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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  16 Kommentare

Die Nummer Eins der Geschmacklosigkeit: Die Tomate

Unser Autor wunderte sich, dass die wässrige Supermarkt-Tomate seit vielen Jahren im  Gemüse-Ranking dominiert. Dann begann er ihrer Erfolgsspur zu folgen und entdeckte: Deutschland ist nicht nur voller Tomatenesser, sondern auch voller Tomatenexperten, Tomatenlobbyisten und Tomatenfans.

Von Boris Herrmann

Den Roten, auch von dieser Stelle, herzlichen Glückwunsch zur deutschen Meisterschaft! Der Sieg ist vielleicht nicht überraschend, aber dafür überraschend deutlich. So weit wie jetzt hat der Rekordmeister die Konkurrenz schon lange nicht mehr distanziert. Hier also die frisch veröffentlichte  Abschlusstabelle der zurückliegenden Gemüsesaison.

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Laut der Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft in Bonn kaufte jeder deutsche Haushalt im Schnitt:

1.   Tomaten: 11,3 kg

2.   Karotten: 8,4 kg

3.   Zwiebeln: 7,3 kg

4.   Salatgurken: 7,1 kg

5.   Paprika: 5,6 kg

6.   Eisbergsalat: 3 kg (die Plastikfolie nicht mitgerechnet)

Platz 7 teilen sich Blumenkohl und Spargel mit jeweils 2,3 kg (sie müssen vermutlich in die Relegation). Für den Lauch (1,6 kg) und die Zucchini (1,4) wird es dagegen schwer, die Lizenz zur nächsten Erstligasaison zu erhalten.

2011 gewann übrigens: die Tomate. 2010 ebenfalls. Genau so wie in allen anderen Jahren seit 2000. Seither ist der Pro-Kopf -Verbrauch um rund 600 Gramm gestiegen. Wir leben im Jahrtausend der Tomaten-Dominanz. Der FC Bayern München, seines Zeichens Rekordmeister im Fußball, ist verglichen mit diesem Gemüse ein kleiner Fisch.

Warum die Deutschen so viele Tomaten essen, erschließt sich wohl nur denjenigen, die noch nie eine probiert haben. Eine Karotte kann kräftig, süßlich, nussig, erdig, zartbitter oder muffig schmecken. Hierzulande handelsübliche Tomaten schmecken dagegen immer gleich (die besser schmeckenden alten Sorten sind mengenmäßig zu vernachlässigen). Ich will nicht sagen, dass sie nach nichts schmecken. Denn das wäre übertrieben. Sie schmecken nach absolut, definitiv wirklich überhaupt gar nichts.

Die allseits beliebte Ernährungsindustrie hat in den vergangenen Jahrzehnten keine Mühen gescheut, der Tomate die letzte Spur Tomatenhaftigkeit auszutreiben. Sie züchtete pralle, rote Kugeln, eine schöner als die andere. Und unkompliziert für Transport und Geldbeutel. Den Deutschen schmeckt es jedenfalls, wenn es neutral schmeckt. 11,3 Kilogramm Wasserbällchen pro Haushalt muss man erst einmal schaffen.

Deutschland scheint aber nicht nur voller Tomatenesser zu sein, sondern auch voller Tomatenexperten, Tomatenlobbyisten und Tomatenfans. Wer der Erfolgsspur dieser Gemüsefrucht (sie entsteht aus der Blüte und wird deshalb von einigen Fachmännern den Obstsorten zugeteilt, während andere Tomaten-Koryphäen argumentieren, sie gehöre, obschon sie Frucht und Samen beinhalte, als Nachtschattengewächs, das weder Baum noch Strauch sei, eben doch zum Gemüse), wer also dieser Erfolgsspur auch nur für einen Moment ins Internet folgt, der wird schnell feststellen: Es gibt inzwischen mehr Tomaten-Foren als Piraten-Wähler. Vor allem ist dort die Stimmung besser. Man liest spannende Abenteuer von der „weitgereisten Aztekenfrucht“, erfährt viel Wissenswertes über „die rote Vitamin-Bombe“ und stößt gelegentlich gar auf Wildromantisches im Zusammenhang mit dem sogenannten „Liebesapfel“. Etwa das hier: „Rote Nägel und Nudeln mit Tomatensauce – dann wird jeder Sommerflirt ein Erfolg!“

Wer keinen Internetanschluss hat und trotzdem glücklich werden will, der kann auch 0201-8945889-0 wählen. Das ist der Anschluss vom „Informationsbüro Tomate“, das übrigens nur rein zufällig in Essen sitzt. Dort nimmt eine wirklich sehr nette junge Dame den Hörer ab und verweist zunächst einmal, alle Tomateninformationen betreffend, auf die hauseigene Webseite www.my-tomato.info.

