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Österreichblog von Wolfgang Luef

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Vom Können und vom Dürfen

Die österreichische Regierung hat einen Anti-Diskriminierungs-Leitfaden veröffentlicht. Es ist ein Sammelsurium von gemeinen Schimpfworten.

Von Wolfgang Luef

Zu Beginn dieses Beitrags muss eine Entschuldigung stehen: Gleich werden hier einige Worte fallen, die so böse und niederträchtig sind, dass man sie bei Talk Talk Talk im samstäglichen Vorabendprogramm mit einem Piep unhörbar machen würde. Und zwar mit einigem Recht. Aber manchmal muss man offenbar in den Abgrund sehen, um nicht selbst hineinzufallen. Oder anders gesagt: Wer verstehen will, was man nicht sagen darf, der muss zunächst einmal wissen, was man alles sagen kann. Diesen Gedanken scheint das österreichische Sozialministerium zur Grundlage für seinen Anti-Diskriminierungs-Leitfaden gemacht zu haben. Die Absicht: Journalisten, Medienschaffendenden und allen Interessierten beizubringen, wie man über Minderheiten, Randgruppen oder Frauen spricht, ohne sie dabei durch Sprache zu beleidigen. Das ist lobenswert und wird von der Gleichbehandlungsstelle der Europäischen Union gefördert. Was dabei herausgekommen ist: Die umfassendste Aufzählung von derben Schimpfworten, die mir seit der Lektüre von H.C. Artmanns “How much, Schatzi?” untergekommen ist.

Der Leitfaden beginnt mit alten Menschen. Man kann über sie zum Beispiel sagen: alte Hexe, alte Jungfer, alte Schachtel, Kukident-Kollegium, die Kukident-Generation, Grufti, Komposti, gestrig, verkalkt, halbtot, abgetakelt, verblüht, welk, ausgeleiert. (Und das sind nur die Kreativsten.) Man kann, wohlgemerkt. Man darf aber nicht. Was neues gelernt? Dann am besten gleich wieder vergessen. Es folgt die Aufzählung von gewünschten Bezeichnungen. Sie besteht aus drei Begriffen. Später nimmt sich der Leitfaden dann die Frauen vor. Hier nur ein paar Beispiele: Weiberklatsch, Waschweib, alte Jungfrau, sexuell frustrierte Karrierefrau, Weibi, Ma?di, Pupperl, Schihaserl. Wieder was gelernt? Leider verbietet mir mein Anstand (und vermutlich auch ein paar deutsche Gesetze), an dieser Stelle auch noch zu zitieren, welche Bezeichnungen für Schwule, Ausländer, Juden und Muslime der Leitfaden für diskriminierend hält.

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So lehrreich und aufklärerisch das Dokument auch ist: Ich möchte dringend von seiner Verwendung in Schulen abraten. Und, liebes Sozialministerium, mir fehlt da irgendwie der Österreichbezug. Wo bleiben der “Pücher”, die “Raskachl”, der “Schwindliche”? Vielleicht können die Autoren für die zweite, überarbeitete und ergänzte Auflage mal bei der Schimpfwortforscherin Oksana Havyliv nachfragen. Das schönste aller Beispiele, die sie in diesem lesenswerten Interview rauslässt, kommt übrigens ohne Diskriminierung irgendeiner besonderen Gruppe aus: “Bohr dir ein Loch ins Knie und schieb dir ein Gurkerl rein.” Das kann man nicht nur, das darf man auch weiterhin sagen.

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