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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  2 Kommentare

Nummer Eins der Ankündigungen: Stefan Raabs Polittalk

Kann einer, der hauptberuflich Pfannkuchen wettwendet, gutes politisches Fernsehen machen? Na klar, aber zugetraut hatte man das auch schon ganz anderen (vergeblich).

Von Cornelius Pollmer

Auf einer Bobbahn im Hochsauerland hat der Entertainer Stefan Raab mal einen Satz gelesen, den er so klug und faszinierend fand, dass er eigens Jacken damit besticken ließ: “Es gibt nur eine Sünde: Feigheit.” Eine der Jacken trug Raab später bei der Wok-WM, und so einen Eiskanal hinunterzuschüsseln ist natürlich auch ein Weg, der Sünde im Sinne dieses Satzes zu entgehen. Noch dazu, wenn man dabei kaum mehr als einen Kochtopf unter dem Hintern hat.

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Raab hat aber noch ganz anderen Mut bewiesen, zum Beispiel den, neues deutsches Fernsehen zu gestalten. Er ist eine wesentliche Figur des Fernsehens der vergangenen zehn Jahre, seine Programmstunden sind fraglos breitenwirksam, sie sind beeindruckend in ihrer Vielzahl und dabei überraschend stabil in der Qualität. Man muss jetzt nicht jedes Format noch einmal einzeln aufrufen, um zu verstehen, wie Raab das Fernsehen geprägt hat. Nur so viel: Bei der jüngsten Ausgabe von Schlag den Raab ging es um zwei Millionen Euro, und Stefan Raab gewann das entscheidende Spiel um den Jackpot. Die Disziplin: Pfannkuchen wenden.

Raabs Sendungen sind weniger infantil, als viele Kritiker es unterstellen. Und sie sind weniger geistvoll, als ihr Erfinder es behauptet. Das macht den neuesten Versuch, die Sünde zu vermeiden, so spannend. Stefan Raab möchte eine politische Talkshow auf den Sender bringen, die Idee hat er dem Spiegel gerade erläutert.

Wenn bei Frank Plasberg Politik auf Wirklichkeit trifft, dann soll sie bei Raab in Zukunft auf Unterhaltung treffen. Die Frage ist: Kann so was klappen? Schon. Eines der schönsten Treffen von Politik und Unterhaltung gab es im September 2002, am Tag nach der Bundestagswahl. Es war die letzte Sendung des Talk im Turm mit Erich Böhme, seine Gäste hießen Günther Jauch und Harald Schmidt. Sie schenkten dem grauen Böhme zum Abschied Blutwurst und Bonmots.

http://www.youtube.com/watch?v=hWi6nQXFFMg

Böhme spielte auf Herta Däubler-Gmelin an, die den jungen Bush mit “Adolf Nazi” verglichen hatte und die deswegen schließlich ihr Amt als Justizministerin verlieren sollte. Schmidt: “Man kann ja sagen, indirekt bildet Hitler noch 60 Jahre nach dem Ende Kabinette um.” Böhme erinnerte daran, dass Schmidt einmal gesagt habe: “Ich glaube, dass es keinen Unterschied macht, ob wir eine SPD- oder eine CDU-geführte Bundesregierung haben.” Warum, fragte Böhme, gehe Schmidt dann überhaupt wählen? “Um diesen Unterschied mitzugestalten.” Riesenlacher, einerseits. Eine Lehrsekunde in Demokratietheorie, andererseits.

Derselbe Schmidt hat gerade in einem Gespräch mit der Zeit gesagt, die Evolution des Fernsehens bestehe allein im Inhalt, nicht in der Form: “Ich wüsste nicht, was im Fernsehen formal zu erneuern wäre. Entweder sitzen vier Leute um einen Tisch und reden, oder es werden Talente gesucht, oder vier Promi-Paare müssen was raten.” Bei Raab werden es fünf Leute sein, die reden, aber formal darf man natürlich noch mehr Veränderung erwarten von einem, der hauptberuflich und für Millionen Pfannkuchen wettwendet.

Es geht um das Ziel, das man mit einer solchen Sendung verbindet und um die Konsequenz, mit der man es verfolgt. Bei den meisten politischen Talkshows verbindet sich beides unheilvoll und scheint es zu oft nur darum zu gehen, dem politischen Betrieb den nächsten Spin für ein bis zum Nahtod ausdiskutiertes Thema zu geben. Man erkennt diese Sendungen daran, dass in ihnen Hans-Ulrich Jörges oder Arnulf Baring zu Gast sind und dass Politiker ihre Antworten fast immer mit “Zunächst einmal möchte ich betonen, dass…” beginnen – um dann auf eine Frage zu antworten, die ihnen keiner gestellt hat. Fazit: Haben wir schon genug von.

Wenn Raabs Ziel ist, Politik zu erklären und Unterschiede in politischen Positionen erkennbar zu machen, wenn dieses Ziel auch mit Konsequenz über ein zu erwartendes Quotentief nach den ersten ein, zwei Sendungen getragen wird, dann könnte es wieder gut ausgehen, wenn Politik auf Unterhaltung trifft. Im Prinzip ist es ja ganz einfach. Im Prinzip muss Stefan Raab einfach nur die Sendung machen, die man sich schon von Günther Jauch erhofft hatte.

Kommentare

  • Neues aus dem Medienuniversum | Los Holstos

    [...] immer gleich waren, aber ihre Quote brachte. Raab ist ein Geschäftsmann und will nun auch in den Polittalk einsteigen. Natürlich nicht mit einer bekannten Gesprächsrunde. Würde ihm eh niemand abnehmen. Das wird [...]

  • mandy

    So lange es solche Leute wie Stefan Raab gibt, wird es immer weiter einen Unterschied zwischen Ost und Westdeutschland geben. Muss denn sowas sein Herr Raab?