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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  12 Kommentare

Nummer Eins der Kostüme: Frau

Die beliebtesten Faschingskostüme von erwachsenen Kindern sind Piraten und Frauen. Die beliebtesten Kostüme von den Kindern unserer Autorin sind: General Grievous und Boba Fett. Was ist da schief gelaufen? So ziemlich alles!

Von Nataly Bleuel

Mütter, das haben Sie sicher auch schon mitbekommen, vergleichen sich andauernd. Es ist ein großer Wettbewerb in unserem Land, Spieglein Spieglein an der Wand – wer ist die perfekte Mutter im Land? Wer hat mehr Kinder? Wen hat es trotzdem nicht aus dem Beruf gekegelt? Wer kocht nebenher noch Marmelade von Bio-Khaki aus dem eigenen Garten? Und wer sieht dabei aus wie Claudia Schiffer nach der siebten Entbindung? All diese Anstrengungen können mit einem Streich zunichte gemacht werden: im Fasching.

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Man ist extra um fünf aufgestanden. Man hat extra ein Buch gekauft, das “Große Buch vom Schminken” und hat eine Miezekatze, eine Zuckerschnecke, eine Tigerkatze oder einen „Hell’s Angel“ (sic!) auf das Kindergesicht gepinselt. Und es noch rasch in irgendeinen wilden Fetzen gesteckt. Man ist stolz. Und dann betritt man zum Jahrmarkt der Eitelkeiten mit seinem Kind an der Hand den Laufsteg in Kita oder Schule. Und muss feststellen: Die anderen sind ja tausend Mal schöner als wir! Sie haben seit Wochen sämtliche Bastel- und Heimhandwerkermärkte der Stadt durchkämmt. Sie haben ihre Großmütter, Tanten und Cousinen für Näharbeiten eingespannt. Sie haben Nächte lang Kostüme geschneidert. Ihre Kinder sehen aus, als sollten sie sich in der Samba-Schule von Rio bewerben. Und ihre Mütter als Kostümbildnerinnen bei der Komischen Oper. Man sagt: „Wow, wie hast du denn das geschafft, du tolle Mutter!“ Und denkt: „Dir kratz ich die Augen aus, du blöde Angeberin!“

Ein einziges Mal habe ich den Wettkampf aufgenommen und ein Tigerfell-Kostüm genäht. Meine Jungs waren klein, ich übernächtigt und die Bastelei brachte mich an den Rand des Nervenszusammenbruchs. Dafür mussten meine beiden Jungs das Kostüm so lange tragen, bis sie so raus gewachsen waren und nicht mehr wie wilde Tiger aussahen. Sondern wie Riesenbabys, die aus einem getigerten Strampler ragen. Trotzdem: Dieses Kostüm hat über Jahre mein schlechtes Gewissen beruhigt. Irgendwann sagten meine Jungs dann, sie wünschten sich nur eines im Leben: coole Faschingskostüme. Eines von General Grievous und eines von Boba Fett. Bloß nicht selbst genäht! Sondern gekauft. „Das ist viel schöner.“ General-Grievous zu 79 Euro 90. Und Boba Fett zu 89 Euro 90.

Ich habe versucht, meinen Kindern beizubringen, dass der Karneval nicht dazu da ist zu zeigen, ob und wie viel Geld man hat. Oder ob und wie perfekt man als Mutter ist. Das hat sie natürlich nicht interessiert. Und auch nicht, dass alle anderen in der Schule auch als General Grievous und Boba Fett kommen wollten. Es geht also in unserem großstädtischen Kinderfasching, das habe ich schließlich begriffen, gar nicht um das ausgefallenste, phanasievollste Kostüm. Um Individualismus. Sondern darum, das zu tragen, was die anderen auch alle cool finden. Um Statussymbole.

Nun hat mir meine Freundin vom Fasching ihres Sohnes in der Waldorf-Schule in einem beschaulichen Ort am Rande der Stadt erzählt. Ihr Sohn gehe als Thor. Thor?! Sie habe Tage lang an dem Hammer gebastelt, mit dem der germanische Ober-Gott seine Donner schmettert. „Mit echtem Leder und so.“

Ich weiß nicht. Muttersein überfordert mich manchmal. Ich wär dann gern Mann. Einer von denen, die sich im Fasching als Frau verkleiden und sich scheckig lachen über die irre Kostümierung. „Frau“ ist nach Polizist und Pirat angeblich eines der beliebtesten Faschingskostüme von Männern. Bestimmt könnte man ne Menge Kohle machen mit dem Kostüm “Perfekte Mutter”. Aber von der Stange. Zu 89,90. Auf gar keinen Fall selbst gebastelt!

Foto: Olga Sapegina/Fotolia.com

Kommentare

  • pascal

    Naja, dann brauchen Sie ja nur warten, bis die Jungs endlich Männer geworden sind.

