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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Der arbeitslose Boss

Von Johannes Waechter

Seit gestern hat Bruce Springsteen ein Problem. Bisher war es allein seine Aufgabe, die Probleme Amerikas zu prägnanten Slogans zu verdichten, die nichts beschönigen, aber dennoch Zuversicht und ein wenig Patriotismus vermitteln. In Barack Obama hat Springsteen nun seinen Meister gefunden, gegen dessen Wortgewalt kommt er nicht an. (Dass Obama auch ein Teufel auf der Telecaster sei, ist allerdings nur ein Gerücht.) Was also tun, Bruce?

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Working On A Dream (Sony) heißt das neue Album, es erscheint am 23. Januar, dem dritten Tag der neuen Ära. An welchem Traum könnte da gearbeitet werden? Vielleicht gar am amerikanischen? Mit einer saftigen Hookline und optimistischem Text vertritt der Titeltrack, wenn auch etwas vorhersehbar, jenes Credo, das Obama in seiner Antrittsrede betonte, nämlich dass nun jeder Amerikaner für sein Land einstehen müsse. In der Tat wurde “Working On A Dream” sogar bei einer Obama-Wahlveranstaltung im vergangenen November uraufgeführt. Wie kann dabei gute Musik herauskommen, habe ich mich gefragt, und war wieder einmal überrascht von Springsteens Fähigkeit, Hymnen zu schreiben. Überzeugen Sie sich selbst: Bruce Springsteen: Working On A Dream (Einfach klicken, dann kommt die Musik.)

Auf dem Rest des Albums ist diese politische Note dann kaum noch zu finden; Springsteen war anscheinend selbst klug genug, Obama diesbezüglich den Vortritt zu lassen. Was an die Stelle der politischen Beschwörung tritt, erweist sich jedoch als diffus. Themen wie das Alter und die Langlebigkeit von Beziehungen tauchen auf, der Verlust von Freunden, aber oft verlieren sich die Motive zwischen wenig prägnanten Gedanken und halbgaren Metaphern.

Auch in der Musik werden viele verschiedene Motive angerissen, hier funktioniert das aber besser als bei den Texten. Den Volldampf-Rock der E Street Band ergänzt Springsteen mit ungewohnten Sixties-Anleihen, man hört zum Beispiel Byrds-artige Gitarren und schönen Chorgesang. Dennoch bleibt das Album in seiner Grundtendenz schwer zu fassen. Das kann ein Vorteil sein, ich empfinde es jedoch als Schwäche. “All I’m trying to do now is get music to my audience that is relevant to the times we’re living in and to the times in their lives”, hat Springsteen kürzlich in einem exklusiven, sehr lesenswerten Interview mit dem Observer Music Monthly gesagt. Wie diese Platte für mein Leben relevant sein sollte, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Wäre da nicht noch der Song “Queen Of The Supermarket”, auf dem Springsteen eine Eigenschaft an den Tag legt, die im Rest seines Werks höchstens in Spurenelementen vorhanden ist: Humor. Der Song handelt von einem Mann, der sich in eine Kassiererin verliebt, und ist musikalisch und textlich so dick aufgetragen, dass er wohl kaum ernst gemeint sein kann; im Fade-Out ertönt sogar das Piepen einer Scannerkasse. Was gleich die nächste Frage aufwirft: Hat Obama eigentlich Humor?

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