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Fluchtachterl

Österreichblog von Wolfgang Luef

Fluchtachterl  7 Kommentare

Im Häfen mit Karl-Heinz

Einem wie Karl-Heinz Grasser kann man vielleicht nur mit Humor beikommen. Das hat bis jetzt noch niemand bessser geschafft als die Wiener Liedermacher Christoph und Lollo.

Von Wolfgang Luef

Das Wichtigste an der neuen Platte der österreichischen Liedermacher Christoph und Lollo ist mit großem Abstand ihr Song über Karl-Heinz Grasser. Dazu gleich mehr. Doch eines vorweg: Die CD “Tschuldigung”, die in Deutschland am 4. März erscheint, ist auch all jenen zu empfehlen, die Grasser nicht kennen. Zum Beispiel gehört die Moritat (eine völlig zu unrecht aus der Mode geratene musikalische Form) auf den kaiserlich-königen Kriegsminister Theodor Baillet von Latour, der auf den Straßen Wiens von einem wütenden Mob gelyncht wird,  zum originellsten, was das österreichische Kabarett in den vergangenen Jahren hervogebracht hat. Auch wenn sich Christoph und Lollo selbst nicht unbedingt als Kabarettisten bezeichnen, wie sie in einem Interview sagen. Aber sehen Sie selbst (Sollten Sie Schwierigkeiten mit Begriffen wie “Kretzn”, “leiwand” oder “Hetz” haben: Hier gibt es eine Verson mit englischen Untertiteln.):

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Ihre Karriere begonnen hatten Christoph und Lollo mit traurigen Liedern über Schispringer. Auf drei (!) CDs besangen sie das abgrundtiefe Leid von Ski-Sprung-Größen wie Janne Vääteinen, Vladimir Breitchev oder Ronnie Hornschuh. Frei erfunden natürlich, und auch nur für Liebhaber schrägen Humors interessant. Irgendwann sind die beiden dann dazu übergegangen, Protestsongs aufzunehmen. Und zwar vor allem über Dinge, gegen die noch niemand adäquat in Liedform protestiert hat.

Auf der aktuellen Platte trifft es etwa Burschenschafter (“Ihr wollt doch nur ulkige Mützen tragen, feiern, singen tanzen / Und dass die Älteren euch einen Arbeitsplatz zuschanzen / Gegen so etwas wie euch hättet ihr früher revoltiert” ), die auf allen großen Internetseiten anzutreffenden Kampf-Kommentierer, das Musikbusiness an sich,  oder das harte Leben von Fußballspielern (“Stell dir vor, sie würden dir eine Nummer verpassen und du müsstest ständig laufen / Und dein Arbeitgeber könnte dich wie ein Stück Vieh weiterverkaufen”).

Vor allem aber Karl-Heinz Grasser. Den Deutschen ist er eventuell aus den Klatsch-Spalten der Bildzeitung bekannt, oder als einer der wichtigsten Player im Hypo Alpe Adria-Skandal. In Österreich ist der Mann längst zu einem Symbol geworden – für einen Teil der politischen Klasse, der stets den Weg des geringsten Widerstandes sucht, der immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist, der öffentliche Ämter schamlos für Privates ausnutzt, und der für nichts, aber auch für gar nichts zur Verantwortung gezogen werden kann. Er so etwas wie der österreichische Silvio Berlusconi.

Nicht nur Zyniker haben längst das Gefühl, dass man dem Fall Karl-Heinz Grasser mit Argumenten, mit Erklärungen oder der Auflistung von Fakten nicht mehr beikommen kann. Der Mann reagiert darauf immer ungefähr gleich, nämlich so:

Und er kommt damit durch. Jedesmal. Auch Journalisten nähern sich dem Fall Grasser mittlerweile ganz bewusst über den Humor (etwa durch Aktionen wie das öffentliche Vorlesen von Abhörprotokollen). Doch das kleine Chanson vom besoffenen Herrn Meier, der in einem Wirtshaus an der Wiener Gürtelstraße sitzt, ungefähr 22 Viertelliter Wein getrunken hat und dabei über die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und des österreichischen Rechtsstaats im Besonderen sinniert, ist vielleicht der treffendste Beitrag zur Debatte. Auch anderthalb Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung auf Youtube. Gute Unterhaltung:

Für Nicht-Österreicher hier noch eine kleine Vorstellung der wichtigsten Personen, die in dem Stück vorkommen:

Helmut – Helmut Elsner, ehemaliger Direktor der österreichischen Gewerkschaftsbank Bawag, traditionell SPÖ-nahe, angeklagt und in erster Instanz schuldig gesprochen wegen Betrugs und Bilanzfälschung, seit 2007 in Untersuchungshaft wegen Fluchtgefahr.

