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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Phoenix im Interview: “Zu viele Wichser”

Von Johannes Waechter

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Die Popwelt mag immer weiter zersplittern, aber ein paar Bands, die eigentlich jeder gut findet, gibt es zum Glück doch noch. Zum Beispiel das französische Quartett Phoenix, das seit knapp zehn Jahren Musik macht, die durch die Querverbindungen in die House-Szene unzweifelhaft modern ist, die aber trotzdem voller Melodien, Gefühle und sanfter Melancholie steckt; auch ihr neues Album Wolfgang Amadeus Phoenix (V2/Cooperative), das am Freitag erscheint, ist wieder großartig geworden. Vor kurzem habe ich mit Deck D’Arcy telefoniert, Bassist von Phoenix, und das Gespräch mit dem vielleicht einzigen Vorwurf begonnen, den man der Band machen kann.

Hallo Deck, ich muss gleich etwas loswerden. Phoenix sind eine tolle Band, aber ich finde es schade, dass ihr immer ein paar Jahre für ein neues Album braucht. Das war bei Wolfgang Amadeus Phoenix wieder genauso. Seid ihr vielleicht ein bisschen faul?

Ja. Na gut, vielleicht nicht faul, aber wir sind langsam. Es hängt davon ab. Bei unserer letzten Platte hatten wir das Ziel, schnell ein paar Songs aufzunehmen und sie so schnell wie möglich rauszubringen. Bei dieser Platte wollten wir ins Studio gehen und mehr Zeit mit Experimenten verbringen. Das dauert einfach. Wir haben anderthalb Jahre für Wolfgang Amadeus Phoenix gebraucht, und in der ersten Hälfte dieses Zeitraums haben wir nicht mal irgendwelche Songs geschrieben, sondern nur versucht, den richtigen Rahmen zu finden.

Auch den richtigen Sound?

Ja, klar. Bis ganz zum Schluss sucht man immer danach, sogar beim Mastering. Selbst da haben wir noch experimentiert.

Was gab’s denn da noch zu tun?

Man kann die Atmosphäre eines Albums beim Mastern total verändern, es zum Beispiel heller machen oder weniger hell. Das sind sehr wichtige Entscheidungen.

Wie habt ihr den Sound gefunden?

Wir haben viel vorbereitet, viel gespielt und nach Ideen gesucht, aber sobald wir diese hatten, haben wir sie zügig aufgenommen. Wir haben in der Regel versucht, den ersten Take zu verwenden – anders als bei unserern früheren Platten. Obwohl es lange gedauert hat, ist das Album also spontan entstanden.

Was hat euer Ko-Produzent Philippe Zdar zu den Aufnahmen beigetragen?

Wir sind irgendwann in seinem Studio in Montmartre gelandet. Er ist ab und zu vorbeigekommen und hat uns Tipps gegeben. Nachdem wir ihn zum Ko-Produzenten gemacht haben, kam er nicht mehr einmal die Woche, sondern alle zwei Tage. Aber er kam immer sechs Stunden zu spät.

Frech!

Nein, das war cool. Wir könnten nicht mit jemand arbeiten, der den ganzen Tag hinter uns steht. Er hat uns dabei geholfen, uns auf die richtigen Dinge zu konzentrieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wir ergänzen uns sehr gut.

Hat er euch angetrieben?

Ja, er gibt niemals nach. Er hat uns dazu gebracht, Songs zu beenden, die wir sonst vielleicht nicht fertig gekriegt hätten.

Philippe Zdar kennt man als House-Produzenten. Wie passt das zusammen? Wo sind die Verbindungen zwischen House und Indiepop?

Es kann dasselbe sein. Ich mache da keine großen Unterschiede. Die Grenzen zwischen all diesen Genres verschwimmen. Bei vielen Bands ist es schwer zu sagen, ob sie elektronische Musik oder Popmusik machen. Vor zehn Jahren war das vielleicht noch anders, aber bei den ganzen neuen Bands kann man diese Unterscheidung nicht mehr treffen. Und das ist gut. Im Grunde sind wir eine Indierock-Band, aber wir waren immer nah der elektronischen Musik. Früher haben die Indierock-Typen die House-Leute gehasst, jetzt weiß man gar nicht mehr, wer etwas macht. Das ist cool.

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In der Dancemusik ist der Bass wahnsinnig wichtig. Inspiriert Dich das als Bassisten?

