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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  9 Kommentare

Die Nummer Einsen der Popkultur: Die Ewig-Morgigen

105 Jahre alte Facebook-Nutzer, eine 72 Jahre alte DJane und Heino singt Rammstein: Woran soll die Jugend heutzutage eigentlich noch erkennen, dass sie die Jugend ist?

Von Boris Herrmann

Edythe Kirchmaiers Hochzeitsfoto. Sie hat es mit 105 auf Facebook gepostet.

Neulich hat die Facebook-Nutzerin Edythe Kirchmaier ein paar private Fotos hochgeladen. Sie stammen von einer offenbar sehr kurzweiligen Party. Kirchmaier trägt auf den Bildern eine blaue Pappkrone und lacht, als habe sie gerade eine Flasche Champagner auf Ex geleert. Dabei wurde nur Mineralwasser ausgeschenkt, wenn die Beweisfotos nicht trügen. Umso besser, denn die Dame ist später anscheinend noch mit dem Auto nach Hause gefahren. Von der Feier ihres 105. Geburtstages.

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Es heißt, Edythe Kirchmaier sei nicht nur die älteste in Kalifornien registrierte Autofahrerin, sondern auch die älteste Facebook-Nutzerin der Welt. Als der Firmengründer Mark Zuckerberg geboren wurde, war sie 76 Jahre alt. Dann zogen noch einmal knapp drei Jahrzehnte ins Land, bis Kirchmaier vor wenigen Wochen endlich ihre soziale Netzwerk-Ader entdeckte. Laut amerikanischer Medienberichte hatte sie zunächst Probleme, ihren Account zu eröffnen, weil es gar nicht möglich war, bis zu ihrem korrekten Geburtsdatum, dem 22.01.1908, zurück zu scrollen. Inzwischen hat Facebook seine Software allerdings dem allgemeinen Anstieg der Lebenserwartung angepasst. Anmelden können sich jetzt alle Junggebliebenen, die nach dem 31.12.1904 geboren wurden.

DJ Ruth Flowers am Plattenteller

Man kann davon ausgehen: Wenn es solch ein Angebot gibt, gibt es auch eine Nachfrage. Da die Menschen immer älter werden, aber zumindest hierzulande nur bis 67 arbeiten dürfen, müssen sie sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens nun mal anderweitig verdingen. Viele scheinen das Problem dadurch zu lösen, dass sie einfach wieder jünger werden. Wahrscheinlich gibt es inzwischen mehr Facebook-Omas als Werther’s-Echte-Opas, die in Pantoffeln vor dem Kachelofen sitzen und vom Kriege erzählen. Im Grunde ist auch nicht das Geringste dagegen einzuwenden, wenn der ein oder andere Ewig-Gestrige zum Ewig-Morgigen wird. Das Problem ist bloß: Woran soll die Jugend heutzutage eigentlich noch erkennen, dass sie die Jugend ist?

Dafür war ursprünglich einmal die sogenannte Popkultur zuständig. Aber selbst die stellt sich mehr und mehr in den Dienst des demografischen Wandels. Im Grunde spricht die Popkultur ja mittlerweile dieselbe Zielgruppe an wie die Brettspiele von Ravensburger: alle von 6 bis 99.

Am Freitag erklimmt hochoffiziell ein 74-Jähriger Schlagersänger namens Heino die Spitze der deutschen Album-Charts. Zum ersten Mal übrigens in seinem bewegten schwarzbraun-nussigen Leben. Es sei ihm von Herzen gegönnt, denn die Idee, die Lieblingslieder jener jungen Hüpfer nachzuspielen, die ihn am meisten verachten, hat Charme. Heino hat mit seinem Spätwerk sogar das 55-jährige Nachwuchs-Talent Matthias Reim („Verdammt, ich lieb’ dich“, „Verdammt, ich hab’ nix“) von der Tabellenspitze verdrängt. Das neue Heino-Album heißt „Mit freundlichen Grüßen“, und die leiten wir gerne weiter nach Dresden, wo am Wochenende im Kraftwerk-Club DJ Ruth Flowers am Plattenteller steht. Die Britin ist 72 Jahre alt und trägt eine ähnliche Rockersonnenbrille wie Heino. Früher war sie Operettensängerin. Seit ein paar Jahren geht sie mit ihren House-Samples auf Welttournee.

Heino.