Alfons – Alfons Mensdorff-Pouilly, Großgrundbesitzer, Lobbyist und gern gesehener Gast auf Feiern österreichischer Polit-Prominenz. Die Aufzählung der Skandale, in die Mensdorff-Pouilly verstrickt war, würde den Rahmen sprengen. Im Januar 2010 wurde er wegen eines Rüstungsgeschäfts in London in Untersuchungshaft genommen und ging kurze Zeit später gegen Kaution frei.

Julius – Julius Meinl der Fünfte. Großunternehmer, Bankier, jüngster Spross der Meinl-Dynastie. Im Januar 2009 wegen Verdacht des Insider-Handels mit Aktien seiner Firma Meinl European Land festgenommen. Kaum 24 Stunden später wurde eine Kaution von 100 Millionen Euro bezahlt, Absender unbekannt. Es ist die höchste Kautionssumme in der Geschichte der Republik.

Walter – Walter Meischberger, einst Intimus, so genanntes „Buberl“ von Jörg  Haider, Unternehmer. Stehtt derzeit im Zentrum der Ermittlungen beim so genannten Bundeswohngesellschafts-Skandal, bei dem  die Republik unter Federführung von Karl-Heinz Grasser Immobilen versteigerte.

Peda – Peter Westenthaler, Politiker, einst FPÖ, jetzt BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich, gegründet von Jörg Haider). Bei einer Wahlparty ließ er unliebsame Parteigenossen von seinem Leibwächter aus dem Lokal bringen (Berühmtes Zitat: „Hauts die Arschlöcher aussi!“) Einer wurde von seinem Leibwächter übel verprügelt. Während der Fußball-EM 2008 in Wien verbot ihm ein Polizist, mit seinem Auto vom Stadion-Parkplatz zu fahren, weil dier Kolonne von Angela Merkel Vorrang hatte. Westenthaler soll daraufhin dem Polizisten absichtlich angefahren haben. Das Verfahren wurde eingestellt.

Gastauftritt: Fritzl – Josef F., sperrte seine Tochter 24 Jahre in einen Keller und zeugte sieben Kinder mit ihr.

Kommentare

  • Feuerkopf

    Endlich wird auch hierzulande in angemessenem Rahmen über diese beiden Helden deutschsprachigen Liedgutes berichtet. Auf daß mehr Menschen als die versammelte bayrische und baden-württembergische FM4-Hörerschaft auf C&L aufmerksam werden mögen!

  • Jürgen Beck

    Da erlaube ich mir aber auf einen in Berlin lebenden Wiener Liedermacher namens CHRISTOPH THEUSSL hinzuweisen. Sein Lied “PLEITÄ BÄRLIN” ist einfach nur wunderbar schräg.
    http://www.youtube.com/watch?v=c7e0xDziTJk

  • wrzlbrnft

    Nun gibt es Gerüchte, dass seine Magisterarbeit nicht zitierte Texte enthält!

  • LennyLNL

    Zu meinem Vorposter: Christoph Theussl klingt eher steirisch als wienerisch. Aber wahrscheinlich hat er vorher in Wien gelebt.

  • Hans Dampf

    Hahaha! Das Kuenstlervideo an der Autobahn ist ja GENIAL! :D :D :D

  • Hans Dampf

    Ach ja, der Link: http://www.youtube.com/watch?v=eGcJf9dpdAg

  • Ulli

    wer noch was zu Karl-Heinz sehen mag, das ist auch spitze
    http://www.youtube.com/watch?v=Kd2HSt9rZwA&feature=related