Anzeige

Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  62 Kommentare

Die Band Nummer Eins

Warum hören die Deutschen zur Zeit am liebsten düsteren Schlagerrock?

Von Max Fellmann

Auf Platz 1 der deutschen Album-Charts steht gerade eine Band mit dem Namen Unheilig, ihr Album heißt Große Freiheit, der Bandname klingt, huch, fast satanistisch, der Plattentitel aber nach Hans Albers, komische Mischung. Ich befürchte Schlimmstes, noch dazu, weil der Sänger, ein Mann, der sich “Der Graf” nennt, auf Fotos immer so tut, als sei er Mephisto persönlich (auf dem Bild hier sieht er vergleichsweise freundlich aus). Aber irgendwas an ihm und seiner Musik  muss funktionieren, die Menschen kaufen seine CDs wie wild. Also hinhören.

Anzeige

Die Musik: böllernde Tanzbeats und dicke E-Gitarren, so eine Art Rammstein light, das freut die Menschen, denen Rammstein bei aller Freude am Dunklen dann doch immer ein bischen zu hart ist. In seinen Texten droht und raunt und bedeutungshubert “Der Graf” ordentlich, ständig geht es um Aufbruch und Endzeit, auch so ähnlich wie bei Rammstein, aber viel milder, mit einer Prise Maffy und einigen Tupfern Naidoo drin, und dann geht es auch schon wieder um die Liebe, sehr beruhigend. Wenn gerade ein paar übergroße Worte zur Hand sind, wird nicht unnötig gebremst: „Nichts ist für immer und für die Ewigkeit / Ich halte dich“ und solche Sachen. Die Lieder tragen finstere Titel – „Seenot“, „Abwärts“, „Unter Feuer“ –, und Herr Graf kommt mit insgesamt ca. 30 Wörtern aus, das Wichtigste ist „Stern“: „Dein Stern steht über mir / zwischen Himmel und dem Meer“. Oder: „Durch den Sturm zum Himmelreich / ich such die Sterne und den Mond “.

Was ist das für ein Fernweh, Sternweh, das da zum Ausdruck kommt? Irgendwie erinnert es alles an die zur Zeit so erfolgreichen Vampir-Filme – hier wie dort geht es um dieses vage Gefühl (das vor allem pubertierende Jugendliche kennen), zu einer missverstandenen Minderheit zu gehören, allein zu sein, in ständiger Opposition zur Gesellschaft. „Worin liegt die Wahrheit? / Will ich sie verstehen? / Ich werde damit leben / und mit Dir nach vorne sehn“ wird da gesungen. Diese Zeilen stammen übrigens aus einem Lied mit dem Titel „Heimatstern“, doch, wirklich, ich kann ja nichts dafür.

Es ist natürlich wieder die alte Sache mit dem Eskapismus: Die Menschen benutzen diese Musik, um sich abzulenken. Sie finden Erleichterung, weil sie mit ihrer Alltags-Depression nicht allein sind, und manchmal, wenn die Gitarren richtig laut werden, dann stellen sie sich ein bisschen breitbeinig hin und sagen, ja, ich bin nur ein kleines Licht in der Masse, aber ab und zu höre ich ganz schön düstere Musik mit ganz schön düsteren Texten, und dann schau ich richtung Horizont wie der Prophet auf dem Berg, jawoll! Aber keine Gefahr: Immer wenn es kurz zu dunkel wird, kippt die Musik wieder ins Schlagerhafte. Der Heimatstern bleibt jederzeit in Sichtweite.

Vielleicht ist der Bezug zu Hans Albers doch gar nicht so verkehrt – der hat schließlich auch Lieder vom Aufbruch, von der Flucht gesungen, damit die Leute brav sitzen bleiben und arbeiten und eben nicht aufbrechen. Musik, die nach Dissidenz klingt, aber die freiheitlich-demokratische Grundordnung festigt: toll. Hat zufällig gerade jemand ein Bundesverdienstkreuz zur Hand?

Kommentare

  • Ulli

    Mich stören an Unheilig hauptsächlich die holprigen Texte – Reim komm raus, du bist umzingelt! Es gibt viele Musiker, die aus der deutschen Sprache wirklich viel Poesie herausholen, ich persönlich liebe die Helden dafür. Dem Autor muss ich in Bezug auf den Stern dann zustimmen – schwer schlager- und klischeehaft möchtegern-wild.

  • ralfapple

    Gratulation zu dem gut geschriebenen und fachlich nicht angreifbaren Artikel. Natürlich können die meisten Fans mit einer solchen Kritik nichts anfangen.
    “Der Graf” schreibt nun mal keine guten Texte, die Kompositionen sind simpel und vorhersehrbar.
    Ich freue mich schon auf viele weitere lesenswerte Kritiken von Max Fellmann.

  • Calle

    Die Entwicklung um Bands wie Unheilig zeigt doch nur mal wieder auf, wo 95 % dieser Szenen gelandet sind : Nur Normalos in anderen Klamotten und X-Tra-X Kostümen…

  • Ella

    Vieles an dem Artikel ist berechtigt und OK. Als Joachim WITT-
    Kenner kommt mir einiges gekupfert vor, zumindest Stil, Machart und die melancholische Tendenz.-
    allerdings auf schwachem, radiotudelei-kommerz-Niveau, Mutandel-Stadel verdächtig und eigentlich kulturschockig für europäische Ohren.

