
Ich hatte schon befürchtet, Sonic Youth würden nur noch im Museum stattfinden. Bis letzte Woche wurde in Düsseldorf die Ausstellung “Sonic Youth etc.: Sensational Fix” gezeigt, und als die Band Ende April nach Deutschland kam, trat sie in der Kunsthalle Düsseldorf und im Münchner Haus der Kunst auf – vor dem Gerhard-Richter-Original, das das Cover ihres Klassikers Daydream Nation ziert aus Anlaß der Ausstellung “Gerhard Richter – Abstrakte Bilder”. Doch übermorgen erscheint nun das neue Album The Eternal (Matador); offensichtlich sind Sonic Youth noch nicht zum Ausstellungsstück erstarrt.
Einige der Songs auf The Eternal nehmen auf die Kunstwelt Bezug, so auf den Maler Yves Klein. Damit das keiner überhört, haben Sonic Youth kurze Einführungen zu allen Liedern auf der Platte veröffentlicht (diese sind zum Beispiel hier zu lesen). Dieser Verständnishilfe entnehme ich auch, dass der Song “Anti-Orgasm” von Uschi Obermaier und der Kommune I handelt! Kim Gordon und Thurston Moore singen Zeilen wie “smash the moral hypocrisy”, außerdem wird mit rhythmischem Stöhnen der ungezwungene Sex der Kommunarden simuliert (inklusive Zigarette danach). Nur die Zeile “anti-war is anti-orgasm” verstehe ich nicht. Ist es nicht eher umgekehrt? Der Krieg ist doch wohl der Feind des Orgasmus?! Da hat wohl die dadaistische Spaßguerilla zugeschlagen.
Auch die restlichen Songs entspringen dem umfangreichen Referenzuniversum von Sonic Youth, das von obskuren Punkbands, Avantgarde-Künstlern, Noise-Ikonen und Beat-Poeten dominiert wird. Diesen Einflüssen in den Songs nachzuspüren, kann interessant sein. Andererseits wirkt der starke Bezug auf Sekundärquellen auch etwas nerdig und emotionslos. “Oddly meta”, hat Simon Reynolds diese Arbeitsmethode im Guardian Music Blog genannt und angemerkt, dass es manchmal gar nicht so falsch und auch keineswegs altmodisch sei, Songs zu schreiben, die auf persönlichen Erfahrungen beruhen.
Musikalisch bewegt sich das Album komplett im Rahmen des klassischen Sonic-Youth-Sounds: Es dominieren mit seltsamen Akkorden gebaute, gerade heruntergeschrubbte Gitarrenwände, die immer mal wieder in krachendes Noise ausarten und ihren ästhetischen Reiz aus dem hingebungsvoll nuancierten Feedback ziehen. Ich weiß, der Drummer Steve Shelley hat seine Fans, aber rhythmisch fand ich Sonic Youth schon immer eher uninteressant und daran hat sich auch auf The Eternal nichts geändert. Das zweite Alleinstellungsmerkmal, neben dem Gitarrensound, ist für mich Kim Gordons Gesang, vor allem wenn sie, wie auf “Calming The Snake”, fast zu schreien beginnt.
Ich war lange Sonic-Youth-Fan und habe an diesem Album im Prinzip nichts auszusetzen, aber trotzdem merke ich, dass es mich relativ kalt lässt. Das liegt nicht daran, dass Sonic Youth es sich in ihrem angestammten Stil gemütlich machen. Es gibt nicht viele Bands, die einen unverwechselbaren Sound haben; wenn man ihn hat, so wie Sonic Youth, dann sollte man ihn beibehalten und endlos verfeinern.
Mein Problem ist folgendes: Der Indie-Noiserock, für den Sonic Youth stehen, ist als Stil einfach nicht so belastbar wie, sagen wir, der Blues. Nach gut zwanzig Jahren ist irgendwie die Luft raus; weitere musikalische Variationen oder emotionale Schattierungen scheint diese Musik nicht herzugeben. Während andere Stile ein stärkeres Eigenleben und eine größere Überlebenskraft entwickeln, wirkt dieser gitarrenlastige Noiserock ein wenig altmodisch und keineswegs Eternal, wie der Titel proklamiert. So wirkt die ganze Platte wie ein Anti-Orgasmus: Die Höhepunkte fehlen.
