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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  101 Kommentare

Nummer Eins: Die falsche Steuerklasse

Weil unsere Autorin zwar Mann und Kinder hat, aber keinen Trauschein, muss sie zahlreiche Nachteile erdulden, zum Beispiel bei der Steuerklasse. Wut! Ärger! Während alle über die Homo-Ehe reden, fordert sie: Schluss mit der Diskriminierung der unverheirateten Paare!

Von Nataly Bleuel

Traumhochzeit am Strand? Für unsere Autorin eine Horrorvorstellung! (Foto: Detailblick/Fotolia.com)

Hallo, ihr da oben, ich muss mich auch noch beschweren, denn von unseren homosexuellen Brüdern und Schwestern habe ich vieles, und ganz besonders zwei Dinge gelernt:

1. Man kann so schön anders leben als die Mehrheit.

2. Man darf nie aufhören, gegen Diskriminierungen zu kämpfen.

Alle sollen so leben können, wie es sie glücklich zu machen verspricht: allein, zu zweit, zu viert, zu siebt, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, Frauen mit Männern – je vielfältiger, desto lebendiger. Besonders dann, wenn sich Leute trauen, nicht nachzuahmen, was schon Legionen vor ihnen unglücklich gemacht hat. Wie beispielsweise das kleinbürgerliche Ideal der Ehe. Die heutzutage nahezu jedes zweite Mal geschieden wird.

Was ich ungerecht finde, ist: dass diejenigen, die ohne Ehe, aber sogar mit Kindern leben wollen, benachteiligt werden. Finanziell, rechtlich und von der Politik. Offensichtlich ist es in diesem Land ja so, dass die Bevölkerung und das Bundesverfassungsgericht gegen ihre Volksvertreter anleben und -argumentieren müssen. So richtig viel hat das nicht mit Demokratie zu tun. Ich wiederhole es für die Herren und Damen Politiker gerne noch einmal: Ein ungleichgeschlechtliches Paar mit doppeltem Einkommen und ohne Kinder zahlt per Ehegattensplitting weniger Steuern. Im Relation zu: einer Lebensgemeinschaft aus zwei Erwachsenen mit einem oder mehreren Kindern. Das ist ungerecht. Man nennt das “Diskriminierung”. Und nicht nur das. Es widerspricht allen familienfördernden Lippenbekenntnissen. Und den Verhältnissen im Land.

Die sind nämlich so – und das könnten die Herren und Damen beispielsweise in den Familienreports der Bundesregierung (!) nachlesen: Die Zahl “unehelicher” Kinder hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Im Jahr 2010 wurde ein Drittel der Babys von nicht verheirateten Frauen geboren. Die meisten Paare heiraten dann nach dem ersten Kind. Nur nicht im Osten des Landes, also da wo mal die antichristliche DDR war. Dort liegt die Zahl nicht-ehelicher aber ehe-ähnlicher – und natürlich nicht eingetragener (!) – Lebensgemeinschaften bei 61 Prozent, so hoch wie sonst nirgends in der EU. Sogar nach dem ersten Kind lebt die Hälfte der Paare unverheiratet weiter. Ob glücklich, weiß man nicht, aber zumindest nicht geschieden.

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Oft werde ich gefragt, warum „wir nicht geheiratet haben“, obwohl wir seit 14 Jahren zusammen leben, zwei Kinder gemacht haben und nicht vorhaben, uns morgen zu trennen. Ich frage dann zurück: Warum habt ihr geheiratet? Wo ihr doch zwei Kinder habt und seit Jahren zusammen lebt? Ein stärkeres Bekenntnis zur Familie kann es doch gar nicht geben – es geht sogar tiefer als nur über die Lippen! Ich könnte auch böse sein und ziemlich oft fragen: Warum habt ihr euch trotz Eheversprechens mit Kindern getrennt? Und noch böser: Aber noch nicht geschieden (zu teuer). Die Leute antworten in der Regel:

1. Weil wir dann weniger Steuern zahlen müssen, man rutscht nämlich durchs Ehegattensplitting von Steuerklasse Nummer 1 in eine niedriger veranlagte.

2. Wegen des romantischen Ideals.

Also: Warum wir nicht heiraten?

1. Will ich nicht von einem wildfremden Menschen – ob Beamte oder Pfarrer – gesagt bekommen, wie ich eine Partnerschaft zu führen habe, und dann noch mit dem Versprechen: bis zum Lebensende. Es erscheint mir lächerlich, absurd, unrealistisch und sogar freiheitsberaubend. Ich möchte mir selbst aussuchen, wie ich eine Partnerschaft und eine Familie baue. Das habe ich mir auch ein bisschen bei meinen schwulen Freunden abgekuckt.