  • Tiger-Oli

    Vielen Dank, Frau Bleuel, für Ihren Artikel! Wenn wir doch alle ein wenig mehr Muße und weniger Tempo haben könnten … dann wäre schon viel gewonnen. Ist ja auch unsere Lebenszeit, die bei dem ganzen irren Trubel draufgeht.

  • Kathi J.

    komisch, solche Berichte stammen aus einer Art Parallelwelt.

    Ich kaufe für meine Jungs Kostüme im Supermarkt oder gebrauchte bei Ebay für maximal 10 Euro. Sie waren immer happy damit.
    Ansonsten hab ich zum Schneidern und Vergleichen neben Arbeit und Alltag keine Zeit – da trink ich abends lieber ein Glas Wein mit meinem Mann ;-)

  • Susanne

    Zwar nicht Fasching, bei uns hier in den USA Halloween: die Maedchen sind alle als Prinzessin verkleidet und bei den Jungs ist es einer der Superheros, nur unser kleiner benuegt sich noch mit etwas selbst gebasteltem. Interessanterweise gibt es diesen Wettbewerb nur in der deutschen Spielgruppe, wo sich die Muetter gegenseitig versuchen auszubieten.

  • wennad

    ja ich weiß auch nicht, woher solche berichte stammen… bei uns gibts jedes jahr zwei kostüme auch aus dem supermarkt. eins für fasching in der pfarrei, cafe, schule etc. und eins für draußen in fünf nummern größer, dass es über den schneeanzug paßt. bei regelmäßigem kinderbesuch, werden dann alle kostüme durchs ganze jahr getragen.

  • Geli

    also ich finde den Artikel super. Wahrscheinlich hat niemand die Ironie, die in dem Beitrag steckt, entdeckt. Außerdem spricht er tausenden von Müttern aus der Seele.

  • Jana

    Ich verstehe es nicht – und zwar, weil ich schon als Kind einfach die Dinge verwendet habe, die wir daheim hatten. Prinzessin oder Pirat ist ja jetzt wirklich keine Kunst – ein paar Tücher, Mutters oder Großmutters Unterrock, etc etc. Dazu eine Packung Schminkstifte, für die Prinzessin eine gebastelte oder gekaufte Krone, und fertig ist der Lack. Kinder können sich mit fast allem verkleiden – und meine Kinder haben sich bisher in keinster Weise geschämt oder angestellt. Kindsein hat doch auch etwas mit Kreativität zu tun… und nicht mit der perfekten Mutter, oder?

  • mediahead

    Als Vater von zwei Kindern (1x wahlweise Darth Vader, Sheriff oder Pirat, 5 Jahre) und einmal Eisbär (fremdbestimmt, 0,5 Jahre) möchte ich an dieser Stelle allen tatsächlich von obiger Problematik Betroffenen zurufen: Selbst Schuld! Man muss als Mutter (oder auch als Vater) eben unbequemes Verhalten AUSHALTEN. Und zwar sowohl das der Kinder wie auch das der anderen Eltern. Wer bin ich denn, dass ich mir wegen Menschen Stress mache, nur weil deren Nachwuchs von der örtlichen KiTa-Platz-Vergabestelle dem gleichen Ort zugeteilt wurden?? Ich bin doch nicht bl … na, ihr wisst schon!

  • Cordula Flegel

    Liebe Frau Bleuel. Nein, Mütter vergleichen sich nicht andauernd. Und meine Kinder wollen wie eh und je als Cowboy oder Prinzessin gehen. Oder ein Lichtschwert für 7 Euro haben, das sie dann den ganzen Sommer über benutzen. Ich bin es leid, solche albernen Redaktionsphantasien zu lesen. Es gibt sie vielleicht irgendwo: ein paar Mütter, die sich vergleichen, tagsüber Cappuccino trinken, irgendwas zuviel oder zuwenig wollen. Aber es ist entsetzlich dämlich, das auf alle Mütter in Deutschland zu projizieren. Sie könnten genauso gut behaupten, Mütter wählen die CSU, oder Mütter wollen lieber Väter sein. Ich finde es peinlich, dass sich eine Redakteurin dafür bezahlen lässt, solche frauen- bzw mütterfeindlichen Theorien aufzustellen. Sie tun sich selbst keinen Gefallen. Und mir auch nicht.

  • Marianne

    Liebe Frau Bleul, habe herzlichaft gelacht !
    Hier fühlen sich doch alle Mütter mit Sinn für ein wenig Selbstironie ertappt.
    Sehr schöner Artikel.

  • Elisabeth

    Frau Bleul, Chappeau! ich fühle mich ertappt. Dieses Jahr habe ich mich voll reingeschmissen in Kinderfasching und stolz bei facebook gepostet. Konnte nicht anders. Vielen Dank für Ihren Artikel- gut gelacht!

  • Rosenhagen

    Selten so gelacht – nicht nur über den Artikel, sondern auch über einige Kommentare.