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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  2 Kommentare

Die Nummer Eins der undankbaren Jobs: Zeitungsreporter

Einer aktuellen Studie zufolge ist Tageszeitungsjournalist der schlimmste Beruf der Welt. Seltsam, dass uns das nicht selber aufgefallen ist.

Von Boris Herrmann

zeitung

Geahnt hatte ich es schon länger. Jetzt habe ich es endlich schriftlich: Ich bin das ärmste Schwein der Welt.

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Ich arbeite bei einer Zeitung.

Sicher, es gibt noch andere ärmste Schweine. Alle meine Kollegen gehören zum Beispiel dazu. Ich bin, wenn man so will, auf einer ärmsten Schweinefarm beschäftigt. Aber das macht die Sache ja nicht besser. Zum Trost treffe ich mich nach Feierabend manchmal mit befreundeten Journalisten von anderen ärmsten Schweinefarmen, um ein Bier zu trinken. Dann reden wir zunächst über die Schweinewelt im Allgemeinen, später über Aspekte der Schweinewelt im Besonderen und schließlich über die neusten Fußballergebnisse.

Unter den Programmpunkten eins und zwei ging es dieser Tage um eine Studie des Netzwerks “CareerCast” aus Amerika. Darin wurde ein Ranking der besten und schlechtesten Berufe der Welt erstellt. Auf dem ersten Platz landete: Versicherungsmathematiker. Letzter wurde: Zeitungsreporter.

Jemand von CareerCast teilte mit, der Job des Zeitungsreporters habe in den vergangenen fünf Jahren dramatisch an Anziehungskraft verloren. “Das hat mit dem großen Stress, dem Zeitdruck und der schlechten Bezahlung zu tun.” Das mit dem Zeitdruck ist wirklich ein Problem. Gegen 17 Uhr, wenn der Versicherungsmathematiker erst so richtig in die Gänge kommt, müssen wir Reporter schon wieder nach Hause, weil die Zeitung angedruckt wird.

Auch die ständige Anforderung, unter allen Bedingungen eine Story zu bekommen, wirke sich nachteilig auf das Gemüt des Journalisten aus, stellten die Wissenschaftler fest. Jetzt kann man natürlich einwenden: Wenn man versucht, eine Studie unter allen Bedingungen in die Zeitung zu bekommen, ist es nicht die schlechteste Idee, die Journalisten auf den letzten Platz zu setzen. Die berichten dann wenigstens darüber. Wären, nur so als Beispiel, die Holzfäller Letzter geworden, dann hätten sie ihr Leid einer alten Eiche da draußen im Mischwald klagen können. Ansonsten hätte von der Studie aber niemand etwas erfahren. Und gewiss hätten es nicht einmal die Eichen richtig verstanden, weil die Kettensägen der Holzfäller immer so laut sind.

Die Holzfäller sind Vorletzter geworden. Das verdunkelt die Zukunftsperspektiven meiner Zunft zusätzlich. Wenn es irgendwann keine Holzfäller mehr gibt, kann auch kein Papier mehr hergestellt werden. Dann gibt es bald auch keine Zeitungsreporter mehr.

Dann schreiben wir eben alle im Internet, sagen die Berufsoptimisten. Dabei muss man gar kein Versicherungsmathematiker sein, um zu ahnen, dass dem eine Fehlkalkulation zugrunde liegt. Die meisten Online-Kolumnisten leben derzeit davon, genüsslich über die alten Holzmedien zu lästern. Die könnten dann auch einpacken, wenn das Holzhandwerk zugrunde ginge.

Holzfäller und Journalisten aller Couleur sollten jetzt zusammenhalten. Vielleicht müssten wir uns auch mit den Bohrinselarbeitern, den Schauspielern sowie den Soldaten ohne Offiziersrang verbünden, die auf der Liste der 200 besten Jobs die Plätze 196 bis 198 belegen. Wenn die Bohrleute kein Öl mehr fördern, um das sich die Soldaten dann streiten können, dann gehen uns Zeitungsleuten wahrscheinlich irgendwann die Reportagethemen aus. Das wiederum wäre fatal für die Holzfäller. Nur gemeinsam, indem wir uns gegenseitig die Zukunftsperspektiven zuschustern, haben wir eine Chance, uns an den Tellerwäschern (Platz 187) den Disk-Jockeys (179) oder den Müllmännern (160) vorbei zu schieben. Bleibt die Frage, was wir in unserer Interessengruppe mit den Schauspielern anfangen sollen? Darauf gibt es keine schlüssige Antwort, aber irgendjemand muss ja den letzten Platz im Job-Ranking besetzen – und wenn es am Ende George Clooney trifft.

Wahrscheinlich sitzt Clooney genau so wie ich manchmal mit den Kollegen bei einem Feierabendbier zusammen und dann träumen alle davon, sie hätten etwas Ordentliches gelernt und wären Versicherungsmathematiker geworden. Mathe war schließlich schon in der Schule das Schönste (neben Nachsitzen und Vokabeltests). Außerdem hat man später dann ganz tolle Möglichkeiten, sich auf Krankenversicherungsmathematik, Rentenversicherungsmathematik oder Hausratsversicherungsmathematik zu spezialisieren. Versicherungsmathematiker sind Manager des Risikos. Ihre Jobs sind sicher, solange es Unsicherheiten in dieser Welt gibt. Das kann dem Vernehmen nach noch ein paar Jahre dauern.

Ich bin mir jetzt zum Beispiel auch nicht mehr ganz so sicher. Anlässlich des sogenannten “Tages der Arbeit”, der ja vor allem daran zu erkennen ist, dass fast niemand arbeitet, weder die Hausratsversicherungsmathematiker noch die Holzfäller,  fühlen sich wieder zahllose Menschen der Tradition verpflichtet, etwas Mai-Artiges zu unternehmen. Sie gehen hinaus, um sich gegenseitig Steine an den Kopf zu schmeißen oder mit dem Rad ziellos im Mischwald herumzufahren. Wir Zeitungsreporter sitzen dagegen gemütlich in unserer Redaktionsstube, am nächsten Tag muss ja eine Zeitung erscheinen, um dort über die armen Menschen zu schreiben, die Steine werfen oder im Wald herumradeln müssen. Das sind dann so Tage, an denen ich plötzlich ins Grübeln gerate, ob ich wirklich zu den ärmsten Schweinen der Welt gehöre.

Kommentare

  • Melody

    Cooler Artikel!

  • Peter

    das hast du ja schon immer gewusst (Ich spreche nur von der Headline!()