2. Habe ich, zusammen mit einem anderen Menschen, Kinder bekommen – und Kinder verbinden mehr als Verträge. Es gibt nichts Verbindlicheres, und zwar ein Leben lang, als gemeinsamen Nachwuchs.

3. Finde ich es ganz besonders verlogen, aus finanziellen Gründen zu heiraten. Wegen eines Ehegatten-Splittings, das Ungleichheiten und Abhängigkeiten in einer Ehe voraussetzt und zementiert.

4. Aus Prinzip. Weil sich die Gesetze den Lebensgewohnheiten einer Gesellschaft anpassen müssen. Und nicht umgekehrt. Familien sollen entlastet werden. Und nicht Leute, die sich einfach nur althergebrachten Traditionen konform verhalten. Jeder soll mit dem- oder derjenigen verkehren und leben dürfen, den er oder sie sich aussucht – mit und ohne Kinder, mit eigenen oder adoptierten.

5. Würde ich mich, statt mich am kleinbürgerlichen Ideal der Ehe zu orientieren, lieber nach Alternativen umschauen. Nicht nur was die Lebensweisen und –formen angeht. Für deren Erkundung ich, ja: noch mal, meinen schwulen Freunden extrem dankbar bin. Denn sie zeigen mir, dass man auch aus Freunden, Freundinnen und deren Kindern eine Wahlfamilie machen kann. Genau diesen Lebensentwurf haben sich heute einige junge Familien in den Großstädten zum Vorbild gemacht. Und man sollte sich dann auch an den rechtlichen Umsetzungen veränderter Lebensweisen orientieren. Beispielsweise haben die österreichischen Grünen den Zivilpakt entworfen, der für homo- und heterosexuelle Paare, die vielleicht gar nichts von der Ehe halten, sein soll. Und in Frankreich gibt es die Homo-Ehe auch für Heteros. Es ist der Pacs, Pacte Civil de Solidarité . Weil leider auch in Frankreich Homosexuelle nicht richtig heiraten dürfen, hat man diese Soft-Ehe erfunden. Und auch hier haben sich die Heteros ein Beispiel an ihren kämpferischen Brüdern und Schwestern genommen: Mehr als 90 Prozent der Pacs werden von Heteros geschlossen. Wir müssen also weiter kämpfen. Solidarité! Fraternité! Pacser!

Kommentare

  • Steffen

    Ich kann dem Artikel nur zustimmen.
    Hier wird in den Kommentaren abfällig der Steuerneid genannt. Ich habe zwei Kinder. Als ich studiert hatte, arbeitete ich nebenbei an der Kasse im Supermarkt. Als ich mein Studium abgeschlossen hatte, war ich auf Arbeitssuche und hatte immer noch nebenbei an der Kasse gearbeitet. In dieser Zeit hatte ich dann Sozialleistungen bezogen. An dieser Stelle wurde genau wie ich meine Partnerin und Mutter meiner damals einzigen Tochter komplett finanziell durchleuchtet, unser beider Einkommen dann zusammen ermittelt und die Sozialleistungen identisch einer in Ehe lebenden Partnerschaft ermittelt. Besonderer Schutz der Familie und der Ehe gemäß Grundgesetz ist doch ein Treppenwitz: dass es sozial gerecht ist, dass dem, der (Einkommen UND das Ehe-Papier) hat, (Steuererleichterung) gegeben wird.
    Die Gleichstellung beginnt dann, wenn es um zu zahlende Sozialleistungen geht, die sich kürzen lassen. Das wurde dann als Ehe gesehen, für die der jeweils andere – meine Partnerin – eben mit aufkommen muss. Das hat sie auch getan, und es war zum Glück nur ein paar Monate notwendig. Als ich dann Arbeit hatte, hörte die Gleichbehandlung wieder auf. Ich hatte ein halbes Kind auf der Lohnsteuerkarte und meine Partnerin eben auch. Dass sie nur eine Teilzeitstelle im Pflegeberuf hat und so wenig verdient, dass unser “halbes Kind” und damit auch nur die Hälfte der Betreuungskosten auf der Lohnsteuerkarte bei ihr dann eben steuerlich nichts bewirken, ist dann einfach Pech?!?! Das Eheversprechen soll den/die Partner/in schützen und die Kinder? Ich kann aus Erfahrung sagen, dass “Schutz” und der “Liebesbeweis” zumindest in Richtung den anderen Partner unterstützend auch ohne Trauschein funktioniert hat.
    Aber – erkenne die Ironie – das ist schon in Ordnung, dass das “Luxus-Weibchen”, das einerseits ablehnt Kinder zu bekommen aus Angst, dass die Hüften wachsen, und andererseits wegen der kostbar verzierten Fingernägel ablehnt zu arbeiten, mit ihrem Angetrauten Steuererleichterungen bekommt – antidiskriminierend vermutlich auch für Vorsorgeleistungen wie Fettabsaugungen…