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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  52 Kommentare

Nummer Eins der Lebensgefahren: Ostern

Unsere Autorin dachte, dass sie ihre Familie nur im Auto transportieren könne. Dann gab es einen Unfall, das Auto wurde abgeschafft. Und siehe da: Es geht auch ohne.

Von Nataly Bleuel

Frohe Ostern und gute Fahrt! (Foto: dpa)

Vor einem Jahr, am 29. März 2012, habe ich zum letzten Mal in unserem Auto gesessen. Dann kam es unter die Räder. Auf dem Weg in die Osterferien. Und mit ihm meine Familie. Das Auto hatte einen Totalschaden und mein Kind auch, an seinen sieben Schädelbrüchen wäre es beinahe gestorben. Seither haben wir kein Auto mehr.

Es gibt, das habe ich beobachtet, zwei Sorten von Menschen: für die einen ist das Auto „Freiheit“, für die anderen Ballast. Dass ich schon immer zur zweiten Gruppe tendierte, erkennt man nicht nur an den Anführungszeichen. Sondern auch daran, dass ich mich jetzt ohne Auto befreit fühle. Erleichtert, erlöst.

Wenn man zwei kleine Kinder bekommt, glaubt man, ohne Auto könne man das alles nicht wuppen. Die Kinder kriegen auch noch zwei Gefährte, die so groß sind, dass man glaubt, unbedingt ein Auto zu brauchen, das einen sehr großen Kofferraum hat und überhaupt: „groß genug“ ist. Im Verhältnis zu Autos, die Familien früher gefahren sind. Manchmal fragte ich mich: Wie haben die Menschen das früher geschafft, in den Urlaub zu fahren, mit zwei Kindern und Buggys und Gepäck? Meine Eltern zum Beispiel, die ihren Renault 16 für ein stattliches Gefährt hielten. Auf das wir heute hinunter spucken würden. Aus unseren PlayBigs – im Vergleich zu PlayMobils. Aber ich hatte mich daran gewöhnt. Und wenn das Auto mal streikte, wurde ich panisch. Weil… das geht doch nicht: mit Kindern in die U-Bahn, was ist mit den Einkäufen und wie kommen wir mit all dem Gepäck in die Osterferien?

Es geht. Ganz einfach. Wir leben mitten in der Stadt. In unserem Kiez kann man alles einkaufen. Große Dinge lassen wir uns liefern. Manchmal fahren wir Taxi. Und ich habe – zu meiner eigenen Überraschung – kapiert: Ein Bus fährt sogar in das Bergdorf, in dem wir Urlaub machen. Und: Die Fahrten dauern noch nicht mal länger als mit dem Auto. Nur dass es keinen Stau gibt. Zeit zum Lesen. Und ein wunderbares Gefühl von Sicherheit. Das ich nie hatte, wenn ich meine beiden Kinder auf ihren Rücksitzen angegurtet hatte und los fuhr, um über die Autobahn zu brettern, möglichst schnell, damit wir es hinter uns haben.

In unserem Viertel gibt es zwei Car-Sharing-Posten und in der ganzen Stadt Tausch-Autos. Der Gedanke an diese Option hat uns den durch den Schock gedämpften Entzug erleichtert. Vor allem meinem Freund, der zur ersten Kategorie von Menschen gehört: Sein Vater ist Auto-Bauer und glaubt, ein Mensch ohne Auto sei wie ein Fisch ohne Flossen. Den Clou kann ich mir nicht verkneifen: Mein Freund fährt jetzt Fahrrad. Und wir sind nicht mal Mitglieder eines Auto-Tauschrings geworden.

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Was ich sagen will: Es lässt sich auch ohne Auto leben. Als Familie. Und sogar sehr gut. Das wollte ich schon lange aufschreiben. Nur es mochte keiner drucken. Ich bin kein ambitionierter Verschwörungstheoretiker. Aber all die Magazine, für die ich schreibe, leben von Anzeigen. Und wenn es die von “familienfreundlichen” Autoherstellern sind. Die Sicherheit versprechen. Und mittlerweile das Auto auch als Social Medium positionieren, zum Tausch, Auto 2.0.

Am Ostersonntag vor einem Jahr stand mein Kind nach vier Tagen Koma und zehn Tagen Bett zum ersten Mal auf und lief von der Intensivstation über den Flur zum Kreißsaal. Meine Freundin bezeichnete diesen Gang als eine wunderbare Auferstehung. An jenen Gang denke ich in diesen Tagen natürlich besonders häufig, und an unsere letzte Fahrt. Auch weil mich die Staumelder-App, die ich immer noch auf meinem Handy habe wie ein memento mori, daran erinnert: dass der Karfreitag einer der Tage mit den meisten und längsten Staus auf den Autobahnen ist. Dieses Jahr fällt der Karfreitag auf den 29. März.

Das Auto mit meiner Familie drin stand als letztes im Stau. Da raste einer hinein. Dessen Auto war noch größer und stärker als unseres.

Ich wünsche allen eine gute Fahrt, kommen Sie gesund an Ihr Ziel – und vielleicht treffen wir uns mal in Bahn, Bus oder Tram.

Kommentare

  • Manu

    @schmidt georg: HellmutB hat Recht: Die großen sind Neun-Sitzer. Erst ab der zehnten Person braucht man einen Personenbeförderungsschein. Aber eigentlich geht es bei Ihrer Diskussion ja auch gar nicht darum, wie viele Menschen in das Auto passen: denn die modernen Neun-Sitzer verbrauchen weniger Kraftstoff als manch “alter” Zwei- oder Vier-Sitzer. Hier kann also ewig lang weiterdiskutiert werden… Viel Spaß.