Jetzt weiß ich endlich, wie naiv es war, die Tomate auf das gängige Klischee zu reduzieren, sie sei vor allem ein Nahrungsmittel. Denn: „Die MyTomato-Community ist Kernstück der Erlebniswelt rund um die Tomate.“ Es gibt in dieser Welt Tomaten-Fitness-Tests, Tomaten-Flash-Mobs, Tomaten-Radtouren, Tomaten-Stadtläufe. Und wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis der FC Bayern seine Kunstlederbälle durch Fleischtomaten ersetzt.

Die wirklich sehr nette Tomatenfrau sagt, das „Infomationsbüro Tomate“ sei eine von der EU geförderte Initiative, um den Verzehr von Tomaten spürbar zu fördern. Aber ist das denn notwendig? Die Möhrchen und Zwiebelchen können doch ohnehin nicht mithalten! „Wir schauen nur auf uns“, wendet die Tomatenfrau ein. Die Bevölkerung gehe langfristig zurück. Der Absatz solle trotzdem stabil bleiben. Immer weniger Deutschen müssen also auf Geheiß der EU immer mehr Wasserbällchen essen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wofür sich Europa so alles engagiert.

Gibt es auch ein Informationsbüro Salatgurke? Und wenn nicht, erklärt das vielleicht, weshalb die Gurke im Vergleich zu den Vorjahren im Gemüse-Ranking von drei auf vier abrutschte? Sind Tränen geflossen, als die Zwiebel an ihr vorbeizog?  Und wer kümmert sich bei der EU eigentlich um die Kartoffel-Kultur?

Jeder Deutsche verspeist durchschnittlich knapp 60 Kilo Kartoffeln pro Jahr. In den Gemüse-Charts tauchen die aber nicht auf. Es sollte niemanden wundern, wenn sich das demnächst zu einem großen Potato-Leaks-Skandal auswächst. Die Tomaten-Lobby in Essen gibt sich an dieser Stelle leider schweigsam wie Wurzelgemüse. Die unparteiische Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft in Bonn teilt auf Anfrage immerhin mit: „Kartoffen werden extra erfasst. Das war schon immer so.“

In der alternativen Gemüse-Meisterschaft, in der nur die Kartoffel mitspielt, hat übrigens auch in der zurückliegenden Kartoffel-Saison wieder die Kartoffel gewonnen.

Kommentare

  • Sigi

    Aehm naja man braucht halt auch einfach weniger Zwiebeln in einer Tomatensosze oder im Salat als Tomaten?!

  • schmidt georg

    wenn ich in die Stadt fahre, kommen ich an den alten Gewächshäusern vorbei, in denen früher deutsche Gemüse gezogen wurde-jetzt wächst Unkraut darin und die Scheiben sind kaputt, die Tomaten kommen aus.irgendwoher-man kann sie kaum essen-so hart sind sie zur Zeit-man verkocht sie, so mit Butterbrot , wie früher, da wart ich erst mal ab, bis die Sommerernte kommt-die Kartoffeln sind zZ eine Katastrophe, ich habs meinem Supermarkt gesagt, wie auch die anderen Früchte, wären Erdbeeren nicht so billig, sag ich mal, ich würde keine kaufen, die Hälfte kann man wegwerfen-bei den Kartoffeln kommt jetzt alle Woche ein deutscher bauer vorbei-da kauf ich dann einen Eimer voll-Gurken-ich liebe Salat-aber die Salate-Gurken, hart unappetitlcih ohne Geschmack, früher gabs eben Satalt nur in den Erntemonaten, heute rund um den Kalender, also bei Licht besehen- was wir zZ essen, ist ziemlicher Schrott,!

