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Fluchtachterl

Österreichblog von Wolfgang Luef

Fluchtachterl  3 Kommentare

Thomas Bernhard in 100 Sekunden

Die sieben schönsten Momente und Zitate in den ansonsten recht erwartbaren Jahrestags-Huldigungen.

Von Wolfgang Luef

Thomas Bernhard wäre 80 geworden. Das konnte man angesichts der vielen Würdigungen und Huldigungen kaum übersehen. Sieben Dinge sind bei mir in diesem erwartbaren Jubiläums-Reigen hängen geblieben:

Das faszinierendste Video, das in den vergangenen Tagen auf diversen sozialen Netzwerken herumgegeistert ist, zeigt Bernhard, der sich Gedanken über das Morden macht:

„Das steht nicht dafür. Wenn ich die Greißlerin unbring, das ist eine Sache von vielleicht 6, 7 Sekunden, wenn ich kräftig bin, und dann sinds 15 Jahre Garsten oder Suben“.

Das endgültige Bernhard-Zitat habe ich gestern in der Münchner Abendzeitung wiederentdeckt. Er spricht über ein Wiener Kaffeehaus, in dem er gerade sitzt: » Auf den ersten Eindruck haben sie den Eindruck: Lauter brave Leute. Hören Sie aber zu, entdecken Sie, dass sie nur von Ausrottung und Gaskammern träumen.«

Der merkwürdigste Satz über Bernhard kam (wieder einmal) vom Kabarettisten Werner Schneyder: Bernhard habe durch seine wütende Sprache einen “Brückenschlag zu faschistoiden Politikstilen” ermöglicht, sagte er vor einigen Tagen im österreichischen Rundfunk.

Die schönste Emöprung war natürlich eine Reaktion auf den Schneyder-Satz und kam selbstverständlich von Claus Peymann: “Über Schneyder will ich jetzt in dem Zusammenhang gar nicht reden, er soll ein bissl mehr Boxkämpfe kommentieren, da gehört er besser hin, und nicht die Literatur.”

(Beides kann man, wenn man ein bisschen Zeit hat, hier nachsehen und -hören.)

Die schönste Geschichte rund um den Bernhardschen Kosmos erschien dieser Tage im österreichischen Monatsmagazin “Datum”: Der Ignorierte und der Wahnsinnige. Es ist ein Besuch bei Karl Ignaz Hennetmair, jenem Realitätenvermittler, der sich einst mit Bernhard anfreundete und über ihn das lesenswerte Buch “Ein Jahr mit Thomas Bernhard” veröffentlichte.

Die vielversprechendste Neuerscheinung stammt von Sepp Dreissinger: Er hat mit 58 Zeitgenossen, Freunden, Bekannten von Thomas Bernhard gesprochen und seinem Buch den bemerkenswerten  Titel “Was reden die Leute” verpasst.

Der schönste Veriss eines Thomas-Bernhard-Stücks stammt immer noch aus dem Jahr 1988 und erschien in der österreichischen Tageszeitung Der Standard. Das Stück “Heldenplatz” sei “erschreckend schlecht, banal, polemisch, einfältig, verfälschend, dumm und gefährlich.”

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Und schließlich, völlig außer Konkurrenz: Der schönste in der Presse je über Thomas Bernhard gesagte Satz stammt aus der Feder vom Kollegen Alex Rühle und erschien am 12. Februar 2009 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Er geht so:

“Ich bin mit allem zufrieden, restlos, sagte Thomas Bernhard in einem Interview, als er gerade an seinem Roman „Beton” saß, in dem er einem Geistesmenschen namens Rudolf, der sich über 224 Seiten hin vergeblich bemüht, auch nur den ersten Satz einer Mendelssohn-Biographie aufs Papier zu bringen, seine eigene Krankheit, den Morbus Boeck, andichtete, diese Krankheit, die sich so tief in Bernhards Werk einlagerte, dass man sie aus jedem seiner vielfach verschachtelten Sätze heraushören kann, man muss ja nur mal einen davon laut lesen, um die Atemlosigkeit zu spüren, unter der Bernhard infolge seiner Lungenkrankheit zu leiden hatte, er und seine Figuren, denn der Gebrechensfanatiker Bernhard lässt auf beinahe all seine Helden, die naturgemäß gar keine sind, sondern im Gegenteil tragische Lebensstümper, jeweils irgendeine Krankheit los und schaut ihnen dann dabei zu, wie sie sich immer tiefer einkesseln in ihren Beschimpfungsmonologen, die ihm von vielen als Übertreibungsexzesse angekreidet wurden, was jedes Mal seine Verteidiger und immer vorneweg Claus Peymann aufspringen und sagen ließ, natürlich, Übertreibung, aber eben Übertreibungskunst, höchste, allerhöchste Übertreibungskunst, woraufhin dann wieder Ruhe war in Österreich, wenn auch nur zähneknirschend, und Peymann, der ohnehin nur denkbar ist mit Bernhard, ohne Bernhard gäbe es ja den ganzen Peymann gar nicht, das nächste Stück inszenieren konnte, in dem Bernhard wieder alle und jeden runtermachte, alle außer seinem Großvater Johannes Freumbichler und der Krankenschwester Hedwig Stavianicek, die er während seines Aufenthalts in der Lungenheilstätte kennengelernt hatte und die er als seinen Lebensmenschen bezeichnete, ein Wort, das er erfunden hat und das dann über die Jahre eingesickert sein muss in die österreichische Sprache, denn als Jörg Haider im vergangenen Jahr starb, da bezeichnete ihn Stefan Petzner, sein Wegbegleiter, wie ihn die österreichischen Medien zweideutig nennen, im Fernsehen unter Tränen als seinen „Lebensmenschen”, immer wieder sprach er von seinem „Lebensmenschen”, weshalb der Lebensmensch dann zum Wort des Jahres gewählt wurde, was Bernhard sicher hätte hell auflachen lassen, dieser absurde späte Sieg, dass der Schoßhund von Jörg Haider, welcher ihn, Bernhard, mehrfach als subventionierten Vaterlandsbeschimpfer bezeichnet hatte, gefühlstrunken und einsam mit seinem, Bernhards, Wort im Mund herumläuft, während er selbst, der restlos zufriedene Thomas Bernhard, seit nunmehr 20 Jahren auf dem Grinzinger Friedhof neben seinem geliebten Lebensmenschen ruht.”

Kommentare

  • Asa

    Großartiger Artikel !

  • Martin

    Bloß kein Geld für Sekundärzeug verbrennen, lieber die umwerfenden Originale weiter vervollständigen.

  • Katja Krause

    toll! und alex rühle: grandios!!! respekt!