Ist es ein Wunder, dass die Kids die Orientierung verlieren, wenn die Rentner ihnen allerorten vorleben, wie man erfolgreich jung sein kann? Um heutzutage noch Teil einer jugendlichen Jugendbewegung zu sein, reicht es ja nicht einmal mehr aus, sich mit einem Joint in die hinterste Ecke des Schulhofs zu verziehen. Neulich erwischte die Polizei bei einer Verkehrskontrolle einen 74-jährigen Rentner mit zwei Kilogramm Haschisch. Es hieß, der Mann stehe im Verdacht, das Zeug aus den Niederlanden nach Deutschland geschmuggelt zu haben, um es in der Region Nürnberg zu verticken. Die erfolgreiche US-Serie Breaking Bad lebt bekanntlich von der abstrusen Idee, wie ein etwa 50-jähriger Chemielehrer zum besten Dealer von New Mexiko aufsteigt. Die Realität ist offenbar: In Nürnberg verteilen 74-Jährige die Drogen.

Für die Jugend der Welt ist es grundsätzlich kein schlechtes Signal, dass der Papst nun fristgerecht zum Monatsende gekündigt hat. Wenigstens ein älter Herr, der sich zu seinem Alter bekennt, möchte man meinen. Wobei auch nicht mit letzter Gewissheit auszuschließen ist, dass er es nur getan hat, um mehr Zeit zum Twittern zu haben.

Kommentare

  • Joachim Waack

    Vielleicht heiratet Herr Ratzinger seine Jugendliebe?
    Das wäre doch DIE Krönung des Geschehens…

  • FocusTurnier

    “Woran soll die Jugend heutzutage eigentlich noch erkennen, dass sie die Jugend ist?”

    Indem sie endlich mal Zeichen sett! Akzente! Und nicht nur mucksmäuschenstill in der Ecke hockt und mit sich sebst beschäftigt. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, die Geschlechter gegeneinander aufzuhetzen, könnte sie ja mal aufstehen, daß iphone liegen lassen und gegegn die Kinderarbeit und ruandischen Minen demonstrieren, aus denen die Edelmetalle für die elektronischen Spielereien kommen. Die Jugend heutzutage ist farblos. Jedenfalls von außen gesehen. Sie will sich nicht entscheiden, sie will keine Richtung vorgeben oder andeuten. Schade eigentlich. Denn es geht auf dieser Wlt ja auch um deren Interessen und deren Leben.

    MfG
    FT

  • Wolfgang Schulte

    sie meinen also, wenn ich mit 64 in sozialen netzwerken unterwegs bin, ist das schlecht für die jugend? sie können mich mal kreuzweise, leute wie sie sollten aus dem internet verbannt werden! gegen solche diskriminierung muss man sich doch zur wehr setzen!

  • Mechthild Gotzen

    Also das ist eine Frechheit! ist es jetzt unmoralisch, wenn sich Senioren in die Gesellschaft intgrieren?

  • Roberto Zerquera

    Ich bin 75 und feier oft und gerne auch gemeinsam mit Jugendlichen in modernen Clubs. Meine Frau liebt elektronische Musik und viele unserer Freunde sind auch jünger. Warum sollten wir das nicht dürfen? Die “guten alten” fünfziger jahre sind vorbei. Heute feiern alt und jung zusammen, und das ist auch gut so. Schämen sie sich für diesen unsäglichen Artikel.

  • Rafael de la Riva

    Altersdiskriminierung ist eins der massivsten Probleme unserer Gesellschaft und hier wird das untrstützt? Vielen Dank, das wars mit meinem SZ-Abo.

  • Illoo Brand

    Einfach nur pervers und menschenverachtend die Meinung der Autoren. Traurig dass solch ein hetzerischer Dreck bei einer angesehenen Zeitung wie SZ veröffentlicht wird.

  • Werner Walter

    Das ist als ob man sagen würde, Frauen sollen sich aus der Arbeitswelt raushalten – Woran sollen Männer erkennen, dass sie noch Männer sind? Beides sind Fälle von Diskriminierung und unterste Schublade. Einfach nur abartig…

  • Keiner

    Den Artikel kann man eigentlich nur wegen den netten Fakten (105 Facebooknutzerin konnte sich auf Grund technischer Beschränkungen nicht anmelden) lesen. Der Rest ist einfach nur abstrus. Wahrscheinlich gab es schon immer alte Leute die auf biegen und brechen jung sein wollten. Ich persönlich finde das nur lächerlich und würde das Alter liebe mit Würde genießen. Was nicht heißen soll, dass die Leute nicht die neuen Medien nutzen sollen, oder das machen was ihnen Spaß macht. Aber muss ich mir dann eine Sonnenbrille aufsetzen oder einen Totenschädelring tragen? Diese Affektiertheit wirkt einfach nur lächerlich. Und das dabei am Ende nicht unbedingt etwas gutes herauskommen muss, sieht man bei dem Cover-Album von Heino.