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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  13 Kommentare

Nummer Eins der Woche: Der Beginn der Winterdepression

Jetzt ist sie wieder da: die graue Glocke über den Ländern des Nordens, und dringt in die Seelen ein und zieht sie zu Boden. Ein paar Überlebens-Tipps, von Lebertran über Wodka bis Vitamin D.

Von Nataly Bleuel

Schon vor drei Wochen, als die Blätter noch grün an den Bäumen hingen, bekam ich von einer Freundin eine Mail des Inhalts: Ich solle, falls ich beabsichtigte, diesen Winter ohne Depression zu überleben, jetzt schon mit der Einnahme von Vitamin D beginnen. Da ging es mir noch zu gut. Aber gelöscht habe ich die Mail mit der Dosierungsanleitung nicht.

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Vor drei Tagen hingen die Blätter wie Gold an der Buche vor meinem Bürofenster und als die Sonne darauf schien, hätte man sich darunter stellen mögen, um so viel Licht und Helligkeit einzusammeln wie die Goldmarie.

Gestern Morgen dann war sie plötzlich da, die graue Glocke. Die graue Glocke hat mich letztes Jahr zum Weinen gebracht, da war es Ende März, und sie stand immer noch über der Stadt. Da erschien mir eines Nachmittags ein rundes weißes Ding am Himmel. Es sah nicht aus wie die Sonne, eher wie der Mond. Schemenhaft, fast schon höhnisch kam es mir vor, und meinen Freunden postete ich: Melancholia kommt der Erde immer näher. Den Film von Lars von Trier hatte ich da fünf Mal gesehen und ich bezweifle, dass er ihn gedreht hätte, lebte er in Marokko. Jeden Morgen beim Aufstehen und jeden Abend beim Einschlafen, dann, wenn ich ins große graue Nichts fiel – aus dem ich mich tagsüber träge heraus robbte und das ich abends mit Wein und Wodka auffüllte -, jeden Tag also, sechs Monate lang, von November bis April, rechnete ich mit dem Weltuntergang. Das nennen wir hier oben im Norden Winterdepression.

Gestern Mittag traf ich beim Einkaufen meinen Nachbarn, einen lieben alten Herrn von 83 Jahren, der täglich kregel durch’s Viertel flaniert. Und als ich ihn unverbindlich nach dem Wohlbefinden fragte, verdüsterten sich seine sonst so kessen Augen, er ließ die Schultern so tief hängen, dass ich fürchtete, er würde in den Boden sinken, und dann sagte er: „Es novembert.“

Von einer befreundeten Bestatterin weiß ich: Jetzt kommt die Saison des Suizids. Und in Altersheimen ist vermutlich jeder zweite Mensch depressiv.

Da ging ich schnell zur Apotheke. Meine Apothekerin empfiehlt: Viel raus gehen und Sport. Bei leicht melancholischen Verstimmungen Johanniskraut, aber hoch dosiert und langfristig. Und Vitamin D: Wenn in den Körper nicht ausreichend (Sonnen-)Licht eindringe, mangele es ihm an Vitamin D, das gehe auf die Knochen und an die Seele. Seit ein paar Wochen sei die Nachfrage enorm gestiegen, sagte sie, und vor allem diejenigen sollten Vorrat anlegen, die sich im Sommer mit Sonnenschutzfaktor 50 einkleistern – und so kein ausreichendes Sonnenlichtreservoir anlegten. 1000 Einheiten von dem Vitamin, ich könne aber auch Lebertran trinken, Vitamin D sei auch in Fisch.

Ich werde das meinem Nachbarn erzählen und ihn auf einen Spaziergang durchs Viertel raus klingeln, Fischstäbchen futtern.

Es hängen noch einige Blätter an der Buche. Noch kann ich sie nicht zählen. Noch lege ich keinen Vitamin-Vorrat an. Noch buche ich keine von den gerade verschärft lancierten Fernreisen, zur Sonne, zum Licht. Noch lese ich nicht Rilke, noch sehe ich keine Melancholia am Himmel.

Doch gerade trudelt wieder ein Blatt vom Baum.

Foto: dpa

Kommentare

  • Holger Meineke

    Es soll aber auch Ecken in Deutschland geben, in denen nicht 6 Monate lang die Sonne nicht rauskommt. Wer aber natürlich vor lauter Hippness in Städte wie Berlin ziehen muss, der darf sich auch nicht über Winterdepressionen beschweren.

  • Nene

    Suizid ist am häufisten im Mai lt. Statistik!

  • Sven Graeve

    Orthographie und Grammatik sollten bei aller Herbstdepression nicht “durch’s” Raster fallen.

