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Die Basement Tapes: Der große Bob-Dylan-Schwindel
Von Johannes Waechter
Bob Dylan wird am Sonntag 68 Jahre alt, aber anstatt ihm zum Geburtstag zu gratulieren, möchte ich zwei neue CDs zum Anlass nehmen, um an das große Ärgernis in seinem LP-Katalog zu erinnern: die Basement Tapes. Selten hat Dylan faszinierendere Musik gemacht, doch diese Keller-Aufnahmen kann man bis heute zum Verdruss der Fans nur in einer mangelhaft kompilierten und deshalb unbefriedigenden Version kaufen. Was hat es genau mit diesen Aufnahmen und der missglückten Veröffentlichungspolitik auf sich? Ich muss etwas ausholen.
Am 29. Juli 1966 flog Dylan nach einem Fahrfehler über die Lenkstange seines Motorrad. Nachdem er die vorangegangenen Touren und Aufnahmesessions bereits als extrem stressig empfunden hatte, war ihm der Unfall nun ein willkommener Anlass, um sich sich für einige Zeit aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen. Mit Frau und Kindern lebte er im beschaulichen Örtchen Woodstock nördlich von New York und machte einige Monate lang nur sporadisch Musik.
Im Frühjahr 1967 trafen jedoch die Hawks, seine frühere Begleitband, in Woodstock ein und Dylan begann, sich mit den Musikern zu gemütlichen Sessions zu treffen – zuerst in seinem eigenen Haus, dann in einem von der Band gemieteten Haus, wegen des Anstrichs “Big Pink” genannt. Anfangs spielten Dylan und seine Leute zahlreiche Coverversionen aus verschiedensten musikalischen Genres, irgendwann begann Dylan, wieder zu komponieren. Während alle Welt dachte, der Prophet der Gegenkultur sei verstummt, schrieb er einen Song nach dem anderen: Der Sommer 1967 gehört zu den produktivsten Phasen von Dylans Karriere.
Vermutlich im Juni 1967 begannen Dylan und seine Musiker, die Resultate ihrer Tätigkeit aufzunehmen. Diese Aufgabe fiel dem Keyboarder Garth Hudson zu, der über ein tragbares Tonbandgerät, exzellente Mikrofone und beträchtlichen technologischen Sachverstand verfügte. Die Aufnahmen, die Hudson machte, hatten einen ganz eigenen, knorrigen Charme; und in manchen Aspekten – der Wärme von Dylans Gesang, der generellen Intimität – übertrafen sie sogar die Soundqualität von Dylans Studio-LPs. So wurden im Keller von “Big Pink” weit über hundert Songs aufgenommen.
Die Sessions endeten im Herbst. Bald darauf drang die Kunde nach außen: Dylan und seine Musiker, die sich inzwischen The Band nannten, hätten einen Songzyklus aufgenommen, der wie alter, schräger Blues und Folk klinge und im denkbar größten Gegensatz zum gerade angesagten Psychedelic Rock stehe. ”The Basement Tapes should be released”, forderte der Rolling Stone, und Great White Wonder, das erste Dylan-Bootleg, enthielt 1969 sieben Songs von den Basement Tapes, darunter “I Shall Be Released”, “This Wheel’s On Fire” und “The Mighty Quinn”.
1975 war es dann soweit: Dylans Plattenfirma brachte eine Doppel-LP namens The Basement Tapes heraus; unter den 24 Songs waren allerdings acht, die von The Band ohne Mitwirkung von Dylan eingespielt worden waren. Das Album wurde in der Presse bejubelt, John Rockwell von der New York Times nannte es gar “the greatest album in the history of popular American music”.
Niemandem fiel damals auf, dass es sich bei diesem Album um einen groß angelegten Akt der Geschichtsfälschung handelte. Drei der The-Band-Titel stammten zum Beispiel keineswegs aus dem Sommer 1967, sondern waren erst Anfang 1975 aufgenommen worden. Überhaupt entsprach die Tatsache, dass acht Solo-Songs von The Band auf dem Album zu finden waren, nicht der Realität der Sessions, bei denen Dylan stets zugegen war und auf nahezu allen Titeln sang. Offensichtlich wollte The-Band-Gitarrist Robbie Robertson, der das Album zusammengestellt hatte, den Beitrag seiner eigenen Gruppe zu den Basement Tapes etwas aufbauschen.
Außerdem ließ Robertson zu, dass die Original-Bänder nachträglich bearbeitet wurden. Mindestens drei Stücke des 75er-Albums wurden durch Overdubs verfälscht: Auf “You Ain’t Goin’ Nowhere” und “This Wheel’s On Fire” hört man nun Gitarrenparts, die vorher nicht da waren, und auch “Too Much Of Nothing” entspricht nicht mehr dem Original. Schließlich wurden Hudsons im Zwei-Kanal-Sound gehaltene Aufnahmen – Dylans Stimme und Gitarre kommen meist von rechts, Bass, Orgel und Harmonie-Gesang von links – für die LP-Veröffentlichung auf Mono zusammengestaucht.
Es wirkt wie ein Hohn, dass genau diese mangelhafte Version der Basement Tapes Ende März erneut als CD herausgebracht wurde. “Bob Dylan Remastered” steht auf dem Cover, aber was hier neu gemastert wurde, sind keineswegs die Original-Tapes, sondern die fehlerhaften Bänder der Doppel-LP von 1975.