Klar. Auch wenn wir nie ein elektronisches Album gemacht haben, hat uns diese Musik von Anfang an beeinflusst. Aber der Einfluss lag weniger beim Bass, mehr bei den Beats. Die Art, wie die House-Produzenten ihre Beats produzieren, hat uns sehr beeinflusst. Unsere Beats sind näher an HipHop oder House als an AC/DC oder irgendwelchen Britpop-Gruppen.

Die neue Platte ist voller Anspielungen auf klassische Musik. Das erste Stück heißt zum Beispiel “Lisztomania”. Warum?

Mit der Musik von Franz Liszt haben wir nichts zu tun. Es geht mehr um das Phänomen, das er damals war, um seinen Ruhm und um die Einsamkeit eines Menschen, der einer der ersten Popstars war.

Schön, dass die Platte so viele Anspielungen und Bezüge enthält. Aber ich hatte oft Schwierigkeiten, die Texte zu verstehen, weil die Stimme weit hinten im Mix verschwindet.

Ja, wir machen den Gesang nie besonders laut. Das ist unser Stil. Die Texte auf diesem Album sind ein bisschen verschwommen – anders als bei der letzten Platte, die von tatsächlichen Begebenheiten handelte. In diese Platte kann jeder hineinlesen, was er möchte.

Wie wird sich die Finanzkrise auf die Popmusik niederschlagen?

Keine Ahnung. Ich glaube, es ist zu früh, um das zu sagen. Aber irgendeinen Einfluss wird die Krise ganz bestimmt haben. Ich habe neulich mit einem Freund von mir über die Verbindungen geredet, die zwischen der wirtschaftlichen Situation und der Musik bestehen, die zu einer bestimmten Zeit gespielt wird. Nirvana und das ganze Grunge-Zeug sind Anfang der Neunziger vor so einem Hintergrund entstanden.

Wenn ihr wieder so lange für euer nächstes Album braucht, ist die Krise vielleicht schon vorbei.

Wir sind keine Band, die politische Statements abgibt, damit fühlen wir uns nicht wohl. Viele Künstler können das, bei vielen anderen wirkt es peinlich. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Frankreich und in den USA gibt es zu viele Wichser, die dummes Zeug reden, sehr offensichtlich und peinlich, und die Kids glauben es. Das ist bemitleidenswert. Also, wir hoffen, die Krise zu überspringen.

Kommentare

  • Till

    Ist Deck eigentlich der von Phoenix, der der Neffe von Hellmuth Karasek ist? Falls ja, dann würde ich gern noch die apokryphen Teile des Interviews lesen, in denen es um Familienfeste mit dem schwitzenden Titan des deutschen Unterhaltungsfeuilletons geht.

    Danke jedenfalls für das aufschlussreiche und anregende Interview.

    Und “Wolfgang Amadeus Phoenix”? Seltsame Platte. Drei Megahits am Anfang, dann merkwürdig uninspiriertes Krautrockgeniedel in Track 4 und 5, das leider nicht an die extrem spannungsreichen und schön minimalistischen Instrumentals der Vorgänger-Alben ranreicht; und die letzten fünf Stücke klingen wie Nachgedanken.

  • Till

    Ach ja, und wer Phoenix schätzt, wird sich möglicherweise dafür interessieren, was seit gestern offiziell ist: Am 7. September erscheint das “neue” Album von Prefab Sprout, “Let’s Change The World With Music”. “Neu” in Anführungszeichen, weil es sich offenbar um die zwar überarbeitete, aber nicht neu eingespielte Version eines seit ca. 1994 komplett als Demo vorliegenden Albums handelt.

    Alle Gerüchte und Fakten (und einen schönen Phoenix-Thread mit super Video-Tipps) gibt’s im Forum von: http://www.prefabsprout.net.

  • sophia

    @Till
    Sehr treffende Kurz-Wertung der Platte! Die Platte ist einfach nicht die Beste. Von wegen “man merkt Phoenix das viele Nachdenken nicht an”. Unstrukturiertes Kraut-Scheppern höre ich da an vielen Stellen. Die Lässigkeit ist jedenfalls auf “Wolfgang Amadeus Phoenix” weg und dafür liebte ich Phoenix doch eigentlich.

    Verwunderlich finde ich, dass eine Band wie Department of Eagles von den Feuilletons ebenso verschlafen wird, wie das letzte MF-Doom-Album.

  • clarity

    Der Sänger erinnert mich an Lionel Messi.