  • Samuel Giger

    Zufällig bin ich auf diesen Hervorragenden Beitrag gestossen, zu dessen Thema ich ausführlich recherchiert habe. Sie sollten anfangen darüber nachrzudenken, ihre Nebeldepression gezielt zu fördern. Lassen Sie sich nicht einreden, dass dies etwas Schlechtes ist, dem man vorbeugen sollte. Hier ein paar kleine Tipps um so Manchem und Mancher durch die schwerwiegende Nebelzeit zu helfen =):
    http://www.tink.ch/new/article/2012/11/13/anleitung-zur-nebeldepression/

  • Anna

    Wunderschön poetischer Einstieg in die Novemberstimmung. Höre beim Lesen Hubert von Goisern -Weit weit weg- irgendwie passend.
    Gratuliere -Schreiben ist Ihre Berufung! Weiter so!

  • Fiat lux.

    Hab mal zwei Winter in Bergen/Norwegen aushalten müssen. Bei mir haben jeden morgen 15 Minuten Tageslichtlampe wie Wunder gewirkt. Am besten gleich nach dem wach werden im Abstand von 10-15cm zu den Augen.
    Im übrigen ist es falsch anzunehmen, dass die Suizidrate im Herbst/Winter höher sei, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Hier nachzulesen:
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21821241

  • HansguckindieLuft

    Da ist sie also, die Herbstdepression der Autorin!
    Nur, dass man mehr dass Gefühl hat, hier jemanden schreiben zu sehen, der sich selbstdarstellen will. Vielleicht habe ich auch nur die Ironie überlesen, aber mir scheint es eher so, dass hier jemand sein eigenes Leiden, sein Versinken in der ,,Melancholie” stilisiert, ohne zu wissen, dass es Menschen gibt, die damit ein richtiges Problem haben. Und dann noch dieser gestelzte Stil, der einen nur den Kopf schütteln lässt.
    Ich schlage der Autorin vor, mal in eine Psychiatrie zu gehen. Da sieht sie Menschen, die wirklich unter einer Depression leiden und diese Ästhetisierung der Autorin zum Kotzen finden werden. Hier fehlt der Autorin wohl jedes Feingefühl im Umgang mit einer richtigen Krankheit, dere sie sich nur zu gern hingibt, wie man meint lesen zu können. Kommen Sie am besten von ihrem bornierten Trip herunter und beschäftigen Sie sich mit etwas Ernstem, anstatt sich pseudokünstlerisch hier auszutoben. Denn manieriert ist dieser Still allemal.

  • Pseudo

    Nehmt doch bitte den Deppenapostroph aus dem Anreißer, das ist peinlich. “Nebel senkt sich über’s Land, dringt in …”

    https://de.wikipedia.org/wiki/Apostrophitis#Das_falsche_Auslassungszeichen

  • Jürgen Cappel

    Bravo, dazu empfehle ich die Themenwoche der ARD: “Leben im Tod”.

  • Lebkuchenherz

    Grad aus dem Fenster geschaut und danach den Blick lieber wieder auf den Computer gerichtet, wo mir dann dieser Text aufgefallen ist. Vielleicht ist der Herbst nicht verantwortlich für höhere Selbstmordraten, aber sicher dafür, dass es den meisten davor graust draussen Sport zu treiben (oder bei dem Wetter überhaupt vor die Tür zu gehen). Da muss man ja fett werden.Und wenn man das Winterhalbjahr schonmal im Süden am Mittelmeer verbracht hat, fällt es gleich doppelt schwer hier zu wohnen.
    Ich finde der Text gut geschrieben, den kann man beim granteln über das Wetter gleich weiterempfehlen.

  • Borgy

    @Hansguckindieluft – da kann ich nur zustimmen. Der andere Aspekt ist der, dass es einfach nur pseudointellektuelles Gejammer ist. Haben denn alle verlernt, auch mal eine Zeit der Ruhe zu genießen ? Die “stade” Zeit, wie es im bayerischen Sprachraum heißt. Die Natur kommt zur Ruhe und der Mensch sollte das auch, wenn irgend möglich, tun. Und selbst wenn sie an einem trüben Tag hinaus gehen, dann bekommen sie immer noch mehr Lux (Lichteinheiten) ab als im Zimmer.
    Ab und zu den Novemberblues richtig genießen tut gut. Sich zurück lehnen, Couchpotato sein, Tee trinken, Musik hören, Lesen usw.

  • Michael Risse

    Tageslichtlampe. Kostet halt paar Mark,wirk aber.
    Trotzdem täglic raus unter freiem Himmel,45-60 Minuten,egal wie bewölkt es ist,hilft auch.
    Hart arbeiten!