Foto: Michael Schmelling
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12 Uhr 28
“und als die Band Ende April nach Deutschland kam, trat sie in der Kunsthalle Düsseldorf und im Münchner Haus der Kunst auf – vor dem Gerhard-Richter-Original, das das Cover ihres Klassikers Daydream Nation ziert”
Das hatten sie dann aber gut versteckt, das Richter-Original. Ich habe es jedenfalls nicht gesehen. War auch eine Ausstellung mit abstrakten Werken Richters. Da wäre die Kerze irgendwie aufgefallen.
14 Uhr 47
olala. der erste völlig unmotivierte text in diesem wunderbaren blog. “irgendwie die luft raus”, “blues ist belastbarer”. “krachigen noise” spielen sy doch schon seit drei alben kaum noch – auf eternal am wenigsten. und die geforderte verfeinerung ihres stils setzt doch genau dort an. übrigens mit hilfe des schlagzeugspiels das aus den stücken immer mehr tracks und weniger songs macht. auch das: besonders. hm, sy kann man ja ganz gut auseinandernehmen. aber doch nicht so.
17 Uhr 49
dass es dich relativ kalt läßt kann ich nachvollziehen, da du sicher nur mal reingehört hast und am tag sicher extrem viel alben durch hast. soll jetzt keine letzte weisheit sein, aber häufiges hören = entdecken der perlen
20 Uhr 54
Ich finde, das sind noch recht höfliche Einschätzungen zum Thema Indie-Noiserock, die Herr Waechter sich hier gestattet; aus meiner Sicht war das von Anfang an weniger ein Musikgenre als vielmehr eine Sammelbezeichnung für musikalische Lifestyle-Produkte, die ihre Harmlosigkeit mehr oder weniger gut hinter, unter und in “Noise” und, gähn, “Rock” versteckt haben.
Für eine zwar durchgeknallt obskurantistische, aber auch sehr anspruchsvolle theoretische Analyse von Sonic Youth, die zu keinen versöhnlichen Schlüssen kommt, siehe Mark Fisher aka “K-Punk”, und zwar hier:
http://k-punk.abstractdynamics.org/archives/011115.html
10 Uhr 29
letzten sonntag traten sonic youth in der schweiz auf und stiessen auf begeisterung:
http://www.derbund.ch/zeitungen/kultur/Entgrenzte-Krachwelten/story/24569880
16 Uhr 14
Hmmm, Sonic Youth sind langweilig, weil ihr Genre nichts mehr hergibt. Also doch lieber Bruce Springsteen, der in seinem Genre (also dem in dem er lebt, nicht dem, das er selbst geschaffen hat) immer die gleiche Nummer abzieht?
Es ist ja schön, wenn man so unabhängig ist, dass man nach Lust und Laune Bands demontieren kann und man muss SY auch nicht mögen. Man sollte ihnen aber zu Gute halten, dass sie seit über 20 Jahren immer ihr Ding gemacht, einen eigenen Musikkosmos geschaffen haben und nie irgendwelchen Trends hinterhergelaufen sind.
Nimmt man jetzt die Indie-Bands der Punk-Explosion (Dinosaur Jr., Sebadoh, Sonic Youth, Smashing Pumpkins, …) stellt man relativ schnell fest, dass der jeweilige Kosmos jeder einzelnen Band sehr begrenzt scheint. Allerdings zeigen die Beispiele auch, dass oftmals gerade die Veränderung der Kunst oftmals eher negative Auswirkungen nach sich zieht (Pumpkins).
Wer davon gelangweilt ist, braucht es nicht zu hören. Ein experimentelles Techno-Album von Sonic Youth mit Timbaland benötige ich jedenfalls ebenso wenig, wie eine Ramones-Reggae- oder eine Mötorhead-Polka-Platte.
01 Uhr 27
“Intelligenz? Nichts hat der Menschheit soviel Ärger bereitet wie Intelligenz.”
Man kann Musik auch einfach hören – insbesondere als milieugeschädigter Außenseiter.