Wie sich die Basement Tapes anhören müssten, zeigt derweil eine Bootleg-CD, die ebenfalls Ende März auftauchte. Mixin’ Up The Medicine heißt das Werk auf dem Hollow-Horn-Label; es enthält eine Sicherungskopie, die Garth Hudson 1968 von 19 Songs machen ließ. Auf Bootlegs wie A Tree With Roots sind ja inzwischen über hundert Basement-Tapes-Songs erhältlich, aber noch nie hat man dieses geniale Material in solch einer Qualität gehört wie auf Mixin’ Up The Medicine! So bleibt zu hoffen, dass sich das Dylan-Management irgendwann erbarmen und eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Basement Tapes herausbringen wird, in der diese Aufnahmen mit dem Respekt und der Sorgfalt behandelt werden, die sie verdienen.
Mehr Informationen über die Basement Tapes finden sich in Sid Griffins Buch “Million Dollar Bash. Bob Dylan, The Band, And The Basement Tapes” (Jawbone, 2007).

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12 Uhr 00
Einen exzellenten Bootleg der Basement Tapes findet man auch (kommentiert) auf http://croz.fm/files/category-the-band.php, dort gekennzeichnet als “Safety Master” von Garth Hudson. Patrick Crosley schreibt dazu: “[…] apparently emerging only recently from the dusty catacombs of Neil Young’s personal, private musical archive as a result of research into soundtrack material for the recent Dylan bio-pic, I’m Not There”. Enjoy!
16 Uhr 19
Vielen Dank für die CD-Kritik und die Infos von elbchaussee. Es lohnt sich !!!
20 Uhr 28
Mal ein bescheidene Frage, kann man Mixin up the Medizine eigentlich irgendwo her bekommen. Mir ist auch aufgefallen, dass die offiziellen Basement Tapes, in den Stücken die von R. Robertson dominiert werden einige Ausfälle haben. Bin auch kein Fan von “The Band”. Dank auch an elbchaussee für den Tipp.
10 Uhr 12
für Axel: Click den Link von elbchaussee an, das läuft dort unter safety masters. Das oben abgebildete CD-Cover ist im Downoad enthalten. Bei Croz.FM gibts auch eine mehrteilige Zusammenstellung der BT, wohl nicht in der exzellenten Qualität von Mixin´. Wahre Dylan-Schätze sind im Archiv von Croz.FM. Alle von Dylan moderierten Radiosendungen!!!
13 Uhr 28
Habe mit Begeisterung den Artikel gelesen! Anschließend den Link von elbchaussee angeklickt, das “Safety Master” runtergeladen und nun…, bin ich ratlos. In dem ZIP Ordner ist nix drin. Größe:0 Byte. Kann mir bitte jemand sagen ob ich etwas falsch gemacht habe oder woran es liegen könnte? Danke schon mal im Voraus!
14 Uhr 54
Edit: Habs noch mal mit dem IE probiert, und siehe da, es ging. Keine Ahnung warum es mit Firefox nicht funktionierte.
Trotzdem noch eine Frage. Was sind den DS_Store_Dateien??
Außerdem ist die Coverabbildung eine andere als die oben unter dem Artikel gezeigte. Aber gut, die andere ist auch nicht schlechter.
18 Uhr 58
Der Download funktionierte bei mir auch mit Firefox. Das Cover von oben ist unter artwork/alternates im Dateiordner
09 Uhr 53
Interessanterweise ist das Material, das bei croz.fm zum Download angeboten wird, nicht hundertprozentig dasselbe wie auf dem Mixin’ Up The Medicine-Bootleg. Der Unterschied: In der Croz-Version sind mehrere Varianten von “Apple Suckling Tree”, “Open The Door Homer” und “Nothing Was Delivered” enthalten, die nicht auf Mixin’ Up The Medicine zu finden sind. Dafür enthält das Bootleg vier weitere Songs – “Tiny Montgomery”, “Sign On The Cross”, “Goin’ To Acapulco” und “All You Have To Do Is Dream” – vom sogenannten “Fraboni-Reel”; Rob Fraboni war der Toningenieur, der 1975 zusammen mit Robbie Robertson die offizielle Basement Tapes-Doppel-LP gemacht hat und der damals sämtliche Orginal-Bänder von Garth Hudson hören durfte. Für mich sieht das so aus, als ob die Croz-Version die komplettere Version des Safety Masters ist. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders. Wer Spaß an Audio-Tüftelei und Geheimwissenschaften hat, für den sind die Basement Tapes auf jeden Fall ein unerschöpfliches Studiengebiet. Es gibt ja auch Leute, die behaupten, am Klang der Lieder zu erkennen, wo sie aufgenommen wurden – in Dylans Haus, im “Big Pink” oder in Rick Dankos Haus.
21 Uhr 39
Vielen Dank für den Tipp. Ich werde mir den Rest der Croz.FM Seite auch nochmals anschauen.
13 Uhr 14
auch ich kann hier nur jedem empfehlen, sich alle 100 sendungen von dylans radioprogrammen anzuhören – dadurch lernt man mehr über ihn als sämtliche biografien zusammen. ausserdem erhält man so umsonst – jedenfalls bei croz – ein fantastisches archiv mit americana aller sparten.
zum thema basement tapes schließe ich mich meinen vorrednern an und empfehel die safety copy von garth hudson, die bei croz.fm erhältlich war – jetzt leider nicht mehr, da es ein neues geschlossenes forum gibt ohne das alte archiv. aber ich denke wer suchet der findet in den endlosen welten des http://www….
stay tuned
13 Uhr 51
[...] pink gestrichen war). Hi hi – hier ist es: und gleich noch mal ne Geschichtskorrektur inklusive: /mu…lan-schwindel/ Na ja – das jedenfalls ist mein Traum … __________________ "Die Triangel sei mit Dir [...]