf Kassette.

Das war so eine einflussreiche Platte!

Ja, Tracy Chapman kam aus dem Nichts und sie wollte nicht einmal ein Star sein. Aber bis heute kennt jeder die Lieder auf ihrem ersten Album. Die sind überhaupt nicht gealtert. Genauso bei Stevie Wonder. Dessen Lieder könnten gestern geschrieben worden sein, so innovativ und avantgardistisch war er.

Mir scheint, dass Sie, Stevie Wonder mal ausgenommen, vor allem an weiblichen Künstlern interessiert sind.

Ich hatte lange ein Radiosendung, in der ich nur Musik von Frauen gespielt habe. Es hat mich aber immer geärgert, dass ich gar nicht besonders viel Frauen-Musik auftreiben konnte, die wirklich gut ist.

Echt? Das wundert mich!

Moment! Ich habe nach Frauen gesucht, die ihre eigenen Songs geschrieben haben. Es gab natürlich immer jede Menge Sängerinnen, aber nicht so viele Komponistinnen. In der Radiosendung habe ich dann Musik aus allen möglichen Teilen der Welt gespielt und doch einiges gefunden. Rokia Traoré fällt mir ein, eine Sängerin und Gitarristin aus Mali. Die ist wirklich toll.

Ich habe kürzlich mit Neko Case gesprochen. Sie hat mir erzählt, dass sie starke, unabhängige Frauen vor allem in der Countrymusik gefunden hat.

Ich liebe Neko Case! Sie hat recht, Loretta Lynn und Dolly Parton haben schon in den Siebzigern gezeigt, dass sie sehr gute Geschäftsfrauen sind.

Sie selbst sind ziemlich unvermittelt in eine professionelle Musik-Karriere hineingeschlittert, richtig?

Ich hatte einige Songs bei Myspace hochgeladen. Nach einem Jahr wollte ich sie wieder runternehmen, weil ich ziemlich fertig mit der Musik war, aber kurz voher hat sich ein Label aus Paris gemeldet, das mich unter Vertrag nehmen wollte.

Sie wollten die Musik an den Nagel hängen? Warum?

Ich habe mich selbst gemanagt, alle Songs geschrieben, alle Konzerte organisiert. Dann habe ich mich auch noch mit meinem Schlagzeuger verkracht. Gleichzeitig war ich auf der Uni und stand kurz vor dem Abschluss. Es war alles ein bisschen viel und meine Noten haben gelitten. Das Label hat dann gewartet, bis ich meinen Abschluss in der Tasche hatte. Jetzt bin ich seit einem Jahr in Frankreich und mache professionell Musik.

Einfach so von einem Label entdeckt werden – ich dachte, das gibt es gar nicht mehr.

Ich glaube, das gibt es inzwischen vor allem bei kleinen Labels, und meines ist richtig winzig.

Neko Case ist der Meinung, dass Indie-Labels besser mit der Krise der Musikindustrie umgehen können als die großen Firmen. Wie sehen Sie das?

Was ich an der Krise mag: Ich finde, die Mainstream-Musik ist inzwischen nicht mehr so gut, das man sie kaufen möchte. Die Leute sind mit ihr vertraut, hören sie im Radio – und laden sie dann illegal runter. Ich glaube, dass die Labels dadurch gezwungen sind, wieder kreativere, talentiertere Künstler unter Vertrag zu nehmen und nicht nur die Gewinner irgendwelcher Casting-Shows. Denn die Musikfans sagen: Wir haben keinen Bock mehr auf schlechte Musik! Wir werden dafür nicht mehr bezahlen!

Kommentare

  • Heidi

    Sehr schönes Interview.