  • Uell

    Ein später Kommentar meinerseits…
    Ähnlich wie die Posts von “Marduk” oder “Mia”, kann ich dem Herrn Fellmann nur zustimmen. Mir fehlt, nicht nur bei den “unheiligen” Songs in vielen aktuellen (deutschsprachigen) Pop- und Rocksongs der Ausdruck von Spaß und Lebensfreude. Gut, die Texte mangeln nicht an Hintergrund, aber sehr oft eben nur mit extrem nachdenklichen oder fast schon depressiv traurigem Inhalt. Man kann ja auf einem Album mal so einen Song zum Ausgleich einbauen, aber muß denn gleich jeder Titel einen zum Trübsalblasen und depressiv werden einladen???
    Da waren halt viele Songs aus den vergangenen Jahrzehnten etwas positiver gestimmt. Auch wenn ich auch kein Fan von deutschen Schlagern bin, aber in diesem Falle ist mir ein naiver Gute-Laune-Text lieber, als ein hoch intelligent geschriebener Frust-Text.
    Aber man muß halt auch fairerweise feststellen, der Zeitgeist ist momentan anscheinend so und der Erfolg gibt den Unheiligs und wie sie alle heißen mögen zur Zeit eben Recht… traurig aber wahr!

  • Merkuri

    Super Artikel. Ich warte immerzu darauf, dass sich “der Graf” mal irgendwo verplappert und gesteht, dass das alles für ihn eine Gelddruckmaschine ist. Welcher Musiker außer ihm ist schon bereit, so weit unter sein Niveau zu gehen, um den Massengeschmack zu treffen? Diese Fähigkeit, den Markt scharfsinnig zu analysieren und mit auf die Bedürfnisse abgestimmtem Schlagerschmus zu füttern, finde ich ehrlich beeindruckend. Respekt. Und wenn er was anderes singen würde, fände ich die Stimme vemrutlich schön.

  • olsen

    Unheilig? Muss man sich damit bschaeftigen? Hoere ich Kuschelrock? Oder PUR? Nur weil es erfolgreich ist, muss es nicht gut sein. Im Gegenteil: Wenn man sich mal die Charts der letzten 10 Jahre ansieht, schaetze ich den Anteil von Alben und Songs, auf die sich eine BREITE Kritikerschar einigen kann, auf weniger als 10%. Und OBACHT: Werbeeinspieler bei den privaten Sendern – geschaltet zwischen einer Richter- und einer Inzestshow – , die mir sagen wollen, dass es es sich um das “Album des Jahres” gehoeren NICHT nur Kritikerschar!

  • UH FAN

    Ihr habt doch keine Ahnung…
    Es gibt Fans die Unheilig seid der Gründung kennen, ihr kennt die ganze vorgeschicht überhaupt nicht also urteilt auch net..
    man könnte meinen, AUS EUREN SÄTZEN SPRICHT DER PURE NEID !!!!!!!!!!!

  • UH FAN

    is klar wartet auf freischaltung solche Kommentare werden Igno undgelöscht ihr seid nimmer normal..

  • Alero

    Gut geschriebener Kommentar. So völlig unvoreingenommen und objektiv. Strotzend von Sachverstand und Kenntniss der Stilrichtung. Zurückkommend auf deine Frage. Warum hören die Deutschen diese Musik? Ist da jemand, der ihnen aus der Seele spricht? Der ausspricht was sie denken? Was sie fühlen? Nein. Natürlich nicht. Deshalb ist “Der Graf” ja auch auf Platz 1. Völlig zu Unrecht, nicht wahr? Oder liegt es daran, das man ihn verstehen kann, weil er deutsch singt? Weil man hört, was er erzählen will? Und nicht diese ganze englische Scheiße, die kaum einer versteht? Daran kann es bestimmt nicht liegen. Lieder mit Tiefgang? Ach Quatsch, brauchen wir nicht. So ein seichtes englisches Geplärre ist doch auch schön, oder? UH FAN sprach von Neid. Nein, Neid würde ich das nicht nennen. Lieber Max Fellmann, ich bin mir sicher, das du in den Texten der aktuell auf dem Markt agierenden Künstler viel sinnvolleres Liedgut entdecken wirst, Texte mit viel mehr Niveau, als in den Balladen und Liedern des “Grafen”. Und im übrigen hat Hans Albers zu seiner Zeit jemanden dargestellt, von dem man heute noch spricht. Und das du Urheberrechtsverletzende Videos in deinen Blog einbaust, ist sicher nur, um deine markigen Worte zu unterstützen. So erkennt man doch, wes Geistes Kind du bist. Einen schönen Tag noch.

  • Dein treuster Fan

    UH FAN, aus deinen Sätzen spricht der pure Arschlecker.

  • Gabi

    Ich kenne noch die Textzeile “ich bin die Hand unter deinem Rock”. Das war für mich Unheilig.