  • Treml Franz Xaver-Raritätengärtnerei

    Sollten Sie wirklich hervorragende Tomaten mal probieren und sich informieren was es noch so alles an Tomaten gibt, schauen Sie in das Buch vom F.X.Treml
    TOMATEN-Von,um und über ein begehrtes Früchtchen oder über 250 Sorten Tomaten in http://www.pflanzentreml.de

  • Hlavacek

    Wozu die Aufregung. Der Verbraucher muss mit seiner Kaufmacht wor Augen halten, dass die deutsche Lebensmittelindustrie wesentlich gefährlicher ist als die deutschen Kernkraftwerke!

  • Hörsch, Walter

    Da hat eine Autor viel geplappert (Zeilengeld), aber wenig gesagt.
    Selbst angebaute Tomaten schmecken eben doch viel besser als “Wasserbällchen.”

  • Helmut Fickenwirth

    Schon meine Mutter klagte Anfang der 30ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ueber einzeln-in Seidenpapier verpackte, herrlich aussehende aber nach Nichts schmeckende Aepfel, importiert aus Amerka. Ich wohne seit 5 Jahrzehnten in USA, wo das Uebel seinen Anfang nahm. Da aber alle Welt alles nachaefft, was aus Amerika kommt, habt ihr in Deutschland jetzt auch diese Sch–sse.

  • Karsten

    Kein Kommentar zum Vorstoß der Biotech Firmen zur Patentierung von Gemüsearten durch eine europäische Gesetzeslücke? Dann interessiert mich auch die Gurke nicht…

  • Bondarev, Frank

    Armer Mann. Geht in den falschen Supermarkt. Musst zu Aldi gehn. Da gibst die geilen Tomaten. Tasty Tom und Romantic, nix wässrig, nix laff.

    Nee, diese Feuilletonisten wollen einem auch alles vermiesen.

  • Lagreiner

    So ganz zustimmen kann ich nicht. Weder zähle ich zu den Experten noch zu den Lobbyisten – aber aromatische, wohlschmeckende Tomaten findet man auch im Supermarkt. Das Problem ist, dass es keine Gewissheit gibt, ob das was man gekauft hat, auch schmeckt. So findet man marrokanische, angeblich sonnengereifte Tomaten, die nur schnittfest-wässrig sind und denen man offensichtlich das Tomaten-typische Glutamat weggezüchtet hat. Dagegen gibt es sogar holländische Tomaten, mit Fantasienamen werblich aufgemotzt, die den hochgepriesenen italienischen durchaus Konkurrenz machen. Dass allerdings die Tomate aus dem eigenen Garten am besten schmeckt, bleibt unbestritten. Ob die in diesem Jahr was werden, weiß der Himmel.

  • köstlich

    besonders alte, nicht industriegängig sorten schmecken zum teil umwerfend

  • Felix

    Evtl. ist die wässrige Tomate so beliebt weil keine alternativen Sorten im Supermarkt angeboten werden?

  • Schmausepost vom 12. April 2013 – Newsletter | Schmausepost

    [...] Geschmack­lo­ser Lieb­ling: Die Tomate ist unser liebs­tes Gemüse: 11,3 Kilo ver­drückt der Durch­schnitts­deut­sche im Jahr. Doch warum? Schließ­lich sind die roten Was­ser­bäll­chen, die es im Super­markt gibt, doch weit­ge­hend geschmack­los? Das SZ Maga­zin geht dem Mythos der Tomate nach und schreckt dabei auch nicht vor dem „Infor­ma­ti­ons­büro Tomate“ in Essen zurück. SZ Maga­zin [...]

  • Nataly Bleuel

    Lieber Boris, einige Forscher behaupten, in Tomatensaft seien beruhigende Substanzen. Deswegen würden alle Menschen im Flieger Tomatensaft trinken. Und am Boden dann essen? Werden wir Deutschen von der Tomatenindustrie sediert? Und könntest du bitte beim nächsten Mal der Frage nachgehen: Wieso zu Bomben gepresster Salat auf Platz 6 steht? Wird der gebunkert? Für Zeiten, wo wir mal keine Tomaten mehr kriegen? lieben gruß, Nataly

  • Lothar Klatt

    Gutschmeckende Tomaten erkennt man ganz leicht am intensiven Duft! Slow Food Ulm

  • Anonymous

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